Suspekt

Nach langem Hin und Her haben „Meiner“ und ich uns nun doch dazu entschieden, nach einem neuen Au Pair zu suchen. Das bedeutet, dass ich seit einigen Tagen wieder dabei bin, die Profile all der jungen Frauen – Männer kommen bei uns nicht in Frage, weil Luise sich weigert, ein weiteres männliches Wesen in unserer Familie aufzunehmen – genau zu studieren. Neben vielen sehr sympathischen jungen Menschen gibt es da auch einige, die mir äusserst suspekt sind. Ich meine jetzt nicht diejenigen mit dem angewiderten Gesichtsausdruck, den unzähligen Piercings und der Erklärung, sie würden gerne als Au Pair arbeiten, weil sie mal endlich ihren strengen Eltern entrinnen, möglichst viel Spass und am liebsten nichts mit Kindern zu tun haben möchten. Gut, die kommen nicht in Frage für uns, da ich zwar sehr viel Verständnis für diese Wünsche habe, diese aber in unserer Familie leider nicht erfüllt werden können.

Nein, so richtig heiss und kalt läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich Sätze wie diese lese: „Meine Eltern haben mir sehr gute Manieren beigebracht und ich würde mich selber als einen sehr moralischen Menschen beschreiben. Ich lege viel Wert darauf, den Kindern, die ich betreue, hohe Wertvorstellungen mitzugeben.“ Oder junge Frauen, die sinngemäss schreiben: „Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mit Ihren Kindern tolle Spiele spielen, mit ihnen jeden Tag fünf Stunden an der frischen Luft verbringen, dafür sorgen, dass sie stets bestens verpflegt sind  und zudem dafür sorgen, dass ihr Haushalt stets in bester Ordnung ist.“ Gut, ich weiss, die jungen Frauen möchten damit wohl einfach sagen, dass sie nicht zur Kategorie „Schlampe, die den ganzen Tag Reality-TV glotzt, währenddem die Kinder sich von Chips und Cola ernähren“ gehören. Sie möchten mir zeigen, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen werden und dass sie mehr als nur eine Ahnung davon haben, was für Kinder gut ist und was nicht. Dennoch kommen für mich solche Frauen ebenso wenig in Frage, wie die oben erwähnten.

Warum eigentlich, wo ich doch selber ziemlich konkrete Wertvorstellungen habe und auch versuche, diese im Alltag zu leben? Wo „Meiner“ und ich doch auch viel Wert auf gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung, bewussten Medienkonsum, anständige Manieren und liebevollen Umgang legen? Nun, es gibt zwei Gründe, die mich daran hindern, ein Au Pair anzufragen, das sich als die perfekte Erzieherin und Hausfrau präsentiert: Erstens misstraue ich grundsätzlich jedem Menschen, der es sich so einfach vorstellt, das, was man für richtig und wichtig erkannt hat, auch eins zu eins im Leben umzusetzen. Zu oft habe ich erlebt, dass ich trotz meiner hehren Überzeugungen genau das Gegenteil getan habe von dem, was ich hätte tun wollen: Ich habe herumgebrüllt, obschon ich tief im Innersten wusste, dass eine liebevolle Umarmung dran gewesen wäre. Ich habe die Kinder einen Film schauen lassen, obschon mir klar war, dass zwei Stunden an der frischen Luft besser gewesen wären. Ich habe ja gesagt zum Nutellabrot, auch wenn eigentlich ein Apfel sinnvoller gewesen wäre. Und das alles nur, weil es sehr anstrengend sein kann, konsequent zu sein, wenn man zum Beispiel krank auf dem Sofa liegt oder gerade mit einem Neugeborenen so beschäftigt ist, dass der stetige Kampf um die Prinzipien zu aufreibend ist. Man mag mich schwach und ohne Rückgrat nennen, aber ich für meinen Teil habe erkennen müssen, dass mir der Preis, den ich für die absolute Konsequenz bezahlen müsste, zu hoch ist.

