Heilige Momente

Es sind diese unvorhersehbaren Momente, die das Familienleben so schön machen. Die ganze Horde sitzt am Tisch und isst, Luise fordert das Prinzchen auf, in die Hände zu klatschen und Momente später klatschen alle sieben wie verrückt in ihre Hände und keiner weiss warum. Irgendwann hört das Klatschen wieder auf und das Prinzchen übernimmt die Führung. Alle sollen die Arme in die Luft halten, alle tun, was der Kleine sagt. Er knurrt, die Geschwister knurren mit. Er hüpft auf und ab, die Geschwister tun es ihm nach. Er steht auf, rennt singend um den Tisch, die anderen singend hintendrein. Eine übermütige Polonaise zieht durch die Wohnung, laut und wild und doch in bester Ordnung, denn der Jüngste gibt den Ton an und alle folgen ihm. „Meiner“ und ich sitzen grinsend da und freuen uns an diesem kostbaren Moment. Und nachdem alle des Tanzens müde sind, kuscheln sich Luise und das Prinzchen zusammen aufs Sofa, ein zuckersüsses Bild von grosser Schwester und kleinem Bruder, die nicht zu wissen scheinen, was es heisst, einander auf die Nerven zu fallen.

Etwas später hat der Zoowärter die Idee, mit seinen Rittern ein Theaterstück aufzuführen. Der Aufbau der Kulisse – eine Playmobil-Ritterburg – will aber nicht so recht klappen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt ihm zu Hilfe, schafft es aber auch nicht, das Ding zum Stehen zu bringen. „Wir haben doch irgendwo noch weitere Teile von dieser Burg“, meint Karlsson. „Komm, Prinzchen, hilf mir beim Suchen.“ Und schon sind vier Jungs – der eine fast zu gross für Playmobil, zwei im besten Alter dafür und einer noch fast zu klein – in ein friedliches Spiel vertieft. Ein heiliger Moment im oftmals so spannungsgeladenen Familienleben. Die Stimmung kippt erst, als die Mama die hirnrissige Idee hat, den Cousin, der gerade im Haus ist, zum Spielen einzuladen. Plötzlich ist nur noch der Cousin interessant und der Bruder, eben noch der beste Spielkamerad, ein störendes Anhängsel.

Am Abend dann noch einmal ein heiliger Moment. Der Zoowärter und das Prinzchen haben während meiner Ferien entdeckt, wie toll sie mich finden und so wird das Gutenacht-Ritual zum Fest. Der Zoowärter singt mir voller Leidenschaft Lieder vor, das Prinzchen schlüpft beinahe zurück in meinen Bauch,  jeder möchte noch ein wenig näher bei mir sein und beide zusammen verkünden, ich sei die beste Mama der Welt. 

Man kann sie nicht erzwingen, diese Momente, man kann sie sich nur schenken lassen. 

Skistar in spe

Als wir heute Vormittag am Übungs-Skilift standen und unseren vier Skifahrern beim Abschlussrennen zuschauten, wurde mir mal wieder überdeutlich klar, was „Meinem“ und mir fehlt: Das „Schaut mal hier, mein Kind ist ein Star“-Gefühl. Oh ja, auch wir sind stolz auf unsere Knöpfe, die am Anfang der Woche noch kaum wussten, wie man sich Skier montiert und die heute schon mehr oder weniger sicher den Hügel hinuntergleiten. Aber sich heiser schreien, bloss weil der  Zoowärter, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise  und Karlsson vorzeigen, was sie gelernt haben? Mit der Videokamera mitten  auf der Piste stehen und damit die Kinder gefährden,  nur damit ich auch wirklich jede Sekunde der Abfahrt für die Ewigkeit festhalten kann? Mich lauthals darüber beschweren, dass alle Kinder, die mitgemacht  haben, eine Medaille bekommen haben, dass alle den ersten Rang gemacht haben? Und nicht nur meine Kinder, die doch so viel talentierter sind als alle anderen? Und ist es nicht eine absolute Frechheit, dass die keine Zeiten gemessen haben? Dann hätte jeder sehen können, wer das Zeug zum Skistar hat.

