Privatvorstellung – halten Sie sich bitte da raus!

Wie ich es doch hasse, wenn jemand so tut, als würde ich eine öffentliche Vorstellung in Erziehungs(un)fähigkeit geben, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin. Neulich zum Beispiel beim Einkauf mit dem Prinzchen. Er hatte Lust auf etwas richtig Ungesundes, am besten fettig und mit viel Zucker. Ich war zwar einverstanden mit „nur halbwegs gesund“, aber zu „fettig und zuckersüss“ sagte ich nein. Man kann sich ja vorstellen, was nun geschah: Das Prinzchen heulte, ich blieb bei meinem Nein, das Prinzchen schrie, ich beharrte auf meinem Standpunkt.

Die Situation an sich war schon ziemlich mühsam, richtig stressig aber wurde sie dadurch, dass eine andere Mutter dabeistand und ihre Kommentare abgab. „Warum wollen Sie ihm denn nicht geben, was er sich wünscht? Finden Sie das zu ungesund?“ „Ja, finde ich“, antwortete ich kurz angebunden und wollte mich wieder dem Prinzchen zuwenden. „Achten Sie auch bei Süssigkeiten darauf, dass er nicht zuviel davon bekommt, oder sind Sie da weniger streng?“ „Er bekommt schon Süsses – Prinzchen, nein, ich habe gesagt, dass du das nicht bekommst und dabei bleibe ich…“ „Also nicht ganz konsequent?“ „Nein, nicht ganz konsequent, aber man tut sein Bestes… Nun komm schon, Prinzchen! Das hier schmeckt doch auch ganz gut…“ „Also ich bin ja mal gespannt, ob er seinen Willen bekommt oder Sie…“ Irgendwie schafft ich es, die andere Mutter auszublenden, auch wenn sie noch immer dabeistand, fasziniert beobachtete, wie ich mit meinem Jüngsten feilschte und hin und wieder einen Kommentar fallen liess. Sie erwartete wohl, mich demnächst bei der erzieherischen Todsünde die da heisst „Na gut, mein Kleiner, du sollst haben, was du dir ertrotzt hast“ zu erwischen, aber diesen Gefallen erwies ich ihr nicht. Im Gegenteil, ich brachte es fertig, das Prinzchen um den Finger zu wickeln und für meine Wahl zu begeistern.

Beim nächsten Mal verlange ich Eintrittsgeld, wenn jemand bei unserem Erziehungstheater zuschauen will.

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Buddelfreuden

Wie haben wir Kinder uns jeweils über unsere ökologisch angehauchten Eltern genervt. Gebadet wurde mit Kleiesäcklein und „Kaiser Borax“, das Brot kam nicht vom Bäcker, sondern aus dem eigenen Ofen – am besten aus selbst gemahlenem Mehl, im Holzofen gebacken -, das Gemüse stammte aus dem Garten, der Sirup im Frühling aus Holunderblüten, im Sommer aus Holunderbeeren, das Pfefferminz-Eis selbstgemacht und das Fleisch von der eigenen Weide. Wie hasste ich jenes fade illustrierte Buch – ich glaube, es trug den Titel „Leben auf dem Lande“ -, aus dem sich unsere Eltern Ratschläge für den Naturgarten und die Tierhaltung holten. Wie peinlich war es mir ab einem gewissen Alter, die Strickjacken aus handgesponnener Schafwolle zu tragen. Wie mühsam war es, wenn die ganze Familie zum Auftürmen der Holzscheite aufgeboten wurde, damit im Winter genügend Brennholz für die Holzheizung da war. Warum nur musste bei uns alles selbstgemacht sein, naturnah und anders als bei den anderen?

Oh ja, wir liebten es, wenn der frische Honig aus der Schleuder floss, wir fanden es grossartig, dass wir nach dem Mittagessen die Erdbeeren noch sonnenwarm von der Staude in den Mund stopfen konnten, wir waren begeistert, dass wir jedesmal Schokolade geschenkt bekamen, wenn wir der Nachbarin die Hühnereier, die sie bei uns bestellte, bringen mussten. Aber warum nur mussten unsere Eltern diesen Lebensstil derart konsequent durchziehen? Ein klein wenig cooler wäre eben schon cool gewesen.

