Wer spinnt denn da?

In einem Anflug von Übermut habe ich vor einiger Zeit beschlossen, endlich meinen überschüssigen Kilos den Kampf anzusagen – man könnte natürlich auch sagen, dass es pure Verzweiflung war, weil ich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannte. Wie auch immer, mein Spiegelbild versetzte mir einen kräftigen Tritt in den Hintern und seither führe ich artig Tagebuch über meine tägliche Lebensmittelzufuhr. Ich lasse das Cornet links liegen und nehme stattdessen das Sorbet, gebe mir grosse Mühe, keinen Nachschlag zu schöpfen, die Chips hat „Meiner“ auf dem gestrigen Abendspaziergang ganz alleine verzehrt und ich renne mit viel mehr Schwung als gewöhnlich die Treppe hoch. Ich habe gar allen Ernstes daran gedacht, mich demnächst auf den Hometrainer zu schwingen und allein dieser Gedanke hat bestimmt ein ganzes Kilo Hüftspeck zum Schmelzen gebracht.

Das alles zeigt erste Erfolge: Die Kleider sitzen nicht mehr ganz so eng, die Fingerringe ebenfalls und im Spiegel meine ich eine alte Bekannte zu erkennen, wenn ich ganz genau hinsehe. Also ziemlich ermutigend, wenn nicht die Sache mit der Waage wäre. Die weigert sich nämlich standhaft, meinen Erfolg zu würdigen. Zuerst einmal bewegte sich der Zeiger gar nicht und nun seit einiger Zeit von Woche zu Woche um einen oder zwei Striche weiter – nur leider in die falsche Richtung. Nein, es kann nicht an der berühmten „Zunahme der Muskelmasse“ liegen, denn exzessiven Sport habe ich nicht betrieben. Es kann aber auch nicht sein, dass ich zugenommen habe, denn sonst würden die Kleider ja nicht weiter, sondern enger sitzen.

Es gibt nur eine Erklärung für das, was hier geschieht: Die Waage muss kaputt sein. Für dieses Problem gibt es eine simple Lösung, ich weiss. Nur fürchte ich mich davor, eine neue Waage zu kaufen. Was aber, wenn sie den gleichen Tick hat wie die Alte? Dann müsste ich mir am Ende eingestehen, dass nicht die Waage kaputt war, sondern meine Wahrnehmung.

Neue Freiheiten

Abends, wenn die Jüngsten schlafen, wenn es in der oberen Etage allmählich stiller wird und es draussen noch hell ist, dann packt uns dieser unbändige Freiheitsdrang. So viele Dinge, die man anstellen könnte. Ein zweites Eis essen, obschon offiziell nur eines pro Tag erlaubt ist. Einen Kaffee mit Sahnehäubchen trinken. Vielleicht einen Film schauen, der erst ab zwölf Jahren freigegeben ist. Oder gar an einem Glas Kamillenwein nippen.

Wenn die Kinder erst mal wegschauen, sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt und heute haben wir mal etwas ganz Grosses gewagt: Einen Abendspaziergang. Natürlich haben wir zuerst die Kinder, die noch wach waren, um Erlaubnis gefragt – notfalls wäre ja noch die Grossmama im Haus-, dann aber haben wir so richtig die Sau rausgelassen. Wir überquerten die Strasse zehn Meter neben dem Fussgängerstreifen, besorgten an der Tankstelle Chips und „Meiner“ rief den Schwänen im Park eine wüste Beleidigung zu, weil er diese Tiere aus mir vollkommen unverständlichen Gründen nicht ausstehen kann. Am Ende – und jetzt haltet euch bitte fest – wagten wir es gar, Händchen zu halten. Wenn das unsere Kinder gesehen hätten. Die hätten sich sofort dazwischen gedrängt.

Wie so oft, wenn man die ganz grosse Freiheit geniesst, vergassen „Meiner“ und ich die Zeit und so kamen wir nicht wie vorgesehen nach dreissig Minuten nach Hause, sondern erst nach sechzig. Und so, wie einen früher eine erboste Mutter in Empfang nahm, wenn man mal über die Stränge gehauen hatte, so stand heute Karlsson an der Tür und hielt uns eine Standpauke. So richtig frei ist man eben nie in diesem Leben.

