Erst die Arbeit…

„Pfeifen wir doch auf die blöde Redewendung“, sagten wir uns, trommelten die Kinder zusammen und fuhren ins Schwimmbad. Jawohl, einfach so, bevor die Zimmer aufgeräumt, die Johannisbeeren gepflückt und die Fussböden gesaugt waren. Wobei hinter diesem Entscheid nicht etwa Faulheit steckte sondern knallhartes Kalkül: Kein anständiger Mensch geht am Samstagvormittag ins Schwimmbad, wenn die Haus- und Gartenarbeit nicht erledigt ist, folglich müssen wir die Unanständigen sein, die dann gehen, wenn kein anderer geht.

Gehen wir nämlich dann, wenn alle anderen gehen, drehen wir durch. Es ist auch ohne Menschenauflauf schwierig genug, den Überblick über fünf Kinder, drei Schwimmbecken und einen Spielplatz zu behalten. Luise will vom Dreimeter-Sprungbrett springen, kann aber den Mut dazu nicht aufbringen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar den Mut, nicht aber die ausreichende Erfahrung, so dass er das Abenteuer ohne elterliche Aufsicht wagen dürfte. Der Zoowärter will schwimmen lernen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, das Prinzchen will baden, ohne nass zu werden, Karlsson will nicht in die Überwachung seiner kleineren Geschwister einbezogen werden. Und jeder der fünf fordert die ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit, denn wo, wenn nicht im Schwimmbad, kann man zeigen, dass man auf der Wasserrutschbahn in voller Fahrt von der Rücken- auf die Bauchlage drehen und damit den Spassfaktor erheblich erhöhen kann?

Ist doch klar, dass man als Eltern froh ist, wenn möglichst wenige andere Kinder da sind, die einem den Blick auf die eigenen Sprösslinge verwehren, oder die gar unsere Aufmerksamkeit fordern, weil ihre eigene Mama gerade mit einer Freundin ins Gespräch vertieft ist. Darum also unser Entscheid, heute das Vergnügen vor der Arbeit stattfinden zu lassen. Wobei wir natürlich noch einen weiteren Grund hatten: Naiv, wie wir nun mal sind, hofften wir darauf, dass die Kinder uns aus lauter Dankbarkeit für unsere Grosszügigkeit am Nachmittag mit Begeisterung bei der Haus- und Gartenarbeit unterstützen würden.

Tja, so kann man sich irren…

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Lieblingsmenschen

Kein Vorwurf, weil der Feierabend mal wieder auf sich warten lässt, kein entnervtes Augenrollen, weil ich mich schon wieder verschätzt habe, keine gehässigen Bemerkungen, weil wir uns für einmal mit Pizza und Kebab zum Abendessen zufrieden geben müssen, kein Gemotze, weil meine Unfähigkeit mal wieder alles durcheinander bringt.

Sie packen alle mit an, helfen mir aus der Patsche, erzählen mir von ihrem schönen Tag und bringen es fertig, dass meiner ein wenig besser wird. Sie nehmen mich, wie ich heute eben bin, nicht besonders fit und erst recht nicht fröhlich. Dank ihrer Hilfe kehrt irgendwann doch noch die ersehnte Ruhe ein.

So sind sie, meine sechs Lieblingsmenschen: Herausfordernd und zuweilen nervig, solange ich es ertragen kann, unendlich liebevoll und fürsorglich, sobald sie spüren, dass ich ohne sie nicht weiterkomme.

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Perspektive

Du kannst die unbezahlten Rechnungen sehen und dich darüber aufregen, dass das Geld oft nur für die Pflichten, nicht aber für die Wünsche reicht. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass genügend Geld hereinkommt, damit du alles bezahlen kannst, was bezahlt werden muss.

Du kannst dich darüber ärgern, dass „Deiner“ seine Macken in all den Jahren noch immer nicht abgelegt hat. Du könntst  aber auch dankbar sein dafür, dass du mit einem Menschen unterwegs bist, der dir so sehr vertraut, dass er sogar den Mut hat, dir auf die Nerven zu fallen.

