Wie sag‘ ich’s diesem Kinde?

Da habe ich mir mal wieder etwas Schönes eingebrockt: Ohne nur eine Sekunde daran zu denken, dass Luise mit ihrem verstauchten Finger wohl besser nicht zur Akrobatik-Schnupperstunde gehen sollte, habe ich vor zwei Tagen einer Mutter versprochen, dass ich ihr Kind ebenfalls mitnehmen werde, da ich ja ohnehin fahren würde. Heute aber redete mir meine Schwester, die als Krankenschwester in medizinischen Sachen einen viel besseren Durchblick hat als ich, ins Gewissen und so entschloss ich mich, Luises Schnupperstunde abzusagen. Fahren musste ich trotzdem, denn eine andere Transportmöglichkeit für das Kind zu suchen wäre weitaus komplizierter gewesen, als mich selber schnell hinter das Steuer zu setzen.

Und so kam es, dass ich zwischen Mittagessen und Sitzungstermin mit diesem kleinen Jungen zur Akrobatik-Schnupperstunde fuhr. Wir redeten über dieses und jenes und irgendwann bemerkte er, es sei doch schon eigenartig, dass ich schon fünf Kinder in meinem Bauch gehabt hätte, das könne er sich fast nicht vorstellen. Ich musste lachen und meinte, mir komme das manchmal auch ein wenig sonderbar vor, aber ich hätte mich daran gewöhnt. Wir redeten noch ein wenig über unsere überdurchschnittlich grosse Familie, als der Junge auf einmal wissen wollte: „Wie sind die fünf Kinder eigentlich in deinen Bauch gekommen? Wie geht das denn überhaupt?“

Nun muss man wissen, dass ich solche Fragen keineswegs scheue. Ich bin der Meinung, dass Kinder wissen sollen, was sie wissen wollen. Immer ihrem Alter angemessen, versteht sich. Bei politischen Fragen wie „Warum wählst du nicht den Blocher?“ oder bei Glaubensfragen wie „Findest du den lieben Gott wirklich lieb?“ oder bei Fragen nach dem Kontostand wie „Mama, sind wir arm oder reich?“ werde ich ja auch nicht rot und winde mich um eine offene, kindergerechte Antwort herum. Also versuche ich den Kindern auch dann offen und ehrlich Antwort zu geben, wenn sie völlig entsetzt von mir wissen wollen: „Mama, bist du tatsächlich schon fünfmal mit dem Papa im Bett gewesen? War das nicht furchtbar?“

So sehe ich das, zumindest, wenn es um meine Kinder geht. Was aber sage ich zu einem Kind, das ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie viel es schon weiss; dessen Eltern ich nicht gut genug kenne, um zu wissen, wie sie denn auf die Frage antworten würden? Ich will ja nicht, dass das Kind völlig geschockt nach Hause geht und meint: „Mama, Luises Mama hat mir etwas ganz Schreckliches erzählt….“. Also tat ich für einmal, was ich bei meinen eigenen Kinder nie tun würde: Ich murmelte etwas von „Da musst du deine Eltern fragen“ und wechselte ganz schnell das Thema.

Ich hoffe mal, dass der Junge heute Abend bei seinen Eltern noch mal nachgefragt hat, warum Vendittis denn so schrecklich viele Kinder haben.

Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Familien(un)freundlich

Lange Zeit glaubte ich, familienfreundliche Ferien könne man nur im Ausland machen. In London zum Beispiel, wo dir die Banker sogar während der Rush Hour helfen, den Kinderwagen zu schleppen. Oder in Südengland, wo sie dich milde anlächeln, wenn dein Baby im Schloss die Milch auf den Fussboden spuckt und dabei den teuren Teppich aus dem sechzehnten Jahrhundert nur um Haaresbreite verfehlt. Oder in Österreich, wo du dich kaum entschliessen kannst, welches Familienhotel du nun buchen sollst, weil jeder Hotelier versucht, den anderen in seiner Familienfreundlichkeit zu übertreffen.