Nein danke, auf all das kann ich verzichten. Ich bin den Veranstaltern sogar von Herzen dankbar, dass sie auf ein „Wer ist der Beste?“-Wettrennen verzichtet haben. Sie haben dait unseren Familienfrieden gerettet. Seit Tagen schon hatte ich mich darum gesorgt, was geschehen würde, wenn die einen mit  Auszeichnung, die anderen mit leeren Händen nach Hause kämen. Denn seien wir doch ehrlich: Nicht alle unserer Kinder sind fürs Skifahren gleich talentiert. Einsatz gezeigt haben alle, den inneren Schweinehund musste jeder mal überwinden, wenn es draussen kalt und im Bett so gemütlich warm war und besser als ihre Mama fahren die vier allemal. Also eindeutig verdient, diese Medaillen, auch wenn die Eltern, die neben uns für ihre Töchter gefiebert haben, dies ganz anders sehen.

Feierabendglotzen

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was auf dem Programm steht. Ob sie nun Zeichentrickfilme schauen, eine schlaue Kindersendung oder einen alten Kinderfilm, das Resultat ist immer das gleiche, zumindest wenn der Fernsehkonsum nach dem Abendessen stattgefunden hat: Die beiden Jüngsten kommen unzählige Male aus dem Bett gekrochen, weil sie Angst haben oder weil sie unbedingt noch einmal erzählen müssen, was Laura mit dem Stern und Heidi mit Klaras Rollstuhl angestellt hat. Wenn sie dann endlich doch eingeschlafen sind, kannst  du darauf wetten, dass mindestens einer der beiden gegen drei Uhr morgens ins Elternbett gekrochen kommt. Manchmal kommen auch beide und dann muss man wieder Ängste wegbeten und sich zum hundertsten Mal anhören, wie unfair es doch ist, dass „Meiner“ und ich „Yakari“ erst ab 7 freigegeben haben.

Man könnte ja glauben, die drei  Grossen kämen besser klar mit abendlichem Fernsehkonsum und vordergründig ist das auch so. Wegen Ängsten kommt immerhin niemand von ihnen die Treppe heruntergeschlichen. Dafür aber stürmen wir Eltern alle zehn Minuten die Treppe hoch, um zu verhindern, dass Blut fliesst. Unglaublich, wie viele Aggressionen so eine halbe Stunde ganz gewöhnliches Fernsehen an die Oberfläche spült. Da kommen Schimpfwörter über die Lippen, für die sie sich gewöhnlich schon im Voraus entschuldigen, es werden Schläge ausgeteilt und anstelle des üblichen netten „Fandest du Mama heute nicht auch furchtbar unfair?“-Getuschels hört man alle paar Sekunden ein „Mama, Papa, kommt schnell, Karlsson ist soooooo gemein zu mir!“-Gebrüll. Und das alles nur wegen dieser elenden Glotze.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder massloss übertreiben? Tue ich nicht, ich beschreibe nur das übliche Szenario, wenn Vendittis in den Ferien sind und die Kinder abends ausnahmsweise KiKa schauen  lassen. Nicht, dass unser Alltag zu Hause komplett fernsehfrei wäre – schon gar nicht, wenn „Meiner“ von der Arbeit gestresst ist -, aber auf Gutenachtfernsehen verzichten wir jeweils gerne und auch sonst setzen wir lieber auf DVDs, weil die irgendwann einmal zu Ende sind, im Gegensatz zum Fernsehprogramm. Nach einigen Tagen Ferien wissen  wir  auch wieder, weshalb wir diesen Erziehungsgrundsatz noch nicht über Bord gekippt haben.

 

Well behaved

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal für eine friedliche Zugfahrt zu dritt: Vierzig Minuten Verspätung und dies noch vor der Abfahrt, der spärliche Proviant bereits aufgegessen, bevor wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, das Zugabteil überheizt, rund um uns herum kindelose Menschen, mehrheitlich Amerikaner. „Das kann ja heiter werden“, seufzte ich leise genug, damit meine beiden Jüngsten nicht mitbekommen konnten, was ich auf dieser Fahrt von ihnen erwartete.

