Das sehen wir doch alle gleich, nicht wahr?

Du kannst reden, mit wem du willst, jeder findet es eine Sauerei, dass wir Waren kaufen, die irgendwo, weit weg von hier von Kindern hergestellt worden sind. Jeder betont, wie wichtig es sei, dass wir weniger konsumieren, weniger Auto fahren, weniger Strom verbrauchen, weniger Müll produzieren, weniger fernsehen, weniger zum Arzt rennen, weniger Lebensmittel wegschmeissen, weniger fliegen, weniger Süsses konsumieren, weniger Spuren hinterlassen. Jeder findet es abscheulich, dass Kinder geschlagen und vernachlässigt werden, jeder fordert, dass Frauen und Männer in allen Dingen gleichberechtigt sein sollen, jeder ist empört darüber, dass noch immer so viele Kinder verhungern, jeder beklagt sich darüber, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, jeder ist besorgt darüber, dass der Umgangston immer rauher wird, jeder findet es bedenklich, dass der Leistungsdruck immer noch weiter zunimmt, jeder ärgert sich, dass bald jeder Quadratmeter Boden überbaut ist, jeder ist fassungslos, dass Tiere durch halb Europa gekarrt werden, bevor sie als Fleisch auf dem Teller landen, jeder glaubt, dass es so nicht weitergehen kann, jeder ist überzeugt, dass wir einmal grundlegend über die Bücher gehen sollten.

Warum, so frage ich mich, sieht es auf unserem Planeten noch immer so düster aus, wo wir doch offenbar alle der gleichen Meinung sind? Oder meint am Ende jeder nur den anderen, wenn er davon redet, was alles anders werden sollte?

 

Zehn Dinge, die dir heutzutage keiner mehr verzeiht

1. Du kommst zu spät, weil du dich verfahren hast. „Was um Himmels Willen ist bloss passiert? Ist Ihr GPS ausgestiegen? Wie? Sie haben kein GPS?“

2. Du erziehst dein Kind einsprachig, obschon du es zweisprachig hättest erziehen können.

3. Du gibst einem Bettler einen Zweifränkler, obschon er dir nicht die nötigen Dokumente vorlegen kann, die belegen, dass er alles Menschenmögliche unternommen hat, um aus eigener Kraft wieder zu einem voll funktionstüchtigen Mitglied der Gesellschaft zu werden.

4. Du lässt dir ganze zwei Stunden Zeit, um eine Mail zu beantworten.

5. Du wagst es, offen dazu zu stehen, dass dir Grammatik etwas bedeutet.

6. Du rennst nicht zum Therapeuten, obschon dein Kind nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr das Bett genässt hat.

7. Du erdreistest dich, über eine Idee laut nachzudenken, bevor du dazu ein zwölfseitiges Konzept, einen umfangreichen Businessplan und eine ansprechende Power Point Präsentation erarbeitet hast.

8. Du mutest deinem Haustier zu, dass es Dinge, die seine Artgenossen während Jahrtausenden ohne menschliche Hilfe getan haben, weiterhin selber tut, obschon es heutzutage doch so viele interessante Möglichkeiten gäbe, das Tier vom Menschen abhängiger zu machen.

9. Du vertrittst allen Ernstes die Meinung, dass auch Menschen, die nicht in der Schweiz geboren worden sind, das Recht haben, sich nach einem besseren Leben zu sehnen. Ja, du wagst es gar, daran zu erinnern, dass vor gar nicht allzu langer Zeit Wirtschaftsflüchtlinge aus unserem Land ausgezogen sind, um andernorts ihr Glück zu suchen.

