Ich bin noch nicht soweit

Jetzt wollen sie also tatsächlich, dass das Prinzchen aus dem Elternschlafzimmer auszieht. Alle wollen das, am meisten aber „Meiner“ und Luise. „Meiner“, weil er findet, dass wir unser Zimmer endlich wieder für uns haben sollten, Luise, weil sie seit jenem Tag, an dem sie sich damit abgefunden hat, dass das Prinzchen kein Mädchen ist, sehnsüchtig auf den Tag wartet, an dem der Jüngste in ihr Zimmer umzieht. Karlsson, der FeuerwehrRiterRömerPirat und der Zoowärter sind zwar nicht ganz so versessen auf den Umzug, aber auch sie finden, es wäre langsam Zeit, vor allem, weil sie sich erhoffen, dass er sehr bald einmal verkünden wird, dass er nicht mehr bei Luise schlafen will, sondern bei einem seiner grossen Brüder. Ja, und auch das Prinzchen hat in den vergangenen Wochen hin und wieder angedeutet, dass er abends ganz gerne oben bei seinen grossen Geschwistern sein möchte.

Was soll also ich da noch ausrichten können? Zumal Luise heute Tatsachen geschaffen hat, indem sie das Prinzchen-Bett ganz alleine aus dem Elternschlafzimmer gehievt hat. „Meiner“ hat ihr dann auf der Treppe bereitwillig geholfen. Danach ging alles ganz schnell: Luise wechselte ihrem kleinen Bruder die Windel, brachte ihn zu Bett und sang ihm Schlaflieder, welche durch lautes Geheul des Zoowärters, der möchte, dass das Prinzchen mit ihm das Zimmer teilt, begleitet wurden. Und ich, was sollte ich jetzt tun? Keiner mehr da, der meine Schlaflieder hören will, kein gemütliches Feierabendritual mit meinem Jüngsten, der mir noch ein wenig von den zahlreichen Abenteuern des Tages erzählt. Wie ich da so etwas verloren in der Küche stand und nicht so recht wusste, was ich mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte, fühlte ich mich auf einmal ziemlich leer. Bis jetzt war da stets noch ein Kleineres gewesen, wenn ein Kind allmählich weniger Mama und mehr grosse Geschwister wünschte. Jetzt aber folgt niemand, so langsam muss ich mich wohl damit abfinden, dass die Kleinkindertage in unserem Hause gezählt sind und so sehr ich mir zuweilen etwas mehr Ruhe und Ordnung wünschte, es fällt mir dennoch sehr schwer, dass schon bald einmal Schluss sein wird damit. 

Ob das Prinzchen gespürt hat, wie ich mich fühle? Oder ist er am Ende auch noch nicht bereit, auf die schönen Momente am Abend zu verzichten? Ich weiss nicht, welches von beidem der Grund war, Tatsache ist, dass er, kaum war Luise eingeschlafen, zu „Meinem“ und mir aufs Sofa gekrochen kam, wo er sich eine ausgiebige Kuschelrunde gegönnt hat. Danke, mein Prinzchen, dass ich noch ein wenig länger Kleinkind-Mama sein darf.

Erfolgsbilanz

Wohl in keinem anderen Lebensbereich wird die Freude über den klitzekleinsten Erfolg sogleich wieder durch den nächsten Misserfolg zunichte gemacht wie im Familienleben. Du glaubst, du hättest eine Situation ausnahmsweise mal bravourös gemeistert, doch kaum drehst du dich um, siehst du, dass es dafür an einem anderen Ort bereits wieder brennt. Abends hast du dann das Gefühl, der Tag sei eine Aneinanderreihung unzähliger kleiner Missgeschicke und Misserfolge gewesen. Die Lichtblicke dazwischen hast du schon längst vergessen. Damit dies heute nicht der Fall ist, hier eine kleine Erfolgsbilanz aus dem Hause Venditti:

  • Karlsson hat beim Zwischendurcheinkauf gebettelt, ich möchte doch wieder einmal Salat kaufen, er hätte so grosse Lust darauf. Als ich bloss einen in den Wagen legte, protestierte er lautstark und verlangte nach einem zweiten. Schokolade, Chips und andere vollwertige Nahrungsmittel hingegen hat er ausnahmsweise keines Blickes gewürdigt.
  • Das Prinzchen hat nur einen der beiden Frischhefe-Würfel zerkrümelt und auf der Matratze des Ehebetts verteilt. Der andere Würfel ist ganz geblieben. Nun ja, wenn ich es recht bedenke, ist das vielleicht nicht unbedingt ein Erfolg, sondern viel eher ein glücklicher Zufall, weil das Prinzchen durch etwas anderes, das ihn spannender dünkte, abgelenkt wurde.
  • Luise hat heute fast nie gezickt, was vielleicht daran lag, dass sie den ganzen Nachmittag weg war.
  • Das Prinzchen schlief heute Abend ohne sein Nuschi ein und ersparte mir damit eine lange, nervenaufreibende Suchaktion.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter haben sich nicht ein einziges Mal verhauen.
  • Der Zoowärter hat sich ganz alleine angezogen, ohne zu protestieren, das könne er noch nicht und er sei noch viel zu klein und wenn man viereinhalb sei, müsse man sich noch nicht selber anziehen, auch wenn man nächste Woche in den Kindergarten komme.
  • Das Prinzchen verlangte nach einer zweiten Portion Orecchiette mit Bohnen und sagte nicht bereits vor dem ersten Bissen „Hani nöd gern!“
  • Luise hat ihre Schuhe ins Regal gestellt. 
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat war bereits angezogen, als ich zum Mittagessen nach Hause kam und so, wie es aussah, hat ihn niemand dazu zwingen müssen.
  • Das Prinzchen hat nicht auf den Boden gepinkelt, als er ohne Windel unterwegs war, sondern hat das Katzengeschirr, das wir uns schon mal angeschafft haben, als Töpfchen verwendet.
Und schliesslich noch der unglaublichste aller Erfolge:
  • „Meiner“ und ich konnten uns heute nach dem Mittagessen kurz hinlegen, weil gerade niemand sein Holzschwert geflickt haben, oder die Schürze des Dirndls gebunden haben, oder die Geschichte vom kleinen Maulwurf uns seiner blauen Hose vorgelesen haben wollte.
Eine ganz beachtliche Erfolgsbilanz, nicht wahr? Wie? Ihr findet, das seien alles nur Bagatellen? Da muss ich euch leider widersprechen. Nehmen wir das Beispiel von Luises Schuhen. Wenn ihr wüsstet, wie oft wir das Kind schon darauf aufmerksam gemacht haben, dass ihre Schuhe ins Regal gehören, dann wüsstet ihr, dass das heutige Ereignis so denkwürdig ist, dass es eigentlich gebührend gefeiert werden müsste. Leider hatten wir keine Zeit dazu, denn ausnahmsweise kamen heute die Kinder nicht ein einziges Mal aus ihren Betten gekrochen und wenn mich nicht alles täuscht, herrschte spätestens um Viertel nach neun absolute Ruhe in den Kinderzimmern. Auch das ein Erfolgserlebnis, wobei man hier nie so ganz sicher sein kann. Vielleicht erfahren wir auch morgen früh, dass die Kinder gar nicht geschlafen, sondern die halbe Nacht Gespenster gejagt haben. Was bekanntlich so leise vor sich gehen muss, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Gespenster nichts davon merken.

Ihr lieben Deutschen

Auf die Gefahr hin, dass ich von gewissen Kreisen in der Schweiz des Landesverrats bezichtigt werde, muss ich hier mal etwas gestehen: Ich mag euch. So etwas dürfte ich als Schweizerin ja gar nicht sagen, denn hierzulande gilt es nicht gerade als cool, Deutsche nett zu finden. Aber wie soll ich denn behaupten, ihr wäret schnoddrig, wenn man uns bei allen Aufenthalten bei euch sehr (gast)freundlich behandelt hat? Wie soll ich mich darüber beklagen, ihr würdet uns langsamen Schweizer nie ausreden lassen, wo die Deutschen, die ich kenne, immer schön brav warten, bis ich in meinem holperigen Schweizer-Hochdeutsch bis zur Pointe einer vermeintlich witzigen Bemerkung vorgedrungen bin? Weshalb sollte ich mich darüber ärgern, dass ihr bei uns in den Spitälern arbeitet, wo ich doch selber nie und nimmer genug Mumm in den Knochen hätte, blutige Wunden zu verarzten und alte Menschen zu waschen? Klar, mir sind auch schon doofe Deutsche begegnet, aber die waren auch nicht doofer als die Doofen bei uns. Natürlich finde ich euer Privatfernsehen schrecklich, aber es zwingt mich ja keiner, mir das anzusehen. Nein, ich sehe wirklich keinen Grund, euch doof zu finden; hin und wieder etwas sonderbar vielleicht, aber ganz bestimmt sehr nett und sympathisch. 