Du kannst darüber jammern, dass deine Kinder ihren Frust immer zu Hause auslassen, sich auswärts aber stets von der besten Seite präsentieren. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass keine „Frau Venditti, Ihr Kind hat heute in der Wut eine Fensterscheibe eingeschlagen“-Anrufe kommen.

Du kannst dich darüber aufregen, dass die Kinder den Fisch nicht aufgegessen haben. Du könntest aber auch froh sein, dass du dadurch beim Katzenfutter sparen kannst.

Du kannst dich selber bemitleiden, weil diesen Sommer keine Ferien drinliegen. Du könntest aber auch zufrieden sein, weil dir in diesem Jahr kein anderer die Heidelbeeren wegisst, die immer dann reif sind, wenn du gewöhnlich verreist.

Du kannst die Leute beneiden, die ein beschauliches, wohlgeordnetes und ausgeglichenes Leben führen. Du könntest aber auch dankbar sein dafür, dass bei dir bestimmt nie Langeweile aufkommt.

Du kannst alles noch ein wenig schwärzer sehen, als es in Wirklichkeit ist. Du könntest aber auch versuchen, die Welt hin und wieder durch die Brille deiner Kinder zu sehen und zu staunen, wie viel Schönes du dadurch entdeckst.

Bob und Willy

Bob: „Hallo, Wilhelm Täll. Hier ist Bob der Baumeister.“
Willy: „Hallo Bob. Ich habe eine Armbrust.“
Bob: „Und ich habe ein iPhone. Ich baue dir eine Ritterburg.“
Willy: „Ich bin kein Ritter. Ich brauche keine Burg. Ich gehe jetzt den Gessler erschiessen.“
Bob: „Ich komme mit. Mein Betonmischer kommt auch mit.“
Willy: „Der Gessler ist furchtbar böse. Wir müssen den jetzt erschiessen mit der Armbrust.“
Bob: „Ja, der Gessler ist furchtbar böse, aber der Wilhelm Täll ist stärker.“

An diesem Punkt bricht die Telefonverbindung ab. Vielleicht, weil Willy in der Hohlen Gasse keinen Empfang hat, vielleicht aber auch, weil Willy und Bob nicht mehr Willy und Bob, sondern wieder der Zoowärter und das Prinzchen sind.

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Darauf war ich – nicht – vorbereitet

Glaubt mir, ich habe damit gerechnet, dass der Feierabend eines Tages nicht mehr automatisch um 20 Uhr einkehren würde. Ich war auch darauf vorbereitet, dass unsere drei Grossen irgendwann damit anfangen würden, abends noch so lange zu quatschen, bis mir der Kragen platzt, weil keine Ruhe einkehren will. Ja, ich habe sogar geahnt, dass ich die Kinder eines Abends dazu ermahnen muss, die Musik leiser zu drehen. Dass es aber Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ sein würde, die aus den Boxen dröhnt, wenn ich die Tür des Kinderzimmers öffne, darauf war ich nicht vorbereitet.

Wie soll man da schimpfen können, wo die drei doch bloss ihr musikalisches Allgemeinwissen vertiefen?

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Gegensätzlich

„Prinzchen, welches ist dein Lieblingstier?“

„Babytiere mit Fell, erwachsene Tiere mit Fell, Babytiere ohne Fell, erwachsene Tiere ohne Fell. Babyameisen auch. Und grosse Ameisen.“

Sein grösser Bruder hingegen kennt diese allumfassende Tierliebe nicht. „Mama, ich kann nicht mehr im Garten spielen, ich habe ein Tier gesehen.“

„So schlimm wird es wohl nicht sein. Wie sieht es denn aus, das Tier?“

„Es ist ganz klein und schwarz. Ich geh nicht mehr in den Garten…“

„Wie klein denn? Etwa wie eine Spinne?“

„Nein, kleiner. Aber ich kann trotzdem nicht mehr weiter draussen spielen.“

„Komm, wir schauen mal, was es ist.“

Mit einem ziemlich verängstigten Zoowärter im Schlepptau gehe ich in den Garten.

