Lieblingsgeräusche

 Wenn der Deckel des Einmachglases knackt und mir damit klar und deutlich mitteilt, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

Das Schnurren der Katze, wenn kein Mensch sie berührt hat und sie es trotzdem nicht lassen kann. Einfach schnurren aus lauter Zufriedenheit, das muss man erst mal können.

Prinzchengesang in allen Lebenslagen, sei es beim Treppensteigen, morgens nach dem Aufwachen, beim Spielen – einfach immer und überall. Einfach nicht beim Essen, wenn ich bitten darf.

Das Schwingen der Waschmaschine, wenn ich weiss, dass es die letzte Ladung eines gigantischen Wäschebergs ist, die trockene Wäsche sauber gefaltet ist und am Wäscheständer noch Platz ist für die nassen Stücke. Kommt pro Jahr vielleicht drei- oder viermal vor.

Das wohlige Geräusch, das Kinder und Gäste von sich geben, wenn das, was ich gekocht habe, besser ist, als das Rezept hätte vermuten lassen.

Die Stimme des FeuerwehrRitterRömerPiraten, wenn er seinen kleinen Brüdern eine Geschichte vorliest.

Das Brabbeln eines sehr kleinen Babys. Wenn das nicht zu haben ist, gebe ich mich auch mit dem hungrigen Schreien eines Säuglings zufrieden. Zumindest, solange jemand in der Nähe ist, der das arme Kindchen füttern kann, bevor ich einen Milcheinschuss habe.

Die Tastatur, wenn der Text nur so aus den Fingern fliesst.

Das Knallen der Türe, aber nur, wenn die Wut gross genug ist und vor allem nur, wenn ich diejenige bin, die die Tür knallt. Aus gutem Grund, versteht sich.

Hummelgesumm. Alle anderen Insekten summen irgendwie nervtötend, aber Hummeln… einfach himmlisch.

Der letzte Ton, den die Motorsäge von sich gibt, ehe sie auf immer und ewig verstummt. Das gleiche gilt für Rasenmäher, Holzspaltmaschinen, Pressluftbohrer und Zithern – nicht aber für himmelblaue Autos, wenn sie in Varese auf einer Ausfahrtsstrasse stehenbleiben.

Wenn „Meiner“ lacht. So richtig. Wie damals, als er noch siebzehn war.

Und dann natürlich das hier, aber streng genommen gehört das wohl nicht in die Kategorie „Geräusche“.

Halt auf Verlangen

Und wieder stehen wir an dem Punkt, an dem wir doch eigentlich schon längst nicht mehr stehen möchten. Wieder fragen wir uns, wie wir die Balance hinkriegen sollen zwischen Familie, Berufsarbeit und Haushalt und zwar möglichst so, dass beide mit der Aufteilung glücklich sind. Und die Kinder auch. Und das Budget auch. Und überhaupt alle, die irgendwie davon betroffen sind, wie wir unser Leben gestalten.

Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass man sich hin und wieder der Frage stellen muss, wie es im Leben weitergehen soll. Die Gefahr, einzurosten und stehenzubleiben ist bestimmt geringer, wenn das Leben nicht nach einem ausgefeilten Plan abläuft, den es strikte zu befolgen gilt. Zuweilen aber überkommt mich diese unglaubliche Müdigkeit, weil bei uns nur selten etwas nach Plan läuft. Klar, unser Leben ist dadurch ziemlich bunt, spontan und abwechslungsreich, aber eben auch ermüdend, weil wir noch kaum einmal Zeiten hatten, in denen wir sagen konnten: „So ist es für diese Lebensphase gut, so fahren wir jetzt mal eine Zeit lang weiter, ehe wir die Weichen wieder neu stellen.“

Nein, ich möchte nicht von nun an bis zur Pensionierung alles immer gleich haben, ich bilde mir auch nicht ein, dass „Meiner“ und ich glücklich wären mit einem Leben, in dem alles stets überschaubar bleibt. Aber ich hätte gar nichts dagegen, mal an einer Zwischenstation ankommen und etwas länger verweilen zu dürfen.