„Sonderbar?“, wundert ihr euch. „Sonderbar seid ihr Schweizer, aber wir doch nicht.“ Zwar muss ich euch da ein Stück weit Recht geben, aber ihr habt durchaus auch eure Eigenheiten, die sich dem auswärtigen Besucher nicht allzu leicht erschliessen. Wie muss ich zum Beispiel das Strassenschild deuten, das sich aus einem Überholverbot, einer Tafel mit einem Camper sowie der Zeitangabe 19 – 6 Uhr – vielleicht waren es auch andere Zahlen – zusammensetzt? Ergibt ja alles zusammen ein nahezu künstlerisches Arrangement, aber was bitte bedeutet das nun für mich als Autofahrerin? Bedeutet es überhaupt etwas für mich, oder geht das nur diejenigen etwas an, die mit Wohnwagen unterwegs sind? Ich muss gestehen, dass mich diese Kombination von Strassenschildern ziemlich verunsichert hat, so sehr, dass sie mich bis in meinen Traum verfolgt hat, in dem ich aus Angst, das falsche Schild zu befolgen, im Schneckentempo über eure Autobahnen gekrochen bin und nicht wagte, den Wohnwagen vor mir zu überholen. 

Sonderbar ist auch euer Umgang mit Jubiläen. Hat man uns damals als junge Lokaljournalisten gleich zu Beginn unserer Tätigkeit eingebleut, dass es keine „30-jährigen Jubiläen“ gibt, weil kein Mensch so viel Zeit zum Feiern hat, begeht ihr hemmungslos „25-jährige Gründungsfeste“, „50-jährige Geburtstage“ und vielleicht gar „100-jährige Jubiläen“. Und ich hatte mir stets gedacht, ihr wäret ein arbeitsames Volk. 

Was mich aber am meisten wundert ist euer Hang zu Klebrig-Süssem. Ihr ernährt euch doch wohl nicht mehrheitlich von Bonbons, Marzipan, Zuckerwatte und Plundergebäck, oder? Warum in aller Welt sind dann die Regale in euren Supermärkten von unten bis oben mit Süsswaren vollgestopft? Ich war immer der Meinung, das Anstehen am Schalter der Schweizer Post mit ihrem Süssigkeiten auf Kinderaugenhöhe sei der absolute Horror, aber nachdem ich erfolglos versucht habe, meine unvernünftigen, nach Süssem lechzenden Söhne tränenfrei durch eure Supermärkte zu lotsen, ist mein Respekt für alle Deutschen Mamas, die es schaffen, ihre Kinder gesund zu ernähren, ins Grenzenlose gestiegen. 

Vielleicht aber täuscht mich auch mein Eindruck, denn es könnte ja sein, dass ich bei euch einfach viel eher in Versuchung komme, zuzugreifen, weil es für sehr viel weniger Geld sehr viel mehr Kalorien zu kaufen gibt. Das Totschläger-Argument „Nein, das ist viel zu teuer, das können wir uns nicht leisten“ verfängt bei euch einfach nicht, zumal unsere Kinder schon ziemlich gewieft sind im Umrechnen des Euro-Kurses. Wenn das Ganze dann noch mit dem bei uns nicht erhältlichen, bei euch aber omnipräsenten, Waldmeistergeschmack daherkommt, dann kann auch ich nicht mehr widerstehen und ich sage ja, auch wenn ich sehr genau weiss, dass ich eigentlich nein sagen sollte. Und um den Bogen zum Anfang dieses Posts zu schlagen muss ich noch anfügen, dass man Menschen, die so viel Waldmeistergeschmack haben, doch einfach mögen muss.

