Bob und Willy

Bob: „Hallo, Wilhelm Täll. Hier ist Bob der Baumeister.“
Willy: „Hallo Bob. Ich habe eine Armbrust.“
Bob: „Und ich habe ein iPhone. Ich baue dir eine Ritterburg.“
Willy: „Ich bin kein Ritter. Ich brauche keine Burg. Ich gehe jetzt den Gessler erschiessen.“
Bob: „Ich komme mit. Mein Betonmischer kommt auch mit.“
Willy: „Der Gessler ist furchtbar böse. Wir müssen den jetzt erschiessen mit der Armbrust.“
Bob: „Ja, der Gessler ist furchtbar böse, aber der Wilhelm Täll ist stärker.“

An diesem Punkt bricht die Telefonverbindung ab. Vielleicht, weil Willy in der Hohlen Gasse keinen Empfang hat, vielleicht aber auch, weil Willy und Bob nicht mehr Willy und Bob, sondern wieder der Zoowärter und das Prinzchen sind.

20120613-214817.jpg

Harte Zeiten

Mamas erste ungenügende Note: Ende fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Tränen, eine erste Ahnung, dass eine Schullaufbahn auch ihre Tiefpunkte haben könnte. Reaktidereinst Mamas Mama: Keine Ahnung. War wohl nicht allzu beunruhigt, da sie beim siebten Kind schon an allerhand gewöhnt war.

Karlssons erste ungenügende Note: Anfang fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Frust, Ausblenden der Tatsache, dass der Lehrer am gleichen Tag eine seiner Prüfungen mit der Bestnote bewertet hatte. Reaktion der Mutter: „Kopf hoch, sowas kann vorkommen. Der Papa übt dann heute Abend noch mit dir. Und Schau mal, wie gut du in Deutsch abgeschnitten hast.“

Luises erste ungenügende Note: Dritte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: „Ich bin dumm!“ Reaktion der Mama: „Du bist ganz bestimmt nicht dumm. Lass uns herausfinden, wo das Problem lag und dann läuft’s beim nächsten Mal besser.“

Erste ungenügende Note des FeuerwehrRitterRömerPiraten: Erste Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Niedergeschlagenheit. Reaktion der Mama: Rasende Wut, weil die Kinder gerade mal zehn Minuten Zeit hatten für mehr als hundert Rechnungen. Obendrein eine grosse Traurigkeit, weil es auch für Erstklässler keine Schonzeit mehr gibt.

Zoowärters erste ungenügende Note: Gott sei Dank machen die im Kindergarten – noch? – keine Noten!

s

Darauf war ich – nicht – vorbereitet

Glaubt mir, ich habe damit gerechnet, dass der Feierabend eines Tages nicht mehr automatisch um 20 Uhr einkehren würde. Ich war auch darauf vorbereitet, dass unsere drei Grossen irgendwann damit anfangen würden, abends noch so lange zu quatschen, bis mir der Kragen platzt, weil keine Ruhe einkehren will. Ja, ich habe sogar geahnt, dass ich die Kinder eines Abends dazu ermahnen muss, die Musik leiser zu drehen. Dass es aber Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ sein würde, die aus den Boxen dröhnt, wenn ich die Tür des Kinderzimmers öffne, darauf war ich nicht vorbereitet.

Wie soll man da schimpfen können, wo die drei doch bloss ihr musikalisches Allgemeinwissen vertiefen?

20120611-002325.jpg

Gegensätzlich

„Prinzchen, welches ist dein Lieblingstier?“

„Babytiere mit Fell, erwachsene Tiere mit Fell, Babytiere ohne Fell, erwachsene Tiere ohne Fell. Babyameisen auch. Und grosse Ameisen.“

Sein grösser Bruder hingegen kennt diese allumfassende Tierliebe nicht. „Mama, ich kann nicht mehr im Garten spielen, ich habe ein Tier gesehen.“

„So schlimm wird es wohl nicht sein. Wie sieht es denn aus, das Tier?“

„Es ist ganz klein und schwarz. Ich geh nicht mehr in den Garten…“

„Wie klein denn? Etwa wie eine Spinne?“

„Nein, kleiner. Aber ich kann trotzdem nicht mehr weiter draussen spielen.“

„Komm, wir schauen mal, was es ist.“

Mit einem ziemlich verängstigten Zoowärter im Schlepptau gehe ich in den Garten.

„Wo ist denn nun das Tier?“

„Dort drüben, auf dem Gartentisch.“

Auf den ersten Blick erkenne ich nichts, dann, bei näherem Hinsehen sehe ich endlich, was den Zoowärter so beunruhigt hat: Eine Marienkäferlarve.

Nun ja, die sind bekanntlich ziemlich gefrässig, aber ich bezweifle dennoch, dass eine einzelne Larve mit dem Zoowärter fertig wird.

20120610-002211.jpg

Begutachtet

Im Kindergarten hiess es, sie würde vielleicht Mühe haben in der Schule, weil sie die Quadrate nicht immer exakt auf die Linie setzte.

In der ersten Klasse hiess es, sie halte den Stift zu verkrampft in der Hand, das müsse sich bessern.