Und dies führt mich zum zweiten Grund, weshalb mir Au Pairs, die auf absolute Konsequenz schwören, suspekt sind. Wer, wie ich, einmal zu der Sorte junger Menschen gehört hat, die allen Ernstes der Überzeugung waren, man müsste sich nur ein wenig am Riemen reissen, dann würde das schon klappen mit den perfekten Kindern und dem perfekten Haushalt, dem graut davor, einen solchen jungen Menschen zu sich einzuladen. Zu gut erinnere ich mich an meine eigene verurteilende Art, als dass ich mir heute, wo ich nicht mehr so leicht verurteilen kann, das schlechte Gewissen in Person ins Haus holen würde. Vorwürfe für mein Versagen mache ich mir schon genug, da brauche ich nicht noch jemanden im Haus, der glaubt, mir zeigen zu müssen, wie man es richtig machen würde. Nein, dann lieber jemand, der weniger perfekt, dafür aber auch etwas nachsichtiger mit meinen Fehlern ist. Und deshalb muss ich bei den „perfekten“ Au Pairs ebenso nein sagen wie bei den „gleichgültigen“.

Ach, bevor ich es vergesse: Zumindest eine der gestern gestellten Fragen hat sich geklärt. Inzwischen weiss ich, dass Monteure für Haushaltgeräte nicht nur mittwochs arbeiten, sondern auch „erst am Freitag“, wenn sie im gleichen Haushalt zwei Geräte anstatt nur eines zu reparieren haben.

Sollen wir? Oder doch lieber nicht?

Morgen verreist unser Au-Pair in die Weihnachtsferien und so langsam muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass sich ihre Zeit bei uns ihrem Ende zuneigt. Im Januar wird sie noch einmal für ein paar Wochen zurückkommen, bevor es für sie und für uns weitergeht. Bis heute habe ich die Tatsache verdrängt, weil ich einfach nicht will, dass sie geht. Und die Kinder und „Meiner“ auch nicht. Und noch mehr als vor dem Ende ihrer Zeit bei uns graut mir vor dem Anfang mit einem neuen Au-Pair. Zweimal im Leben wird man ja wohl kaum das Glück haben, jemanden zu finden, der wie ein Puzzlestück ins verrückte Bild unseres Familienlebens passt.

Aber wie dem auch sei, eine Lösung muss her. Ohne fremde Hilfe schaffen „Meiner“ und ich es einfach nicht, Kinder, Jobs, Haushalt, Freizeit und Freunde zu jonglieren. Also wäre es nur logisch, wenn ich heute Abend mal wieder ein Familienprofil zusammenstelle, um ein neues Au-Pair zu finden. Aber wer denkt denn schon logisch, wenn es darum geht, einen Menschen zu sich einzuladen, der alles mit uns teilt? Der mein zerknittertes Gesicht in den frühen Morgenstunden zu sehen kriegt, der mich erlebt, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, der hin und wieder auch miterlebt, wie meiner und ich uns anschnauzen können, bevor wir uns wieder versöhnen. Was, wenn wir niemanden finden, der es mit uns aushält? Was, wenn wir jemanden erwischen, mit dem wir es nicht aushalten können? Ich vermute, ich werde mir all die Fragen noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen, bevor ich mich entscheiden kann, ob wir wieder sollen oder nicht. Und bis diese Frage geklärt ist, werde ich mich eben einfach daran freuen, dass es bei diesem Mal so perfekt gepasst hat.

 

Arbeit frisst Leben

Vor einiger Zeit habe ich ja damit geprahlt, dass der Adventsstress in diesem Jahr nichts wissen will von mir. Das ist auch weiterhin so geblieben, aber erst heute ist mir endlich klar geworden, weshalb das so ist. Vor lauter Arbeit habe ich nämlich noch gar nicht realisiert, dass am Sonntag der dritte Advent ist und dass es so langsam aber sicher an der Zeit wäre, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wie soll man denn in Weihnachtsstimmung kommen, wenn die Arbeit, die man bis anhin noch ziemlich gut vom Familienleben hatte trennen können, sich mehr und mehr in den Alltag frisst?

