Familien(un)freundlich

Lange Zeit glaubte ich, familienfreundliche Ferien könne man nur im Ausland machen. In London zum Beispiel, wo dir die Banker sogar während der Rush Hour helfen, den Kinderwagen zu schleppen. Oder in Südengland, wo sie dich milde anlächeln, wenn dein Baby im Schloss die Milch auf den Fussboden spuckt und dabei den teuren Teppich aus dem sechzehnten Jahrhundert nur um Haaresbreite verfehlt. Oder in Österreich, wo du dich kaum entschliessen kannst, welches Familienhotel du nun buchen sollst, weil jeder Hotelier versucht, den anderen in seiner Familienfreundlichkeit zu übertreffen.

Dass man auch in der Schweiz familienfreundliche Ferien machen kann, weiss ich erst seit ein paar Tagen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass es auch hierzulande tolle Kinderspielplätze gibt, dass es auch in der Schweiz Hoteliers gibt, welche die Kinder zum Malnachmittag einladen oder Ladenbesitzer, die mit den Kindern basteln.  Schön, dass ich auch in meiner Heimat kinderfreundlichen Tourismus finde. Schön, dass ich mich geirrt habe, als ich glaubte, sowas gebe es nur im Ausland.

Und dennoch ist meine Freude getrübt. Denn auch wenn die äusseren Formen mit  coolen Spielplätzen, abwechslungsreichem Kinderprogramm, Kinderbetten und Hochstühlen erfüllt sind, so  richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist die Kinderfreundlichkeit den Schweizern nicht.

Wie sonst soll ich mir erklären, dass Kinder morgens um zehn auf dem zur Ferienwohnung gehörenden Spielplatz zurechtgewiesen werden, weil sie „zu laut sind und das Aufschlagen der Wippe im unter dem Spielplatz liegenden Laden stört“? Da wird ein Spielplatz hingestellt, um Kinder anzulocken, aber wenn sie kommen, nimmt man ihnen übel dass man sie hört. Als könnten die Kinder etwas dafür, dass unter dem Spielplatz ein Laden liegt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Da baut man neben der Bergstation der Seilbahn diesen grossartigen Abenteuerspielplatz mit Wasserläufen, Klettergerüsten und Höhlen und dann bringt man ein Schild an, dass Kindern unter drei Jahren den Zutritt verwehrt. Was dazu führt, dass alle Familien, die sich in der Familienplanung nicht nach diesen Vorschriften gerichtet haben, ihre kleineren Kinder mit Gewalt vom Vergnügen der grossen Geschwister fernhalten müssen. Dass das „Problem“ auch durch einen eigenen Kleinkinderbereich hätte behoben werden können, daran scheint keiner gedacht zu  haben.

Oder reden wir mal kurz über das liebe Geld und was dazu gehört: Inzwischen hat man auch in der Schweiz begriffen, dass man Familien mit Sonderangeboten anlocken  könnte. Das Problem ist nur, dass man im Schweizer Tourismus Familie offenbar als Mama, Papa und Einzelkind definiert. Schon ab dem zweiten Kind wird’s bedeutend teurer, ab dem Dritten schenkt es so richtig ein. So hätten wir zum Beispiel seinerzeit für den FeuerwehrRitterRömerPiraten pro Ferienwoche satte 600 Franken Aufpreis bezahlt, obschon das Kind noch voll gestillt wurde und im Elternbett schlief. Einfach, weil das dritte Kind eines zuviel war. Gut, man könnte jetzt einwenden, das sei lange her und inzwischen habe sich das bestimt gebessert. Doch leider musste ich bei meiner Suche nach guten Ferienangeboten feststellen, dass sich hier nichts geändert hat, auch wenn inzwischen die Familie mit drei Kindern zum Normalfall geworden ist. Dass man auf Grossfamilien kaum Rücksicht nimmt, damit habe ich mich abgefunden, aber dass man nicht sehen will, dass die heutige Schweizer Durchschnittsfamilie etwas grösser ist als auch schon, das kann und will ich nicht begreifen.

