Lauter faule Ausreden

Oh ja, ich weiss, heutzutage ist man verständnisvoll und tolerant. Dagegen habe ich ja grundsätzlich nichts einzuwenden, und doch habe ich es zuweilen gründlich satt, stets alles mit verständnisvollem Blick abzunicken. „Aber natürlich verstehe ich, dass Ihre Tochter kein Vollkornbrot essen kann, wo sie doch als Kleinkind einmal ein traumatisches Erlebnis mit einem Kernenbrötchen hatte.“  Selbstverständlich ist es okay, dass du nicht zu dieser Sitzung kommst, wo du doch nachweislich allergisch bist auf das Material, aus dem die Stühle sind, auf denen wir jeweils sitzen.“ „Ist doch klar, dass du keine schweren Einkaufstaschen mehr schleppen magst. Du hast dich ja jetzt dazu entschieden, schwanger zu werden und da kann man nicht früh genug anfangen, sich zu schonen.“ „Nein, ich nehme es Ihnen bestimmt nicht übel, dass Sie unsere Autotüre eingedrückt haben. Wenn ich ein schwerkranken Meerschweinchen hätte, könnte ich mich auch nicht mehr auf den Strassenverkehr konzentrieren.“ „Aber natürlich war es richtig, deinen Mann vor die Tür zu setzen. Jemand, der so grässlich schmatzt, hat nichts Besseres verdient.“

Meine Beispiele sind natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen und haben nicht im Entferntesten mit meinem Erleben im Alltag zu tun. Ich bin ja nicht so blöd, an dieser Stelle jemandem aus meinem Umfeld auf die Zehen zu treten und dann bei der nächsten Gelegenheit zu hören: „Weisst du, dein Blogeintag hat mich so sehr verletzt, dass ich eine panische Angst vor dem Internet entwickelt habe. Darum kann ich jetzt auch keine Mails mehr beantworten. Das verstehst du doch, nicht wahr?“

Das Schlimmste sind nicht mal die erbärmlichen Begründungen, die da für jede Unpässlichkeit, Unlust und Unmoral aufgetischt werden. Nein, das Schlimmste ist, dass ich tatsächlich jedes Mal nett und verständnisvoll nicke, anstatt klipp und klar zu sagen, wie sehr es mich nervt, wenn die Leute bei jeder Gelegenheit eine Allergie, ein Trauma, eine Krise oder weiss ich was aus dem Hut zaubern, um sich aus der Verantwortung stehlen. Dann doch lieber so, wie mal ein ehemaliges Au Pair zu mir sagte: „Weisst du, ich habe absolut keinen Bock auf Arbeit morgen. Kannst du mir nicht frei geben?“ Da konnte ich wenigsten rundheraus zur Antwort geben: „Mädchen, mit dieser Einstellung findest du nie einen anständig bezahlten Job, also reiss dich gefälligst zusammen. Du hast übermorgen noch genügend Zeit zum Shoppen.“

8 Gedanken zu “Lauter faule Ausreden

  1. Die Erfahrung, dass solche Menschen gar nicht damit klarkommen, wenn es echte Probleme gibt, habe ich auch schon gemacht. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft als ich mir mitten im Hochsommer, ziemlich schwanger mit dem fünften Kind, mit nahezu unerträglichen Rückenschmerzen und ausgelaugt von einem lange andauernden Erschöpfungszustand von einer Einzelkindmutter anhören musste, wie gut sie mir nachfühlen könne, da sie ja das alles auch schon mal erlebt habe…

  2. Herrlich 🙂 🙂 🙂

    Was ich aber noch mehr liebe ist dann die Reaktion dieser Personen, wenn sie mit einem echten Problem konfrontiert werden. Dann sind sind nämlich gerne sehr intolerant oder ignorant. Ihr Vorrat an Verständnis scheint nur für ihre eigenen Bedürfnisse zu reichen.

    Unsere Tochter hat leider eine echte Allergie gegen Erdnüsse „= Lebensgefahr auch nur bei der kleinsten Spur). Meine Lieblingsreaktion wenn ich ihr Notfallset mitgebe oder bitte ihr keine Süssigkeiten zu geben: Ach ja das kenne ich, wenn ich Erdbeeren esse bekomme ich auch immer so ein brennen im Mund. Und dann dem Kind am besten ein Snikers anbieten.

    Oder jemand im Umfeld hat eine wirklich schlimmer Erkrankung. Dann hat man bei diesen Exemplaren oft das Gefühl sie sind noch „neidisch“ auf das Mitleid oder die berechtigte Rücksichtnahme.

    Ich finde ja die Technik meines Mannes spannend. Er schaut solche Experten einfach sehr interessiert/nachdenklich für 1-2 Minuten an und sagt erstmal nichts. Erstaunlich häufig wird dann ein Rückzieher gemacht und sie merken selbst wie ….. ihre Ausrede war.

  3. Hat mich ein wenig Mühe gekostet, das zu schreiben. Man weiss ja nie, auf wie viel Verständnis man damit stösst… 🙂

  4. Dieses Au-Pair hatte eine herausragende Fähigkeit: Sie schaffte es, mich derart auf die Palme zu bringen, dass selbst ich nicht mehr verständnisvoll nicken, sondern nur noch sehr unfreundlich zurechtweisen konnte.

  5. Ich hätte dem Au Pair wahrscheinlich sogar noch frei gegeben und mich hinterher schwarz geärget, über mich selber!
    Ich bin auch ssseeeeehhhrrr verständnisvoll! Da wird mir manchmal selbst übel. 😉

  6. Ja, das kommt mir bekannt vor! Man nickt, lächelt und im nächsten Moment ärgert man sich darüber, man hätte soviel sagen wollen und können. Ich gehe dazu über es später doch anzusprechen in einem, so rede ich es mir ein, „passenderen und ruhigen Moment“.

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