„Wo ist denn nun das Tier?“

„Dort drüben, auf dem Gartentisch.“

Auf den ersten Blick erkenne ich nichts, dann, bei näherem Hinsehen sehe ich endlich, was den Zoowärter so beunruhigt hat: Eine Marienkäferlarve.

Nun ja, die sind bekanntlich ziemlich gefrässig, aber ich bezweifle dennoch, dass eine einzelne Larve mit dem Zoowärter fertig wird.

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Begutachtet

Im Kindergarten hiess es, sie würde vielleicht Mühe haben in der Schule, weil sie die Quadrate nicht immer exakt auf die Linie setzte.

In der ersten Klasse hiess es, sie halte den Stift zu verkrampft in der Hand, das müsse sich bessern.

In der zweiten Klasse hiess es, ihre Schrift sei nicht schön genug, eine Therapie würde dem Abhilfe verschaffen.

In der Therapie hiess es, man müsse sie abklären lassen, vielleicht habe sie, was man allen Kindern unterstellt, die am vierten Schultag noch immer nicht in die Schublade passen wollen.

In der Abklärung haben sie gesagt, dass  alles okay sei, ihre Fähigkeiten seien einfach etwas ungleich verteilt, sie würde mehr über das Gehör aufnehmen und weniger über die Augen. Man hätte auch sagen können: Sie kommt eben nach ihrer Mama, aber mit dieser Einsicht lässt sich kein Gutachten füllen.

Du schaffst das – nicht

Früher sagte man zu den Kindern: „Vergiss es, das schaffst du nie. Sowas können nur Genies. Aber du? Dazu bist du schlicht zu dumm, zu unbegabt. Lerne etwas Vernünftiges, mach doch Verkäuferin, damit kannst du nicht falsch liegen.“

Unzählige Träume zerbrachen wegen solcher Worte, Talente wurden nie oder nur sehr spät entdeckt, manch einer mühte sich in einem Beruf ab, der nicht zu ihm passte und landete irgendwann beim Psychiater, wo der ganze Frust aus ihm herausbrach: „Keiner glaubte an mich. Wenn nur einer mich ermutigt hätte…“

Viele in unserer Generation haben gelitten unter den harten Urteilen, die jeglichen Mut raubten, Träume real werden zu lassen. Und weil wir nicht wollen, dass es unseren Kindern gleich ergeht, sagen wir heute zu ihnen: „Glaub an dich, in dir steckt so unglaublich viel drin. Wenn du etwas nur genug willst, dann kannst du es auch erreichen. Die Welt steht dir offen, zeige was du kannst.“

Natürlich gedeihen in diesem Klima die grossen Träume prächtig. Fussballstar, Musikgenie, Nobelpreisträger – nichts scheint unmöglich. Bis eines Tages eine Aufnahmeprüfung kommt, bei der mehr gefragt ist als nur Glauben an sich selbst. Bis einer daherkommt, dem nicht nur der gute Wille, sondern auch das Talent dazu in die Wiege gelegt worden ist. Der Traum zerbricht, der Schmerz darüber, dass eben doch nicht jede Türe offen steht, ist immens.

Beim Psychiater wird es dann wohl in einigen Jahren heissen: „Warum hat mir keiner gesagt, dass ich gar nicht das Talent zum Star habe? Hätte man mir doch gesagt, ich solle mir realistische Ziele setzen…“

Vielleicht redet die kommende Generation deshalb so mit ihren Kindern: „Du hast eindeutig eine grosse Fähigkeit in diesem Bereich, ich glaube, da liesse sich einiges draus machen. Wenn du dein Ziel aber auch wirklich erreichen willst, sollten wir hier noch ein wenig arbeiten, denn das hier liegt dir weniger.“

Eine kleine Chance besteht, dass sie so mit ihren Kindern reden werden, vermutlich werden sie aber eine ganz neue Methode finden, um dafür zu sorgen, dass die Wartezimmer der Psychiater nie leer werden.

