Fröstel

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind meine Lieblingstage. Es sind die Tage, an denen der Kalender so leer ist, dass scheinbar unendlich viel Zeit bleibt, um bis Mittag im Pyjama herumzulümmeln, heisse Schokolade zu trinken, zu lesen, zu dösen, mit den Kindern zu spielen, die unzähligen ungelesenen Zeitschriften durchzublättern und seichte romantische Komödien zu schauen. Das Haus verlässt man nur, um Vorräte einzukaufen oder um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Sollte einem das Leben mit den eigenen Lieben zu langweilig werden, lädt man eben andere Liebe zum Brunch ein. Oder vielleicht auch zu Kaffee und Kuchen, Hauptsache kein aufwendiges Menü.

Einfach herrlich, diese faulen Tage. Zumindest, wenn die Heizung mitspielt. Wenn die Heizung nicht mitspielt, dann verbringt man die eine Hälfte des Tages fröstelnd im Heizkeller, wo man verzweifelt nach der Ursache für die Störung sucht, die andere Hälfte des Tages sitzt man schlotternd mit einer bereits wieder abgekühlten Tasse Tee da und wartet auf den Anruf des Heizungsmonteurs. Weil weder Decken noch warme Socken noch heisse Getränke so richtig gegen die Kälte helfen, rafft man sich irgendwann dazu auf, das Unvermeidliche zu tun: Man fängt an zu putzen. Das ist zwar eine Tätigkeit, die für die Tage zwischen den Feiertagen nicht vorgesehen ist, aber immerhin wird einem dabei etwas wärmer.

Ach ja, irgendwann gegen Abend taucht dann der Monteur endlich auf und bringt die Heizung wieder in Schwung. Exakt auf den Zeitpunkt, an dem sie auf Nachtbetrieb umstellt und nur noch ganz sparsam ein wenig Wärme von sich gibt. Auf dass das fröhliche Frösteln noch etwas weitergehe…

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Prinzchens Grosseinkauf

Ein sehr überdrehtes Prinzchen und eine sehr übermüdete Mama gehen am Donnerstagabend eine knappe Stunde vor Ladenschluss einkaufen. Hauptziel dieses Einkaufs: Das Prinzchen so richtig müde zu machen, damit der Feierabend endlich kommen kann. Weitere Ziele: Den ziemlich leeren Kühlschrank wieder auffüllen, Koffeinnachschub besorgen, den einen oder anderen kleinen Frustkauf tätigen, weil das Leben gerade so anstrengend ist. Nun ja, das zumindest sind die Ziele aus mütterlicher Sicht, diejenigen des Prinzchens sehen etwas anders aus: Möglichst alles, was Mama sonst nie kauft, in den Einkaufswagen schmuggeln, dabei alles ohne Mamas Hilfe schaffen und so ganz nebenbei noch all die „Ach, ist der Kleine aber süss“-Kommentare  ernten, die es so kurz vor Feierabend noch zu holen gibt. Dreimal raten, wer seine Ziele zuerst erreicht hat…

Man muss aber auch sagen, dass das Prinzchen alles gegeben hat und seinen Sieg voll und ganz verdient hat. Das soll ihm zuerst mal einer nachmachen, wie er wagemutig vom Einkaufswagen auf den Rand des Kühlers kletterte und mich dabei konstant beschwatzte, bis ich ihm seufzend erlaubte, die Vanille- und Schokoladencrème, zu der er sich so hartnäckig hochgekämpft hatte, in den Wagen zu legen. Seine Parodie auf sämtliche einkaufenden Mamas war schon nahezu bühnenreif. Da stand der Dreikäsehoch vor dem Wurstregal und brummte: „Wurst haben wir auch keine mehr. Dann nehmen wir doch die und dann noch die…“ Ich weiss nicht, wann wir zuletzt so viel Wurst gekauft haben, aber kann man denn einem, der mit so viel Eifer bei der Sache ist, die Wurst verbieten? Und dann erst sein Versuch, aus der ganzen Spielwarenauslage das perfekte Geschenk für jeden herauszupicken: „Das hier wünsche ich mir und das auch und das auch und das auch, nein, das nicht, das wünscht sich bestimmt Luise, aber das wünsche ich mir und das und das und das wünscht sich der Zoowärter und ich natürlich auch und der FeuerwehrRitterRömerPirat auch und das wünsche ich mir und das auch noch und das ist für Karlsson und das für mich und das auch für mich und das auch noch…“ Damit zauberte er auch noch der griesgrämigsten, abgekämpftesten und ungeduldigsten Hausfrau, die an diesem trüben Donnerstagabend ihren Einkauf so schnell als möglich hinter sich bringen wollte, ein Lächeln ins Gesicht. Also auch seiner eigenen Mutter…