10. Die grösste aller Sünden: Du bist nicht erreichbar, weil du das Haus ohne funktionstüchtiges Handy verlassen hast.

 

Gespräch mit einer Immigrantin

Sie ist vor mehr als drei Jahrzehnten in die Schweiz eingewandert, die Sprache ist ihr noch immer fremd, die Lebensweise der Menschen hier versteht sie nicht immer und obschon sie nie mehr in ihre alte Heimat zurückkehren könnte, wird sie sich wohl auch hier nie ganz zu Hause fühlen. Wir kommen ins Gespräch miteinander – auf Italienisch, denn Deutsch geht nicht -, reden über meine Kinder und ihre Freunde.

Ich: „Ich bin so froh, dass unser Ältester gute Freunde gefunden hat, die ähnliche Interessen haben. Freunde, die damit leben können, dass er mit Fussball nichts anfangen kann.“

Sie: „Ja, es ist wichtig, dass die Kinder nicht in schlechte Kreise geraten.“

Ich: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat jetzt einen neuen Freund. Er kommt aus Eritrea, ein unglaublich fröhliches Kind. Die zwei verstehen sich prächtig.“

Sie (zögerlich): „Nun ja, ich denke, Kinder sind auf der ganzen Welt gleich. Aber Erwachsene… Aber die Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien sollen wirklich schlimm sein, sagt man…“

Ich: „Nun, hier im Dorf leben sehr viele nette Familien, die aus dem Balkan eingewandert sind…“

Sie: „Ja, kann schon sein, dass einzelne anders sind, aber die meisten sind richtig schlimm, glaube ich.“

An diesem Punkt musste ich meinen Nerven zuliebe das Thema wechseln. Wir redeten dann darüber, wie mühsam wir es finden, dass Ausländerfeindlichkeit immer salonfähiger wird.

Kleiner Junge

Er ist nicht mein Kind und ich kenne ihn auch nicht besonders gut. Ich weiss nur, dass er in seinem kurzen Leben schon mehr Schweres erlebt hat als manch ein Erwachsener. Wenn ich ihm hin und wieder begegne, fällt mir seine Fröhlichkeit auf, seine Lebensfreude, aber auch seine Starrköpfigkeit. Kein Kind, mit dem man einen Spielwarenladen besuchen möchte, denn gegen seinen harten Kopf kann man wohl nur verlieren. Er ist nicht frech oder ausfällig, aber er fordert mit seinem Verhalten, dass man sich mit ihm auseinandersetzt. Mir gefällt der Junge, in ihm brennt ein Feuer, das vielen Kindern fehlt, die es leichter haben als er. So sehe ich ihn.

Andere sehen ihn offenbar anders. Für sie ist er „hochgradig gestört“, weil seine Mama öfters mal an die Grenzen stösst, wenn sie ihn in die Schranken weisen will. Er ist „untragbar“, weil er sich nicht einfach ignorieren lässt. Er ist ein „Saugoof“, weil er ein Nein meist nicht beim ersten Mal akzeptiert. Auch nicht beim zweiten oder dritten Mal.

Mir bricht fast das Herz, wenn ich die Leute so reden höre. Macht ein Erwachsener eine Lebenskrise durch, darf er abstürzen, man zeigt Verständnis für irrsinnige Frustkäufe, man verzeiht ihm verletzendes Verhalten, man sieht ihm Dinge nach, die man gewöhnlich aufs Schärfste verurteilt. Macht aber ein kleines Kind Schweres durch, dann soll es gefälligst weiterhin so funktionieren, wie man es von einem artigen kleinen Menschen erwarten darf.

Es bereitet mir Bauchweh…

…wenn mir die Kinder erzählen, dass Deutsche Mitschüler fertiggemacht werden, weil sie sich wünschen, dass Deutschland Europameister wird. Wie das wohl morgen auf dem Pausenplatz zugehen wird?

…wenn viele meiner Landsleute mehr Mitgefühl aufbringen für ein Schlagersternchen, das sitzengelassen wurde, als für Asylsuchende, die nach dem Willen des Nationalrates mit nur noch acht Franken am Tag auskommen sollen.