Und heute? Heute macht mich kaum etwas glücklicher, als wenn ich einen Hefeteig kneten kann, bis er so glatt und weich ist wie ein Babypo. Ich streife mit den Kindern durch Wald und Wiesen, um Waldmeister, Holunder und Sauerampfer zu sammeln. Ich nerve Luise, weil ich vom Wochenmarkt nicht mehr wegzulocken bin, wenn es eine unfassbare Vielfalt an Tomatensetzlingen zu kaufen gibt. Ich sehe voller Rührung dabei zu, wie das Prinzchen in heiligem Ernst einen Setzling giesst, den er in die Erde gepflanzt hat. Mir wird es warm ums Herz, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Setzen der „goldenen Königin“, des „schwarzen Prinzen“ und der „gelben Birne“ Geschichten über die von ihm auf dem Teller verschmähten aber im Garten geliebten Tomaten spinnt.

Ganz klar, was meine Eltern damals gesät haben, geht allmählich auf. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es ganz nett wäre, ein paar Hühner oder Enten zu halten, ich beneide meinen Schwager, der unter die Imker gegangen ist und neulich habe ich bei Ricardo nach einem Holzofen gesucht, weil es doch so nett wäre, das Brot darin zu backen, oder zumindest im Herbst Marroni über dem Herdfeuer zu rösten. Natürlich schwingt bei alldem ein Hauch von Nostalgie mit, wie das bei Menschen in meinem Alter üblich ist. Hauptsächlich aber habe ich entdeckt, wie viel Lebensfreude es bringt, in der Erde zu buddeln, zu ernten, was man gesät hat, alten Küchengeheimnissen auf die Spur zu kommen, Bäume zu pflanzen, Einmaliges zu erschaffen, anstatt Massenware im Laden zu kaufen, Geschmacksrichtungen zu kombinieren…

Nun ja, ich werde wohl damit leben müssen, dass unsere Kinder das alles demnächst nicht mehr cool finden werden. Aber was soll’s? Früher oder später werden auch sie die Freude am Buddeln entdecken.

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Muttertagsresumée

– Für einmal gibt es Bestnoten für die Lehrer: Kein einziges nutzloses Geschenk, sondern nur allerliebste Kleinigkeiten, die mir den Tag versüssten.

– Endlich eine Begründung, die es auch mir erlaubt, den Muttertag zu geniessen: „Es gibt Menschen, die verzichten freiwillig auf Kinder, weil ihnen der Aufwand zu gross ist. Als Mutter verzichtest du auf so viele Dinge, da wirst du dich ja wohl einmal im Jahr so richtig feiern lassen dürfen.“

– Wink mit dem Zaunpfahl von „Meinem“: Eine Haartönung, zum Abdecken meiner grauen Haare. Schade, dass wir hierzulande keinen Vatertag haben, sonst könnte ich mich mit einem Haarwuchsmittel rächen…

– Die schmerzhafte Erkenntnis, dass Brennesseln nicht zu brennen aufhören, wenn man sie ins heisse Badewasser gibt. Nun ja, ich hatte nie behauptet, dass dies der Fall sei, aber die Kinder waren der festen Überzeugung, dass die Blätter alleine durch das Badewasser vollkommen harmlos werden. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte das mal ausprobiert, also musste es einfach wahr sein. War es nicht, aber ich stieg natürlich trotzdem ins Bad, wo sich die fünf doch so viel Mühe gegeben hatten. Ein paar unangenehme Begegnungen mit Brennesselblättern sind schliesslich ein Klacks gegen die Schmerzen, die ich durchstehen musste, um mir den Ehrentitel „Mama“ zu verdienen.

– Die nicht sehr schmeichelhafte Frage, ob ich demnächst noch einmal Mutter werde. Meine überhaupt nicht beleidigte Antwort: „Nein, ich werde einfach so immer runder.“

– Die Macht des Muttertages: „Du blöder Affe! Hör auf, mit mir zu streiten. Heute ist Muttertag, da dürfen wir die Mama nicht wütend machen.“

– Nichts rührt mich mehr, als ein Fünfjähriger, der noch von ganzem Herzen daran glaubt, dass seine Mama die Beste ist. Ich weiss zwar nicht, wieviel Überzeugungsarbeit sie im Kindergarten leisten mussten, aber heute gehörte das Herz des Zoowärters mir ganz alleine.

