Umfrage

Das ist doch einfach gemein. Da ist man sozusagen seit Geburt eine AKW-Gegnerin und wer darf in der Telefonumfrage zum Thema Stellung beziehen? "Meiner" natürlich. Nun ja, auch er hat selbstverständlich in den letzten Jahren eine dezidierte Haltung gegen Atomkraftwerke eingenommen. Musste er auch, sonst wäre der tägliche Ehekrach programmiert. Auch er ist letztes Jahr mitgekommen, als wir mit Kind und Kegel nach Bern zur Demo gefahren sind.

Aber hatte er vielleicht in seiner Kindheit einen "Atomkraft? – Nein, danke!"-Kleber auf dem elterlichen "Döschwo" kleben? Natürlich nicht. Seine Eltern hatten ja gar keinen "Döschwo". Haben sich seine Eltern etwa über die Nagra-Probebohrungen für das Endlager direkt hinter dem Haus geärgert? Warum auch? Hinter ihrem Haus wurde auch gar nicht gebohrt. Bestaunte er etwa stundenlang das Bild vom Turmbau zu Babel, auf dem der Turm zum Kühlturm mutiert war? Wohl kaum, denn bei ihm zu Hause lagen die atomkritischen Schriften ja nicht fast täglich im Briefkasten. 
Man sollte doch meinen, dass sie bei einer Umfrage froh sind um Leute, die ihre Meinung schon mit der Muttermilch eingeflösst bekommen haben. Aber nein, sie fragen lieber einen, der erst im Laufe der Jahre zur weisen Einsicht gelangt ist, dass mit der Atomkraft etwas nicht stimmen kann. Es bleibt einem also nur, den lieben Mann zu coachen. Heftig zu nicken, wenn er ja sagen soll. Noch heftiger den Kopf zu schütteln, wenn er nein sagen soll. Man weiss ja schliesslich, wie das ist mit diesen Umfragen. Da drehen und wenden sie die Fragen so geschickt, dass man ja sagt, wenn man eigentlich nein meint und umgekehrt. Und da ist es doch immer hilfreich, eine AKW-Gegnerin der ersten Stunde zur Seite zu haben.  

Wer seid Ihr, mein Herr?

Begegnungen mit Menschen, die man nicht regelmässig sieht, sind in diesen Tagen einfach nur peinlich. Da gehst du ahnungslos einkaufen, siehst ein bekanntes Gesicht und schon steckst du mitten im Schlamassel. Dein Gehirn versucht, die Checkliste durchzuarbeiten. a) Kenne ich die Person persönlich, oder habe ich sie neulich in der Zeitung gesehen? b) Wenn ich sie persönlich kenne, ist es jemand, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und ich kann davon ausgehen, dass die Person nicht mehr kennt? Oder ist es jemand, den ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal getroffen habe? c) Von wo kenne ich die Person überhaupt? In welche Schublade muss ich sie stecken? d) Wie um Himmels Willen heisst die Person?

Gewöhnlich liefert das Gehirn die Antworten innert Sekundenbruchteilen. Aber was ist schon gewöhnlich, wenn man am Ende der fünften Schwangerschaft steht? Deshalb laufen solche unverhofften Begegnungen etwa folgendermassen ab.
Fremde: „Hallo Tamar!“
Mist, die Person kennt meinen Namen. Also müsste ich ihren auch kennen. Aber ich habe keinen blassen Schimmer. Es bleibt also nur Eines: Flucht nach vorn.
Ich: „Äh, hallo. Hör mal, es ist mir furchtbar peinlich. Ich weiss, dass ich dich kennen sollte, aber ich habe keine Ahnung, woher und wie du heisst. Passiert mir in letzter Zeit öfters.“
Fremde: „Kein Problem. Ich bin die Mirjam (Namen geändert), die Mama von Vanessa. Wir kennen uns vom Turnen.“
Turnen? Stimmt, das habe ich mal geleitet. Ist schon eine Ewigkeit her, also genauer gesagt, drei Monate. Wer kann  da noch an alles im Kopf beahlten?
Ich: „Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Die kleine Vanessa, natürlich!“
Fremde: „Sag mal, du bist nicht zufällig schwanger. Dann vergisst man doch alles, oder?“
Schwanger? Natürlich, doch das kannst du ja nicht wissen. Ich bin ja auch erst im neunten Monat und gleich platzt mir die Fruchtblase. Doch das sieht man mir ja nicht an.
Der Rest des Gesprächs verläuft normal und man kann bloss hoffen, dass man es nicht vergessen hat, bis man der Person das nächste Mal über den Weg läuft. „Wochenbettdemenz“ hat neulich jemand diesen Zustand genannt. Ein schönes Wort, oder? Zu dumm nur, dass das Wochenbett noch gar nicht angefangen hat. Erfahrungsgemäss wird die Sache nur noch schlimmer in der Stillzeit. Das kann ja heiter werden. Wer wisen will, wie die Zukunft aussieht, lese nach bei „Asterix – Der Kampf der Häuptlinge“.
„Wer seid Ihr, mein Herr? Und wer ist dieser Miraculix, von dem Ihr dauernd redet?“