 

Der Zeit voraus

Okay, in unserer Wohnung herrscht wie immer das pure Chaos, die Weihnachtsguetzli sind noch immer nicht gebacken und auch die Sommerkleider sind noch längst nicht weggeräumt, aber zumindest in einer Sache habe ich in diesem Jahr die Nase vorn: Die Weihnachtsgeschenke für unsere Kinder sind eingepackt. Gewöhnlich erledige ich dies irgendwann zwischen Tannenbaumschmücken und dem Rühren der Morchelsauce am Weihnachtstag und ich stelle mir die Frage, ob sich das überhaupt noch lohnt, wo das Papier ohnehin in einer halben Stunde zerfetzt wird. In diesem Jahr aber warten alle Geschenke perfekt verpackt auf ihren grossen Tag.

Selbstverständlich gibt es einen guten Grund dafür, denn gewöhnlich renne ich dem Leben hinterher und versuche verzweifelt, es an seinem Rockzipfel zu erwischen. Vorsprung auf die Pflichten des Alltags kommt äußerst selten vor, wie man an unserem Haushalt auf den ersten Blick erkennt. Dass die Geschenke bereits verpackt sind, war reine Notwehr. Das Prinzchen und der Zoowärter spürten nämlich jedes einzelne Geschenklein auf und was nicht weihnächtlich verpackt war, wurde zum Inventar des Spielzimmers erklärt und zum Spielen eingesetzt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alles so schnell wie möglich zu verpacken und damit auch für einen Dreijährigen unmissverständlich als Weihnachtsgeschenk zu deklarieren. Wenn es mir jetzt noch gelingt, die Katzen von dem verlockend raschelnden Papier fern zu halten, dann kann ich zumindest mal in einem Bereich so tun, als wäre ich bestens auf das Fest der Feste vorbereitet.

Es braucht ja keiner zu wissen, dass die Geschenke für Gotten und Göttis noch nicht mal angefangen sind…

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Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.

 

Was haben wir jetzt wieder falsch gemacht?

Die Idee war doch eigentlich brillant: Um das ewige Gezanke beim samstäglichen Putzen und Aufräumen zu umgehen, erklärten „Meiner“ und ich die zu putzende Etage zur kinderfreien Zone. „Nach dem Frühstück wollen wir euch zwei Stunden lang nicht mehr hier unten sehen“, verkündete ich. „Ihr habt absolutes Aufräumverbot, zumindest hier unten und eure Zimmer müssen einfach bis am Abend fertig sein, es ist mir egal, wann ihr euch an die Arbeit macht.“ Ist doch unglaublich nett und grosszügig, so ein Vorschlag, nicht wahr? Das Sahnehäubchen obendrauf war, dass ich Lieblingsessen kochte und Lieblingsessen heisst bei uns nicht Dosenravioli mit Ofenfrites, sondern Gemüsecurry mit frischem Naan, also ziemlich aufwändig. Damit hatten „Meiner“ und ich unser Möglichstes an Entgegenkommen gezeigt.