In der zweiten Klasse hiess es, ihre Schrift sei nicht schön genug, eine Therapie würde dem Abhilfe verschaffen.

In der Therapie hiess es, man müsse sie abklären lassen, vielleicht habe sie, was man allen Kindern unterstellt, die am vierten Schultag noch immer nicht in die Schublade passen wollen.

In der Abklärung haben sie gesagt, dass  alles okay sei, ihre Fähigkeiten seien einfach etwas ungleich verteilt, sie würde mehr über das Gehör aufnehmen und weniger über die Augen. Man hätte auch sagen können: Sie kommt eben nach ihrer Mama, aber mit dieser Einsicht lässt sich kein Gutachten füllen.

Du schaffst das – nicht

Früher sagte man zu den Kindern: „Vergiss es, das schaffst du nie. Sowas können nur Genies. Aber du? Dazu bist du schlicht zu dumm, zu unbegabt. Lerne etwas Vernünftiges, mach doch Verkäuferin, damit kannst du nicht falsch liegen.“

Unzählige Träume zerbrachen wegen solcher Worte, Talente wurden nie oder nur sehr spät entdeckt, manch einer mühte sich in einem Beruf ab, der nicht zu ihm passte und landete irgendwann beim Psychiater, wo der ganze Frust aus ihm herausbrach: „Keiner glaubte an mich. Wenn nur einer mich ermutigt hätte…“

Viele in unserer Generation haben gelitten unter den harten Urteilen, die jeglichen Mut raubten, Träume real werden zu lassen. Und weil wir nicht wollen, dass es unseren Kindern gleich ergeht, sagen wir heute zu ihnen: „Glaub an dich, in dir steckt so unglaublich viel drin. Wenn du etwas nur genug willst, dann kannst du es auch erreichen. Die Welt steht dir offen, zeige was du kannst.“

Natürlich gedeihen in diesem Klima die grossen Träume prächtig. Fussballstar, Musikgenie, Nobelpreisträger – nichts scheint unmöglich. Bis eines Tages eine Aufnahmeprüfung kommt, bei der mehr gefragt ist als nur Glauben an sich selbst. Bis einer daherkommt, dem nicht nur der gute Wille, sondern auch das Talent dazu in die Wiege gelegt worden ist. Der Traum zerbricht, der Schmerz darüber, dass eben doch nicht jede Türe offen steht, ist immens.

Beim Psychiater wird es dann wohl in einigen Jahren heissen: „Warum hat mir keiner gesagt, dass ich gar nicht das Talent zum Star habe? Hätte man mir doch gesagt, ich solle mir realistische Ziele setzen…“

Vielleicht redet die kommende Generation deshalb so mit ihren Kindern: „Du hast eindeutig eine grosse Fähigkeit in diesem Bereich, ich glaube, da liesse sich einiges draus machen. Wenn du dein Ziel aber auch wirklich erreichen willst, sollten wir hier noch ein wenig arbeiten, denn das hier liegt dir weniger.“

Eine kleine Chance besteht, dass sie so mit ihren Kindern reden werden, vermutlich werden sie aber eine ganz neue Methode finden, um dafür zu sorgen, dass die Wartezimmer der Psychiater nie leer werden.

20120604-211142.jpg

Dinge, auf die ich nach zu wenig Schlaf verzichten kann

  • Eine Anruferin, die zur Mittagszeit „Meinen“ ans Telefon verlangt, mir partout nicht sagen will, was sie um diese Zeit von ihm will und ich kann sie nicht anraunzen, weil die Gefahr besteht, dass sie die Mutter eines Schülers ist. Sie war von der Deutschen Klassenlotterie…
  • „Meiner“, der mir alles Kleingeld aus dem Portemonnaie raubt, ohne mir etwas davon zu sagen, was dazu führt, dass ich an der Bushaltestelle erkennen muss, dass ich mir kein Billett lösen kann, worauf ich mit schlechtem Gewissen mit dem Auto in die Stadt fahren muss. Nein, ich hätte keinen späteren Bus nehmen können, denn ich war zum Kaffeeklatsch verabredet und wichtige Angelegenheiten lassen sich nicht aufschieben.
  • Die Marschmusik, die abends um halb neun, wenn Prinzchen und Zoowärter schon fast eingeschlafen sind, durchs Quartier zieht. Ja, ich weiss, die müssen üben und wir haben bald auch einen Trompeter in der Familie, der vielleicht eines Tages mitmarschieren will, aber geht das nicht zu einer anderen Zeit? Am Ende bin ich wieder die böse Mama, die herumbrüllt, weil die Kleinen auf dem Balkon herumhüpfen, anstatt zu schlafen.
  • Wenn mir Luise abends um halb zehn verkündet, dass sie vergessen hat, die Nomen auf dem Arbeitsblatt zu markieren und nun verlangt, dass ich ihr bei der Aufgabe helfe, weil sie zu müde zum Nachdenken ist.
  • Abendnachrichten, die so deprimierend sind, dass man gar nicht hinsehen mag.
  • Ein Nahezu-Familienkrach, weil das Prinzchen eine einsame Erdbeere unter dem Sofa gefunden und nicht geteilt hat.
  • Zoff unter vier Brüdern, weil jeder für sich in Anspruch nimmt, der echte Karlsson vom Dach zu sein. Warum bin ich bloss auf die hirnverbrannte Idee gekommen, das Buch unseren drei Jüngsten zu erzählen?