Auf zur zweiten Runde

Das Prinzchen ist noch nie mit einer Seilbahn auf einen Berg gefahren, der Zoowärter schon, aber er kann sich nicht mehr daran erinnern. Familienhotels, Restaurantbesuche, spontane Ausflüge ins Wellness-Bad, das alles kennen sie nicht, denn mit fünf Kindern gehen solche Dinge ganz schön ins Geld. Die Schlösser und Burgen in der Region kennen sie nur vom Hörensagen, im Zirkus waren sie noch nie und ein Zoobesuch ist noch ein Attraktion, weil sie so selten dort waren. Sie wissen nur ansatzweise, woher die kleinen Kinder kommen, weil sie keine Erklärung brauchten, weshalb Mamas Bauch plötzlich so rund ist. Die grossen Fragen des Lebens bekommen sie oft von den grossen Geschwistern beantwortet und das klingt dann so: „Ja, wisst ihr denn nicht, dass euch der Storch gebracht hat? Mama und Papa mögen euch zwar etwas anderes erzählt haben, aber das stimmt nicht. Wir waren dabei, es war alles ganz anders…“

Keine Frage, unsere zwei Jüngsten wachsen anders auf als unsere drei älteren Kinder. Für gewisse Dinge sind wir Eltern zu bequem geworden, einiges erklären wir nicht mehr, weil wir unbewusst denken, was die Grossen wissen, wüssten auch die Kleinen, anderes haben wir schon so oft getan, dass uns gar nicht mehr auffällt, dass die beiden Jüngsten noch nie dabei waren und manchmal wissen wir schlicht nicht, woher wir das Geld nehmen sollten, wollten wir allen Kindern das bieten, was wir uns noch leisten konnten, als unsere Familie noch kleiner war.

Wir machen das nicht bewusst so, es geschieht wohl einfach, wenn man mehrere Kinder hat. Dennoch haben wir uns fest vorgenommen, dass wir in diesem Sommer, wenn die drei Grossen im Ferienlager sind, einige der Lücken schliessen wollen. Wir müssen dem Zoowärter und dem Prinzchen nur noch einbleuen, dass sie ihren grossen Geschwistern nichts davon erzählen. Bekommen die drei nämlich Wind von der Sache, dann wird der Protest gross sein. „Mit uns habt ihr sowas nie gemacht. Wir mussten immer nur aufräumen!“, werden sie jammern. Denn natürlich haben sie schon längst vergessen, was wir alles mit ihnen unternommen haben. Sie waren ja noch so klein damals…

 

Tu das nicht wieder!

Ja, Luise, du kannst ganz toll klettern. Du bist auch unglaublich mutig, viel mutiger, als die meisten von uns. Hindernisse siehst du als Herausforderung und du bist auch durchaus dazu bereit, Unannehmlichkeiten auf dich zu nehmen, wenn du etwas erreichen willst. Tolle Eigenschaften, mein Kind. Aber musst du sie ausgerechnet unter Beweis stellen, indem du an der Dachrinne zu unserem Balkon im zweiten Stock hochkletterst, weil wir uns mal wieder ausgeschlossen haben?

Klar, du wolltest nur, dass wir alle endlich aufs WC und ins Bett gehen können, aber konntest du dir nicht denken, dass mir das Herz fast stillstehen würde, wenn ich dich da oben klettern sehe? Ich darf mir ja gar nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn du den Halt verloren hättest. Und das mit den Kletterstunden kannst du dir für die nächsten Jahre abschminken. Ich glaube, da warten wir lieber, bis deine Vernunft gleich gross ist wie dein Können.

Noch etwas anderes beunruhigt mich an dieser ganzen Geschichte: Bis heute Abend hatte ich mich in der illusorischen Sicherheit gewiegt, dass wir dereinst, wenn du grösser und für Jungs interessanter bist, vor nächtlichen Besuchern, die durchs Fenster klettern, verschont bleiben würden. Noch etwas, worüber ich mir Sorgen machen kann…

