Wo sind sie denn alle?

Seit Jahren schon träume ich von einem dieser unglaublich zarten Weihnachtslichter. Diese Engelchen mit den Trompeten, die sich durch die Wärme der Kerze zu drehen anfangen. Schon als Kind hätte ich gerne eines gehabt, aber weil meine Schwester bereits eines hatte, wagte ich nicht, meinen Wunsch laut auszusprechen, sonst hätte man wohl wieder gesagt, ich würde ihr alles nachmachen. Später, als ich mir selbst eins hätte kaufen können, hatte ich zuerst einmal andere Prioritäten und dann, als ich wieder eins gewollt hätte, waren die Kinder so klein, dass dem filigranen Ding kein allzu langes Leben beschert gewesen wäre. Jetzt aber, wo das Prinzchen drei ist, sah ich die Zeit gekommen, meinen Kindheitstraum zu verwirklichen. Ich kaufte ein Lichtlein, nicht mit Trompete spielenden Engelchen, sondern mit Maria, Josef, Krippe, Ochs, Esel, Engel (ohne Trompete) und Stern. Damit ich unseren Kleinsten bei Kerzenlicht die Weihnachtsgeschichte erzählen könnte. Hach, wie romantisch.

Von wegen. Das Ding hatte meine Handtasche noch nicht verlassen, da fehlte schon der Engel und so hing alles andere bereits beim ersten Versuch schief. Bald kam es noch schiefer, denn der Ochse machte sich aus dem Staub und nur wenige Stunden später war auch Josef nicht mehr auffindbar. Dabei hatte ihm der Engel doch gesagt, er solle Maria und das Kind nicht verlassen. Wie soll ich so den Kindern eine bibelgetreue Weihnachtsgeschichte erzählen können? Da hingen also Maria, die Krippe und der Esel traurig und ziemlich schief, so schief, dass bald auch der Stern von der Spitze stürzte und nicht mehr gesehen ward. Traurig polierte ich die verbliebenen Figürchen, doch sie dankten mir es nicht. Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, waren auch Maria und das Kind verschwunden. Einzig der Esel baumelte noch einsam und verlassen über der Kerze, die so natürlich auch nicht mehr scheinen mochte und sich weigerte, Feuer zu fangen. Mehr war nicht mehr übrig von meinem Kindheitstraum. 

Nun gut, als ich etwas später den Herd putzte, tauchte plötzlich Josef wieder auf. Er hatte sich in den Fäden des Putzlappens verfangen und sah ziemlich mitgenommen aus. Was ihm ja ganz Recht geschieht, wo er sich doch einfach so aus dem Staub gemacht hat. Oder vielleicht müsste man sagen „in den Staub“, denn davon fand er im Putzlappen bestimmt genug. Ziemlich ernüchtert muss ich mir eingestehen, dass die Zeit noch nicht reif ist, meine Kindheitsträume wahr werden zu lassen. Aber immerhin hat das Lichtlein seine Balance wieder gefunden, jetzt, wo Josef und der Esel einander gegenüber hängen.

Das heilige Buch

Seit gut zwei Wochen ist die Neuauflage des heiligen Buches zu haben. Ein kleines Oeuvre nur, gedruckt auf dünnem Papier, deutlich mehr Bild als Text und das, was da geschrieben steht ist noch nicht mal besonders tiefgründig. Erhältlich ist das begehrte Stück am Ausgang jeder Migros-Filiale. Also eindeutig ein Produkt für die Massen, ohne jede Chance auf den Literatur-Nobelpreis.

Dennoch wird wohl kaum ein Werk so eifrig studiert wie dieses. Vor allem die Drei- bis Siebenjährigen legen es kaum mehr aus der Hand. Man erzählt von überdurchschnittlich intelligenten Vierjährigen, die im Schlaf auswendig daraus rezitieren. Und dann erst die Kritiken, einfach unglaublich. „Dieser Dino hier ist der Schönste, den ich je gesehen habe! Und schau dir nur diese Ritterburg an. Soooooo coooool! Wow, der Bagger hier ist der Hammer…“ Wenn sie mal angefangen haben mit Loben, dann können sie gar nicht mehr aufhören damit. Gute Literatur verleitet bekanntlich auch zum Träumen und so heisst es bald einmal „Diesen Teddy will ich unbedingt haben und die Legos wünsche ich mir auch und dann natürlich noch das Riesenpuzzle und das Piratenkostüm…“

Natürlich ruft dies sogleich die Miesepeter auf den Plan. Menschen, die auch im heiligsten aller Bücher Fehler ausfindig machen müssen. „Aber die Puppe ist doch vollkommen überteuert“, kritisieren sie. „Findest du dieses Monster nicht auch fürchterlich geschmacklos“, mäkeln sie. Und dann, zum Schluss ihres üblen Verrisses, das vernichtende Gesamturteil: „Was willst du mit all dem Mist bloss anfangen?P Und hast du dich überhaupt schon mal gefragt, wer das alles bezahlen soll?“