Wieder da

Nach

…unzähligen Schritten durch Prags wunderschöne Gassen
…einigen sehr sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel das Musikmuseum und das Kommunismusmuseum in Prag oder der Altstadt von Regensburg
…einigen nicht so sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel dem Schloss Karlšteijn oder dem Turm der Burg Falkenstein
…dem Kauf von zahllosen Reiseandenken, vom Mini-Theater mit dem Kleinen Maulwurf für den Zoowärter bis hin zum Dirndl für Luise – das muss man sich mal vorstellen, wie die allem Volkstümlichen abgeneigte Mama mit ihrer einzigen Tochter im  Laden Dirndl bewundert, während der männliche Rest der Familie völlig entnervt im Auto wartet und dem Lieben Gott dafür dankt, dass es nicht mehr Frauen gibt in der Familie
…ein paar kleineren Familienstreitigkeiten und dem einen oder anderen Gemotze, sowohl von elterlicher als auch von kindlicher Seite
…sehr vielen Kilometern auf Tschechischen und Deutschen Strassen mit erstaunlich wenig Stau und keiner einzigen Panne und dies, obschon nachbars Auto, mit dem wir unterwegs waren, schon bessere Tage gesehen hat
…einigen sehr erfreulichen Begebnungen mit Menschen, die sich an unseren Knöpfen freuten
…zum Glück nur wenigen negativen Begegnungen mit Menschen, die unsere Knöpfe schrecklich fanden
…zu viel Fastfood, zumindest für Menschen, die eigentlich am liebsten viel Gemüse und dergleichen essen
…sehr viel Eis
…einigen äußerst faulen Tagen, an denen die größte Anstrengung darin bestand, die paar lästigen Wespen loszuwerden und sich ein Glas Wasser in der Küche zu holen
…keinem einzigen Morgen, an dem man vor neun aus den Federn war
…endlosen Kinderfragen zu den Weltkriegen, dem Kalten Krieg und anderen Katastrophen der jüngeren Vergangenheit
…endlosen Kinderfragen im Sinne von „Warum kriege ich diese mit Zuckerperlen gefüllte Nuckelflasche mit der Trillerpfeife dran nicht?“ – Nun  ja, offen gestanden war es keine Frage, sondern ein Tobsuchtanfall mitten im Laden
…sehr vielen gemütlichen Lesestunden
…zu vielen Wiederholungen der immer gleichen Hörspiel-CD

und

… dem Besuch beim ehemaligen Au-Pair  mit Familie, der einfach rundum perfekt und wunderschön war, der aber leider auch dazu führte, dass heute Abend fast alle kleinen Vendittis weinend ins Bett gingen, weil sie „ihr“ Au Pair so sehr vermissen

… sind wir nun wieder da. Eine unglaublich intensive Zeit, zwei Wochen, die sich anfühlen wie ein halbes Jahr, so voll waren sie mit Schönem, Unvergesslichem, aber auch Anstrengendem, was das Familienleben in Ferienzeiten zu bieten hat. Wie immer wird auch diesmal nicht allzu viel Fassbares bleiben, dafür umso mehr Erinnerungen. Ach ja, und dann wäre natürlich noch dies, aber das hat man eben davon, wenn man zwei Wochen lang so tut, als wisse man nicht, was das Wort „Wäscheberg“ bedeutet:

Nun, eigentlich käme jetzt hier ein Bild unseres Wäschebergs, aber mir scheint, der Kerl geniert sich und darum klappt das heute nicht ganz mit dem Bild. Da er nicht kleiner wird, wenn ich hier noch lange herumprobiere, muss meine Leserschaft leider auf das Bild verzichten. Aber ich nehme jetzt mal an, dass 90% meiner Leserschaft einen eigenen Ferienwäscheberg abzutragen hat, also was sitzt ihr eigentlich noch hier…

Es gibt uns noch…

… bloss haben wir es geschafft, uns genau den Winkel Deutschlands für unsere Restferien auszusuchen, der noch nie etwas von Wireless & Handyempfang gehört hat. Nun ja, ich übertreibe mal wieder, das familiemfreundliche Feriendorf verspricht natürlich Internetempfang, wie es sich heutzutage gehört. Zu dumm nur, dass auf fünfzig Ferienwohnungen gerade mal 20 Modems kommen und von denen haben wir natürlich keines abbekommen. Internetcafés gibt’s nicht im Ort und wenn man die grosse weite Welt nicht aus den Augen verlieren möchte – mal kurz Mails und die neueste „Spiegel“-Ausgabe herunterladen und ein paar Zeilen bloggen – muss man bis Regensburg reisen.