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Fussballgespräch

Karlsson: „Ihr könnt das Spiel ohne mich schauen. Ich spiele nebenan ein Computerspiel.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum tragen die Portugiesen heute weiss?“
Luise: „Weil sie doof sind. Die Tschechen müssen siegen.“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Weiss geht gar nicht. Ich schicke denen mal einen Schneider vorbei, damit die anständige Kleider bekommen. Keinen Stil haben sie, diese Fussballer…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Los, Ronaldo, schiess ein Tor!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo. Mama, findest du Ronaldo cool?“
Mama: „Nein, nicht mein Typ, zu schleimig.“
Luise: „Finde ich auch.“
Mama: „Habt ihr dieses fiese Foul gesehen? Können die denn nicht anständig sein miteinander?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Tscheche hat den Portugiesen gefoult.“
Luise: „Nein, der Portugiese den Tschechen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Sooooo fies! Hast du das gesehen, Mama?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Mama: „Die Portugiesen haben ins Tor getroffen, aber es zählt nicht. Frag mich bloss nicht, weshalb…“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Fussball ist doof.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Fussball ist toll. Mama, schau!“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen, aber die Tschechen sind besser. Mama, bist du für die Portugiesen oder für die Tschechen?“
Mama: „Ich weiss nicht so recht. Wohl eher für die Portugiesen, damit der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht traurig ist.“
Luise: „Nein, weil dir Ronaldo gefällt.“
Mama: „Ich bitte dich, der könnte ja mein Sohn sein.“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Ja, wenn du mit elf das erste Kind bekommen hättest. Was haben sie gemacht?“
Mama: „Hör mal, Karlsson, wenn du wissen willst, was sie machen, dann setz dich zu uns. Wir wollen dir nicht immer alles erklären.“
Karlsson: „Nein, Fussball ist doof. Warum schreist du, Luise? Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hopp, Portugal! Mama, warum trägt der Tschechen-Goalie einen Helm?“
Mama: „Reich mir mal das iPad, ich schaue bei Wikipedia nach. Hmm, lass mich mal sehen. Der Kerl hat Jahrgang 82. Das sind ja alles noch Kinder. 1982 war ich in der zweiten Klasse…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber warum trägt der Goalie einen Helm?“
Mama: „Ach so, ja. Der hatte mal einen … Habt ihr das gesehen? So unfair!“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Was haben sie gemacht?“
Mama, Luise und FeuerwehrRitterRömerPirat: „Wenn du wissen willst, was sie machen, dann komm zu uns…“
Karlsson: „Fussball ist doof. Wo kann ich mich hinsetzen?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Haben wir Popcorn?“
Mama: „Nein, haben wir nicht. Iss einen Pfirsich.“
Karlsson: „Vor vierzig Jahren hätte man sich dieses Spiel in schwarz-weiss angesehen….“
Mama: „Ja, daran kann ich mich noch erinnern, damals, als meine Eltern während der WM jeweils einen Fernseher mieteten…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Tor! Portugal wird gewinnen!“
Mama: „Super!“
Luise: „Mama, bist du wirklich für Portugal?“
Mama: „Nein, aber die haben sich doch Mühe gegeben.“
Luise: „Wäre es möglich, dass die Tschechen jetzt noch fünf Tore schiessen? Oder werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
FeuerwehrRitterRömerPirat:“Die Tschechen schiessen bestimmt kein Tor mehr. Die Portugiesen sind besser und Ronaldo ist der Beste!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo… Aber sag jetzt, Mama, werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
Mama: „Luise, das hier ist nicht die WM, das ist die EM. Bei der EM gibt es keinen Weltmeister.“
Karlsson: „Alles vollkommen stillos. Mama, darf ich nach dem Spiel noch Geige üben?“
Mama: „Ganz bestimmt nicht mehr. Es reicht schon, dass ihr so lange aufbleiben durftet. Nach dem Abpfiff verschwindet ihr augenblicklich in euren Zimmern.“
Karlsson: „Nie darf ich Geige üben. Fussball schauen, das geht, aber Geige üben…“
Mama: „Na hör mal, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist der Einzige in der Familie, der sich für Sport begeistert. Er darf doch auch mal seinen Spass haben.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hä, schon fertig? Haben die Portugiesen jetzt gewonnen?“
Mama: „Ja haben sie.“
Luise: „Nein, haben sie nicht. Diese doofen Portugiesen.“
Karlsson: „Fussball ist doof. Nein, Mama, noch nicht ausschalten, ich will schauen, ob sie am Ende wirklich ihre hässlichen T-Shirts tauschen.“

Also doch eine Hausfrau

Wer mich kennt und wer hier mitliest, der hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich nicht gerade eine begeisterte Hausfrau bin. Die Sache ist mir einfach nicht spannend genug, um über Jahre hinweg meine Aufmerksamkeit zu fesseln. In letzter Zeit aber ist mir bewusst geworden, dass ich die Sache differenzierter betrachten muss. Ich bin einfach keine moderne Hausfrau.