…wenn immer öfter Unsägliches laut ausgesprochen und in Leserbriefen veröffentlicht wird. Was man vor zehn Jahren noch nicht zu denken gewagt hätte, äussert man heute ohne zu erröten und mit grosser Lust an der Provokation.

…wenn viele Schweizer nur noch darauf bedacht sind, eine dicke Butterschicht auf dem eigenen Brot zu haben und dabei nicht bemerken, dass längst nicht mehr jeder in Europa überhaupt Brot hat.

…wenn ich sogar von Pensionierten schräg angesehen werde, weil ich kein GPS besitze. Darf man sich denn heute nicht mehr verfahren?

…wenn die Strassen voller Baustellen sind. Nicht, weil deswegen der Verkehr stockt, sondern weil daran ganz klar sichtbar wird, wo die Prioritäten liegen. Nämlich ganz bestimmt nicht im Umweltschutz.

…wenn ich Tag für Tag neue Dinge entdecke, die mir Bauchweh bereiten.

Sorgen haben wir…

Heute war ein Maitag wie aus dem Bilderbuch: Strahlend blauer Himmel, einzelne Wölkchen, angenehm warm, hin und wieder ein leichter Wind, alles üppig grün nach dem reichlichen Frühlingsregen. Ein Tag zum Geniessen – und übers Wetter reden.

„Geniess das Wetter heute“, mahnten die Leute, „morgen ist es dann wieder vorbei mit der Wärme.“ „Ist ja schon nett heute, aber morgen will ‚er‘ schon wieder schlecht“, klagten sie mit saurem Gesicht. „Tut gut, dass mal wieder die Sonne scheint, aber warum muss es schon wieder so heiss sein? Und morgen dann wieder kalt“, analysierten sie. „Ach, wenn es doch bloss so bleiben würde“, seufzten sie.

Das alles hörte ich heute und noch ein paar Bemerkungen mehr. Nur einen Satz hörte ich nicht: „Hach, ist das himmlisch heute. Ich lasse einfach alles stehen und liegen und mache mir einen schönen Tag.“

Ich hab’s übrigens auch nicht gesagt, aber ich habe auch nicht gejammert…

Lauter faule Ausreden

Oh ja, ich weiss, heutzutage ist man verständnisvoll und tolerant. Dagegen habe ich ja grundsätzlich nichts einzuwenden, und doch habe ich es zuweilen gründlich satt, stets alles mit verständnisvollem Blick abzunicken. „Aber natürlich verstehe ich, dass Ihre Tochter kein Vollkornbrot essen kann, wo sie doch als Kleinkind einmal ein traumatisches Erlebnis mit einem Kernenbrötchen hatte.“  Selbstverständlich ist es okay, dass du nicht zu dieser Sitzung kommst, wo du doch nachweislich allergisch bist auf das Material, aus dem die Stühle sind, auf denen wir jeweils sitzen.“ „Ist doch klar, dass du keine schweren Einkaufstaschen mehr schleppen magst. Du hast dich ja jetzt dazu entschieden, schwanger zu werden und da kann man nicht früh genug anfangen, sich zu schonen.“ „Nein, ich nehme es Ihnen bestimmt nicht übel, dass Sie unsere Autotüre eingedrückt haben. Wenn ich ein schwerkranken Meerschweinchen hätte, könnte ich mich auch nicht mehr auf den Strassenverkehr konzentrieren.“ „Aber natürlich war es richtig, deinen Mann vor die Tür zu setzen. Jemand, der so grässlich schmatzt, hat nichts Besseres verdient.“

Meine Beispiele sind natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen und haben nicht im Entferntesten mit meinem Erleben im Alltag zu tun. Ich bin ja nicht so blöd, an dieser Stelle jemandem aus meinem Umfeld auf die Zehen zu treten und dann bei der nächsten Gelegenheit zu hören: „Weisst du, dein Blogeintag hat mich so sehr verletzt, dass ich eine panische Angst vor dem Internet entwickelt habe. Darum kann ich jetzt auch keine Mails mehr beantworten. Das verstehst du doch, nicht wahr?“