Basmati-Reis-Frau

Auf einer Autofahrt zu zweit entspann sich das folgende Gespräch zwischen Karlsson und mir:

Karlsson (scherzhaft): „Meine Kinder sollen mal keine Grossmutter haben, die stets bunt angezogen und fröhlich ist. Du brauchst dann mal eine grosse, runde Brille mit Goldrand, ein zweiteiliges Kostüm in dezenten Farben und eine Kurzhaarfrisur, die du dir jeden Freitag beim Coiffeur auffrischen lässt.“

Ich: „Ich fürchte, damit kann ich nicht dienen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich mich so grundlegend ändern werde.“

Karlsson: „Du meinst, du wirst dann immer noch gemusterte Thai-Hosen und bunte Blusen tragen?“

Ich: „Vermutlich schon, aber immerhin kann ich dir versprechen, dass ich nicht immer fröhlich sein werde. Ich kann ja auch heute schon anders. Aber mein Stil wird wohl mehr oder weniger gleich bleiben.“

Karlsson: „Na gut, dann weiss ich immerhin, worauf ich mich einstellen muss. Du wirst also so eine Frau sein mit wallenden, bunten Kleidern, langen Haaren und so…“

Ich: „Du meinst ein Hippie?“

Karlsson: „Nein, ich meine eine Basmati-Reis-Frau.“

Ich: „Eine Basmati-Reis-Frau? Was um Himmels Willen soll denn das sein?“

Karlsson: „Eben so eine Frau wie du: Weite Oberteile, riesige, farbenfrohe Hosen, Sandalen, viel Goldschmuck und so, die jeden Tag Basmati-Reis mit Curry isst.“

Ich: „Okay, gut, dann werde ich eben eine Basmati-Reis-Frau. Hauptsache, wir du versuchst nicht, mich zu verändern, denn Goldrand-Brille, Deux-Pièces und Kurzhaarfrisur kannst du bei mir glatt vergessen…“

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Ich will auch so einen!

Ist ja klar, dass ich auch einen will, wenn in der Küche des Ferienhauses dieses wunderschöne Exemplar steht. Wuchtig, geschwungene Beine, goldene Knöpfe – ein Traum von einem Holzherd. Abends schnell ein paar trockene Holzscheite rein, einige Zeitungsseiten, ein Zündwürfel und schon prasselt das schönste Feuer. Morgen dann soll das Feuer den ganzen Tag brennen. Für Maroni, Holzofenbrot und vielleicht sonst noch etwas, was nach Gemütlichkeit klingt.

Genau das Richtige für eine Nostalgikerin, wie ich sie zu werden drohe. Kein Wunder also, dass ich mich sogleich bei Ricardo auf die Suche mache. Und natürlich auch fündig werde. Unter all den überteuerten Öfen finde ich einen, der geradezu für mich geschaffen zu sein scheint; weiss mit rosaroten Rosen drauf und obendrein erschwinglich. Da müsste man doch gleich bieten, nicht wahr?

Wenn bloss „Meiner“ nicht so sehr dagegen wäre. „Womit willst du den abholen? Wo sollen wir den hinstellen? Wie willst du das mit dem Kamin hinkriegen? Wie stellst du dir das mit dem Brandschutz vor?“ Lauter unsinnige Fragen, die mir die Freude an dem guten Stück rauben. Sieht er denn nicht, dass der Ofen nur darauf wartet, von mir ersteigert zu werden? Versteht er denn nicht, dass mein Leben so viel schöner wäre, wenn ich hin und wieder ein gemütliches Herdfeuer anzünden könnte?

Natürlich sieht er nicht ein, wie dringend ich diesen Ofen brauche, er weiss ja inzwischen, wie schnell ich für eine Sache Feuer fange…

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Doch nicht offline

Nein, ich habe mich nicht so heillos verfahren, dass ich heulend wieder nach Hause zurückgekehrt bin. Im Gegenteil, mit meinem einzigen kleinen Schnitzer kurz vor dem Ziel habe ich mich deutlich besser durchgeschlagen als „Meiner“, der sich in Milano heillos verfahren hat. Okay, er musste auch mit dem Mietauto den Weg aus der Innenstadt finden, währenddem ich dank GPS-Anna und Sonntagsverkehr fast blind in der Gegend herumkurven konnte.

Nein, ich bin auch nicht, kaum hier angekommen, in den nächsten Handy-Laden gestürmt, um mir Internetzugang zu verschaffen. Ich war wirklich voll und ganz auf eine Offline-Woche eingestellt und ich wage zu behaupten, dass ich sie ganz leidlich überstanden hätte.

Nein, Italien ist auch nicht über Nacht ein vollkommen anderes Land geworden mit WLAN im hintersten Winkel und so. Zum Glück auch nicht, eine gewisse Rückständigkeit sollte man sich auf alle Fälle bewahren, so lange es geht.

