Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Schluss mit geblümt

Es hätte so perfekt sein können: Luise und ich ganz ohne männliche Begleitung im Kleiderladen, Geblümtes, Zartes und Romantisches in allen Farben und Schnitten, dazu Luise endlich wieder mal blendend gelaunt. Einfach perfekt.

Doch was ist bloss in meine Tochter gefahren? Am weit schwingende Kleidchen in zarten Frühlingsfarben geht sie achtlos vorbei, das T-Shirt mit den applizierten Rosen interessiert sie nicht und auch von den Leggings mit Spitzenabschluss will sie nichts wissen. Sie hat nur Augen für Röhrenjeans und T-Shirts mit kitschigen Aufdrucken. Was sie eben noch so schön fand, ist nicht mehr cool. Was sie vor wenigen Wochen noch lächerlich als lächerlich bezeichnete, ist plötzlich spannend geworden.

Während Luise sich voller Begeisterung durch die Kleiderständer wühlt, stehe ich ziemlich hilflos daneben. Anfangs versuche ich noch, sie für Geblümtes, Zartes und Romantisches zu begeistern, doch irgendwann wird mir klar, dass ich auf verlorenem Posten stehe. Es zählt nicht mehr, was Mama und Tochter jeweils ins Schwärmen versetzte, sondern nur noch, was die anderen in der Klasse auch tragen. Am Ende bleibt mir nur noch die Rolle der Spielverderberin: „Nein, Luise, dieses T-Shirt bekommst du nicht. Das ist ja sowas von billig.“ Zum Glück zeigen wir beide uns kompromissbereit, so dass wir unsere Zeit zu zweit trotz Differenzen in der Frage nach dem perfekten Stil geniessen können.

Nur diese leise Wehmut, die mich da im Laden gepackt hat, die will mich einfach nicht mehr loslassen.

Frauen

Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue: Frauen, die in den frühen Zwanzigern betont hatten, dass sie nie, aber auch gar nie, die traditionelle Hausfrauenrolle übernehmen würden, sind mit Ende dreissig genau dort, wo sie nie sein wollten, nämlich zu Hause bei Kind und Hund. Diejenigen, die sich damals lautstark für die Mama am Herd ausgesprochen hatten, sind meist ziemlich bald nach der Geburt ihrer Kinder wieder ins Berufsleben eingestiegen, weil sie sich das alles ein wenig anders vorgestellt hatten. Und die Frauen, die damals schon aussahen wie abgekämpfte Hausfrauen haben Karriere gemacht und würden nicht im Traum daran denken, Kinder auf die Welt zu stellen.

Wenn ich mich umsehe und umhöre bei den Frauen meiner Generation, dann fällt mir auf, dass kaum eine von uns dort ist, wo sie sich früher gesehen hatte. Gut, bei der Berufswahl gibt es kaum Überraschungen, da sind die meisten ihren Träumen treu geblieben, doch in der Fage wieviel Beruf und wieviel Familie reibt man sich oft erstaunt die Augen und fragt: „Wie? Du eine glückliche Hausfrau? Und der Job kann dir echt gestohlen bleiben?“ Zuweilen kommt es mir so vor, als hätten wir damals in unseren endlosen Debatten am Gymnasium unseren eigenen Standpunkt in Sachen Familie und Beruf so lautstark vertreten, weil wir uns selbst von seiner Richtigkeit überzeugen wollten. Denn irgendwo tief in unserem Inneren ahnten wir wohl schon damals, wie wir eigentlich ticken. Das, oder wir sind inzwischen einfach weise genug geworden, um zu erkennen, dass man sich in Sachen Kinder und Job erst dann eine Meinung bilden kann, wenn man drinsteckt.

Stehengeblieben

Die Frauen, denen ich schon früher immer auf dem Weg zum Einkaufen begegnet bin, sind heute ganz anders unterwegs als damals. Der Brunnen am Wegrand, die Fussgängerampel, die viel zu schnell wieder auf rot wechselt, die schwatzenden Omas, die das Trottoir blockieren, die Bankangestellte, die allzu grosszügig Schleckstengel an die Kinder verteilt – all dies braucht sie nicht mehr zu kümmern. Ganz entspannt leisten sie sich einen Schwatz mit anderen Müttern, keine Angst, dass die Kleinen plötzlich auf die Strasse rennen oder die Auslage im Geschäft leer räumen. Alles ganz entspannt, denn die Knöpfe sind aus dem Gröbsten heraus und sitzen in der Schule.

Ich hingegen bin noch immer gleich unterwegs wie seit Jahren schon. Okay, das Kind an meiner Hand ist nicht mehr das Gleiche wie damals, aber noch immer habe ich den Eindruck, mindestens drei Hände zu wenig zu haben. Die gleichen Missgeschicke – Papiertaschen, die mitten auf dem Fussgängerstreifen den Geist aufgeben und Kinder, die in fremden Gärten Blumen pflücken – wie eh und je. Immer noch die gleichen panischen „Nein, lass das!“-Rufe, immer noch „Beeil dich, wir kommen sonst nie vor dem Mittagessen nach Hause.“ Noch immer stehenbleiben bei jeder Baustelle, bei jedem Federchen auf der Strasse, bei jeder Rutschbahn.

Sieht ganz danach aus, als wäre ich auf dem Weg zum Einkaufen stehen geblieben, während alle anderen schon längst weitergegangen sind. Aber wisst ihr was, es macht mir nichts aus, denn trotz allem gibt es für mich kaum etwas Schöneres im Leben, als eine kleine Hand in meiner nicht viel grösseren zu halten und ein kleines, neugieriges Kind durch den ganz banalen Alltag zu begleiten.

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Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.

Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Und sie lieben sich doch…

Oh ja, sie wissen, wie man sich streitet, unsere fünf. Ein schräger Blick, ein falsches Wort und schon fliegen die Fäuste, oder es fliessen die Tränen, je nach Temperament und Tagesform. Ziemlich nervenaufreibend das Ganze, vor allem, weil sich das Spiel Tag für Tag in unterschiedlicher Besetzung und in variierender Heftigkeit wiederholt. Doch dann gibt es diese Tage, die so ganz anders sind. Tage, an denen die fünf zusammenhalten wie Pech und Schwefel.

Zum Beispiel heute, als für Luise so ziemlich alles schief ging. Es begann am frühen Morgen damit, dass ihr heiss geliebter Wachtel-Hahn namens Waldemar Leopold seine vier Hennen verliess und das Weite suchte. Schuld daran war Karlsson, der das Türchen einen Augenblick zu lange offen gelassen hatte. An normalen Tagen hätte Luise versucht, ihrem grossen Bruder den Hals umzudrehen und er hätte die Schuld an der Flucht weit von sich gewiesen. Aber heute war kein normaler Tag und darum machten sich die zwei sofort auf die Suche nach dem flüchtigen Waldemar Leopold. Nun ist es leider so, dass es auf dieser Welt Erwachsene gibt, die der festen Überzeugung sind, dass freilaufende Kinder immer Böses im Schilde führen. Einem solchen Erwachsenen begegneten unsere Kinder bei der Suche. Luise, für die dieser Erwachsene nur unter dem Titel „der böse Mann“ läuft, suchte entsetzt das Weite, als sie ihn sah, Karlsson aber stellte sich ihm tapfer entgegen und erklärte, dass sie nur einen entlaufenen Wachtel-Hahn suchen würden. Es nützte nichts, der Mann machte die Kinder trotzdem zur Schnecke, was zur Folge hatte, dass nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter sich in die Suche einschalteten. Soll doch kein Erwachsener glauben, er könne die Jungs daran hindern, ihrer Schwester zu helfen…