Handwerker

Es ist zum Heulen. Da ist die Welt auf die Grösse der eigenen vier Wände geschrumpft, und jetzt bröckelt einem erst noch der Küchenboden unter den Füssen weg. Und dies ausgerechnet jetzt, wo man sich mit dem Gewicht eines mittelgrossen Elefanten durch die Wohnung wälzt.

Was genau passiert ist, weiss niemand. Vor etwa drei Wochen entdeckte die Putzfrau, dass der Abfluss in der Küche tropft. Sie beseitigt die Sauerei und man denkt, die Sache sei erledigt. Ein paar Tage später teilt die Mieterin mit, bei ihnen habe es Wasserflecken an der Decke. Die können nur von der Küche obendran kommen. Und tatsächlich, das Wasser tropft wieder. Der Schaden wird behoben. Doch plötzlich weisen die Bodenplatten in der Küche verdächtige Sprünge auf. Irgend etwas stimmt hier gar nicht mehr.
Schuld daran ist natürlich niemand. Der Sanitärinstallatuer hat selbstverständlich alles richtig gemacht, obschon man schon öfters bemerkt hat, dass er es mit den Dichtungsringen nicht so genau nimmt. Dann war’s vielleicht der Küchenbauer. Welcher Küchenbauer? Die Küche ist doch einfach so aus dem Boden gewachsen. Zumindest könnte man dies glauben, denn der Küchenbauer bequemt sich nicht einmal, Anfragen zu beantworten, wenn man ihm ein Problem meldet. Also ist vielleicht der Plattenleger Schuld? Das lässt sich leider nicht mehr überprüfen, denn dieser hat, wie sich später herausstellte, im Auftrag des Malers schwarz gearbeitet und ist inzwischen über alle Berge. Und der Maler hat vor einiger Zeit Konkurs angemeldet. 
Bleibt zu hoffen, dass der Küchenboden hält, bis endlich ein Fachmann gefunden ist, der gewillt ist, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn dabei ein Schuldiger gefunden werden könnte. 

Schund

Es kommt ja zuweilen vor, dass man bei der Auswahl eines Buches so richtig daneben greift. Man liest den Klappentext und denkt, man habe eine gute Wahl getroffen, doch dann, bei der Lektüre merkt man, dass das Oeuvre der reinste Schund ist. Was tun? Man kann ein Buch nicht ungelesen weglegen, und sei es noch so schlecht. Im Büchergestell will man das Ding aber auch nicht aufbewahren. Es könnte ja sein, dass mal jemand darin stöbert und einen völlig falschen Eindruck von einem bekommt, bloss weil sich da und dort Schund eingeschlichen hat. Es bleibt nur eine Lösung: Die Lektüre so schnell als möglich hinter sich bringen und ab ins Altpapier damit. Bei der nächsten Papiersammlung wird das Buch diskret zwischen "NZZ am Sonntag" und einer alten Ausgabe des "Spiegels" versteckt und die Sache ist vergessen. An den seichten Inhalt kann man sich bis dahin ohnehin nicht mehr erinnern. 

So war das zumindest, bevor Amazon erfunden wurde. Es ist ja eigentlich ganz angenehm, online mal schnell ein paar Bücher zu besorgen. Aber müssen einen die Kerle wirklich bei jedem Einkauf an sämtliche Fehlgriffe der Vergangenheit erinnern? Kaum hat man sich eingeloggt, werden einem die neusten Vorschläge, genau auf die bisherigen Einkäufe abgestimmt, präsentiert. Und wehe, du hast nur einmal Schund bestellt! Noch fünf Jahre später werden dir weder Klassiker noch Kochbücher noch intelligente Kinderbücher vorgeschlagen. Nur noch Schund, Schund und nochmals Schund. Bleibt zu hoffen, dass nie einer dein Passwort knackt. Denn würde er deine Amazon-Vorschläge sehen, dein Ruf wäre für immer ruiniert. 