Und trotzdem gab es Zoff. Der Zoowärter wollte die kinderfreie Zone partout nicht verlassen, mochten wir noch so oft mit dem Staubsauger um ihn herumkurven. Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schlugen sich oben die Köpfe ein – man munkelt von einer Klobürste, die dabei zum Einsatz kam – und standen alle paar Minuten heulend in der Küche. Das Prinzchen wollte nach langer Zeit wieder einmal freiwillig baden, was natürlich nicht zu meinem Plan, die Badewanne gründlich zu putzen, passte. Und ausserdem befand er sich ebenfalls in der kinderfreien Zone, was der arme Kleine natürlich überhaupt nicht verstehen konnte. Einzig Karlsson hielt sich an unsere Abmachung und liess sich kaum einmal blicken. Doch leider stellte sich später heraus, dass er massgeblich an dem Gezanke zwischen Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beteiligt gewesen war. Also war auch er mit Schuld daran, dass aus unserer Vorstellung vom fröhlichen Haushalten nichts wurde. Als dann auch noch das Lieblingsessen von einigen unserer lieben Kinderlein mit Verachtung gestraft wurde, da konnte ich nicht mehr anders als sehr tief zu seufzen und zu fragen: „Wie weit muss man euch denn noch entgegenkommen, damit so ein Samstag endlich einmal halbwegs erträglich wird?“

Natürlich bekam ich keine Antwort auf meine verzweifelte Frage, aber immerhin murmelten alle betreten ihr“ Tschuldigung, Mama“. Na, dann freue ich mich doch schon auf den kommenden Samstag. Mal sehen, mit welchem Versuch wir dann scheitern werden.

Nur ein Viertelstündchen

„Nur ein Viertelstündchen“, seufzte ich, als ich mich heute nach dem allmorgendlichen „Nun zieht euch doch endlich die Schuhe an und macht, dass ihr rechtzeitig zur Schule kommt“-Ritual aufs Sofa legte. Aus dem Viertelstündchen wurden zwei, dann drei und schliesslich, als die Kirchturmuhr elf schlug, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich den ganzen Vormittag verschlafen hatte, währenddem das Prinzchen friedlich an meiner Seite spielte. „Mist, so etwas darf doch einfach nicht vorkommen“, meldete sich sogleich mein Gewissen zu Wort. „Dein armer Herr Gemahl rackert sich in der Schule ab, deine Kinder brüten über Rechenaufgaben, im Küchentrog stapelt sich das Frühstücksgeschirr und was tust du? Du pennst, als hättest du nichts Besseres zu tun.“ Zerknirscht wollte ich vom Sofa aufspringen und mich sogleich in der Küche zu schaffen machen, da meldete sich eine andere Stimme zu Wort: „Hör mal, mein gutes altes Gewissen“, sagte die Stimme, „ich bin von der Gewerkschaft und ich muss dir leider sagen, dass das, was die gute Frau heute Morgen getan hat, schon längst überfällig war. Endlich macht sie sich daran, die Überstunden abzubauen, die sie in den vergangenen Jahren angehäuft hat.“ „Welche Überstunden denn?“, fragte ich verdutzt und mein Gewissen lachte höhnisch: „Überstunden? Wir sind doch hier nicht in einem Betrieb. Die Frau hat Kinder gewollt, sie hat sich dazu bereit erklärt, einen Haushalt zu führen, also ist das, was sie hier zu tun hat, nichts weiter als ihre heilige Pflicht, ihre Berufung sozusagen. Wo kämen wir denn hin, wenn all die Mütter nun auch noch anfangen würden mit dem Geschwätz von fairen Arbeitsbedingungen, dreizehntem Monatslohn und Kompensation von Überstunden?“ „Nun, ich würde sagen, wir kämen ein ganzes Stück weiter. Überleg dir doch mal, wie oft so eine Mutter anstelle der vorgesehenen acht Stunden am Tag geschlagene sechzehn Stunden im Einsatz ist, oft gänzlich ohne Pause und selbstverständlich ohne Lohn. Es ist also höchste Zeit, dass wir die Kompensation der Überstunden in Angriff nehmen, sonst streikt die gute Frau eines Tages und was machen wir dann?“ „Ha! Als ob sie nicht schon längst streiken würde!“, ereiferte sich mein Gewissen. „Eben erst war sie im Ländli, den Sonntagnachmittag hat sie auch schon verpennt und glaub mir, wenn sie nicht ins Schwimmbad gefahren wäre mit den Kindern, sie hätte auch gestern Nachmittag nichts Anständiges zustande gebracht. Wenn diese Frau sich nicht endlich wieder aufrafft, dann laufen hier die Dinge noch ganz aus dem Ruder.“ 