Die moderne Hausfrau nämlich hat dafür zu sorgen, dass Reiheneinfamilienhaus, Wäsche, Kinder und Hund in tadellosem Zustand sind, so dass jederzeit ein Filmteam von Procter&Gamble unangemeldet einfallen könnte, um eine Serie von Werbefilmen zu drehen. Da kann ich leider nicht mithalten – höchstens vielleicht für die abschreckenden „vorher“-Bilder – und ich will es auch nicht.

Mit einem anderen Pflichtenheft hingegen kann ich mich durchaus für den Hausfrauenberuf begeistern, zumindest in einem Teilpensum. Man gebe mir ein paar Pflanzen zu hegen, eine Familie und Freunde, die mit mir die Ernte geniessen, einige Einmachgläser, die ich mit dem Überschüssigen füllen kann, Rezeptbücher und -datenbanken für die Inspiration, die Zeit, herauszufinden, wie man aus wenig viel macht und wie man Lästiges mit natürlichen Mitteln los wird und ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.

Da bin ich dann plötzlich bereit, altmodische Bücher mit Tipps zur Haushaltsführung wälzen und das ist wohl genau das Stichwort: altmodisch. Ich bin keine moderne Hausfrau zum Herzeigen, sondern eine altmodische, die mit dem arbeiten will, was die Natur hervorbringt. Kaum etwas macht mich so glücklich wie ein Vorratsschrank voller Köstlichkeiten, die ich selber hergestellt habe, ein einfaches Dessert, das dank einiger im Wald gesammelter Holunderblüten zur Delikatesse wird, ein warmes Brot, das im eigenen Ofen gebacken wurde, das gute Gefühl, von der Quitte sogar die Schalen verwertet zu haben. Also ganz eindeutig altmodisch.

Klingt alles sehr idyllisch, nicht wahr? Nun ja, das ist es auch, bis zu dem Punkt, wo es darum geht, nach der Ernte- und Kochorgie die Ordnung wieder herzustellen. Einen netten Menschen, der hinter mir herräumt und alles wieder einigermassen präsentabel macht, habe ich nämlich noch nicht gefunden. Und so altmodisch, dass ich nach getaner Arbeit die Hühner und Schweine durchs Haus treibe, damit sie das Heruntergefallene beseitigen, bin ich dann auch wieder nicht.

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Erst die Arbeit…

„Pfeifen wir doch auf die blöde Redewendung“, sagten wir uns, trommelten die Kinder zusammen und fuhren ins Schwimmbad. Jawohl, einfach so, bevor die Zimmer aufgeräumt, die Johannisbeeren gepflückt und die Fussböden gesaugt waren. Wobei hinter diesem Entscheid nicht etwa Faulheit steckte sondern knallhartes Kalkül: Kein anständiger Mensch geht am Samstagvormittag ins Schwimmbad, wenn die Haus- und Gartenarbeit nicht erledigt ist, folglich müssen wir die Unanständigen sein, die dann gehen, wenn kein anderer geht.

Gehen wir nämlich dann, wenn alle anderen gehen, drehen wir durch. Es ist auch ohne Menschenauflauf schwierig genug, den Überblick über fünf Kinder, drei Schwimmbecken und einen Spielplatz zu behalten. Luise will vom Dreimeter-Sprungbrett springen, kann aber den Mut dazu nicht aufbringen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar den Mut, nicht aber die ausreichende Erfahrung, so dass er das Abenteuer ohne elterliche Aufsicht wagen dürfte. Der Zoowärter will schwimmen lernen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, das Prinzchen will baden, ohne nass zu werden, Karlsson will nicht in die Überwachung seiner kleineren Geschwister einbezogen werden. Und jeder der fünf fordert die ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit, denn wo, wenn nicht im Schwimmbad, kann man zeigen, dass man auf der Wasserrutschbahn in voller Fahrt von der Rücken- auf die Bauchlage drehen und damit den Spassfaktor erheblich erhöhen kann?