Performance

Stimme 1: "Ausgang, Ausgang, Ausgang, Ausgang, Ausgang, Ausgang,…" Stimme 2, setzt leise ein, wird dann lauter: "Ausgang, Ausgang, Ausgang,…". Stimme 3, laut: "Ausgang, Ausgang, Ausgang, …" Stimme 1, sehr laut "Untergang!". Stimmen 2 und 3, als Echo "Untergang, Untergang." Stimme 1: "Ausgang, Ausgang, Ausgang, Ausgang,…". Stimme 2, schreiend: "Übergang!". usw.

Wie lange die Performance dauerte, lässt sich schwer sagen. Auf jeden Fall war sie sehr inspirierend. Leider wird uns der tiefere Sinn des Ganzen auf immer verschlossen bleiben. Die Akteure waren für ein nachträgliches Interview leider nicht mehr ereichbar, da sie sich, kaum von der Bühne verschwunden, in ihre Betten zurückzogen. Eine Widerholung des Auftritts am Küchentisch ist ausgeschlossen. Welcher Künstler tritt denn schon zweimal am selben Ort vor dem gleichen spärlichen Publikum auf?

Grrrrrrrrrrrrrrr

"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?

Die Krankenkassen unterstützen diese Ungerechtigkeit noch. Da nützt kein Arztzeugnis, kein ausführlicher Bericht. Erst wenn die Mutter zusammengebrochen ist, wird bezahlt. Man sei nicht zuständig für sozial belastende Situationen, heisst es so schön. Und die Mutter darf sich weiter den Rücken ruinieren, bis er dereinst so kaputt sein wird, dass er die Krankenkasse einiges mehr kosten wird, als die paar Wochen Haushalthilfe. 

Nun, für Gerechtigkeit in diesen Belangen ist es wohl etwas zu früh. Da müssen erst noch ein paar Brangelina-Babies her, bevor sich die Gesellschaft wieder daran gewöhnt, dass Mutterschaft ein Knochenjob sein kann. Bis dahin soll sich bloss niemand wundern, dass die realen Mütter wenig gemeinsam haben mit den strahlenden Frauen in der Werbung. 

Aufklärung

Das war mal wieder ein Tischgespräch heute. „Können Vierzehnjährige schon Kinder bekommen?“, will die Fünfjährige wissen. „Ja.“ „Wie? Wenn sie Tabletten schlucken?“ Auftritt grosser Bruder: „Nein, weisst du, da steckt ein Mann sein Schnäbi in die Frau und dann drückt er die Samen heraus und dann gibt es ein Baby.“ Nun ja, für einen Siebenjährigen keine schlechte Antwort, oder? Doch die Schwester versteht noch nicht so recht und fragt, ob sie Mama und Papa nicht einmal zuschauen dürfe. Das wiederum findet der grosse Bruder völlig daneben, denn wer keine Kinder mehr will, macht sowas auch nicht mehr, oder? 

Und damit wären wir beim Thema Unterbindung angelangt. „Hat sich der Papa schon die Adern durchschneiden lassen, damit ihr kein Baby mehr bekommt?“, will der Älteste wissen. Nun gilt es zu erklären, dass man bei der Sterilisation nicht die Adern, sondern die Samenleiter durchschneidet. Und zwar möglichst so, dass man icht auch noch beim Thema Suizid hängen bleibt. Man muss den Kindern ja nicht alles aufs Mal auftischen. Aber als verantwortungsvolle Eltern müssen wir natürlich auch verhindern, dass unser Sohn demnächst auf dem Schulhof erzählt, sein Papa habe sich die Adern durchgeschnitten, damit er keine weitern Kinder mehr bekomme. Nur weil er kein weiteres Leben mehr zeugen will, heisst das ja noch lange nicht, dass ihm das Leben verleidet ist.