Dass man auch in der Schweiz familienfreundliche Ferien machen kann, weiss ich erst seit ein paar Tagen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass es auch hierzulande tolle Kinderspielplätze gibt, dass es auch in der Schweiz Hoteliers gibt, welche die Kinder zum Malnachmittag einladen oder Ladenbesitzer, die mit den Kindern basteln.  Schön, dass ich auch in meiner Heimat kinderfreundlichen Tourismus finde. Schön, dass ich mich geirrt habe, als ich glaubte, sowas gebe es nur im Ausland.

Und dennoch ist meine Freude getrübt. Denn auch wenn die äusseren Formen mit  coolen Spielplätzen, abwechslungsreichem Kinderprogramm, Kinderbetten und Hochstühlen erfüllt sind, so  richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist die Kinderfreundlichkeit den Schweizern nicht.

Wie sonst soll ich mir erklären, dass Kinder morgens um zehn auf dem zur Ferienwohnung gehörenden Spielplatz zurechtgewiesen werden, weil sie „zu laut sind und das Aufschlagen der Wippe im unter dem Spielplatz liegenden Laden stört“? Da wird ein Spielplatz hingestellt, um Kinder anzulocken, aber wenn sie kommen, nimmt man ihnen übel dass man sie hört. Als könnten die Kinder etwas dafür, dass unter dem Spielplatz ein Laden liegt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Da baut man neben der Bergstation der Seilbahn diesen grossartigen Abenteuerspielplatz mit Wasserläufen, Klettergerüsten und Höhlen und dann bringt man ein Schild an, dass Kindern unter drei Jahren den Zutritt verwehrt. Was dazu führt, dass alle Familien, die sich in der Familienplanung nicht nach diesen Vorschriften gerichtet haben, ihre kleineren Kinder mit Gewalt vom Vergnügen der grossen Geschwister fernhalten müssen. Dass das „Problem“ auch durch einen eigenen Kleinkinderbereich hätte behoben werden können, daran scheint keiner gedacht zu  haben.

Oder reden wir mal kurz über das liebe Geld und was dazu gehört: Inzwischen hat man auch in der Schweiz begriffen, dass man Familien mit Sonderangeboten anlocken  könnte. Das Problem ist nur, dass man im Schweizer Tourismus Familie offenbar als Mama, Papa und Einzelkind definiert. Schon ab dem zweiten Kind wird’s bedeutend teurer, ab dem Dritten schenkt es so richtig ein. So hätten wir zum Beispiel seinerzeit für den FeuerwehrRitterRömerPiraten pro Ferienwoche satte 600 Franken Aufpreis bezahlt, obschon das Kind noch voll gestillt wurde und im Elternbett schlief. Einfach, weil das dritte Kind eines zuviel war. Gut, man könnte jetzt einwenden, das sei lange her und inzwischen habe sich das bestimt gebessert. Doch leider musste ich bei meiner Suche nach guten Ferienangeboten feststellen, dass sich hier nichts geändert hat, auch wenn inzwischen die Familie mit drei Kindern zum Normalfall geworden ist. Dass man auf Grossfamilien kaum Rücksicht nimmt, damit habe ich mich abgefunden, aber dass man nicht sehen will, dass die heutige Schweizer Durchschnittsfamilie etwas grösser ist als auch schon, das kann und will ich nicht begreifen.

So langsam dämert mir, dass sich zwar äusserlich in Sachen Familienfreundlichkeit Einiges getan hat, dass Kinder an sich aber nach wie vor oftmals als notwendiges Übel angeschaut werden. Ein notwendiges Übel, dem man eben ein klein wenig entgegenkommen muss, wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen will. Der Schweizer Tourismus kann ja nicht alleine von Japanern, Chinesen und Rentnern leben.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Ach, wie nett

Um eines vorweg klar zu stellen: Ich finde es nicht in Ordnung, wenn eines meiner Kinder mitten auf dem Spielplatz des Ferienhauses pinkelt. Um noch eines klar zu stellen: Ich habe meinen Kindern schon mehrmals verboten, auf irgend welchen öffentlichen Plätzen zu pinkeln. Und um noch etwas klar zu stellen: Von mir haben sie das nicht.