Ob diesem Gekeife wurde ich allmählich wieder wach genug, um die zwei zum Schweigen zu bringen. „Hört mal“, sagte ich, „ihr habt ja beide ein Stück weit Recht. Klar muss ich mich wieder etwas mehr am Riemen reissen, denn immerhin bin ich noch Teilzeit-Hausfrau und kann nicht einfach den ganzen Kram auf ‚Meinen‘ und die Putzfrau abwälzen. Aber ich wage zu behaupten, dass nach all den durchwachten Nächten ein paar zusätzliche Stunden Schlaf noch nicht als Todsünde gelten.“ Und zu mir selber sagte ich: „Zm Glück hast du viele Kinder. Bei Kind Nummer eins hättest du es noch nie und nimmer fertiggebracht, einfach so einen Vormittag zu verschlafen, egal wie kurz die Nacht zuvor war. Jetzt hingegen kannst du das nicht bloss, du musst es. Zumindest hin und wieder…“

 

Wie weiter?

Schon beim Frühstück fällt es mir auf: Die anderen sitzen gelassen am Tisch und geniessen den sonnigen Morgen, die Bewegungen sind langsam und bedächtig, was längst nicht bei allen am Alter liegt. Ich hingegen kann kaum stillsitzen, schlinge mein Brot zu schnell herunter, stehe so hastig auf, dass ich beinahe das verletzte Bein der Tischnachbarin überrenne. Und kaum habe ich den letzten Bissen hinuntergeschluckt, bin ich auch schon wieder auf dem Sprung.

Als ich wenig später nach dem Saunagang im Ruheraum liege, wird es noch deutlicher: Nach fünf Minuten im Liegestuhl habe ich das Gefühl, eine Ewigkeit schon dort zu liegen und ich überlege mir krampfhaft, was ich denn sonst noch tun könnte, denn zurück in die Sauna geht noch nicht, mein Körper braucht eine längere Ruhezeit.

Noch einmal später, als ich entspannt im warmen Wasser treibe, lasse ich mir noch einmal den gestrigen Tag durch den Kopf gehen. Es war ein einziges Gehetze vom Morgen bis zum Abend und dann, im Ländli angekommen, nur noch ein Gedanke: So schnell wie möglich schlafen. Nicht einmal mehr lesen oder in den Whirlpool sitzen. Die Auszeit hier wird gerade mal knapp ausreichen, damit ich mich vom gestrigen und vielleicht noch vom vorgestrigen Gehetze erholen kann. Aber es gab viel Gehetze in den vergangenen Wochen und zu Hause geht das Leben wieder weiter wie zuvor. Wie lange müsste eine Auszeit denn sein, damit ich wieder den Nerv habe für das, was ich „mein“ Leben nenne?

Wie ich so dahintreibe und die Schwerelosigkeit im Wasser geniesse, wird eines immer klarer: Ich kann so nicht weitermachen, ich will so nicht weitermachen.

Aber wie denn sonst?

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To do

– Den Schlüssel der Vorratskammer verstecken, damit die Kinder nicht mehr hinter die Schokolade gehen.
– Ein Schlüsselversteck finden, das zwar kindersicher ist, aber nicht so sicher, dass „Meiner“ und ich den Schlüssel nicht mehr finden können.
– Mehr Ruhe ins Familienleben bringen.
– Endlich einen Kurs im Neinsagen besuchen.
– Dem Prinzchen die Windeln abgewöhnen.
– Leberpastete für Karlssons Geburtstag zubereiten.
– Diese fiese Erkältung auskurieren und zwar wenn möglich in den nächsten zehn Stunden.
– Eine Sammlung anlegen für alle Absurditäten des Lebens, über die erst in zehn Jahren gebloggt werden darf, wenn die Leute, die sich im Text wieder erkennen würden, schon längst vergessen haben, dass sie mir je begegnet sind.
– Herausfinden, ob ich das, was ich will, wirklich will, oder ob ich nur glaube, es wollen zu müssen, weil andere wollen, dass ich will.
– Endlich mit dem Entspannungstraining anfangen, damit ich am Freitag fit bin für den Entspannungsmarathon: 72 Stunden im Ländli, ganz für mich alleine. Eine echte Herausforderung.
– Die Küchenkombination gründlich putzen.
– Adventskalender vorbereiten.
– Dem Zoowärter beibringen, dass das elterliche Budget für Weihnachtswünsche beschränkt ist.
– Ein Ausrede überlegen, weshalb ich auch diesen Winter keine Skiferien machen will und wir das Geld lieber für eine Reise im Sommer sparen wollen.
– Die letzten Blumenzwiebeln setzen und endlich diese Kürbislaternen entsorgen.
– Schlafen und zwar sofort! Auch wenn das Prinzchen, das vor einer Stunde wieder aufgewacht ist, gerade einen Kreativitätsschub hat und mir Autos, Garagen und Kanonen malen will. Und das alles in rosarot.