Nun ja, es wurde dann auch mehr oder weniger heiter. Die Kleinen kletterten auf die Armlehnen, mussten immer dann aufs WC, wenn der Zug gerade in einem Bahnhof stand, schnitten Grimassen und brachten damit leider nicht  alle Sitznachbarn zum Lachen, sondern einige humorlosere Exemplare auch dazu, sich im überfüllten Zug einen neuen Sitzplatz zu suchen. Nun ja, ich selber fand, dass die beiden die Fahrt ziemlich gut meisterten,  aber ich bin abgehärtet.

Gegen  Ende der Fahrt, als meine Nerven trotz realtiver Friedlichkeit ziemlich strapaziert waren und ich mich ernsthaft um das Wohlergehen meiner Mitreisenden sorgte, wandte sich plötzlich einer der Amerikaner im vorderen Abteil an mich: „Your boys are  so well behaved. You should see my daughter’s sons when  they have  to be quiet for so long“, bemerkte er bewundernd. Zuerst war mir die Sache ziemlich peinlich, denn immerhin machte  der Mann seine  eigenen Enkel schlecht, um damit meine zappeligen Jungs aufs Podest zu heben. Dann aber dämmerte mir, dass die zwei sich tatsächlich ziemlich gut geschlagen hatten: 5 Stunden in einem überfüllten Zug, einizig mit einem 15-teiligen Puzzle, einem Lego-Katalog, zwei Armlehnen und drei Stofftieren als Spielzeug ausgestattet, 4 heisse Würstchen mit Ketchup und  zwei Flaschen „Almdudler“ als Notration und alles, was ich hin und wieder sagen musste war „Prinzchen, ich bitte dich!“ und „Ach, Zoowärter, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

Ganz eindeutig eine der besseren Zugfahrten mit unseren Kindern. Das Problem lag wohl eher bei mir, denn so ganz ohne Lesestoff und iPad – die Katzen haben das Kabel durchgebissen und ein Neues habe ich noch nicht gekauft – wurde ich ganz schön ungeduldig auf dieser öden Zugfahrt. Vor allem als ich sah, dass die Amis vor mir „Trivial Pursuit“ auf dem iPad spielten und ich so gerne mitgespielt hätte…

Kuchendesaster

Wie viele Stunden meines Lebens habe ich damit vergeudet, den perfekten Geburtstagskuchen herbeizuzaubern? Ich weiss es nicht, aber es waren sehr viele und der Erfolg blieb bescheiden, obschon ich eine leidenschaftliche Kuchenbäckerin bin. Es ging schon an Karlssons erstem Geburtstag in die Hose. Nach stundenlangem Suchen in den zahlreichen Rezeptbüchern meiner Sammlung entschied ich mich für eine Puddingtorte mit Apfelmus, eine wirklich delikate Kombination. Und was tat mein kleiner Junge? Er berührte den Kuchen mit dem Zeigefinger, begann lauthals zu schreien und weigerte sich, auch nur einen einzigen Bissen von seiner allerersten Torte zu probieren. Nun ja, heute liebt er genau diesen Kuchen besonders, aber das tröstet mich nicht über meine damalige Enttäuschung hinweg.

Danach ging es im ähnlichen Stil weiter. Mal klebte der Kuchen an der Form, obschon ich diese perfekt vorbereitet hatte und so gab es anstelle eines Dinosauriers nur eine Ansammlung von Fossilien. Ein anderes Mal verfing sich die Folie, mit der ich die Form ausgekleidet hatte, in der Masse für die Eistorte und so konnte man keinen Bissen geniessen, ohne sich danach die Folienfetzen zwischen den Zähnen herausziehen zu müssen. Dann wieder war der Bienenkorb nicht als Bienenkorb erkennbar und ich musste ihn in aller Eile zum grünen Hügel mit Petterson und Findus, die ich zum Glück noch in irgend einem Küchenschrank fand, umfunktionieren.