Nun könnte man ja gut und gern einmal ein paar Tage ohne meine Gedankenergüsse auskommen und sogar ich habe mich beinahe damit abgefunden, dass ich gezwungenermassen mal eine Woche Kreativpause einlege, aber da gibt es ja noch die Swissmom-Kolumne, die jeweils am 1. des Monats fällig ist und aus mir vollkommen unerklärlichen Gründen habe ich in Prag keine Zeit für diese Kolumne gefunden. Und so kam es, dass wir am Sonntag eiligst nach Regensburg fuhren, damit der Text noch rechtzeitig online geschaltet werden konnte. Offen gestanden war meine Familie nicht gerade begeistert darüber, dass man meinetwegen durch Regensburg hetzen musste, immer auf der Suche nach der besten Internetverbindung.

Immerhin haben wir dabei festgestellt, dass Regensburg eine wunderschöne Stadt ist, so, dass wir heute gleich noch einmal gekommen sind. Und diesmal, das schwöre ich, hat es nichts mit meiner Schreiberei zu tun. Wobei, wo wir schon mal hier sind, kann ich ja gleich….

Ins Schwarze getroffen

Als „Meiner“ und ich im Januar durch Prag spazierten, fielen immer wieder Bemerkungen wie „Das müssten unsere Kinder sehen“ oder „Stell dir bloss vor, wie begeistert sie davon wären“. Wir sahen all die malerischen Winkel, die uns schon bei unseren früheren Besuchen so sehr gefallen hatten, mit den Augen unserer Kinder und das war auch der Grund, weshalb wir uns dazu entschlossen, diesen Sommer mit ihnen hierher zu kommen. Wir konnten es kaum erwarten, ihnen zu zeigen, was uns selber immer wieder aufs Neue begeistert.

Jetzt, wo wir hier sind, zeigt sich, dass wir für einmal voll ins Schwarze getroffen haben. Der Zoowärter wandelt auf den Spuren des kleinen Maulwurfs, Luise shoppt bis zum Umfallen – soll sie doch, ist ja ihr eigenes Erspartes -, Karlsson träumt davon, eine der wunderschönen Geigen aus dem Musikmuseum zu besitzen, der FeuerwehrRitterRömerPirat deckt sich mit Holzwaffen und Schmuck ein und das Prinzchen hat die ganze Stadt zu seinem Abenteuerspielplatz erklärt. Somit sind alle rundum zufrieden, mal abgesehen von dem üblichen Gejammer über müde Füße und „ich will jetzt aber auf der Moldau Ruderboot fahren und nicht mehr länger in dieser langweiligen Synagoge bleiben“. Perfekter können Ferien mit sieben doch ziemlich unterschiedlichen Menschen wohl nicht sein.

Bloss eines haben „Meiner“ und ich nicht in Betracht gezogen, als wir diese Ferienwoche planten: Die Ausdauer, die unsere fünf Knöpfe an den Tag legen. Die ziehen ohne mit der Wimper zu zucken ein zehnstündiges Touristenprogramm durch und wenn wir Eltern danach in der Ferienwohnung erschöpft aufs Sofa plumpsen fragen die Kinder, die eben noch behauptet hatten, sie könnten keinen weiteren Schritt mehr tun: „Was machen wir denn heute Abend? Gehen wir noch auf die Karlsbrücke?“

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Kenne ich die?

„Meiner“ und ich sollten es inzwischen ja schon längst wissen: Es gibt Tage, an denen man mit unseren Kindern nicht auswärts essen sollte. Heute war so ein Tag, aber wir taten es trotzdem. Klar, vier von fünf Kindern waren schrecklich aufgedreht und das fünfte klagte noch immer laut über Bauchschmerzen, wenn auch etwas weniger als gestern. Aber nachdem ich den ganzen Tag mit wirrem Kopf und grummelndem Bauch im Bett verbracht hatte und „Meiner“ sich vom Apotheker – nicht dem gleichen wie gestern – hatte sagen lassen, der FeuerwehrRitterRömerPirat brauche frische Luft, beschlossen wir, auf der Halbinsel Kampa eine böhmische Kartoffelsuppe zu essen. Genau das Richtige für Mägen, die zwar vor Hunger grummeln, aber nicht sicher sind, ob sie das Essen dann auch wirklich behalten wollen.