Nun, die Suche war leider erfolglos, Waldemar Leopold blieb verschwunden und hätte sich kein Unfall ereignet, so wäre Luise wohl doch noch auf den Gedanken gekommen, Karlsson mit Vorwürfen zu überschütten. Aber es ist  hinlänglich bekannt, dass ein Unglück nicht gerne alleine bleibt und so war es eigentlich nicht erstaunlich, dass die Nachbarin nach dem Abendessen mit einer weinenden Luise, welcher das Blut über die linke Wange strömte, in der Küche stand. Das arme Kind hatte beim Velofahren nicht mehr bremsen können, ausgerechnet heute, wo sie keinen Helm trug. Luises Gehirn war erschüttert, ihre Brüder ebenso. Der FeuerwehrRitterRömerPirat griff sogleich zu Papier und Bleistift, um den Unfall bildlich festzuhalten, danach streichelte er seine weinende Schwester liebevoll und holte ihr ohne Murren alles, was sie von ihm brauchte. Der Zoowärter erinnerte sich indessen an das Bibelwort, dass man mit den Weinenden weinen solle und das Prinzchen berichtete ganz verstört dass „meine Schwester ganz fest blutet“. Am schlimmsten aber erwischte es Karlsson, der es kaum ertragen konnte, dass Luise, die er an gewöhnlichen Tagen so gerne piesackt, heute so viel einstecken musste. Wieder und wieder entschuldigte er sich unter Tränen für seine Unachtsamkeit, wieder und wieder beruhigte ihn Luise, die vor lauter Schmerzen kaum reden konnte. 

Als abends später als gewöhnlich endlich Ruhe eingekehrt war, hätte man eigentlich erwarten können, dass „Meiner“ und ich ziemlich geschafft wären. Waren wir auch, aber nicht ganz so schlimm wie sonst, denn wenn die fünf zusammenhalten ist das Leben eindeutig leichter, als wenn man alle drei Minuten den Schiedsrichter machen muss.

Was soll der Kleine bloss denken von uns?

Nach einer Woche, in der ich gut das Doppelte meiner vorgesehenen ausserhäuslichen Arbeitszeit geleistet habe, sieht unser Haushalt entsprechend aus. „Meiner“ hat sich zwar dem Chaos mutig entgegengestemmt, aber alleine hatte er keine Chance, dagegen anzukommen. Zumal Luises Wachteln am Dienstag vom Balkon in den Garten umgezogen sind, was in der ganzen Wohnung Spuren von Hanfstreu und Wachtelfutter hinterlassen hat, die dem Besen hartnäckig trotzen. Dass das Prinzchen gestern Abend aus einer Familienpackung WC-Papier ein Gefängnis aufgebaut hat, welches der Zoowärter wenig später respektlos dem Erdboden gleich machte, verpasste dem ohnehin schon überbordenden Chaos den letzten Schliff.

Eigentlich habe ich mich ja inzwischen damit abgefunden, dass man unserem Haushalt die fünf Kinder, die zwei Jobs, die Haustiere und die leidenschaftslose Hausfrau ansieht, doch auch für mich gibt es eine Schmerzgrenze. Dass diese erreicht ist, erkenne ich jeweils an meinen Schamgefühlen, wenn eines unserer Kinder morgens von einem Schulkameraden abgeholt wird. Heute Morgen war es mal wieder soweit: Da stand ein sechsjähriger Knirps in unserem von Pyjamas übersäten Flur und wartete darauf, bis der Zoowärter bereit war, mit ihm die Welt zu erobern. In der Küche stapelte sich das schmutzige Frühstücksgeschirr, im Esszimmer lagen noch immer die Trümmer des WC-Papier-Gefängnisses und auf dem Küchenboden verteilte sich eine Lache von Katzenmilch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Eile den Trinknapf umgestossen hatte. Irgendwo in diesem heillosen Durcheinander versteckte sich eine zutiefst beschämte Mama Venditti – noch immer im Pyjama, die Haare ungekämmt – vor diesem kleinen Jungen, der ihren Sohn abholen wollte. „Was soll das Kind bloss denken von uns?“, schoss es mir durch den Kopf. „Der wird unseren Zoowärter nie mehr abholen wollen, weil es bei uns so schrecklich aussieht. Und wenn er heute nach Hause geht, wird er seiner Mama bestimmt erzählen, dass Vendittis Fenster ganz dringend geputzt werden müssen und dass bei denen endlich mal einer für Ordnung im Schuhregal sorgen müsste.“