Natürlich sind mir nicht sämtliche Geburtstagstorten missraten. So viel Pech kann gar nicht sein, immerhin backe ich doch ziemlich viele davon. Aber auch wenn mir ein Meisterwerk gelungen war, blieb mir der Erfolg verwehrt. Es genügte, dass eines der eingeladenen Kinder fragte: „Hat es in diesem Kuchen Kokosraspel drin?“ und schon ass keiner mehr einen Bissen, weil ich mir die Freiheit herausgenommen habe, dem Teig noch etwas anderes als Mehl, Eier, Butter,  Zucker  und – natürlich – Smarties beizufügen. Einmal wollte eine kleine Rotznase wissen,  ob es in dem Kuchen Zucker hätte und als ich bejahte,  glaubte er doch tatsächlich,  er könne mir weismachen,  dass er keinen Zucker mag. Ein Kind,  das keinen Zucker mag? Für wie doof hielt der mich eigentlich? Aber was soll’s,  auch von diesem Kuchen blieb sehr viel mehr als nur Krümel übrig.

Ja und heute,  als wir mit einer Kinderschar des Zoowärters Geburtstag nachfeierten,  landete ich einen Volltreffer und zwar einen,  der mich in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Da hatte ich keine Zeit und „Meiner“ keine Lust zum Kuchenbacken und so blieb mir nichts anderes übrig,  als Schwiegermamas Weihnachts-Panettone in Scheiben zu schneiden,  so dass daraus vier Sterne wurden. Dann noch Schlagrahm,  bunte Zuckerstreusel und Puderzucker drauf und fertig waren die Schneesterne. Ziemlich billig  für mich,  die ich viel Wert auf Selbstgebackenes lege. Doch was geschah? Die Kinder futterten Kuchen bis ihnen die Schlagsahne aus den Ohren kam,  verlangten ein Stück nach dem anderen und ich heimste Lob ein,  als hätte ich gerade die Erfindung des Jahrhunderts gemacht.  

Tja, uns jetzt ist mein Selbstbewusstsein mal wieder im Keller. Alles was es in diesen Tagen dazu dazu braucht, sind ein Panettone, Schlagrahm und ein paar Streusel. 

Kindersorgen – Mamasorgen

Luise fiebert vor sich hin und sorgt sich. Ob sie die Hausaufgaben noch vor den Ferien schafft. Wo ihr Zahlenbuch hingekomen ist. Ob sie bei der nächsten Prüfung eine sechs schafft (Ja, ihr lieben Deutschen, bei uns wollen die Kinder Sechsen schreiben, weil eine Eins eine Katastrophe wäre). Und schliesslich sorgt sie sich, ob sie am Freitag wieder gesund ist, damit sie den Film in der Schule nicht verpasst.

Armes kleines Mädchen, sorgt sich um die Schule,  wo sie doch nur gesund werden sollte. Ich mache das ja ganz anders, wenn ich krank bin. Ich ziehe mir seichte Schnulzen rein, lese den Spiegel, blogge ein paar  Kleinigkeiten und verschwende keinen Gedanken an meinen Alltag. Und dazwischen  döse ich ein, träume von der unerledigten Arbeit auf meinem Schreibtisch, von der gähnenden Leere auf dem Konto, von dem Schmutz auf dem Küchenfussboden, von verstopften Strassen, die mich daran hindern, rechtzeitig an mein Ziel zu kommen und davon, dass wir die Kindergeburtstagsparty des Zoowärters vergessen. Aber das zählt nicht als Sorgen. Ist ja alles nur ein Traum. Nicht wahr?

Einige Fragen

Trotz langjähriger Mutterschaft gibt es da einige Fragen, auf die ich noch immer keine Antworten gefunden habe. Da ich mir nun lange genug erfolglos den Kopf zerbrochen habe, stelle ich diese Fragen der Leserschaft:

Nun bitte ich euch, diese Fragen mit äusserster Sorgfalt zu beantworten, denn in Zukunft werde ich mich bei der Erziehung unserer Kinder strikte an die Resultate dieser Umfrage halten.

Mein geliebtes Leben

Ich hätte da mal eine kleine Bitte an dich und zwar wünsche ich mir, dass du mir mal eine Verschnaufpause gewährst. Nein, ich meine jetzt nicht ein paar Tage im Ländli oder eine Woche Erholungsferien mit der ganzen Familie. Das alles ist ja ganz nett, aber was hilft es denn, wenn ich, kaum zu Hause angekommen, wieder im selben Schlamassel stecke?

Nein, was ich mir wünsche ist, dass das Karussell mal wieder etwas langsamer dreht. Zum Beispiel, indem das ewige Gezanke in den frühen Morgenstunden aufhört. Ich träume davon, dass wir sieben Vendittis unsere Tage friedlicher beginnen können, denn so allmählich bin ich des ewigen Kämpfens um jede Bagatelle müde.