Ein wahrer Liebhaber lässt sich dadurch die Freude am heiligen Buch nicht nehmen. Im Gegenteil, er läuft zur Hochform auf und gerät so sehr ins Schwärmen, bis die Kritiker kleinlaut zugeben müssen:“Ja, diese Holzeisenbahn ist tatsächlich ganz toll. Lass mich mal sehen, wie viel sie kostet…“

Die Kritiker lassen sich also meist rumkriegen. Richtig schlimm aber sind jene, die den Glauben an das heilige Buch verloren haben. Es sind diejenigen, die vor wenigen Jahren noch ebenso ehrfürchtig über dem Werk gebrütet hatten, die nun aber nur noch Hohn und Spott übrig haben dafür. „Sieh dir mal diesen Bob de Soumaa an! Soooooo peinlich. Und dann erst die hässlichen Barbies. Früher fand ich die ja noch schön, aber jetzt…“

Auch damit könnten die Liebhaber des heiligen Buches wohl noch klar kommen, aber wenn einer der vom Glauben abgefallenen zur Schere greift und die bunten Bilder zu einer absurden Collage zusammenfügt, dann ist das des Guten zuviel. Dann gibt’s nur noch eins: Ab in die nächste Migros-Filiale, um sich ein neues Geschenkebuch zu holen. Wie soll man denn ohne der Mama und dem Papa beibringen, was sie unter den Tannenbaum legen sollen?

Kalter Entzug

Rechtzeitig zum dritten Geburtstag des Prinzchens sind Nuggi und Nuschi – oder Schnuller und Schmusetuch, wie meine Deutschen Leser wohl sagen würden – spurlos verschwunden. Einfach weg und ich schwöre, dass weder „Meiner“ noch ich etwas damit zu tun haben. Im Gegenteil, „Meiner“ hat sich gestern gar von unserem Jüngsten noch einmal weichklopfen lassen und ihm einen neuen Nuggi gekauft. Und jetzt sind sie plötzlich weg, all die Nuggis und Nuschis, inklusive des neuesten Modells. Auf einen Schlag muss der arme Kleine ganz ohne seine Tröster zurechtkommen. Kalter Entzug, einfach so, als Geschenk zum dritten Geburtstag. Schrecklich.

Ja, ich weiss, wir hätten ihm das schon längst abgewöhnen sollen. Mit drei ist Schluss mit solchem Babykram, haben wir bis anhin jeweils gesagt. Und wir zogen das auch steinhart durch, jedes Mal. Und jetzt beim Prinzchen fehlt uns plötzlich die nötige Härte, ihm die heiss geliebten Accessoires zu verbieten. Okay, das Nuschi hätte er natürlich behalten dürfen, aber Nuschi ohne Nuggi macht nur halb soviel Spass. Und jetzt sind beide weg, einfach so, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte eine höhere Macht entschieden, dass sie für Ordnung sorgen muss, wo doch diese Eltern beim fünften Kind auf einmal schlapp machen mit konsequent sein.

Vielleicht aber war es keine höhere Macht, sondern die grossen Geschwister, die nicht mitansehen konnten, wie man ihren kleinen Bruder gewähren lässt, nachdem man mit ihnen so streng gewesen war. Indizien, dass sie dahinter stecken, gibt es nicht, aber ganz abwegig scheint mir mein Verdacht dennoch nicht. Ich war ja auch einmal jüngstes Kind…

Kein Tannenbaum für das Prinzchen

Hör mal, mein Prinzchen. dein Geburtstag, den wir übermorgen feiern, bedeutet uns allen wirklich viel. Seit Wochen schon zerbrechen wir uns den Kopf darüber, womit wir dir wohl am meisten Freude bereiten können, im Schrank ist so einiges versteckt, was dir das Herz höher schlagen lassen wird und wir alle können es kaum erwarten, dir dabei zuzusehen, wie du die Kerzen ausbläst. In einer Sache jedoch muss ich dich leider enttäuschen. An deinem Geburtstag gibt’s zwar Geschenke, Kerzen und gutes Essen, aber das mit dem Tannenbaum kommt erst später und hat nichts mit deinem Geburtstag zu tun. Ja, ich weiß, in deinem Kopf Sind Tannenbaum und Geburtstag fest miteinander verknüpft, aber leider wirst du dich damit abfinden müssen, dass übermorgen keiner in der Wohnung stehen wird. Ja, an dem Tag mit dem Tannenbaum wird auch ein Geburtstag gefeiert, aber nicht deiner. Und natürlich bist auch sehr wichtig, aber ich bezweifle, dass du je einen gleich grossen Einfluss auf die Weltgeschichte haben wirst wie jener, dessen Geburtstag aus ziemlich obskuren Gründen mit einem Tannenbaum gefeiert wird.