Wie? Ihr haltet mich für paranoid, weil ich mich darum sorge, was ein Sechsjähriger von unserem Haushalt hält? Nun gut, die meisten Kindergartenkinder scheren sich wohl einen Dreck um den Dreck der anderen – und auch um den Dreck in ihrem eigenen Zuhause -, aber seitdem mal eine Fünfjährige mit vorwurfsvollem Unterton zu mir sagte „Meine Mama hat nie so eine Sauerei im Haus wie du“, bin ich leicht traumatisiert. Vor allem, weil ich damals erst zwei Kinder und im Vergleich zu heute eine perfekte Ordnung im Haus hatte. Meine Scham ist also nicht ganz unbegründet. Und sie führt dazu, dass ich ganz dringend etwas gegen das Durcheinander unternehmen will. Meiner Ansicht nach habe ich drei Möglichkeiten zur Auswahl:

  • Eine Vollzeit-Haushälterin anheuern, die sich im Rahmen eines humanitären Einsatzes unseres Haushalts annimmt
  • Die Schaufel holen und den ganzen Dreck aus dem Fenster schmeissen
  • Mit der ganzen Familie einen qualvollen Samstag lang aufräumen, putzen und polieren

Nun gut, es gäbe da noch Option Nummer 4: Eine Zuppa Inglese zubereiten, die ganze Familie in den Garten schleppen und mich am schönen Wetter freuen.

Quote of the day

„Mama, leg dir wieder ein iPad zu, dann sitzt du nicht mehr den ganzen Tag vor dem Computer.“

Mist! Und ich hatte mir so sehr vorgenommen, heute mal wieder die Bilderbuch-Mama zu sein, die mit ihren Kindern das schöne Wetter geniesst, Frühlingslieder singt, gemütlich ins Dorf spaziert um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen und abends ein vollwertiges Abendessen auf den Tisch zaubert. Stattdessen ein ungeduldiges Nervenbündel, das unbedingt vor Feierabend dieses Projekt – ironischerweise etwas für Kinder, das draussen stattfinden soll – in groben Zügen planen will, danach noch einen Text schreiben muss und dann lieber in die Luft anstatt an die frische Luft geht. Nun gut, immerhin hat „Meiner“ das mit dem vollwertigen Abendessen hingekriegt und für ein paar Frühlingslieder vor dem Schlafengehen hat es auch noch gereicht. 

Jetzt müssten nur noch die Kinder mitziehen…

Nachdem ich schon viel darüber gelesen hatte und hin und wieder gefragt worden bin, wie ich sie denn finde, hatte ich gestern endlich Gelegenheit, die neue Kinderkasse der Migros auszuprobieren. Das Prinzip ist einfach: Breiter, kinderwagentauglicher Zugang, keine Süssigkeiten, keine Werbung, dafür aber hinten und vorne ein Treppchen, damit die Kinder beim Aus- und Einpacken helfen können. So wenig braucht es, um uns Mütter glücklich und unseren Familienalltag entspannter zu machen. Da fragt man sich bloss, warum so etwas nicht längst Standard in allen Geschäften ist.

Wobei die Kinder offenbar weniger begeistert sind davon, dass sie beim Bezahlen nicht mehr in Versuchung geführt werden und ihre Eltern nicht mehr mit „Ich will jetzt ein Gummibärchen“-Gebrüll in den Wahnsinn treiben können. „Die schleppen die Süssigkeiten jetzt einfach von den benachbarten Kassen an“, erklärte mir die Verkäuferin. Und zerplatzt war mein Traum vom stressfreien Einkauf mit kleinen Kindern.