Tatsache ist, dass mir gestern nach der Ankunft jemand eine Italienische SIM-Karte in die Hand gedrückt hat und wo ich sie schon mal habe, kann ich sie ja auch für sinnvolle Zwecke einsetzen. Okay, vielleicht habt ihr euch auf die Schreibpause aus dem Hause Venditti gefreut. Kein Problem, dann tut einfach so, als würde hier nichts stehen und lest nächsten Samstag wieder weiter.

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To Do

  • „Meinen“ anschnauzen,  weil er für einmal nicht den perfekten Hausmann,  sondern den „ist mir doch egal,  wenn alles im Chaos ersäuft“-Ehemann gespielt hat
  • Dafür sorgen,  dass die männlichen Familienmitglieder nicht ohne Zahnpaste und Zahnbürsten nach Italien fahren
  • Alle männlichen Familienmitglieder morgens um sieben zum Bahnhof fahren,  damit sie den Zug nach Milano rechtzeitig erwischen
  • 3 Badezimmer putzen
  • 2 Küchen saubermachen
  • 4 Ladungen Wäsche waschen und aufhängen
  • Zahlreiche Kontrollanrufe an „Meinen“,  damit ich mir auch ganz sicher keine Sorgen um meine lieben Knöpfe machen muss
  • Unzählige Rechnungen bezahlen – Habe ich wirklich keine übersehen?
  • Euro besorgen
  • GPS befragen
  • „Meinen“ befragen,  ob ich morgen wirklich mit dem Auto nach Italien fahren soll
  • Schwiegermamma ver(un)sichern,  dass das schon irgendwie klappen wird
  • Kolumne schreiben
  • 4 mal den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen
  • 2 Kühlschränke putzen – Nein,  glaubt mir,  ihr wollt nicht wissen,  weshalb ich das unbedingt noch vor der Abreise tun musste.
  • So tun als ob ich Zeit hätte für ein Kaffeekränzchen mit Luise und Gast
  • Luise beibringen, dass ich bei diesem Sauwetter wirklich keine Lust habe,  mit ihr aufs Riesenrad zu gehen. Ist mir vollkommen egal,  dass das Ding auch bei Regen in Betrieb ist
  • Gottesdienstmoderation vorbereiten
  • 3 Tassen zerschlagen,  für einmal ganz ohne böse Absichten
  • Scherben von drei Tassen entsorgen
  • Unzählige Versuche,  Luise „Gregs Tagebuch“ zu entwinden,  damit ich endlich weiss,  warum sie das Buch nicht mehr aus den Händen gibt
  • Nur noch ganz kurz ein paar Minuten ins Büro gehen,  weil ich vor meinen Ferien noch eine klitzekleine Sache erledigen muss
  • Vor dem Schrank stehen und darauf warten,  bis der Koffer von selber rausfällt,  damit ich keinen Stuhl holen muss
  • Luise den „Ententanz“ vorsingen und danach erfolglos versuchen,  die Melodie wieder aus dem Ohr zu kriegen
  • Wach bleiben,  damit ich meine To Do-Liste bis zum bitteren Ende abarbeiten kann

Und ich grenzenlos naiver Mensch hatte doch tatsächlich geglaubt,  ich könnte mir heute einen netten Frauensamstag mit Luise gönnen…

So ist das nicht gemeint

Okay, lasst mich das kurz klarstellen: Wenn ich demnächst meinen Job an den Nagel hänge, ist das kein Zurück-an-den-Herd-Statement. Es ist auch keine Kapitulation im Sinne von „In der Schweiz kannst du dir als Mutter die Berufstätigkeit abschminken“. Es ist erst recht kein reumütiger Rückzug ins traute Heim, weil ich meine wahre Bestimmung erkannt hätte. Es ist einzig und alleine die nüchterne Erkenntnis, dass meine Kräfte nicht ausreichen für Grossfamilie, anspruchsvollen Job, diverse Schreib- und Korrekturaufträge, Ehrenamt und Haushalt. Klar, ich hätte noch etwas länger auf die Zähne beissen können, aber wem hätte ich damit einen Gefallen getan?

Nun scheinen aber verschiedene Leute sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, weil ich habe einsehen müssen, dass ich mein Fuder überladen habe. Sie verwechseln meine Motive mit ihren Überzeugungen und auf einmal sehe ich mich genötigt, klipp und klar zu sagen, dass ich die Dinge nicht so sehe wie sie und dass ich keineswegs gedenke, den Rest meiner Tage als zurückgezogenes Hausmütterchen zu verbringen.