Das Schlimmste sind nicht mal die erbärmlichen Begründungen, die da für jede Unpässlichkeit, Unlust und Unmoral aufgetischt werden. Nein, das Schlimmste ist, dass ich tatsächlich jedes Mal nett und verständnisvoll nicke, anstatt klipp und klar zu sagen, wie sehr es mich nervt, wenn die Leute bei jeder Gelegenheit eine Allergie, ein Trauma, eine Krise oder weiss ich was aus dem Hut zaubern, um sich aus der Verantwortung stehlen. Dann doch lieber so, wie mal ein ehemaliges Au Pair zu mir sagte: „Weisst du, ich habe absolut keinen Bock auf Arbeit morgen. Kannst du mir nicht frei geben?“ Da konnte ich wenigsten rundheraus zur Antwort geben: „Mädchen, mit dieser Einstellung findest du nie einen anständig bezahlten Job, also reiss dich gefälligst zusammen. Du hast übermorgen noch genügend Zeit zum Shoppen.“

Lasst uns Eltern doch (nicht) in Ruhe!

Jetzt ist mir endlich klar, weshalb aus mir nichts Rechtes hat werden können. Als jüngstes von sieben Kindern sehr selten im Kontakt mit Kindern, die nicht meine Geschwister waren, keine Spielgruppen – erst recht keine Krippenerfahrung, fast ausschliesslich von meiner Mutter betreut, erst mit sechs in den Kindergarten und das auch nur ein Jahr lang. Das konnte ja nicht gut kommen. Eine „psychosoziale Versorgungslücke“ entsteht so offenbar, wie ich heute in einer Sonntagszeitung lese. Weil die Kinder hierzulande so viel später als in anderen Ländern dem Bildungssystem zugeführt werden und somit viel zu spät in Kontakt mit Fremdbetreuung, Erwachsenen ausserhalb ihrer Familie und anderen Kindern kommen. Dadurch entstünden Lücken „die während der ganzen Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden“ könnten. Aha, darum also meine unterdurchschnittlichen Mathe-Ergebnisse. Fragt sich bloss, wie ich dann trotzdem die Matura geschafft habe…

Nun gibt es zum Glück wohlmeinende Menschen in der Schweiz, die diesen Missstand zu beheben gedenken, indem man Dreijährige an mindestens vier Halbtagen pro Woche auf den Kindergarten vorbereiten will. Das soll zwar freiwillig sein, zielt aber klar auch auf Kinder ab, die mit Geschwistern aufwachsen. Die Kleinen würden eben lieber mit den Kindern aus der Kita zusammensein als mit der kleinen Schwester. Was gut sein mag, denn die Kinder in der Kita muss man ja auch nicht Tag und Nacht ertragen, die kleine Schwester hingegen…Na ja, was weiss ich schon, ich hatte ja keine, ich war sie… Also ab in die Kita mit den Dreijährigen, damit wir „das EU-Bildungsniveau einholen“, wie es weiter in dem Artikel heisst.

Diese Haltung nervt. Als ob ein Kind nicht auch auf dem Spielplatz, im Wohnquartier oder beim Muki-Turnen den Umgang mit anderen Kindern lernen könnte. Als ob wir Eltern uns mit unserem Nachwuchs abschotten und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegen würden. Als ob wir bei jedem Schritt unserer Kinder nur die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vor Augen hätten. Als ob Mütter und Väter, Grosseltern und Tanten nicht auch sehr viel Wertvolles an die Kinder weiterzugeben hätten.

Mich nervt aber nicht alleine diese Sicht, sondern auch die reflexartige Ablehnung des Vorschlags auf der anderen Seite des politischen Spektrums. „Ich bin der Meinung, dass man Kinder bis zum obligatorischen Schulbeginn Kinder sein lassen soll“, tönt es aus dem bürgerlichen Lager sogleich zurück, gerade so, als würden die Kleinen in der Kita den Satz des Pythagoras und das Periodensystem der chemischen Elemente pauken. Gerade so, als gäbe es keine Familien, in denen den Kindern das Kindsein verwehrt bleibt, weil die Mama sie mit ihren psychischen Problemen belastet und der Papa säuft. Gerade so, als gäbe es keine Einwandererfamilien, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, wodurch die Kinder tatsächlich den Anschluss verlieren, weil sie die Landessprache nicht beherrschen.

Ich wünschte mir, dass man endlich aufhörte, mit „entweder/oder“, „alle oder niemand“ zu argumentieren. Was für das eine Kind dringend nötig wäre, ist für das andere schlicht verschwendetes Geld, weil es das, was man ihm bieten will, in der eigenen Familie gratis bekommt. Wie habe ich sie doch satt, diese Politiker, die sich mit dem Thema eine ideologische Schlammschlacht liefern, um Wählerstimmen zu gewinnen. Wie sehr gehen mir jene Eltern auf die Nerven, die aufgrund ihrer eigenen – meist günstigen – familiären Situation darauf schliessen, dass es bei allen anderen doch auch reibungslos klappen sollte. Setzt euch doch endlich mal an einen Tisch und überlegt euch, wie man bestehende Problemen löst, ohne neue Zwänge für alle zu schaffen.

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Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Doch kein Märchen

Pädagogen beklagen sich ja gerne über die heutigen Kinder. Sie wüssten sich nicht mehr zu bewegen, sie könnten nicht mehr mit der Schere hantieren, sie hätten keine Ahnung davon, wie man spielt. Alles Schwarzmalerei, pflegte ich zu denken, denn die Kinder, mit denen unsere Kinder spielen, sind nicht so. Klar, hin und wieder trifft man schon eines, das am liebsten nur fernsehen möchte, aber die meisten klettern mit Vergnügen und grossem Geschick auf Bäume, spielen mit Leidenschaft Theater und wissen, wie man Kuchenteig macht.

Hin und wieder aber begegne ich Kindern, für die es eine echte Herausforderung ist, zehn Minuten lang einer Geschichte zuzuhören. Ihre Kiefer sind nicht mehr stark genug, um ein frisches, knuspriges Brötchen zu kauen, denn etwas anderes als weiches Weissbrot haben sie noch selten zwischen die Zähne bekommen. Ein leeres Blatt und ein paar Farbstifte empfinden sie als Überforderung, denn wo bitte sehr sind da die vorgezeichneten Figuren, die man nur noch ausmalen muss? Es sind Kinder, die sich daran gewöhnt haben, alles pfannenfertig vorgesetzt zu bekommen. Mit ihren eigenen Werken sind sie nie zufrieden, weil sie nicht so grell und perfekt sind wie all das, was sich am Computer herbeizaubern lässt.

Wenn ich solchen Kindern begegne, wird mir jeweils bewusst, dass es doch keine Märchen sind, welche die Pädagogen jeweils über die Kinder von heute erzählen. Und doch erzählen sie nicht die ganze Wahrheit. Denn mit welcher Begeisterung diese Kinder den Teig kneten, wenn sie mal die Gelegenheit dazu bekommen, wie glücklich sie sind, wenn sie einfach mal ohne grosse Vorgaben drauflos malen können, mit welchem Genuss sie „mal etwas anderes als Pommes und Würstchen“ verspeisen, davon hört man selten. Gut, zuerst ist da meist eine gewisse Furcht vor dem Unbekannten, die es zu überwinden gilt, aber wenn sie mal Mut gefasst haben und etwas Neues gewagt haben, sind sie mit mindestens so viel Begeisterung dabei wie die Kinder, für die Kreativität und Herumtollen zum Alltag gehören. Vielleicht sogar mit mehr.