War das wirklich so?

Das Leben in der Grossfamilie bringt ans Licht, wer du wirklich bist. Bei mir zum Beispiel stellte sich heraus, dass das mit dem Perfektionismus wohl reines Wunschdenken war. Damals, als mein Leben noch überschaubar war – Mann, ein Kind, vier Zimmer und ein Halbtagsjob – war es ja noch einfach, so zu tun als ob. Die Küchenkombination stets perfekt poliert, so dass sogar meine Mutter neidisch wurde, die  ganze Putzerei an einem halben Tag pro Woche erledigt, der Schreibtisch im Büro perfekt aufgeräumt, die Stifte in Reih und Glied schön rechtwinklig zum Notizblock. Natürlich auch immer sauber angezogen, das Kind nie mit voller Windel unterwegs, der Wocheneinkauf wurde en famille erledigt. „Was meinst du, wollen wir diese Woche mal wieder Kürbis essen, oder hast du eher Lust auf Blaukraut?“ Perfekter habe ich meinen Alltag nie hingekriegt als damals.

Heute, wo alles so anders ist als damals, kommt mir das alles nicht vor, wie ein längst vergangener Abschnitt meines Lebens, sondern wie eine Szene aus einem Film, den ich mal gesehen habe und dessen Titel mir entfallen ist. Hatten wir tatsächlich mal ein Zimmer, das nur zum Teetrinken und Gäste bewirten gebraucht wurde? Ist es wahr, dass wir die Teedosen damals einfach so herumstehen lassen konnten, weil keiner den gesamten Inhalt auf den Teppich verteilte? Gab es wirklich mal eine Zeit in unserem Familienleben, als ich zu jeder Zeit unangemeldeten Besuch empfangen konnte, ohne verschämt darauf hinzuweisen, dass ich zwar eben erst aufgeräumt hätte, dass man davon aber bereits nichts mehr sehe? Und habe ich damals allen Ernstes geglaubt, ich sei eine Perfektionistin?

Nein, eine Perfektionistin bin ich nicht, soviel ist inzwischen klar geworden. Gut, solange keiner da ist, der mir ständig alles durcheinander bringt, gelingt es mir ganz gut, dafür zu sorgen, dass jedes Ding seinen Platz hat und ich bringe es gar fertig, meine Zeit sinnvoll einzuteilen. Ziehen aber die anderen nicht mit, oder schlimmer noch, zerstören die anderen laufend das, was ich verzweifelt aufzubauen versuche, dann kommt ans Licht, was ich wirklich bin: Ein Grossfamilienkind, das nie gelernt hat, Ordnung zu halten und das deshalb umso verzweifelter einen Halt in einem aufgesetzten Perfektionismus sucht, der aber nicht tief genug verankert ist, um auch die heftigsten Alltagsstürme zu überstehen. Was nun? Das Ganze mit einem „ich brauche eben mein kreatives Chaos, um glücklich zu sein“ abtun, oder weiterhin versuchen, wenigstens einen Ansatz von dem, was einmal war, in unseren Alltag hinüberzuretten? Der Entscheid ist noch offen und vielleicht fällt er auch erst dann, wenn bei uns zu Hause das Chromstahl wieder poliert ist, die Stifte wieder in Reih und Glied auf dem Schreibtisch liegen und die Teedosen wieder herumstehen dürfen, wo sie wollen, weil keiner mehr etwas auskippt. Obschon ich mir nicht so sicher bin, ob ich mir diesen Zustand zurückwünschen soll.

 

Wir sind doch keine Teenager!

In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.

Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.

Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.

 

Endlich darf ich…

„Hanni und Nanni“, das war eine der verbotenen Sehnsüchte meiner Kindheit, so verboten wie Schnapspralinen, Fernsehen und Barbie. Nun ja, eigentlich noch verbotener. Bei den Schnapspralinen war nur das Gesetz dagegen, das Fernsehverbot wurde alle vier Jahre, wenn Fussball WM war und mein Vater einen Fernseher mietete, umgangen und das Barbie-Verbot – das strengste der drei – war ein mütterliches Verbot. Also wirklich ziemlich streng, aber eben, nicht so streng wie das „Hanni und Nanni“-Verbot. Dieses war nämlich nicht nur ein schwesterliches Verbot, sondern ein grossschwesterliches und damit drohte jeder kleinen Schwester, die auch nur zum Scherz einen „Hanni und Nanni“-Band zur Hand genommen hätte, die Höchststrafe: grosschwesterliche Verachtung, Hohn und Spott. Schlimmer geht’s nicht, wenn man zehn Jahre alt und darum bemüht ist, so zu werden wie die grossen Schwestern. Dass diese „Hanni und Nanni“ nur deshalb doof finden konnten, weil sie es selbst einmal mit Begeisterung gelesen hatten und nun über den Leidenschaften ihrer Kindheit zu stehen glaubten, daran dachte ich natürlich nie und deswegen verbat ich es mir, den einzigen Band, der in unserem Bücherregal stand, auch nur anzurühren. Gewollt hätte ich ja schon, aber eben, wenn sie mich erwischt hätten…