So langsam dämert mir, dass sich zwar äusserlich in Sachen Familienfreundlichkeit Einiges getan hat, dass Kinder an sich aber nach wie vor oftmals als notwendiges Übel angeschaut werden. Ein notwendiges Übel, dem man eben ein klein wenig entgegenkommen muss, wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen will. Der Schweizer Tourismus kann ja nicht alleine von Japanern, Chinesen und Rentnern leben.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Talking Tom

Man sollte ja wirklich erwarten können, dass eine mehr oder weniger erfahrene Mutter nicht so blöd ist, „Talking Tom“ auf ihr iPad zu laden, um ihren Kindern die Reise in die Ferien zu verkürzen. Nun, die meisten sind wohl nicht so blöd; ich aber schon.

Und seither haben unsere Kinder weder Augen für die schöne Bergwelt, noch für die Lamas vor dem Haus, noch für die Eishockeyspieler gegenüber. Sie wollen nur noch das Eine: Talking Tom, die Katze, die alles, was man ihr erzählt, mit Quietschstimme wiederholt, die Katze, die hemmungslos furzt, wenn man den richtigen Knopf drückt, die Katze, die einen mit Torten bewirft und die sich von zornigen kleinen Kindern k.o. schlagen lässt und danach doch wieder selig schnurrt, wenn man sie streichelt.

Weil Mama aber nur ein iPad zum Geburtstag geschenkt gekriegt hat, ist Talking Tom leicht überfordert mit den Ansturm, der da herrscht. Wie soll er denn wissen, was er zu tun hat, wenn Luise ihm Milch geben will, Karlsson ihm ein Lied singt, der FeuerwehrRitterRömerPirat auf ihn eindrischt, der Zoowärter ihn streichelt, das Prinzchen hundertmal „Hallo Büsi!“ruft, „Meiner“ zetert, sie sollten das iPad in Ruhe lassen und ich versuche, eine Ordnung ins Chaos zu bringen.

Weil mir der arme Tom etwas leid tut – und ich zudem nicht sicher bin, ob mein iPad für so viel Rummel geschaffen ist -, habe ich angefangen, Einzelsitzungen mit Tom anzubieten. Ein Kind nach dem anderen darf Tom und mich im Bad besuchen, wir schließen die Tür ab und dann darf das Kind mit Tom tun, was immer es möchte. Und während das Kind sich mit Tom befasst, erhasche ich ein paar Einblicke in das Wesen unserer Kinder.

Der Zoowärter zum Beispiel quatscht ohne Punkt und Komma, probiert verschiedene Tonlagen aus, erzählt ihm von seinem Leben und lacht sich halb krank über Toms Imitationen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hingegen kann nicht genug davon kriegen, das arme Tier k.o. zu schlagen und es dann dazu zu bringen, sich durch Zerkratzen der Scheibe zu rächen. Luise sorgt danach dafür, dass Tom seine Streicheleinheiten bekommt und lässt ihn wissen, was für ein süßes Tier er doch sei. Karlsson schliesslich macht Stimmübungen mit Tom, probiert aus, wie es sich anhört, wenn er den Kater anbrüllt und ob das Tier auch tatsächlich seine höchsten Töne noch höher imitieren kann.

Einzig das Prinzchen hat noch keine speziellen Vorlieben im Umgang mit Tom gezeigt. Er vergöttert das Tier so sehr, dass er nicht mehr genug bekommen kann von all dem Spass. Und deshalb muss ich mich jetzt jedesmal, wenn ich mein iPad ganz für mich alleine haben will, ins Bad einschliessen, weil sonst das Prinzchen brüllt „Nei, miiiine Büsi!“ und mir das iPad entreißt.

Und so kommt es, dass ich die meiste Zeit unserer Ferien im Bad eingeschlossen verbringe.

Eins ist klar: Die Hippos, Igel und anderen Viecher, die mit Tom unter einer Decke stecken, werden nicht auf meim iPad geholt. Und dies nicht alleine, weil sie im Gegensatz zu Tom etwas kosten.

Peace

Eine Tafel Schokolade, eine nette Entschuldigung und ein Hinweis, dass wir das von gestern nicht ganz so nett gefunden haben und schon ist die Sache wieder im Lot und unsere Kinder werden mit Überraschungseier entschädigt. An manchen Tagen bin ich einfach stolz auf die diplomatischen Fähigkeiten von „Meinem“, auch wenn er selber das wenig schmeichelhaft unter dem Kapitel „Schleimen“ abbucht.

Ach, wie nett

Um eines vorweg klar zu stellen: Ich finde es nicht in Ordnung, wenn eines meiner Kinder mitten auf dem Spielplatz des Ferienhauses pinkelt. Um noch eines klar zu stellen: Ich habe meinen Kindern schon mehrmals verboten, auf irgend welchen öffentlichen Plätzen zu pinkeln. Und um noch etwas klar zu stellen: Von mir haben sie das nicht.

Jetzt, wo diese drei Dinge geklärt sind, kann ich ja erzählen, wie sehr es mich nervt, wenn die Mutter des Ferienhausbesitzers zuerst unsere Kinder zur Schnecke macht und dann „Meinen“ und mich anschnauzt, dass das nicht angehen könne, dass unser Sohn sowas tue. Dass sie noch nie so etwas Unerhörtes erlebt habe und dass unsere Kinder gefälligst alle Spielsachen auf dem Spielplatz wegräumen sollten, obschon sie noch mitten im Spiel waren. Und dann kann man uns ja gleich noch anmotzen, wir hätten unser Auto falsch geparkt.

Wirklich ein netter erster Kontakt mit der Vertretung unseres Vermieters. Dass der kleine Wildpinkler noch keine vier Jahre alt ist, dass seine grossen Geschwister ihn mit aller Überredungskunst davon abhalten wollten, dass sich unsere Kinder bis anhin außer dieser kleinen Episode nichts haben zu Schulden lassen kommen, dass uns bei unserer Ankunft keiner gesagt hat, wo wir unser Auto hinstellen müssten, dass wir eine „familienfreundliche“ Ferienwohnung gemietet haben, dass diese Wohnung die ganze Woche leer stehen würde, hätten wir uns nicht in letzter Minute ihrer erbarmt, all dies hat die gute Frau geflissentlich übersehen.

Ist doch nett, dass unsere Kinder sich bereits am zweiten Ferientag nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Und dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überlege, ob ich diese Woche vielleicht lieber bei Coop einkaufen soll, auch wenn wir die Migros im Hause haben. Denn da die nette Frau in der Migros arbeitet, habe ich ein kleines bisschen Angst, dass ich beim Einkauf etwas falsch machen könnte. Und eine kalte Dusche pro Ferienwoche reicht mir eigentlich vollauf.

Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.

 

 

Happy Birthday, liebster „Meiner“

Endlose 36 Stunden nach mir hast du es nun auch geschafft, 36 zu werden. Ja, ich weiss, es ist hart mit einer Frau zusammen zu sein, die so viel älter und reifer ist, aber ich finde, du machst deine Sache ganz gut. Klar, meinen Vorsprung an Lebenserfahrung wirst du nicht so leicht wettmachen, dafür aber hältst du mich jung.

War schön, heute den ganzen Tag mit dir alleine durchs sonnige Basel zu ziehen, zu philosophieren, in Läden zu stöbern, in die wir uns mit dem Prinzchen nie hineinwagen dürften, aus Angst, er würde etwas zerbrechen, in Erinnerungen zu schwelgen, die Fondation Beyeler für einmal ganz ohne böse Blicke des nicht gerade kinderliebenden Aufsichtspersonals zu geniessen, das „Läckerlihuus“ links liegen zu lassen und stattdessen bei „Sprüngli“ sündhaft gute Absinthe-Luxemburgerli zu kaufen.

Nahezu perfekt, so ein Tag. So perfekt, dass man beinahe vergessen könnte, dass auch harte Zeiten hinter uns liegen. So perfekt, dass man vergessen könnte, dass wir nicht anders sind, als andere Paare auch: Wir streiten uns, versöhnen uns wieder, fallen einander auf die Nerven und zehn Minuten später wieder in die Arme, wir zanken uns darüber, ob man Geld lieber sofort ausgeben oder doch auf die hohe Kante legen soll, wir keifen einander wegen offener Zahnpastatuben und herumliegender Schuhe an und wenn wir miteinander essen gehen, dann verhungern wir fast, weil wir uns nie entscheiden können, in welchem Restaurant wir einkehren wollen.

Ich weiss, Perfektion sieht anders aus. Aber solange du dich sein darfst und ich mich, solange wir beide wir sind, solange schere ich mich einen Dreck um Perfektion.

Heute lachen wir darüber

Da liegt er nun vor mir, der hellblaue Teller, der „Meinem“ vor fünf Jahren als Unterlage für ein Kunstexperiment gedient hatte. Der aber vom Sturm, diesem Kunstbanausen, in die Dachrinne geweht wurde und seither nicht mehr gesehen ward. Zumindest nicht im Inneren der Wohnung, sondern nur vom Badezimmerfenster aus, gut sichtbar, aber leider unerreichbar. Dank der Hilfe des Dachdeckers fand der Teller heute aber den Weg zurück in sein angestammtes Revier, die Küche. Bloss was war es, was da auf diesem Teller lag?  Ein undefinierbares schimmliges Etwas, das unmöglich das Kunstexperiment von „Meinem“ sein konnte. Lange starrte ich auf den Teller, ohne herauszufinden, was da lag. Ein alter Rock von Luise vielleicht? Oder ein Lappen, der aus dem Fenster geflogen und auf dem Teller gelandet war? Irgendwann dämmerte es mir: Es war eine Windel, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vor langer Zeit mal aus dem Fenster geschmissen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an die Zeiten, als der FeuerwehrRitterRömerPirat fast täglich eine Windel aus dem Dachfenster schmiss. Man mochte ihm hundertmal sagen, er dürfe das nicht tun, am nächsten Morgen lag da trotzdem wieder eine Windel im Garten. Oder eben in der Dachrinne. Und das Schlimmste an der Sache war: Man musste noch erleichtert sein, wenn er bloss die Windel rausgeschmissen hatte, hin und wieder kam es nämlich auch vor, dass der feste Inhalt der Windel in der Gegend herumflog. Meistens schafften wir es, diese stinkenden Geschosse wieder aufzuspüren und sachgerecht zu entsorgen, aber einmal übersahen wir eines davon und ausgerechnet, als wir der Italienischen Verwandtschaft voller Stolz unser Zuhause präsentieren wollten, tauchte es wieder auf.

All diese Erinnerungen waren wieder da, als ich diese vergammelte Windel auf dem Teller liegen sah. Und nicht nur die Erinnerungen, auch die Gefühle, die ich damals empfunden hatte, waren wieder da. Wie schämte ich mich doch jeweils, dass unser Dritter mit Windeln und Exkrementen um sich warf. Von anderen Kindern hörte ich nie solche Geschichten. Würde unser Sohn je so vernünftig sein, dass er damit aufhören würde? Und würden wir ihn überhaupt je aus den Windeln bekommen, oder würde ich ihn dereinst kurz bevor er zum Traualtar marschiert, noch einmal wickeln müssen? Waren wir totale Versager, weil unser sonst so schlaues Kind einfach nicht einsehen wollte, dass man nicht ewig in den Windeln bleiben kann und dass Windeln in der Dachrinne nichts zu suchen haben?

Heute können wir zum Glück lachen über jene Zeit, aber damals war die Sache für mich mit ein Grund, weshalb ich mich als Mutter so völlig unfähig fühlte, weshalb ich hin und wieder zum Himmel schrie: „Gott, was hast du meinen Kindern bloss angetan, indem du ihnen eine solche Versagermama zugemutet hast?“

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Sache wohl etwas entspannter ansehen können: Sie kommen alle aus den Windeln. Die einen etwas früher, die anderen später. Und je weniger Druck man macht, umso schneller geht’s.

Ach ja, und so sieht es übrigens aus, das Relikt aus der windelrebellischen Phase des FeuwerwehrRitterRömerPiraten:

Bewegend

Ist doch einfach schön, so gefeiert zu werden. Schon dass „Meiner“ eine Party für mich organisiert hat, hat mich riesig gefreut. Auch die Postkarten von lieben Freunden haben mir den Tag verschönert. Das Päckchen von den Eltern unseres Au-Pair war eine wunderbare Überraschung. Und die Glückwünsche auf Facebook, zum Teil von lieben Menschen, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, waren natürlich auch sehr schön.

So richtig bis tief in mein Innerstes gerührt hat mich aber etwas anderes, nämlich die Geburtstagsgrüsse, die heute meine Mailbox beinahe überquellen liessen. Einfach bewegend, wer da alles an mich gedacht hat: „ClickandBuy“ schickt mir die besten Wünsche, der „Waschbär Umweltversand“ und „Vivanda“ haben sich gar miteinander abgesprochen, um mir den exakt gleichen Geburtstagsgruss zukommen zu lassen, der „Weltbild Verlag“ und „La Redoute“ schenken mir in unendlicher Grosszügigkeit je zehn Franken wenn ich für unendlich viel Geld etwas bei ihnen bestelle und auch „StayFriends“ und „Jesus.de“ haben mich nicht vergessen.

Ist das nicht beeindruckend: Da hinterlässt du nur ein einziges Mal in einem Online-Shop deine Spuren und schon wird dein Geburtstag nie wieder vergessen. Freunde mögen dein Geburtsdatum mit demjenigen deines „Deinen“ verwechseln, Verwandte mögen sich fragen, ob du nun 36 oder 46 Jahre alt wirst, aber „ClickandBuy“ wird nie vergessen, an welchem Tag du den wievielten Geburtstag feierst. Vermutlich werden die mir noch im Altersheim die besten Wünsche zukommen lassen, obschon ich mich bereits heute nicht mehr daran erinnern kann, wie die überhaupt an mein Geburtsdatum gekommen sind. Muss einer jener verrückten Spätabenspotaneinkäufe gewesen sein, den ich bei denen im Halbschlaf getätigt habe.

Ob ich aus lauter Dankbarkeit für all die netten Wünsche mal kurz bei jedem meiner Gratulanten vorbeisurfen soll? Ich meine, wenn ich will, dass die mir auch in 50 Jahren noch zum Geburtstag gratulieren können, muss ich dafür sorgen, dass ihr Laden läuft, nicht wahr?

Es geht auch ganz anders

Nachdem ich gestern voller Freude von den Entwicklungsschritten unserer Kinder berichtet habe, präsentiere ich heute die Kehrseite. Die ist zwar nicht ganz so glänzend, hat aber einen hohen Unterhaltungswert. Zumindest wenn man sich den ganzen Tag im Büro verschanzen kann und nur durch die verschlossene Tür mitkriegt wie

– „Meiner“ den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter dazu verknurrt, zum Mittagessen Nutellabrot, Bonbons und Schokolade zu essen, weil sie sich drei Minuten bevor das vollwertige Mittagessen auf den Tisch gekommen wäre über den Vorratsschrank hergemacht haben. Die beiden um wenigstens ein ganz kleines bisschen Rösti und Salat betteln zu hören, weil sie nicht nur von diesem ekligen süssen Zeug essen wollten, war das reinste Vergnügen.

– die ganze Familie völlig entnervt vom erfolglosen Herbstschuhkauf zurückkommt und man sich glücklich schätzen darf, dass man das Drama um „Ich will aber die rosaroten Schuhe und nicht die hellblauen!“ und „Wenn ich die Schuhe nicht bekomme, laufe ich den ganzen Herbst barfuss“ wenigstens einmal nicht hat miterleben müssen. Dass morgen der zweite –  hoffentlich erfolgreichere – Versuch ansteht und dass man dann nicht mehr wird kneifen können, muss man in solchen Momenten der Schadenfreude einfach ausblenden können.

– das Prinzchen sich in der Bibliothek eine halbe Stunde lang fast die Augen aus dem Kopf heult, weil der Bagger, den er dort gefunden hat, leider einem anderen Kind gehört und sich die Mama dieses anderen Kindes dummerweise daran erinnern konnte, dass der Bagger, den das Prinzchen nun für sich haben will, in der Bibliothek geblieben ist. Gut, ich geb’s zu, ich habe im Büro nicht gehört, wie das Prinzchen in Aarau gebrüllt hat, aber alleine die Erzählung hat mir gereicht um erleichtert zu seufzen: „Gott sei Dank durfte ich heute ein Personalreglement, ein Lohnreglement und ein Pflichtenheft verfassen und musste mich nicht in der Bibliothek mit einem brüllenden Prinzchen rumschlagen.“

– sogar dem sonst so geduldigen Au-Pair irgendwann der Geduldsfaden reisst so dass die Kinder für einmal nicht vor dem „bösen Papa“ in ihre Arme flüchten können. Und schon gar nicht vor der „bösen Mama“, denn die war ja heute im Büro und konnte deswegen gar nicht so böse zu den Kindern sein.

Ja, sie können auch ganz anders, unsere lieben Kinder. Und „Meiner“, das Au-Pair und ich können auch ganz anders, als immer nur geduldig und friedlich sein. Und so kommt es, dass ein Tag, an dem man sich acht Stunden lang pausenlos mit knochentrockenem Papierkram rumschlägt sich schon fast ein wenig anfühlt wie Wellness.