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Dann ist ja alles in bester Ordnung

Eigentlich hätte ich heute Abend ganz unglaublich viel zu schreiben gewusst, ich hätte darüber berichtet, weshalb ich nie mit einem Mann verheiratet sein könnte, der mit seinem Job verheiratet ist, ich hätte meine brandneue Methode, lange Tage mit unmotivierten Kindern zu überstehen, präsentiert und vielleicht hätte ich sogar vorgerechnet, weshalb auch wir die bittere Erkenntnis machen mussten, dass ein Zweiteinkommen zu deutlich weniger Geld auf dem Konto führt.

Vielleicht hätte ich heute den Text geliefert, hätte mich nicht diese Käfer niedergestreckt, der solch üble Gliederschmerzen verursacht, dass man kaum das iPad, geschweige denn die Augen offen halten mag. Den Käfer hatten unsere zwei Jüngsten vor einigen Tagen und jetzt, wo ich weiss, wie sich das anfühlt, was sie hatten, erweisen sich zumindest meine üblichen mütterlichen Sorgen, dass die zwei sich eine ganz schlimme Seuche zugezogen haben, als vollkommen übertrieben. Oh ja, die Sache ist übel, aber immerhin ist sie so ansteckend, dass sie jeder hat und das beruhigt eine insgeheim leicht überängstlich veranlagte Mutter ungemein.

 

Bester Freund

Luise liebt das Theater und so werden Freundinnen, die zu Besuch kommen, meist zu, Theaterspielen verdonnert. Weil aber mit einer oder zwei Freundinnen kein grosses Ensemble zusammenkommt, ist Luise stets auf der Suche nach Statistinnen. Diese sind in unserer Familie aus bekannten Gründen rar, weshalb ab und zu ein kleiner Bruder als Mädchen hinhalten muss. Gestern war das Prinzchen dran. Mit blau lackierten Nägeln, geschminkten Lippen und einem hellgrünen Feenkostüm verwandelte sich unser Jüngster in die kleine Sophia, die nicht so recht wusste, was um sie herum gespielt wurde. Nachdem das Stück zu Ende war, war es bald einmal Zeit zum Schlafen und so blieben die Fingernägel eben blau. Macht ja nichts, in diesem Alter wird man noch nicht ausgelacht, wenn man nicht ganz dem Klischee entspricht, dachten wir.

Nun hat aber das Prinzchen seit einiger Zeit hat er einen richtig guten Freund. Einer, der mit ihm Bauarbeiter spielt. Einer, der sogar einen echten Bauarbeiter zum Papa hat. Einer, mit dem er all das spielen kann, was seine grossen Geschwister schon längst als Kleinkinderkram abtun. Diesen Freund traf er heute im Kindergottesdienst. Freudestrahlend rannten die zwei Jungs einander entgegen, doch plötzlich schlug das Prinzchen peinlich berührt seine Hände mit den blau lackierten Nägeln vors Gesicht. „Nicht auslachen!“, flehte er seinen Freund an „Luise hat mich angemalt.“

Der andere Junge erwies sich als echter Freund, er lachte das Prinzchen nicht aus, sondern schaute ihn nur etwas ratlos an. Da er keine grosse, sondern eine kleine Schwester hat, sind ihm Nagellack & Co. noch fremd und so hiess er das Prinzchen auch mit blauen Nägeln auf der Baustelle willkommen.

Ich fürchte, Luise wird dennoch neue Statistinnen suchen müssen. Ein zweites Mal wird sich das Prinzchen wohl kaum mit lackierten Nägeln in der Öffentlichkeit zeigen.

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