Jetzt endlich darf ich, denn jetzt will Luise und mag die dicken Schmöker, die sie beim Ausmisten der Schulbibliothek entdeckt hat, noch nicht alle selber lesen. Also darf ich vorlesen. Oder muss. Denn bereits nach den ersten paar Seiten war mir klar, dass sich bei „Hanni und Nanni“, wie bei so vielen Dingen in diesem Leben, das Sehnen nicht gelohnt hat. Okay, mag sein, dass mein hartes Urteil etwas verfrüht kommt, immerhin haben wir noch 5 3/4 Sammelbände vor uns. Aber nach dem ersten „O Mami, lass uns doch mit Mary und Fränzi in die Ringmeer-Schule gehen“ und den ersten zwei „Streichen“ – Hanni, die sich als Nanni ausgibt, um trotz Verbot in die Stadt zu gehen und die Sache mit dem Aufsatz, der erst nach der Schlafenszeit abgegeben wird – dämmerte mir, dass das Vorlesen ein ziemlicher Kampf werden könnte. Ein Kampf gegen den Schlaf.

Was ich denn erwartet hätte, fragt ihr? Nun, bestimmt keine grosse Literatur. Und schon gar kein spritziges Kinderbuch wie „Karlsson vom Dach“.  Ich hatte nur erwartet, was man von verbotenen Früchten eben so erwartet: Nervenkitzel, Spannung, den einen oder anderen bissigen Seitenhieb zwischen den Zeilen, Spass eben.  Hier aber stehen die zwei Möchtegern-Missetäterinnen bereits reuig vor der Oberlehrerin, bevor überhaupt ein Anflug von Spannung aufgekommen ist und vor weiteren 2000 Seiten in dieser Manier graut mir. Deshalb eine Frage an all jene Leserinnen, die in ihrer Kindheit keinem „Hanni und Nanni“-Verbot unterworfen waren: Wird das noch besser oder habe ich jetzt ein gutes Mittel gegen Schlaflosigkeit im Haus? 

Nun ja, vollkommen schlecht reden muss ich die Sache ja nicht. Immerhin habe ich so endlich wieder mal die Gelegenheit, mich mit meiner stets grösser werdenden Luise zum Vorlesen aufs Bett zu kuscheln. Und wenn dann noch die Jungs dazu kommen, umso schöner...

Neulich am Esstisch

Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“

Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“

Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)

Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“

Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“

Ach, lass sie doch…

Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.

Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener? 

Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.

In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.

Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.

 

Ganz viel nichts

Es war himmlisch. Das Haus weitab von allem, was einen an den Alltag erinnern könnte, weder Internet-Verbindung noch verlässlicher Handy-Empfang, kein Fernseher, keine Strassenlampe weit und breit. Einfach nur Natur, strahlender Sonnenschein und nachts der volle Mond, neugeborene Kätzchen im Stroh, Haselnüsse und Esskastanien auf dem Waldboden, Holzöfen, die abends die herbstliche Kühle vertrieben, ab und zu mal ein Rascheln, von dem man nicht wusste, woher es kam und ganz viel Zeit zum Nichtstun und zum Überlegen, wie man zumindest ein wenig von diesem Nichtstun in den Alltag hinüberretten könnte. Hin und wieder ein Abstecher in den Supermarkt, um sich die Delikatessen der Region ins Haus zu holen, ein kurzer Besuch am Meer – ja, die Kinder sind jetzt eindeutig reif für Ferien am Strand, auch wenn „Meiner“ und ich es nie sein werden -, zwischendurch mal ein Essen im Restaurant, weil es so schön ist, wenn einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Keine Nachrichten von zu Hause, mal abgesehen von dem einen Anruf, um sicher zu gehen, dass es den Katzen gut geht. 

Eigentlich nicht viel, wenn man zurückdenkt, was man denn in dieser Woche getan hat. Und doch viel mehr, als man sich je hätte träumen lassen. 

Es ist uns allen ziemlich schwer gefallen, heute früh die Koffer wieder zu packen.