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Alles, was man über mich wissen muss…

Ich nehme mal an, dass mein guter Ruf bei der Kindergärtnerin damit endgültig ruiniert ist:

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Trau nie einem Kind

Unsere Schule nimmt es genau mit der Disziplin. Sehr genau. Spuren die Kinder nicht, hagelt es Einträge. Zuerst nur auf einem Blatt, welches den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wird, nach einer gewissen Anzahl schafft es der Eintrag gar aufs Zeugnispapier. Damit Omas, Opas, Patentanten und später auch der potentielle Lehrmeister sehen können, mit was für einem Früchtchen sie es zu tun haben. Im Alltag sieht das so aus:
Arbeitsblatt zu Hause vergessen? Eintrag! Turnzeug nicht dabei? Eintrag! Hausaufgaben nicht vollständig? Eintrag! Zwei Minuten zu spät zur Schule? Eintrag! Schwatzen im Unterricht? Eintrag! Respektloses Verhalten gegenüber der Lehrperson? Eintrag! Unterschrift der Eltern nicht eingeholt? Eintrag!
Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter dem Vergehen eine böse Absicht steht, oder ob dem Kind ein einmaliger Schnitzer unterlaufen ist, ob das Kind gleichgültig oder überfordert war, ob notorischer Störefried oder Musterschüler – alles egal, die Einträge werden ohne Ansehen der Person verteilt.

Eine einzige Sache kann die Kinder vor den – je nach psychischer Verfassung des Kindes – mehr oder weniger gefürchteten Einträgen schützen: Ein nettes Brieflein der Eltern, in dem erklärt wird, weshalb das Kind nicht konnte, wie es sollte. „Lieber Herr Lehrer, Shanaya konnte gestern ihre Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihr Lieblingshamster von seinen Käfiggenossen gemobbt wurde und die Situation ohne das mutige Eingreifen unserer Tochter ein böses Ende genommen hätte.“ „Sehr geehrte Frau Hugentobler, Mattia konnte das Arbeitsblatt zur Zahl sechs nicht machen, da er eine panische Angst vor dieser Zahl hat. Gerne besorge ich Ihnen ein Gutachten unserer Geistheilerin.“ Ein kleiner Ablassbrief und das Kind ist geschützt vor dem Eintrag. Die gleiche Ausrede ääähm Entschuldigung mündlich vom Kind vorgebracht zeigt keine Wirkung.

Was dem einen oder anderen Leser als vollkommen ungerecht erscheinen mag, ist durchaus gerechtfertigt. Bedenkt man nämlich, wie viele Kinder Versicherungsbetrug begehen, die Steuererklärung manipulieren, Urkunden fälschen und am Tag nach dem Finale der Champions League krank machen, dann ist es vollkommen verständlich, dass man ihren Aussagen nicht traut. Ein Erwachsener, hingegen, der käme nie auf die Idee, die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtzubiegen.

Geschirrspüler sei Dank

Mir ist jetzt wieder klar, weshalb sich eines Tages ein findiger Kopf dazu entschieden hat, den Geschirrspüler zu erfinden. Ein Tag mit Geschirrspüler sieht etwa so aus:

Aufstehen, Geschirrspüler ausräumen, frühstücken, Geschirrspüler einräumen, duschen, anziehen, Zähne putzen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen,Mittagessen kochen, Geschirrspüler auffüllen und laufen lassen, essen, Geschirrspüler ausräumen, wieder füllen und laufen lassen, leben – auf welche Art auch immer – Zvieri vorbereiten, Geschirrspüler ausräumen, Abendessen kochen, Geschirrspüler füllen, essen, Geschirrspüler fertig füllen und laufen lassen, Kinder zu Bett bringen, so tun, als hätte man Feierabend, Zähne putzen, schlafen.

Und so ein Tag ohne Geschirrspüler:
Aufstehen, frühstücken, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, Mittagessen vorbereiten, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, essen, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, Zvieri vorbereiten, Geschirr abwaschen,  Überschwemmung aufwischen, Abendessen vorbereiten, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, essen, Geschirr abwaschen, Überschwemmung aufwischen, todmüde ins Bett sinken und von Seifenblasen träumen. Körperhygiene, Berufsarbeit, Freizeit, Familienleben, das alles kannst du dir abschminken, wenn du keinen (funktionstüchtigen) Geschirrspüler hast. Die Witschaft, die Freizeitindustrie, das soziale Leben, alles würde zusammenbrechen, gäbe es das nützlichste aller Haushaltgeräte nicht. Wir würden vereinsamen, unser Körpergestank wäre unerträglich, zwischen den Fingern würden uns Schwimmhäute wachsen. Eine schreckliche Vorstellung, nicht wahr?

