Gartenweisheiten

Gartenarbeit & Co., das wissen meine geneigten Leser, dienen bei mir nicht in erster Linie dazu, eine reiche Ernte zu produzieren und eine englische Idylle ums Haus herum herzustellen. Nein, eigentlich ist das Ganze für mich mehr so eine Art Selbstfindungs-Seminar. Eine Stunde im Garten und schon weiss ich wieder ein paar Dinge mehr über mich selber. Zum Beispiel:

– Mein Optimismus ist auch nicht mehr, was er einmal war. In alten Tagen konnte Thomas Bucheli hundertmal mit besorgter Miene behaupten, der Sommer liege in den letzten Zügen, ich räumte das Planschbecken erst beim ersten Schnee weg, denn man konnte ja nie wissen, ob nicht doch noch ein paar heisse Tage kommen würden. Heut genügt ein sorgenvoller Blick des Wetterfrosches und schon renne ich in den Garten, um den Pool zu säubern und für den Winter einzulagern.

– Vielleicht ist mein Optimismus inzwischen gar inexistent. Anders lässt es sich kaum rechtfertigen, dass ich im Frühjahr, kaum war die Gefahr von Bodenfrösten vorbei, je ein Tütchen Gurken- und Kürbissamen im Garten verteilt habe, in der der Hoffnung, dass wenigstens ein Pflänzchen wachsen würde. Ja du gütiger Himmel, wie konnte ich denn wissen, dass Gurken und Kürbisse in Sachen Fruchtbarkeit „Meinem“ und mir gar nicht so unähnlich sind? Immerhin bin ich nicht nur Anfängerin im Umgang mit Pessimismus,  auch in Sachen Gartenarbeit kann ich nicht auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

– Grosse Visionen zu haben ist das eine, ihnen auch zum Gedeihen zu verhelfen, das andere. Ganz offensichtlich bringt es nichts, im Frühjahr fröhlich Mohn –  und Sonnenblumen anzusäen, Fenchel, Salbei und Thymian zu setzen, in der Hoffnung, dass dadurch der Garten zu einem bunt blühenden Tummelplatz für Bienen, Hummeln und anderes Getier werde. Gut, die Nacktschnecken haben sich sichtlich wohl gefühlt in dem Gewirr. Aber ob je eine Biene den Weg zum Nektar gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte ich ja doch hin und wieder jäten sollen….

– Sollten „Meiner“ und ich je wieder an unserer Intelligenz zweifeln, brauchen wir nur an die Kartoffelernte 2010 zurückzudenken, um uns bewusst zu machen, dass es so schlimm ach nicht sein kann mit unserer Dummheit:

Was diese Minikartoffeln mit unserer Intelligenz zu tun haben? Nun, bekanntlich hat der dümmste Bauer die grössten Kartoffeln.

Gut, einige sind ja schon grösser rausgekommen, aber ich glaube, auch damit schaffen wir es nicht ins Buch der Rekorde:

Ist doch gut, dass wir einen Garten haben. Der sieht zwar auch nach drei Stunden jäten nicht perfekt aus, aber immerhin kennen wir uns jetzt wieder ein bisschen besser.

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.

Ohne mich?

Dieses Jahr mache ich nicht mit. Ganz bestimmt nicht. Ich weiss, in meinem Alter macht man das, aber ich will jetzt einfach nicht und darum werde ich auch nicht. Ich habe keine Lust, mich stundenlang hinzukauern, keinen Bock auf schmutzige Fingernägel, kein Bedürfnis, todmüde und mit schmerzenden Gliedern ins Bett zu sinken. Lieber hocke ich in meinem unaufgeräumten Büro und tippe mir die Finger wund. Dieses Jahr lässt mich die Gartensaison kalt.

So dachte ich noch vor ein paar Tagen. Aber dann stiess ich beim Surfen auf einen Tellerpfirsich-Baum und mein Entschluss geriet ins Wanken. Nachdem aber „Meiner“ das Bäumchen gepflanzt hatte und die ersten rosaroten Blüten sich öffneten, zog ich mich wieder ins Büro zurück. Ich habe dieses Jahr wirklich keine Lust auf Gärtnern. Aber das lässt sich die Natur nicht bieten. Und so begann sie, mich zu umschmeicheln. Die ersten Traubenhyazinthen liessen mich noch kalt, doch als die Osterglocken zu blühen begannen, deren Zwiebeln wir letzten Herbst aus Chamonix mitgebracht hatten, fühlte ich mich schon ein wenig geschmeichelt. Immerhin haben wir letzten Herbst mit klammen Fingern in der Erde gewühlt, um dafür zu sorgen, dass die Natur sich in diesem Frühling von ihrer besten Seite zeigen kann.

Dennoch beschloss ich, die Gartenarbeit „Meinem“ zu überlassen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht. Und jemand muss sich doch auch um die armen Papiere kümmern, die so verloren auf meinem Schreibtisch liegen.  Heute Nachmittag aber ging uns die Erde aus und weil „Meiner“ am Graben war – er verschönert gerade unseren Gartensitzplatz – musste eben ich in die Migros fahren. Und dann war es um mich geschehen und jetzt wachsen auf unserem Balkon Kopfsalate, Eisbergsalate, Basilikum, Thai-Basilikum, Zitronenthymian, Mohn, Oregano, Marokkanische Minze, Butternut-Kürbisse und Petersilie. Und weil das nicht genug ist, habe ich gleich noch ein paar Kohlrabi und San Marzano-Tomaten ins Gartenbeet gepflanzt.

Tja, sieht so aus, als wäre ich nun doch dabei. Ich hätte es ja eigentlich wissen sollen, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Wie meine geneigten Leser wissen, kann man sich der Gärtnerei in einem gewissen Alter nicht mehr erwehren.

Komm lieber Mai…

Wissen die nichts besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen? Müssen die alle am ersten Mai im Garten malochen, in der Erde wühlen, Setzlinge einpflanzen und den Rasen mähen? So denkst du, wenn du zwischen 5 und 34 Jahre alt bist. Erst neulich wollte mein fünfzehnjähriger Neffe von mir wissen, was die Erwachsenen so toll daran finden, sich den halben Sommer im Garten abzurackern. Ich wusste keine Antwort, denn ich war ja erst 34.

Dann plötzlich dauert es nur noch ein halbes Jahr bis zu deinem 35. Geburtstag und ganz unvermittelt findest du dich am ersten Mai mit der Rebschere im Garten wieder. Du schneidest die Brombeerranken ab, beginnst, die uralten, knorrigen Wurzeln aus der Erde zu buddeln und freust dich darauf, etwas Neues einzupflanzen. Du denkst nach über die ewig gleiche Hässlichkeit der Regenwürmer, findest einen alten Flaschenverschluss, und fragst dich, wer ihn wohl vor vielen Jahren, als du von 35 noch weit entfernt warst, dort liegengelassen hat. Du überlegst dir, ob die Schweinegrippe wohl wirklich so schlimm ist, wie alle befürchten, ob es einen Weg gibt, unliebsame Gemeinderäte abzuwählen, ob du das geblümte Toilettenpapier kaufen sollst oder das Weisse, was wohl aus deinen Kindern werden wird und ob du wiedermal Götterspeise zubereiten sollst.

Und plötzlich weisst du, warum sie alle nicht anders können, die, die 35 und älter sind. Sie wollen nachdenken. Und nachdenken kann man am Besten, wenn man in der Erde buddelt, mit Verbissenheit das Ende der Wurzel sucht und dann mit aller Kraft daran zerrt, die Wurzel  im hohen Bogen auf den Haufen wirft und weiterbuddelt. Würden alle graben, die Welt sähe anders aus.

Ach ja, und wer mich jetzt vor seinem geistigen Auge vor sich sieht, wie ich mit weissen Ballerinas und geblümter Bluse in der Erde herumwühle, liegt genau richtig. Gummistiefel und Faserpelzjacke gibt’s erst, wenn man 40 ist.