Ist doch klar, dass man als Eltern froh ist, wenn möglichst wenige andere Kinder da sind, die einem den Blick auf die eigenen Sprösslinge verwehren, oder die gar unsere Aufmerksamkeit fordern, weil ihre eigene Mama gerade mit einer Freundin ins Gespräch vertieft ist. Darum also unser Entscheid, heute das Vergnügen vor der Arbeit stattfinden zu lassen. Wobei wir natürlich noch einen weiteren Grund hatten: Naiv, wie wir nun mal sind, hofften wir darauf, dass die Kinder uns aus lauter Dankbarkeit für unsere Grosszügigkeit am Nachmittag mit Begeisterung bei der Haus- und Gartenarbeit unterstützen würden.

Tja, so kann man sich irren…

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Lieblingsmenschen

Kein Vorwurf, weil der Feierabend mal wieder auf sich warten lässt, kein entnervtes Augenrollen, weil ich mich schon wieder verschätzt habe, keine gehässigen Bemerkungen, weil wir uns für einmal mit Pizza und Kebab zum Abendessen zufrieden geben müssen, kein Gemotze, weil meine Unfähigkeit mal wieder alles durcheinander bringt.

Sie packen alle mit an, helfen mir aus der Patsche, erzählen mir von ihrem schönen Tag und bringen es fertig, dass meiner ein wenig besser wird. Sie nehmen mich, wie ich heute eben bin, nicht besonders fit und erst recht nicht fröhlich. Dank ihrer Hilfe kehrt irgendwann doch noch die ersehnte Ruhe ein.

So sind sie, meine sechs Lieblingsmenschen: Herausfordernd und zuweilen nervig, solange ich es ertragen kann, unendlich liebevoll und fürsorglich, sobald sie spüren, dass ich ohne sie nicht weiterkomme.

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Perspektive

Du kannst die unbezahlten Rechnungen sehen und dich darüber aufregen, dass das Geld oft nur für die Pflichten, nicht aber für die Wünsche reicht. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass genügend Geld hereinkommt, damit du alles bezahlen kannst, was bezahlt werden muss.

Du kannst dich darüber ärgern, dass „Deiner“ seine Macken in all den Jahren noch immer nicht abgelegt hat. Du könntst  aber auch dankbar sein dafür, dass du mit einem Menschen unterwegs bist, der dir so sehr vertraut, dass er sogar den Mut hat, dir auf die Nerven zu fallen.

Du kannst darüber jammern, dass deine Kinder ihren Frust immer zu Hause auslassen, sich auswärts aber stets von der besten Seite präsentieren. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass keine „Frau Venditti, Ihr Kind hat heute in der Wut eine Fensterscheibe eingeschlagen“-Anrufe kommen.

Du kannst dich darüber aufregen, dass die Kinder den Fisch nicht aufgegessen haben. Du könntest aber auch froh sein, dass du dadurch beim Katzenfutter sparen kannst.

Du kannst dich selber bemitleiden, weil diesen Sommer keine Ferien drinliegen. Du könntest aber auch zufrieden sein, weil dir in diesem Jahr kein anderer die Heidelbeeren wegisst, die immer dann reif sind, wenn du gewöhnlich verreist.

Du kannst die Leute beneiden, die ein beschauliches, wohlgeordnetes und ausgeglichenes Leben führen. Du könntest aber auch dankbar sein dafür, dass bei dir bestimmt nie Langeweile aufkommt.

Du kannst alles noch ein wenig schwärzer sehen, als es in Wirklichkeit ist. Du könntest aber auch versuchen, die Welt hin und wieder durch die Brille deiner Kinder zu sehen und zu staunen, wie viel Schönes du dadurch entdeckst.

Bob und Willy

Bob: „Hallo, Wilhelm Täll. Hier ist Bob der Baumeister.“
Willy: „Hallo Bob. Ich habe eine Armbrust.“
Bob: „Und ich habe ein iPhone. Ich baue dir eine Ritterburg.“
Willy: „Ich bin kein Ritter. Ich brauche keine Burg. Ich gehe jetzt den Gessler erschiessen.“
Bob: „Ich komme mit. Mein Betonmischer kommt auch mit.“
Willy: „Der Gessler ist furchtbar böse. Wir müssen den jetzt erschiessen mit der Armbrust.“
Bob: „Ja, der Gessler ist furchtbar böse, aber der Wilhelm Täll ist stärker.“

An diesem Punkt bricht die Telefonverbindung ab. Vielleicht, weil Willy in der Hohlen Gasse keinen Empfang hat, vielleicht aber auch, weil Willy und Bob nicht mehr Willy und Bob, sondern wieder der Zoowärter und das Prinzchen sind.

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