So läuft das Geschäft

Manchmal wundern sich die Leute, warum in kleineren Gemeinden die Läden sterben. Nach einem kurzen Gang duch unser Dorf wundert einem gar nichts mehr. Da sind zum Beispiel bei der vor wenigen Monaten eröffneten Bäckerei die Rolläden geschlossen. Ein Zettel an der Tür informiert die Kundschaft: "Das Geschäft ist geschlossen. Grund: Die Maschinen sind defekt". Und dies seit mindestens zwei Wochen. Einen Monteur, der die Maschinen wieder in Gang bringt, sieht man nie. 

Gegenüber hat vor kurzer Zeit mal wieder jemand einen Neuanfang gewagt. Eine Frau bietet "Mani -und Peedicure" an. Da fragt man sich schon, wie kompetent die Dame ist, wenn sie noch nicht mal ihre Berufsbezeichnung korrekt schreiben kann. Nebenan hat der Wirt "SPecial Bier" im Sonderangebot und man überlegt sich, ob auch Nicht-Sozialdemokraten das Bier trinken dürfen, oder ob Grüne, Bürgerliche und die noch weiter rechts durstig bleiben müssen. Den Schlusspunkt des kleinen Rundgangs bildet der Club, der samstags jeweils zur "After-Shoping-Party". Zwar weiss kein Mensch was "shoping" sein soll, aber vielleicht bleibt doch von Zeit zu Zeit einer hängen, der ganz geschafft vom Shopping nach Hause kommt. 

Freizeit

Was tut man eigentlich, wenn man plötzlich drei freie Tage zur Verfügung hat? Was hat man getan, als Freizeit noch etwas völlig Alltägliches war? Kann man so etwas Banales wie freie Zeit zu geniessen überhaupt verlernen?

Jawohl. Man kann. Man begleitet die Familie zum Bahnhof, hilft beim Einsteigen in den Zug und weg sind sie. Drei von vier Kindern vergiessen nicht einmal Tränen. Selber muss man sich zurückhalten, um nicht schon auf dem Bahnsteig loszuheulen. Auf dem Heimweg fasst man den mutigen Entschluss, die nächsten drei Tage nicht mit Heimweh nach Mann und Kindern zu versauen. 

Und dann? Was macht man mit der Zeit, wenn man sie plötzlich zur Verfügung hat? Nun ja, es gäbe genug zu tun im Haus. Wäsche falten, bügeln, aufräumen, Kleider sortieren, die Küche gründlich putzen. Aber das alles hat wenig mit Erholung zu tun. Und erholen sollte man sich ja. Muss man sogar. Die Ärztin hat's befohlen.

Doch wie erholt man sich am besten? So dass man am Ende der drei Tage nicht den Eindruck hat, man hätte mehr aus der Zeit herausholen sollen. Schlafen? Lesen? Essen? Shoppen? Sich mit Leuten treffen, für die man sonst wenig Zeit hat? Schwimmen? Oder vielleicht doch besser aufräumen, damit man nachher, wenn der Alltag wieder losgeht, weniger Stress hat?

Nun, es wird nicht möglich sein, all die in den letzten acht Jahren verpasste Erholung innert drei Tagen nachzuholen. Doch wenn man sich in der Abenddämmerung in aller Ruhe Gedanken über das Leben machen kann, ist dies immerhin schon mal ein Anfang.

Nächtliche Ruhestörung

Normalerweise schläft der Kleine ja in seinem eigenen Bett, doch weil er seine Matratze mit Exkrementen beschmiert hat, – auf weitere Details verzichten wir an dieser Stelle – nächtigt er im Elternschlafzimmer, bis die Matratze wieder trocken ist. Aber daran denkt Mama natürlich nicht mehr, als sie nachts um eins wegen eigenartiger Motorengeräusche erwacht. Sind die Nachbarn jetzt vollkommen durchgedreht, dass sie mitten in der Nacht ihre Motorsäge laufen lassen? Oder lässt da ein Teenager den Motor seines Rollers aufheulen? Aber nein, das Geräusch kommt nicht von draussen. Es ist der Kleine, der bereits im zarten Alter von 18 Monaten dermassen laut schnarcht, dass die Mutter in Versuchung gerät, wegen nächtlicher Ruhestörung die Polizei zu rufen. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie der Junge jemals eine Frau finden soll, wenn er mit seinem Schnarchen bereits jetzt die Wände zum Wackeln bringt. Ihm bleibt nur zu hoffen, dass der Trend der getrennten Schlafzimmer bis dahin anhält…