Wobei: Es könnte ja sein, dass das Leben auf diesem Planeten erträglicher wäre, kümmerte sich jeder um sein eigenes Dreckgeschirr…

Und noch einmal Alltagsfreuden

Hat man mal mit Suchen angefangen, dann nimmt das Finden kein Ende mehr. Hier wieder ein paar Alltagsfreuden, die ich (wieder)entdeckt habe:

1. An einem verregneten Sonntag eine Gewürzbestellung aufgeben – nicht nur das Alltägliche, natürlich – und dich zwei Tage später in der Küche austoben mit Gewürzblüten, Kaffeegewürz und Tandoori-Mischung.

2. Fliederblüten-Sirup kochen.

3. Den drei jüngsten Vendittis dabei zuhören, wie sie in seltener Eintracht „Gschwind, Bethli, chumm is Gärtli, ha öppis herzigs gseh“ singen. Man muss einfach damit klarkommen, dass sie aussehen wie drei Islamisten beim Freitagsgebet, solange sie noch als Blumenzwiebeln auf dem Fussboden kauern.

4. Die zwei Stunden, die man eigentlich für einen Kaffeeklatsch mit einer Freundin eingeplant hatte, mit dösen, Prinzchen-Geplauder – „Prinzchen, du musst in die Badewanne, du riechst nicht besonders gut.“ „Weisst du Mama, so bin ich eben gemacht“ – und Katzenkraulen verbringen. Den Abwasch hätte man beim Kaffeeklatsch ja auch nicht erledigt, also kann das schmutzige Geschirr getrost noch ein wenig länger warten.

5. Sich bei der Zeitungslektüre darüber freuen, dass man das Gesicht von Nicolas Sarkozy in Zukunft deutlich seltener sehen wird. Ob der Neue besser ist, sei dahingestellt, aber immerhin verdirbt einem das arrogante Grinsen nicht mehr die Laune.

6. Die Entdeckung, dass ich mir die sternenförmige Brotbackform, die sich die Kinder schon so lange wünschen, nicht zu kaufen brauche, weil wir sie von der Grossmama ausleihen können. Wieder ein (Un)Ding weniger, das einen permanenten Wohnsitz in meinem Küchenschrank sucht.

7. Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der mich fragt: „Mama, darf ich heute den Abwasch ganz alleine machen?“

8. Die Nachricht, dass morgen der Monteur kommt, um den Geschirrspüler zu flicken, denn auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache ganz gut macht, verzichte ich gerne auf die tägliche Überflutung der Küche. Wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, wovor ich mich mehr fürchte, vor der Überflutung oder vor dem Monteur, der mir wieder eine Strafpredigt halten wird, weil ich meinen Geschirrspüler nicht artgerecht halte. Also vielleicht doch keine Alltagsfreude…

9. Die Gewissheit, dass sich das Prinzchen nicht vor den Ameisen fürchtet, die zum Sturm auf unsere Küche geblasen haben. Mit dem Zoowärter waren solche Angriffe jeweils der reinste Horror, so aber muss ich nur noch meine eigene Abscheu überwinden.

10. Du stellst fest, dass wenigstens einer von Karlssons schulfreien Tagen, mit denen der Lehrer berufstätige Mütter so unendlich glücklich macht, auf einen Mittwoch und nicht auf einen Freitag fällt. Mittwoch ist Papa-Tag, folglich brauchst du dir zumindest einmal nicht den Kopf zu zerbrechen, wo du das Kind unterbringst, währenddem du bei der Arbeit bist. Oh ja, ich weiss, das Kind ist bald zwölf und könnte auch mal ein paar Stunden alleine zu Hause bleiben, aber wisst ihr denn nicht, auf welch dumme Ideen beinahe-Zwölfjährige kommen, wenn man sie aus den Augen lässt?

Wenn ich diese Liste durchsehe und daran denke, dass wir vermutlich bald Nachwuchs bekommen – Katzennachwuchs, wohlverstanden – dann müsste ich eigentlich der glücklichste Mensch auf diesem Planeten sein. Müsste, denn ich finde wohl trotz aller Freuden immer etwas, worüber ich mich aufregen kann…

 

Aus alt mach neu

Ich war ja davon ausgegangen, dass das Kapitel der uralten Kirchenlieder für mich abgeschlossen sei. Früher, da sangen wir sie Sonntag für Sonntag, die Alten inbrünstig, die Jungen mit grossem Befremden, weil die antiquierte Sprache nicht so ganz zum modernen Leben passen wollte. Einige von uns weigerten sich, mitzusingen, andere bemühten sich krampfhaft darum, die alten Choräle gegen neueres Liedgut einzutauschen. „Es heisst doch, dass man dem Herrn ein neues Lied singen solle. Das alte Zeug hängt ihm bestimmt zum Hals heraus“, argumentierten wir und einige Jahre später wurde das Kirchengesangbuch tatsächlich immer seltener gebraucht, wir atmeten auf und die  älteren Semester trauerten den guten alten Zeiten nach.