Natürlich werde ich mich nicht sogleich ins nächste Abenteuer stürzen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich früher oder später wieder zu neuen Aufgaben herausfordern lassen werde. Wenn mich denn „Meiner“ gewähren lässt. Neulich soll er nämlich jemandem erzählt haben, er wolle eine Frau, die zu Hause sei und den Haushalt mache. Ich habe den starken Verdacht, dass die Person nicht gehört hat, was „Meiner“ wirklich gesagt hat, sondern nur das, was sie zum Thema von ihm hätte hören wollen.

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Schatzsuche

Wahrscheinlich konnte ich gar nicht anders, als mich irgendwann auf die Suche zu machen, hatten mir meine Eltern doch den zwar poetischen, aber für unsere Breitengrade etwas sonderbaren Namen „Dattelpalme“ gegeben. Da ist man ja fast dazu gezwungen, Datteln zu lieben und das tat ich innig, auch wenn ich mit meinem Namen herzlich wenig anzufangen wusste. Meine Suche begann, als man mich eines Tages nach Israel schickte, wo ich vier Tage lang Fünfsternehotels anschauen und kettenrauchenden Reisebüromitarbeitern beim Vergleichen ihrer Sternzeichen zuhören musste. Die frischen Datteln beim Frühstück waren das einzige, was mich bei Laune halten konnte. Ich brachte zwei Erkenntnisse mit nach Hause: 1. Die Arbeit im Reisebüro ist nichts für mich und 2. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, werde ich frische Datteln essen bis ich platze.

Natürlich habe ich in den Jahren seither viele andere Dinge getan, als frische Datteln zu suchen, aber immer wieder trieb mich die Sehnsucht dazu, die unmöglichsten Orte nach dieser unvergleichlichen Köstlichkeit abzuklappern. Unzählige Male wurde ich enttäuscht, weil sich angeblich „frischen“ Datteln als „frisch getrocknete“ herausstellten. Endlich, vor bald einem Jahr, gab mir jemand den Tip, mal beim Früchtehändler im Nachbarort nachzufragen. Wer mich kennt, weiss, wie sehr ich mich dazu überwinden muss, etwas nachzufragen, aber ich tat es, weil ich für Datteln fast alles tun würde. Ich hätte losheulen können, als man mir sagte, ich hätte die Saison ganz knapp verpasst, ich solle im nächsten September wieder kommen.

Nun, inzwischen ist endlich September und für einmal wurde ich nicht enttäuscht, der Schatz ist gefunden und liegt in meinem Kühlschrank zum Nachreifen. Nur noch ein paar Tage, dann werden wir geniessen können, was ich so lange gesucht habe. Und weil ich ein unersättlicher Mensch bin, habe ich mir gleich noch fürs Paradies eine Dattelpalme bestellt. Damit ich die köstlichste aller Früchte bis in alle Ewigkeit geniessen kann.

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Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Das kann (auf gar keinen Fall) gutgehen

„Das kann auf gar keinen Fall gutgehen“, hätte ich früher gesagt. „Sie und ich unter einem Dach? Du spinnst wohl! Sie würde mich immer nur kritisieren und ich würde mich über jede ihrer Bemerkungen ganz furchtbar aufregen. Immer reden wir aneinander vorbei; will ich ihr etwas Gutes tun, ist sie beleidigt, will sie mir eine Freude machen, fühle ich mich vor den Kopf gestossen. Wir können einfach nicht miteinander auskommen.“

So dachte ich – und so dachte wohl auch sie – und darum fürchtete ich mich vor dem Moment, in dem sie uns brauchen würde. Wie sollte ich für sie tun können, was ich für richtig erachte? Wie für sie da sein, wo ich mich doch stets von ihr zurückgewiesen fühlte? So, wie sie sich von mir zurückgewiesen fühlte.

Ich bin dankbar, dass ich damals, als ich noch so dachte, nicht für sie da sein musste. Dankbar, dass wir beide inzwischen erkannt haben dass wir einander nicht verändern können, auch nicht verändern müssen. Dankbar, dass wir gelernt haben miteinander auszukommen, ja, einander gar zu mögen, auch wenn wir viele Dinge nie gleich sehen werden. Dankbar, dass wir Themen gefunden haben, über die wir ganz entspannt miteinander plaudern können, so dass es kein Krampf mehr ist, Zeit miteinander zu verbringen. Dankbar, dass ich zu meinem eigenen Erstaunen heute ganz ehrlich sagen kann: „Herzlich willkommen, Schwiegermama. Lass es dir wohl sein bei uns und erhole dich von deiner Operation, wir sind gerne für dich da.“