Ich wünsche mir, dass die Arbeitszeit reicht, um zu erledigen, was getan werden muss. Dass die Pendenzenliste kürzer und nicht stetig länger wird.

Ich wünsche mir mein altes Gedächtnis zurück, denn um so oft am Tag gestehen zu müssen „Mist, das habe ich vergessen!“ bin ich eindeutig noch zu jung.

Ich wünsche mir, dass die Legosteine und Playmobil-Helme, die meinen Weg vom Bad ins Schlafzimmer zum Büsserweg machen, sich von selbst in die Spielkiste begeben.

Ich wünsche mir, dass die nächste Tortenplatte, die ich erstehe, länger als zwei Wochen ganz bleibt.

Ich wünsche mir, dass ich wieder Zeit und Nerven habe, einen Menüplan zu machen. Und vor allem, dass ich mich dann auch an den Plan zu halten, anstatt immer mal wieder Brot und Käse aufzutischen, währenddem die Schwarzwurzeln, auf die wir uns alle so gefreut haben, in der Vorratskammer vergammeln.

Ich wünsche mir, dass das Prinzchen endlich damit aufhört, das Duschgel gleich flaschenweise in die Badewanne zu schütten. Und überhaupt, wenn wir schon beim Baden sind, mein liebes Leben: Könntest du nicht bitte dafür sorgen, dass unsere Söhne endlich begreifen, dass das Wasser in die Wanne gehört und nicht daneben?

Ich wünsche mir, dass ich endlich wieder wie eine ganz normale Frau – eine mit Kindern, Job etc. – unterwegs sein darf und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn, das sich den Mantel falsch zugeknöpft hat.

Ich wünsche mir, dass meine Energie am Ende des Tages für mehr reicht als nur für einige Levels „My kingdom for the Princess“. Die ich übrigens nicht mal in meinem eigenen Namen spiele, sondern im Namen der Kinder, die es trotz aller Anstrengungen nicht schaffen, das Schloss zu erweitern.

Dies alles und noch ein paar Dinge mehr wünsche ich mir, mein geliebtes Leben. Glaubst du, du kriegst das vor meiner Pensionierung hin, oder soll ich mir da erst mal keine Hoffnungen machen?

Archiv der Sentimentalitäten

Am Anfang war es ja noch einfach zu entscheiden, was man als Erinnerung für spätere nostalgische Momente aufbewahrt: Der erste Strampler, die erste abgeschnittene Locke, der erste Versuch des Kindes, mit Stift und Papier umzugehen, vielleicht auch noch die erste Eintrittskarte für den Zirkus. Bei den Fotos wurde es dann schon etwas schwieriger. Welche kommen aufs Papier, welche werden für immer digital bleiben – im vollen Bewusstsein, dass in fünfzig Jahren wohl keiner mehr wissen wird, wie man sie aus diesen altmodischen Computern herausbringt? Ein schwerer Entscheid und vermutlich werden die Kinder später genau die Bilder vermissen, die wir als nicht ausdruckenswert angesehen hatten. Auch bei den Zeichnungen fällt es nicht leicht zu trennen zwischen wertlosem Gekritzel und potentiellem Beweismaterial mit dem man der Welt zeigen kann, dass sich da schon ganz früh eine künstlerische Ader zeigte. Welches Bild gehört an den Kühlschrank gehängt und welches darf man getrost der Altpapiersammlung übergeben?

Mit all diesen Fragen hatten wir ja gerechnet, als wir Eltern wurden. Immerhin waren wir genau im richtigen Alter, um unsere eigenen Eltern zu fragen, weshalb sie denn unseren ersten Strampler nicht aufbewahrt hatten, warum sie die Negative mit den Ferienbildern von 1989 weggeschmissen hatten und ob es denn fair sei, dass vom grossen Bruder noch ein Fütterungsplan da sei, während man für sich selbst keinen einzigen Beleg hatte, dass die Eltern in den erstn Lebensmonaten für ausreichend Nahrung gesorgt hatten. Mal abgesehen von diesem peinlichen Bild mit dem schreienden, pausbackigen Baby.