War das wirklich so?

Das Leben in der Grossfamilie bringt ans Licht, wer du wirklich bist. Bei mir zum Beispiel stellte sich heraus, dass das mit dem Perfektionismus wohl reines Wunschdenken war. Damals, als mein Leben noch überschaubar war – Mann, ein Kind, vier Zimmer und ein Halbtagsjob – war es ja noch einfach, so zu tun als ob. Die Küchenkombination stets perfekt poliert, so dass sogar meine Mutter neidisch wurde, die  ganze Putzerei an einem halben Tag pro Woche erledigt, der Schreibtisch im Büro perfekt aufgeräumt, die Stifte in Reih und Glied schön rechtwinklig zum Notizblock. Natürlich auch immer sauber angezogen, das Kind nie mit voller Windel unterwegs, der Wocheneinkauf wurde en famille erledigt. „Was meinst du, wollen wir diese Woche mal wieder Kürbis essen, oder hast du eher Lust auf Blaukraut?“ Perfekter habe ich meinen Alltag nie hingekriegt als damals.

Heute, wo alles so anders ist als damals, kommt mir das alles nicht vor, wie ein längst vergangener Abschnitt meines Lebens, sondern wie eine Szene aus einem Film, den ich mal gesehen habe und dessen Titel mir entfallen ist. Hatten wir tatsächlich mal ein Zimmer, das nur zum Teetrinken und Gäste bewirten gebraucht wurde? Ist es wahr, dass wir die Teedosen damals einfach so herumstehen lassen konnten, weil keiner den gesamten Inhalt auf den Teppich verteilte? Gab es wirklich mal eine Zeit in unserem Familienleben, als ich zu jeder Zeit unangemeldeten Besuch empfangen konnte, ohne verschämt darauf hinzuweisen, dass ich zwar eben erst aufgeräumt hätte, dass man davon aber bereits nichts mehr sehe? Und habe ich damals allen Ernstes geglaubt, ich sei eine Perfektionistin?

Nein, eine Perfektionistin bin ich nicht, soviel ist inzwischen klar geworden. Gut, solange keiner da ist, der mir ständig alles durcheinander bringt, gelingt es mir ganz gut, dafür zu sorgen, dass jedes Ding seinen Platz hat und ich bringe es gar fertig, meine Zeit sinnvoll einzuteilen. Ziehen aber die anderen nicht mit, oder schlimmer noch, zerstören die anderen laufend das, was ich verzweifelt aufzubauen versuche, dann kommt ans Licht, was ich wirklich bin: Ein Grossfamilienkind, das nie gelernt hat, Ordnung zu halten und das deshalb umso verzweifelter einen Halt in einem aufgesetzten Perfektionismus sucht, der aber nicht tief genug verankert ist, um auch die heftigsten Alltagsstürme zu überstehen. Was nun? Das Ganze mit einem „ich brauche eben mein kreatives Chaos, um glücklich zu sein“ abtun, oder weiterhin versuchen, wenigstens einen Ansatz von dem, was einmal war, in unseren Alltag hinüberzuretten? Der Entscheid ist noch offen und vielleicht fällt er auch erst dann, wenn bei uns zu Hause das Chromstahl wieder poliert ist, die Stifte wieder in Reih und Glied auf dem Schreibtisch liegen und die Teedosen wieder herumstehen dürfen, wo sie wollen, weil keiner mehr etwas auskippt. Obschon ich mir nicht so sicher bin, ob ich mir diesen Zustand zurückwünschen soll.

 

Zurück an den Herd, aber schnell

Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“

Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch  etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…

Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…

Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.