Nach einigem Suchen fanden wir das perfekte Restaurant: Ein lauschiger Garten, ein Tisch etwas abseits von den anderen Gästen und grossfamilienfreundliche Preise. Nachdem auch noch die Kellnerin voller Bewunderung fragte, ob all diese Kinder aus eigener Produktion stammten, hatten „Meiner“ und ich das Gefühl, dass heute ein Abend werden könnte, an den man noch Jahre später sehnsüchtig zurückdenken würde. „Wisst ihr noch, damals, auf der Halbinsel Kampa, als wir diese köstliche böhmische Kartoffelsuppe aus dem Brot löffelten…“

Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns immer mal wieder an diesen Restaurantbesuch erinnern werden, wenn auch nicht voller Sehnsucht. Es fing damit an, dass der Zoowärter und das Prinzchen unablässig über die Sitzbänke kletterten und dazu einen Riesenlärm veranstalteten. Etwas später meldeten sich die Bauchschmerzen und damit auch das laute Jammern unseres Dritten zurück. Karlsson und Luise stritten sich derweilen, wer den grünen Trinkhalm bekommen sollte.

Dann kam das Esen und jetzt ging es richtig los. Luise verschüttete ihre Erdbeerlimonade über die gebratenen Zwiebelringe, das Prinzchen füllte sich die Windel, der FeuerwehrRitterRömerPirat raste aufs WC und der Zoowärter wollte sich aus dem Staub machen, weil er in nächster Nähe einen Spielplatz vermutete. Derweilen versuchte Karlsson, den griechischen Salat, den er sich mit Luise teilte, in Essig zu ertränken. Aus irgend einem Grund gerieten sich das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat in die Haare, weshalb unser Jüngster seine Sandalen auszog, um sie dem grossen Bruder an den Kopf zu werfen. „Meiner“ schaffte es in letzter Sekunde, das Schlimmste zu verhindern, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat heulte dennoch Rotz und Wasser. Auch der Zoowärter heulte, weshalb weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass ihm vor lauter Heulen das Abendessen wieder hochkam. Ich schaffte es gerade noch, ihm eine leere Schale hinzuhalten, deren Inhalt „Meiner“ mithilfe von zwei – sauberen – Windeln im nahe gelegenen Abfalleimer diskret entsorgen konnte. Danach wollten wir eiligst unsere Rechnung bezahlen und sofort verschwinden. Währenddem wir auf die Kellnerin warteten, stellte der Zoowärter fest, dass er jetzt, wo sein Abendessen in Windeln gewickelt im Abfalleimer lag, wieder hungrig war und da sonst nichts mehr auf dem Tisch war, wollte er sich über die letzten Pommes Frites seines größeren Bruders hermachen. Natürlich liess ihn dieser nicht einfach so gewähren, was zu erneutem Geheul führte.

Als wir uns wenige Minuten später mit unserer Barbarenhorde – mindestens drei davon laut heulend – aus dem Staub machten, glaubte ich, das Schlimmste sei überstanden. Doch was musste ich sehen, als ich mich ungeduldig umwandte, um zu sehen, wo „Meiner“ und die Kinder so lange blieben? Die machten sich doch tatsächlich über den Inhalt eines Abfalleimers her, allen voran „Meiner“, der voller Begeisterung zwei hässliche alte Ledertaschen, die wohl noch die Anfänge des Kommunismus in Prag miterlebt hatten, herauszog. Der Zoowärter tat es seinem Papa gleich und schwenkte bald darauf voller Stolz einen ausgedienten Squash-Schläger.

Als ich das sah, tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich ging so schnell als möglich weiter und tat, als würde ich die da hinten nicht kennen.

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Wie hätte es auch anders sein können?