Heute Morgen war mal wieder ein klassisches Beispiel dafür. Nach einer anstrengenden Sitzung und einer halbdurchwachten Nacht war ich heute Morgen reif für ein wenig Faulenzen mit Duftkerzen, Schwarztee, ein paar Weihnachtsguetzli und ausgiebiger Zeitungslektüre. Und für einmal schien das Familienleben meinem Ansinnen wohlgesinnt zu sein: Karlsson und Luise machten sich pünktlich auf den Weg und sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat verliess heute das Haus bevor der Kindergarten angefangen hatte. Der Zoowärter verschlief den ganzen Morgen, das Tageskind kam ausnahmsweise später und einzig ein sehr gut gelauntes Prinzchen sorgte für gerade genug Leben in der Bude, damit mir nicht langweilig würde. Alles war perfekt für ein fröhliches Tête-à-Tête bei Tee und Kakao mit meinem Jüngsten. Ach ja, und wo wir schon dabei waren, könnten wir uns doch gleich noch einen gemütlichen Schwatz mit dem Au-Pair gönnen. Vielleicht könnten wir ja endlich besprechen, wer war zu Weihnachten bekommen soll.

Und dann kam der erste Anruf, kurz darauf der Zweite und als ich den Dritten entgegennahm, klingelte gleichzeitig auch noch das Arbeitshandy.  Dazwischen zwei oder drei E-Mails, die ganz dringend beantwortet werden mussten. Das Au-Pair tat inzwischen, was ich eigentlich so gerne getan hätte: Sie quatschte mit dem Prinzchen, freute sich an seinen Fortschritten und sorgte dafür, dass er die Mama, die schon wieder an der Strippe hing, nicht zu sehr störte. Dabei hätte ich doch noch so gerne von ihm gestört werden wollen, lechzte ich doch nach einer ziemlich anstrengenden (Arbeits)woche richtiggehend nach Zeit mit meinem Jüngsten. Aber am Ende kam doch wieder die Arbeit zuerst, auch wenn das Au-Pair mich davon zu überzeugen versuchte, ich solle doch beim nächsten Mal das Telefon einfach läuten lassen. Irgendwann war ich so frustriert über meinen verpatzten vorweihnachtlichen Mama-Sohn-Morgen, dass dieser eine Anruf mehr nicht weiter ins Gewicht fiel. Ausserdem war es jetzt ohnehin Zeit, mit Luise zur Kinderärztin zu fahren, um die Fäden aus ihrer Bauchnaht zu entfernen.

Auf dem Weg zur Ärztin, als wir an unglaublich vielen Samichläusen, Lichterketten und dekorierten Tannenbäumen vorbeifuhren, wurde mir endlich klar, dass ich mich jetzt ganz dringend mal dem Advent und allem, was er so an Schönem mit sich bringen kann, widmen muss. Denn tue ich das nicht, steht am Ende doch noch der Adventsstress vor der Tür, weil ich vor lauter Arbeit das Backen, das Dekorieren, das Singen, das Geschenkemachen, das Geniessen und die Stille auf den letzen Moment aufgeschoben habe.

Nervensäge

Manchmal ist das Leben eine elende Nervensäge. Zum Beispiel heute. Angefangen hat es schon früh am Morgen, als das Prinzchen seinen Schoppen verlangte und mir meine müden Glieder meldeten, dass sie sich noch nicht fit genug fühlten, sich aus dem Bett zu quälen. Also wollte ich liegenbleiben, aber das Leben machte mir klar, dass daraus nichts wird: „Du kannst doch nicht schon wieder ‚Deinen‘ mit den Kindern alleine lassen. Marsch, aus dem Bett aber schnell!“ „Aber ich bin krank“, jammerte ich. „Du kannst mich doch nicht zum Aufstehen zwingen, wo mir doch jeder Knochen schmerzt.“ „Und ob ich dich zwingen kann“, gab das Leben zurück. Also kroch ich grummelnd aus dem Bett und hörte im Hinausgehen noch, wie das Leben vor sich hin murmelte. Etwas von „Und ob du kannst… dir werd‘ ich’s zeigen…“

Ich versuchte, der Episode in den frühen Morgenstunden keine allzu grosse Bedeutung beizumessen und half „Meinem“ unter Jammern und Stöhnen beim Bereitmachen der Kinder, die heute übrigens deutlich weniger kooperativ waren als gestern, was aber ganz bestimmt einzig und alleine daran lag, dass es heute nicht schneite. Gegen halb acht kam das Au Pair, um „Meinem“ und mir bei unseren Pflichten beizustehen. Aber ganz so fit wie gewöhnlich war auch sie nicht. Doch wie wir Frauen nun mal sind, bissen wir beide tapfer auf die Zähne und erledigten brav unsere Arbeit, auch dann, als „Meiner“ zur Arbeit gefahren und die Kinder zur Schule gegangen waren. Und weil unser Au Pair ein sehr netter Mensch ist, brachte sie schliesslich den Zoowärter in die Spielgruppe und kümmerte sich um das Prinzchen. Ganz wohl dabei war mir nicht, denn ich wusste ja, dass es ihr nicht viel besser geht als mir. Dennoch gab ich schliesslich dem Drängen meiner müden Knochen nach und zog mich auf mein Krankenlager zurück. Um das Gemotze des Lebens, das mir hinterherrief, ich solle gefälligst zuerst den Abfallsack vor die Tür bringen, die Küche fertig aufräumen und das Badezimmer sauber machen, ignorierte ich. „Darf man denn nie krank sein“, murmelte ich, bevor ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Zwei Stunden später waren Zoowärter, Prinzchen und Au Pair zurück. Das Au Pair so blass und abgekämpft, dass sie sich schliesslich ergab und ins Bett zurückzog. „Das hast du ja mal wieder grandios eingerichtet“, herrschte ich das Leben an. „Zuerst lässt du mich krank werden und dann musst du dich auch noch auf das Au Pair stürzen. Hättest du nicht wenigstens warten können, bis ich wieder ganz gesund bin?“ „Hätte ich schon tun können“, gab das Leben gleichmütig zurück. „Aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich um solche Kleinigkeiten einen Dreck schere? So gut solltest du mich inzwischen kennen, dass du so viel Rücksichtnahme nicht von mir erwartest. Und zudem habe ich dich jetzt einen ganzen und einen halben Tag krank machen lassen und obendrein habe ich dir heute Morgen noch diese zwei Stunden zusätzlichen Schlafs gegönnt. Kannst du denn nicht zufrieden sein damit? Du weisst doch, dass die Zeit, die du krank auf dem Sofa liegen konntest, purer Luxus war.“ „Klar weiss ich das“, entgegnete ich. „Aber siehst du denn nicht, dass ich noch nicht fit genug bin, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und ausserdem bekomme ich jetzt auch noch Ohrenweh und du weisst doch, wie mühsam das sein kann.“ „Wozu hat man denn Medikamente erfunden?“ Wer braucht denn Ruhe, wenn er sich ebenso gut bis obenhin mit Medikamenten vollstopfen könnte?“, fragte das Leben zynisch. „Ja, aber du weisst doch, dass ich es hasse, wenn ich die Käfer mit Medikamenten in Schach halten muss…“, jammerte ich und das war wohl ein Gejammer zu viel. Denn jetzt fasste das Leben den Entschluss, mir es so richtig zu zeigen.

„Komm mal her, Prinzchen“, sagte das Leben. „Siehst du diese Dose hier? Schüttle sie doch mal ganz kräftig. Ja, genau so. Hübsch, wie die rasselt, nicht wahr? Willst du sie nicht aufmachen? Ja, sehr gut, mein Kleiner. Oh, schau mal, da hat’s ja ganz viele Pistazien drin. Komm, ich zeige dir, wie schön die hüpfen, wenn man sie auf den Boden schmeisst. Hihi, das ist lustig, willst du auch mal probieren? Prima, wie du das machst! Versuch‘ doch mal, ob du auch eine ganze Handvoll davon auf den Fussboden schmeissen kannst…“ Und bald lagen die Pistazien überall, wo sie nicht liegen sollten und das Leben kam so richtig in Fahrt: „He Zoowärter“, rief es. „Hast du gesehen, das Prinzchen hat deinen Bären geschnappt. Wenn ich du wäre, würde ich den sofort zurückholen. Nein, macht nichts, wenn das Priznchen heult, die Mama wird das schon wieder richten. Ach so, die Mama versucht gerade Mittagessen zu kochen? Auch gut, dann hol doch mal bitte dieses Verbandsmaterial im Spiegelschrank, Prinzchen. Wie, wozu das gut sein soll? Frag‘ doch nicht so blöd, mach es einfach, aber schnell, bevor die Mama die Hände frei hat, um es dir wegzunehmen, bevor du den ganzen Verband abgerollt hast. Mist! Jetzt war sie doch schneller. Also, mein Prinzchen, dann schlage ich jetzt vor, dass du dir den Schemel holst, die Tür aufschliesst und abhaust und du, Zoowärter, kannst dich derweilen mit diesem Popcorn vergnügen, das dein Papa gestern Abend hat rumstehen lassen…“

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Küche im Chaos versank und ich ein herumbrüllendes, abgekämpftes Wrack war, das sich schleunigst ein paar Medikamente einwarf, um den Rest dieses elenden Tages wenn schon nicht gesund, so doch wenigstens schmerzfrei zu überstehen.

Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.

Dienstag, 26. 10. 2010

Tagesplan für Dienstag, 26. 10. 2010

6:45 Uhr: Aufstehen, duschen, frühstücken
7:10 Uhr: Kinder wecken
8:00 Uhr: Grosse Kinder aus dem Haus, kleine Kinder anziehen
9:00 Uhr: Zoowärter in die Spielgruppe bringen
9:15 bis 10:55 Uhr: Sitzung
11:00 Uhr: Zoowärter abholen
bis 12:00 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
12:00 bis 13:30 Uhr: Mittagspause
13:30 bis 18:15 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
18:15 bis 20:00 Uhr: Abendessen, Gutenachtgeschichte, Kinder bettfertig
20:00 Uhr: Freier Abend mit „Meinem“

Dienstag, 26. 10. 2010, wie er in Wirklichkeit war:

6:45 Uhr: Den Wecker zum Schweigen bringen, weiterschlafen
7:15 Uhr: Karlsson kommt schreiend aus dem Bett, geplagt von unerträglichen Schmerzen

7:20 Uhr: Die anderen Kinder wecken, in der Hand das iPad, um abzuklären, welche Krankheit zu Karlssons Beschwerden passt
7:20 bis 8:00 Uhr: FrühstückservierenKarlssonberuhigenTerminabasagenArztanrufenArztnichterreichenKindernotfallanrufenLuisezurEileantreiben
FeuerwehrRitterRömerPiratmotivierenDuschenPrinzchenwickelnAuPairinformierenIndieKleiderschlüpfenSchuleanrufenKinderausdemHausschicken
TransportindieSpielgruppefürZoowärterorganisierenInsAutositzenundlosfahren
8:20 bis 12:15 Uhr: Mit Karlsson auf der Notfallstation, warten, Untersuchung, Petterson & Findus hören, wieder warten, Untersuchung, Ultraschall, warten, Solitaire spielen, Bescheid der Ärztin: Nein, es ist nicht, was man ursprünglich befürchtet hatte, sondern etwas völlig Harmloses, aber trotzdem gut, dass Sie gekommen sind, denn wenn es das gewesen wäre, was wir befürchtet hatten, hätte das schlimme Folgen gehabt und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen und geben Sie ihrem Kind genügend zu Trinken.
12:15 bis 12:40: Uhr: Mittagessen im Spital
13:00 Uhr: Küche aufräumen
13:00 bis 13:40 Uhr: Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären, dass sein Freund bald kommen wird, aber dass die Zeit nicht schneller vergeht, wenn er mich alle fünf Sekunden fragt, ob jetzt Zeit sei. Nebenbei einen Brief an die Geigenlehrerin schreiben, weil Karlsson seine Noten nicht finden kann
13:40 bis 16:15 Uhr: Gemeinsam mit dem Au-Pair das Chaos meistern, hin und wieder einen Anruf tätigen oder entgegennehmen, mit meinem Vater Kaffee trinken, etc.
16:15 bis 18:15 Uhr: Verzweifelter Versuch, vom Bürotag zu retten, was zu retten ist und doch noch wenigstens das Dringendste zu erledigen
18:15 Uhr: Anmeldung zum Novemberschreiben 2010, eine reine Trotzreaktion, um diesem Deppen von Alltag klarzumachen, dass ich mich von ihm nicht so leicht kleinkriegen lasse
18:20 bis 20:20: Abendessen, Kinder bettfertig machen, Gutenschtgeschichte, den FeuwerwehrRitterRömerPiraten verarzten, der sich beim Herumtoben eine blutende Nase geholt hat, erfahren, dass „Meiner“ das mit dem freien Abend etwas anders aufgefasst hat als ich und deshalb weggehen wird,  Enttäuschung herunterschlucken und die Geschichte fertig erzählen
20:20 Uhr: Anruf von „Meinem“ entgegennehmen, der sich hundertmal entschuldigt, dass er mich falsch verstanden hat und damit ohne böse Absicht meinen Abend ruiniert hat
20:25 Uhr: Wäsche aufhängen, im Selbstmitleid baden und dabei in der Waschküche fast erfrieren
20:40 Uhr: Eine – zuerst vor Schmerz, dann vor Angst, dass sie ihre Hausaufgaben vergessen haben könnte –  brüllende Luise beruhigen
20:50 Uhr: Einen jammervollen Blogpost anfangen
21:15 Uhr: Den wunden Po des Zoowärters verarzten
21:20 bis 21:44 Uhr: Blog-Gejammer fertigschreiben, veröffentlichen und dann ist Schluss mit diesem elenden Dienstag, dem 26. 10. 2010.

Manchmal frage ich mich ja schon, wozu ich meine Tage überhaupt plane. Wo sie doch nicht die geringsten Bemühungen erkennen lassen, sich an meine sorgfältig ausgearbeiteten Pläne zu halten.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

Es geht auch ganz anders

Nachdem ich gestern voller Freude von den Entwicklungsschritten unserer Kinder berichtet habe, präsentiere ich heute die Kehrseite. Die ist zwar nicht ganz so glänzend, hat aber einen hohen Unterhaltungswert. Zumindest wenn man sich den ganzen Tag im Büro verschanzen kann und nur durch die verschlossene Tür mitkriegt wie

– „Meiner“ den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter dazu verknurrt, zum Mittagessen Nutellabrot, Bonbons und Schokolade zu essen, weil sie sich drei Minuten bevor das vollwertige Mittagessen auf den Tisch gekommen wäre über den Vorratsschrank hergemacht haben. Die beiden um wenigstens ein ganz kleines bisschen Rösti und Salat betteln zu hören, weil sie nicht nur von diesem ekligen süssen Zeug essen wollten, war das reinste Vergnügen.

– die ganze Familie völlig entnervt vom erfolglosen Herbstschuhkauf zurückkommt und man sich glücklich schätzen darf, dass man das Drama um „Ich will aber die rosaroten Schuhe und nicht die hellblauen!“ und „Wenn ich die Schuhe nicht bekomme, laufe ich den ganzen Herbst barfuss“ wenigstens einmal nicht hat miterleben müssen. Dass morgen der zweite –  hoffentlich erfolgreichere – Versuch ansteht und dass man dann nicht mehr wird kneifen können, muss man in solchen Momenten der Schadenfreude einfach ausblenden können.