Jetzt, wo diese drei Dinge geklärt sind, kann ich ja erzählen, wie sehr es mich nervt, wenn die Mutter des Ferienhausbesitzers zuerst unsere Kinder zur Schnecke macht und dann „Meinen“ und mich anschnauzt, dass das nicht angehen könne, dass unser Sohn sowas tue. Dass sie noch nie so etwas Unerhörtes erlebt habe und dass unsere Kinder gefälligst alle Spielsachen auf dem Spielplatz wegräumen sollten, obschon sie noch mitten im Spiel waren. Und dann kann man uns ja gleich noch anmotzen, wir hätten unser Auto falsch geparkt.

Wirklich ein netter erster Kontakt mit der Vertretung unseres Vermieters. Dass der kleine Wildpinkler noch keine vier Jahre alt ist, dass seine grossen Geschwister ihn mit aller Überredungskunst davon abhalten wollten, dass sich unsere Kinder bis anhin außer dieser kleinen Episode nichts haben zu Schulden lassen kommen, dass uns bei unserer Ankunft keiner gesagt hat, wo wir unser Auto hinstellen müssten, dass wir eine „familienfreundliche“ Ferienwohnung gemietet haben, dass diese Wohnung die ganze Woche leer stehen würde, hätten wir uns nicht in letzter Minute ihrer erbarmt, all dies hat die gute Frau geflissentlich übersehen.

Ist doch nett, dass unsere Kinder sich bereits am zweiten Ferientag nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Und dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überlege, ob ich diese Woche vielleicht lieber bei Coop einkaufen soll, auch wenn wir die Migros im Hause haben. Denn da die nette Frau in der Migros arbeitet, habe ich ein kleines bisschen Angst, dass ich beim Einkauf etwas falsch machen könnte. Und eine kalte Dusche pro Ferienwoche reicht mir eigentlich vollauf.

Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.

 

 

Happy Birthday, liebster „Meiner“

Endlose 36 Stunden nach mir hast du es nun auch geschafft, 36 zu werden. Ja, ich weiss, es ist hart mit einer Frau zusammen zu sein, die so viel älter und reifer ist, aber ich finde, du machst deine Sache ganz gut. Klar, meinen Vorsprung an Lebenserfahrung wirst du nicht so leicht wettmachen, dafür aber hältst du mich jung.

War schön, heute den ganzen Tag mit dir alleine durchs sonnige Basel zu ziehen, zu philosophieren, in Läden zu stöbern, in die wir uns mit dem Prinzchen nie hineinwagen dürften, aus Angst, er würde etwas zerbrechen, in Erinnerungen zu schwelgen, die Fondation Beyeler für einmal ganz ohne böse Blicke des nicht gerade kinderliebenden Aufsichtspersonals zu geniessen, das „Läckerlihuus“ links liegen zu lassen und stattdessen bei „Sprüngli“ sündhaft gute Absinthe-Luxemburgerli zu kaufen.

Nahezu perfekt, so ein Tag. So perfekt, dass man beinahe vergessen könnte, dass auch harte Zeiten hinter uns liegen. So perfekt, dass man vergessen könnte, dass wir nicht anders sind, als andere Paare auch: Wir streiten uns, versöhnen uns wieder, fallen einander auf die Nerven und zehn Minuten später wieder in die Arme, wir zanken uns darüber, ob man Geld lieber sofort ausgeben oder doch auf die hohe Kante legen soll, wir keifen einander wegen offener Zahnpastatuben und herumliegender Schuhe an und wenn wir miteinander essen gehen, dann verhungern wir fast, weil wir uns nie entscheiden können, in welchem Restaurant wir einkehren wollen.