Das mit der käferfreien Reise hat sich einmal mehr als netter Wunsch herausgestellt. Okay, die meisten von uns haben es zumindest geschafft, den guten alten Noro auf Sparflamme zu halten, aber den FeuerwehrRitterRömerPiraten hat es erwischt wie seit Jahren nich mehr. Das arme Kind verbrachte heute den ganzen Tag entweder schreiend auf dem WC oder dösend im Bett. Und so war heute Morgen eben zuerst die Apotheke dran und nicht der Prager Zoo. Mit Händen und Füssen sowie der Hilfe einer netten Kundin schaffte ich es, dem Apotheker klar zu machen, dass ich leider kein Tschechisch spreche, worauf er seine Englisch sprechende Mitarbeiterin herbeirief, die mir ein paar Medikamente verkaufte, von denen ich hoffe, dass sie gegen Durchfall helfen. Um dies herauszufinden gibt es zwei Möglichkeiten: Beobachten, ob sich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten endlich eine Besserung einstellt, oder aber ganz schnell Tschechisch lernen, damit ich den Beipackzettel verstehen kann. Momentan habe ich den Eindruck, dass ich mit Tschechisch lernen schneller ans Ziel käme, denn von einer Besserung ist weit und breit nichts zu sehen. Ich habe schon mal angefangen, mich nach einem ärztlichen Notfalldienst umzusehen. Und nach einem Tschechisch-Kurs, damit ich den Arzt auch verstehen würde, falls wir einen aufsuchen müssten.

Nun, wenn ein Kind krank ist, kann man nicht gut von allen anderen erwarten, dass sie den ganzen Tag in der Wohnung sitzen, so schön diese auch sein mag. Also doch in den Zoo. Ich ganz alleine mit den vier gesunden Kindern mit U-Bahn und Bus. Zwei von diesen vier Kindern musste ich zuerst mal erklären, was eine U-Bahn ist und ich glaube „Meiner“, der danebenstand und den Rucksack für unseren Ausflug packte, zweifelte einen Moment lang dran, ob er Frau und Kinder je wieder sehen würde, oder ob sie irgendwo zwischen vystúp und nàstup verloren gehen würden.

Wir gingen natürlich nicht verloren. Wie denn, wo doch die Prager U-Bahn übersichtlicher ist als unser Vorratsschrank zu Hause? Und ausserdem verhielten sich unsere Kinder, als hätten sie seit ihrem ersten Lebenstag nichts anderes getan als U-Bahn fahren. Es wurde ein ganz und gar gelungener Familienausflug mit Eis essen, Lieblingstieren anschauen – Eisbären für Karlsson, Flamingos für Luise, Elefanten für den Zoowärter und „Tiger ist sooooooo cool“ für das Prinzchen -, mit einem Besuch beim Baby-Nilpferd, mit einem Riesenkrach, weil wir nicht mit der Sesselbahn fahren konnten, weil der Zoowärter Angst hatte und ich auf dem kleinen Sessel nicht zwei kleine Jungs auf den Schoss hätte nehmen können, mit müden Beinen, sich paarenden Riesenschildkröten – „Mama, findest du doof, was die zwei Schildkröten da machen?“ -, mit Gedränge auf der Rutschbahn und „Nein, Prinzchen, nicht über den Zaun klettern!“. Ein Familienausflug, wie er im Buche steht, wunderschön und anstrengend zugleich.

Ein Familienausflug, den wir unbedingt werden wiederholen müssen. Denn der FeuerwehrRitterRömerPirat will den Zoo ja auch noch sehen. Sobald die Medikamente endlich gewirkt haben und er nicht alle drei Minuten aufs WC rennen muss. So es denn überhaupt Medikamente gegen Durchfall und nicht gegen Verstopfung sind…

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Geht doch

Morgen früh verreisen wir nun endlich auch in die Ferien und jetzt solltet ihr euch bitte irgendwo festhalten, denn das, was ich jetzt schreibe, ist beinahe nicht zu glauben: Wir sind bereit. Nein, nicht bloss im Kopf. Die Koffer sind gepackt – bis auf denjenigen von „Meinem“, aber der musste heute noch Plakate malen – , das Auto ist beladen, die Kühlschränke sind nahezu geräumt und sogar die Reiseunterlagen inklusive gültige Identitätskarten für alle sieben liegen bereit. Ich habe es sogar fertig gebracht, eine Tasche mit Gummistiefeln und Regenjacken zu packen, weil ich irgendwo am Rande mitgekriegt habe, dass es in Prag derzeit auch ziemlich nass sein soll. Mag sein, dass dies in den Augen meiner Leserschaft nichts Besonderes ist, aber ich muss leider darauf hinweisen, dass es so etwas im Hause Venditti seit mindestens sechs Jahren nicht mehr gegeben hat. Ich glaube, mich vage daran erinnern zu können, dass wir das damals, als Karlsson und Luise noch sehr klein waren, auch schon hingekriegt haben, aber spätestens seit der Geburt des FeuerwehrRitterRömerPiraten herrschte ein heilloses Durcheinander wann immer wir verreist sind. Eigentlich erstaunlich, dass wir kaum je etwas zu Hause vergessen haben. Wo doch unsere Reisevorbereitungen eher Fluchtversuchen gleich kamen. 

Aber diesmal ist wirklich alles anders. So anders, dass wir sogar daran gedacht haben, uns die Magen-Darm-Seuche, die wir uns gewöhnlich im Urlaub leisten, in diesem Jahr bereits zu Hause zu geniessen. Ja, ich weiss, das ist nun wirklich ein wenig übertrieben, aber wo wir schon mal am Durchorganisieren waren, haben wir uns gedacht, dass wir das mit der Planung für einmal bis ins kleinste Detail durchziehen sollten.

Johann Sebastian sei Dank

Der gute alte Johann Sebastian ist und bleibt der Beste. Was ich in zwei nervenaufreibenden Stunden nicht hinkriege, schafft er innert Minuten. Nichts half, weder singen, kuscheln noch drohen. Das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten heute Abend einfach keine Ruhe geben und irgendwann war es auch mit meiner Ruhe vorbei, so dass ich nicht mehr ganz die nette Mama war, die ihre Kinder singend in den Schlaf begleitet. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nur noch lauthals schimpfen konnte, sogar mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der den ganzen Tag fiebernd auf dem Sofa gelegen hatte und dennoch abends so lieb war, mich bei meinen erfolglosen Versuchen, die zwei Jüngsten zum Schweigen zu bringen, zu unterstützen.

Ich war schon fast den Tränen nahe, weil es mal wieder ganz klar darauf hinauslief, dass ich erst die ganz böse Mama würde spielen müssen, ehe die übermüdeten Kinder endlich schlafen würden. Da hatte ich den rettenden Einfall, es mal wieder mit Johann Sebastian zu versuchen. Und siehe da, der alte Knabe hat unsere Söhne noch immer bestens im Griff. Kaum erklangen die ersten Takte, hörte das Prinzchen auf, mich mit kleinen, fiesen Schubsern zu provozieren, fünf Minuten später lag sein Kopf friedlich auf meinem Schoss und bald schon schlief er tief und fest. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat liess nur noch einen tiefen Seufzer hören, dann liess auch er sich von der Musik in den Schlaf lullen. Der Zoowärter brauchte etwas länger als seine zwei Brüder, was wenig verwunderlich ist, wo er doch heute Abend einer der drei Chipmunks war und meines Wissens sind die nicht wegen ihres phlegmatischen Wesens berühmt geworden. Aber auch der kleine Chipmunk wurde deutlich ruhiger und schon bald einmal verkündete er, er werde sich jetzt in seine Chipmunk-Höhle zurückziehen um tief und fest zu schlafen. 

Es gibt viele gute Gründe, Johann Sebastian zu verehren, in meinen Augen aber ist seine grösste Leistung eindeutig die, dass er es fertig bringt, unsere aufgedrehten Söhne abends zu beruhigen. Nun ja, eigentlich gibt es etwas, wofür ich ihn fast noch ein wenig mehr verehre: Er schafft es, auch mich wieder zu beruhigen, nachdem die aufgedrehten Söhne mich mal wieder zur Weissglut getrieben haben. Und glaubt mir, wenn ich mich mal aufrege, bin ich gar nicht so leicht zu beruhigen und deswegen bitte ich euch, dem guten alten Herrn Bach einen tosenden Applaus zu geben.