– das Prinzchen sich in der Bibliothek eine halbe Stunde lang fast die Augen aus dem Kopf heult, weil der Bagger, den er dort gefunden hat, leider einem anderen Kind gehört und sich die Mama dieses anderen Kindes dummerweise daran erinnern konnte, dass der Bagger, den das Prinzchen nun für sich haben will, in der Bibliothek geblieben ist. Gut, ich geb’s zu, ich habe im Büro nicht gehört, wie das Prinzchen in Aarau gebrüllt hat, aber alleine die Erzählung hat mir gereicht um erleichtert zu seufzen: „Gott sei Dank durfte ich heute ein Personalreglement, ein Lohnreglement und ein Pflichtenheft verfassen und musste mich nicht in der Bibliothek mit einem brüllenden Prinzchen rumschlagen.“

– sogar dem sonst so geduldigen Au-Pair irgendwann der Geduldsfaden reisst so dass die Kinder für einmal nicht vor dem „bösen Papa“ in ihre Arme flüchten können. Und schon gar nicht vor der „bösen Mama“, denn die war ja heute im Büro und konnte deswegen gar nicht so böse zu den Kindern sein.

Ja, sie können auch ganz anders, unsere lieben Kinder. Und „Meiner“, das Au-Pair und ich können auch ganz anders, als immer nur geduldig und friedlich sein. Und so kommt es, dass ein Tag, an dem man sich acht Stunden lang pausenlos mit knochentrockenem Papierkram rumschlägt sich schon fast ein wenig anfühlt wie Wellness.

Paradox

Es ist ja schon paradox: Da habe ich seit ein paar Tagen die Lizenz zum Jammern im Sack und jetzt mache ich nicht mal Gebrauch davon. Oder hat einer meiner geneigten Leser etwa mitgekriegt, dass wir seit Montag weder Heizung noch heisses Wasser im Haus haben und dass ich diese Woche schon dreimal eiskalt geduscht habe, weil ich nicht stinken wollte? Nein, das habe ich euch allen bis heute verschwiegen, denn offenbar bin ich zutiefst in meinem Innern noch immer ein kleines Kind. Kaum darf ich etwas, habe ich keine Lust mehr dazu. Ist doch bei den Kindern auch so: Sie liegen dir in den Ohren, weil sie „nie“ Schokolade essen dürfen und wenn du sie mal überreden willst, doch ein wenig Schokolade zu essen, um den Durchfall zu stoppen, dann wollen sie nicht. Weil ihnen angeblich schlecht wird von schwarzer Schokolade. Oder sie wollen morgens um sieben auf gar keinen Fall aus dem Bett kommen und schimpfen, sie möchten lieber ausschlafen. Aber wenn du sie flehentlich darum bittest, samstags doch bitte nicht so früh Radau zu machen, dann tanzen sie dir schon morgens um sechs auf der Nase rum. Und so ticke ich eben auch: Da beklage ich mich jahrelang, dass keiner mein Gejammer hören will und jetzt, wo der Postbote mir die Lizenz zum Jammern ausgestellt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.

Und weil jammern jetzt, wo ich endlich darf, keinen Spass mehr macht, habe ich heute Morgen eben den Zoowärter, das Prinzchen und das Au-Pair zu Starbucks geschleppt, als die Decke unseres momentan sehr kalten Zuhauses auf meinen Kopf zu fallen drohte. Einen Caramel-Macchiato später sah die Sache schon wieder viel besser aus, auch wenn danach sowohl mein Starbucks-skeptisches Gewissen als auch mein Kalorienkonto unter diesem Exzess ein wenig gelitten haben. Derart gestärkt verkroch ich mich zurück in meinen Eispalast, der, so denn alles läuft wie geplant, am Montag wieder warm und gemütlich sein sollte.