Okay, ich wäre auch mit mehr Schlaf das eine oder andere Mal laut geworden, aber so…

20120530-235729.jpg

Wenn man bloss wüsste…

Wir Eltern wollen stets das Beste für unsere Kinder, ist doch klar. Bloss, wie sieht es denn aus, das Beste? Ist es der scheinbar vorgezeichnete Weg, der zwar übersät ist mit Hindernissen, den man aber einfach hinter sich bringen muss, weil es nicht anders möglich ist? Ist es der etwas verborgenere Weg, nicht ganz einfach zu finden, aber doch sehr reizvoll? Ist gar ein radikaler Richtungswechsel angezeigt? Wenn man das bloss wüsste…

Und wenn nun der eine Weg für das eine Kind perfekt ist, für das andere aber absolut unpassend? Wenn sich im Rückblick alles als falsch herausstellt, was heute richtig schien? Wenn uns die Kinder vorwerfen, uns hätte bloss der Mut für die richtige Entscheidung gefehlt, wir hätten gekonnt, wenn wir gewollt hätten? Was, wenn wir Eltern uns nicht einig werden?

Zuweilen wünschte ich mir, man könnte die wichtigen Entscheidungen delegieren, aber das geht wohl nicht. Wir sind nun mal die Eltern.

20120529-233719.jpg

Heute

– 4 Rucksäcke für 4 x Spiel- und Sporttag gepackt und dabei berücksichtigt, dass jeder ein anderes Programm hat: 2 x mit Bräteln, wobei aber nur einer eine Wurst mitnehmen will, die andere sich aber dem obligaten Cervelat verweigert, 1 x ohne Bräteln, dafür mit Schwimmbad, 1 x zwar mit Wurst, aber diese wird von der Schule spendiert, 1 x mit Wanderschuhen, 2 x im Sportdress, 1 x mit geschlossenen Schuhen und langen Hosen, 2 x mit Zeckenspray, 2 x ohne dafür alle mit ausdrücklicher Erlaubnis der Lehrerschaft mit vielen Süssigkeiten im Rucksack.
– 1 Kind zum falschen Treffpunkt geschickt, Kind mit geliehenem Auto zum richtigen Treffpunkt gekarrt und böse Blicke von der Lehrerin geerntet. Dummerweise wurde ausgerechnet dieses Kind vom grossen Bruder zu spät abgeholt, so dass es am Nachmittag auch noch ein böses Telefon von der Lehrerin gab. Nach vielen Jahren vorbildlichen Verhaltens habe ich es geschafft, meinen guten Ruf im Schulhaus an einem einzigen Tag zu ruinieren.
– 1 Kind nach dem Ausflug vorübergehend vermisst, da es sich zu Hause ins Bett legte und einschlief, anstatt in den Hort zu kommen.
– Am Morgen vier gesunde Kinder losgeschickt, am Nachmittag zwei kranke und zwei gesunde Kinder in Empfang genommen.
– Ein Prinzchen glücklich gemacht, weil meine Mutterliebe es nicht zuliess, dass er als Einziger den Tag ohne Chips, Wurst und Süssigkeiten überstehen muss. Abends dann trotzdem Tränen, weil die Müdigkeit nach dem Krippentag so gross war, dass der Cervelat nicht mehr in Angriff genommen werden konnte.
– Zum Feierabend mit den Kindern „Im Dutzend billiger“ geschaut und gedacht, dass es in Sachen Chaos durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten gibt.
– Die Bemerkung „Ich wünschte, wir wären auch zwölf Kinder“ geflissentlich überhört. Nun mal nicht übertreiben…

20120525-225529.jpg

Bauchlandung

Das Wochenende war ein Höhenflug, wie man ihn nur selten erlebt. Traumhafte Umgebung, angenehmes Wetter, viel Zeit, um sich mit lieben Freunden auszutauschen, wertvolle Denkanstösse, Ausspannen, glückliche Kinder… Okay, alles war natürlich nicht perfekt, wir waren ja nicht im Paradies. Auf die strikten Hausregeln und das Gezänke mit den Kindern, weil sie immer noch mehr aus dem Süssigkeitenautomaten haben wollten, hätte ich gerne verzichtet, aber ansonsten fühlte ich mich nach diesen vier Tagen rundum glücklich und zufrieden.

Umso härter dann die Landung im Alltag: Übermüdete Kinder, übermüdete Eltern, eine Rechnung zu viel im Briefkasten, dann noch eine falsche Bemerkung und der Ehekrach des Jahres war in vollem Schwung. Zerschlagenes Geschirr, böse Worte, Tränen und grosser Frust, dass wir einmal mehr gescheitert sind bei dem Versuch, den Höhenflug in den Alltag hinüberzuretten. Nun ja, immerhin haben wir uns wieder versöhnt vor dem Schlafengehen…

20120520-230839.jpg