Seither habe ich nur noch sehr selten geistliche Lieder gesungen, die älter sind als fünfzehn Jahre. Bis vor einigen Wochen der FeuerwehrRitterRömerPirat das alte Liedgut entdeckt hat. Und plötzlich singe ich wieder „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Schönster Herr Jesus“ und „Welch ein Freund ist unser Jesus“, diesmal nicht aus dem Kirchengesangbuch, sondern aus den Hymnensammlungen im Internet. Ich habe kein Problem damit, meinem Sohn diesen Gefallen zu tun, denn inzwischen befinde ich mich ja nicht mehr im Kampf für eine musikalische Erneuerung des Kirchengesangs. Ich kann sogar gestehen, dass nicht alles, was wir damals singen mussten, hässlich ist. Nun ja, „Auf Brüder, glauben heisst siegen“ wird wohl nie mein Lieblingslied und ich werde es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten auch nie vorsingen, aus Angst, dass es sein neues Lieblingsslied werden könnte. Aber ich habe mich arrangiert damit, dass unsere Kinder ein unverkrampfteres Verhältnis zu den Dingen haben, die für uns damals so schlimm waren. Was für uns Zwang war, ist für sie eine Stilrichtung von vielen, was für uns zu verstaubt daherkam,  erleben sie als spannende Ergänzung zu dem Einheitsbrei, mit dem meine Generation sich oft zufrieden gibt.

Eine leise Angst kommt dennoch auf, wenn die Kleinen so auf die alten Lieder fliegen: Was, wenn sie dabei bleiben, wenn sie in ihren wilden Jahren einen Aufstand machen, so wie wir damals, nur mit dem umgekehrten Ziel, nämlich das Kirchengesangbuch wieder einzuführen? Muss ich dann im Alter wieder die gleichen Lieder singen wie in meiner Jugend? Oder werden sie gnädig sein mit uns und sagen: „Ach kommt, lassen wir heute die Orgel wiedermal weg und nehmen wir das Schlagzeug hervor. Wir können den armen Alten doch nicht alles wegnehmen, was ihnen lieb ist…“

Wenn ich noch einmal zurück könnte…

…sagen wir mal fünfzehn Jahre oder so, dann würde ich…

…keinen einzigen Gedanken daran verschwenden, ob ich zu dick bin und ob ich es vielleicht mit einer Diät versuchen sollte. Schaue ich mir Fotos von damals an, dann kann ich heute sagen, dass ich gerade richtig war, nur konnte ich es nicht geniessen, weil ich nur die „Problemzonen“ sah.

…würde ich ein ganz bescheidenes, fröhliches und unkompliziertes Hochzeitsfest veranstalten und das gesparte Geld in eine ausgedehnte Hochzeitsreise – für drei oder vier Monate hätte es locker reichen können – investieren.

…dann würde ich mir zur Hochzeit weder einen Toaster noch eine Filterkaffeemaschine wünschen. Ich würde die Gäste bitten, mir ein Konto anzulegen mit Babysitterstunden, Hausputzeinsätzen und  Kaffeeklatsch,  verfügbar wann immer das Familienleben mit voller Wucht über uns hereinbricht.

…dann würde ich zur Hochzeit nur die Menschen einladen, die uns auch wirklich etwas bedeuten und nicht den Anhang des Anhangs der Verwandten siebenundsiebzigsten Grades.

…dann würde ich ein Jahr pausieren mit sämtlichen Freiwilligeneinsätzen, bevor ich mich auf das Wagnis Familiengründung einliesse.

…dann würde ich die Schreiberei viel konsequenter verfolgen.

…dann würde ich weniger Zeit dafür verschwenden, darüber nachzudenken, was andere von mir denken und dafür gezielter die Dinge verfolgen, die mir wirklich wichtig sind.

..dann würde ich mir nicht mehr von anderen vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu glauben habe.

…dann würde ich das Leben viel unverkrampfter angehen.

…dann würde ich sehr viele Dinge anders tun, aber ich würde immer noch den gleichen Mann heiraten und die Kinder wollen, die ich habe – okay, vielleicht auch eines oder zwei dazu, aber sagt das bitte „Meinem“ nicht, sonst schiebt er wieder eine Krise.

Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.