Nun aber zurück zu meinem eigentlichen Problem: Welche von den Kindern gespeicherten Computerdateien archiviert man? Klar, die irrwitzigen Kurzgeschichten, die sie in die Tasten hauen, behält man. Mir treten ja heutzutage selbst die Tränen der Rührung in die Augen, wenn ich in den „Lenzurger Schulnachrichten“ von 1987 meinen ersten veröffentlichten Text lese und erkenne, dass ich damals schon gebloggt habe. Die Texte der Kinder also bleiben. Bei Karlssons Kompositionen bin ich mir da schon nicht mehr so sicher. Nun ja, er hat sich wirklich grosse Mühe gegeben, aber am Ende sind es doch mehr oder weniger zufällig aneinander gereihte Noten. Wobei, die Namen seiner Werke sind echt kreativ, also bleiben sie vielleicht doch. Bei seiner ersten Power Point Präsentation bin ich nun aber wirklich unsicher. Wenn das erste Kind in der fünften Klasse bereits seine erste Präsentation macht, wie viele Präsentationen werden es dann sein, bis das Prinzchen aus der Schule kommt? So viel Speicherplatz haben wir nie und nimmer. Und wie um Himmels Willen sollen wir noch den Überblick behalten, wo unser Computer bereits jetzt alles Berufliche, Private, Ehrenamtliche und Kreative von „Meinem“ und mir im Kopf behalten muss?

Der Entscheid fällt mir zwar schwer, aber ich glaube, die Präsentationen können wir nicht auch noch archivieren. Wobei, Karlsson hat sich ja wirklich grosse Mühe gegeben…

Standortbeurteilung

Früher nannten sie es Beurteilungsgespräch. Das Kind bekam in der Schule oder im Kindergarten einen Fragebogen mit Smiley-Gesichtern, auf dem es einzeichnen durfte, was es gut kann und was ihm Mühe bereitet. Die Lehrerin füllte den gleichen Bogen aus, dann wurden Eltern und Kind zu einem Gespräch eingeladen. Das Kind stand im Zentrum, man sprach über sein Wohlbefinden, über seine Stärken und seine Schwächen. Man liess das Kind reden, stärkte sein Selbstbewusstsein mit lobenden Worten und einigen Hinweisen, was es besser machen könnte. Das Beurteilungsgespräch war nicht perfekt, es gab immer wieder Eltern, die mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gingen. Heute erinnert man sich dennoch sehnsüchtig an das Beurteilungsgespräch zurück.

Der Begriff „Beurteilungsgespräch“ wurde abgeschafft, man spricht jetzt von „Standortgespräch“. Das läuft so ab: Man zitiert die Eltern zum Gespräch – je nach Lehrperson bitte lieber ohne Kind – und präsentiert ihnen einen Zettel mit Kreuzen drauf. „Trifft in hohem Masse zu“ – gibt es nicht. „Trifft zu“ – wen interessiert das schon? Über das, was gut läuft, braucht man nicht zu reden. „Trifft teilweise zu“ – hier wird es allmählich interessant. „Wenn wir in diesem Bereich nichts unternehmen, besteht die Gefahr, dass es zu einem Defizit kommt“, heisst es dann. „Es ist natürlich nicht dramatisch, aber eine Fördermaßnahme wäre angezeigt“ oder „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Ihr Kind hier ein Problem hat?“ Die Spalte „Trifft nicht zu“ bleibt gewöhnlich leer, aber der Hinweis „Wir wollen doch nicht, dass das Kind hier landet“ macht sich immer mal wieder gut, wenn das Kind nicht den gewünschten Einsatz zeigt.

Der Hauptteil des Gesprächs dreht sich um „Trifft teilweise zu“, wenn man Glück hat, fällt irgendwann noch die Bemerkung, dass man eigentlich ganz zufrieden sei mit dem Kind und dann steht man plötzlich auf der Strasse und fragt sich, ob man in den falschen Film geraten ist. Da will man nicht mehr von „Beurteilung“ reden, tut aber genau das in einem Mass, dass man sich als Eltern fragen muss, was aus dem Wohlwollen geworden ist, auf das die Kinder so sehr angewiesen sind, um sich gesund entwickeln zu können.