Ich weiss, Perfektion sieht anders aus. Aber solange du dich sein darfst und ich mich, solange wir beide wir sind, solange schere ich mich einen Dreck um Perfektion.

Heute lachen wir darüber

Da liegt er nun vor mir, der hellblaue Teller, der „Meinem“ vor fünf Jahren als Unterlage für ein Kunstexperiment gedient hatte. Der aber vom Sturm, diesem Kunstbanausen, in die Dachrinne geweht wurde und seither nicht mehr gesehen ward. Zumindest nicht im Inneren der Wohnung, sondern nur vom Badezimmerfenster aus, gut sichtbar, aber leider unerreichbar. Dank der Hilfe des Dachdeckers fand der Teller heute aber den Weg zurück in sein angestammtes Revier, die Küche. Bloss was war es, was da auf diesem Teller lag?  Ein undefinierbares schimmliges Etwas, das unmöglich das Kunstexperiment von „Meinem“ sein konnte. Lange starrte ich auf den Teller, ohne herauszufinden, was da lag. Ein alter Rock von Luise vielleicht? Oder ein Lappen, der aus dem Fenster geflogen und auf dem Teller gelandet war? Irgendwann dämmerte es mir: Es war eine Windel, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vor langer Zeit mal aus dem Fenster geschmissen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an die Zeiten, als der FeuerwehrRitterRömerPirat fast täglich eine Windel aus dem Dachfenster schmiss. Man mochte ihm hundertmal sagen, er dürfe das nicht tun, am nächsten Morgen lag da trotzdem wieder eine Windel im Garten. Oder eben in der Dachrinne. Und das Schlimmste an der Sache war: Man musste noch erleichtert sein, wenn er bloss die Windel rausgeschmissen hatte, hin und wieder kam es nämlich auch vor, dass der feste Inhalt der Windel in der Gegend herumflog. Meistens schafften wir es, diese stinkenden Geschosse wieder aufzuspüren und sachgerecht zu entsorgen, aber einmal übersahen wir eines davon und ausgerechnet, als wir der Italienischen Verwandtschaft voller Stolz unser Zuhause präsentieren wollten, tauchte es wieder auf.

All diese Erinnerungen waren wieder da, als ich diese vergammelte Windel auf dem Teller liegen sah. Und nicht nur die Erinnerungen, auch die Gefühle, die ich damals empfunden hatte, waren wieder da. Wie schämte ich mich doch jeweils, dass unser Dritter mit Windeln und Exkrementen um sich warf. Von anderen Kindern hörte ich nie solche Geschichten. Würde unser Sohn je so vernünftig sein, dass er damit aufhören würde? Und würden wir ihn überhaupt je aus den Windeln bekommen, oder würde ich ihn dereinst kurz bevor er zum Traualtar marschiert, noch einmal wickeln müssen? Waren wir totale Versager, weil unser sonst so schlaues Kind einfach nicht einsehen wollte, dass man nicht ewig in den Windeln bleiben kann und dass Windeln in der Dachrinne nichts zu suchen haben?

Heute können wir zum Glück lachen über jene Zeit, aber damals war die Sache für mich mit ein Grund, weshalb ich mich als Mutter so völlig unfähig fühlte, weshalb ich hin und wieder zum Himmel schrie: „Gott, was hast du meinen Kindern bloss angetan, indem du ihnen eine solche Versagermama zugemutet hast?“

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Sache wohl etwas entspannter ansehen können: Sie kommen alle aus den Windeln. Die einen etwas früher, die anderen später. Und je weniger Druck man macht, umso schneller geht’s.

Ach ja, und so sieht es übrigens aus, das Relikt aus der windelrebellischen Phase des FeuwerwehrRitterRömerPiraten: