Niedergestreckt

Da soll noch einer behaupten, Krankheitserreger seien fiese kleine Biester. Sind sie überhaupt nicht.  Die warten artig ab,  bis der Sonntagsbrunch überstanden und halbwegs verdaut ist, bevor sie zuschlagen. Okay, vielleicht ist es nicht gerade besonders nett, die Mama am Sonntagabend niederzustrecken, wo sie doch am Montagmorgen den Laden wieder alleine schmeissen sollte. Aber immerhin haben die Viren der Mama einen netten Sonntag gelassen, bevor sie sie mit  Übelkeit, Bauchschmerzen, heftigen Gliederschmerzen und Kopfweh ins Bett gezwungen haben. Und Luise, mit Ohrenschmerzen versehen, gleich dazu. Gibt es einen besseren Start in die neue Woche?

Nun, was macht Mama, wenn sie sich vor lauter Elend nicht mehr rühren kann? Na, was wohl? Verzweifeln natürlich.  Oder darüber staunen, dass „Ihrer“ ohne mit der Wimper zu zucken morgens um sechs das Mittagessen vorbereitet und danach  die Kinder in die Schule schickt – und selber zu spät zur Arbeit kommt. Und dankbar sein, dass es (Gross)mütter gibt, die einspringen, bis Hilfe eingetroffen ist. Und sich darüber freuen, dass es auf dieser Welt trotz aller Abscheulichkeiten, die sich „Christen“ leisten, auch Christen gibt, die zu leben versuchen, was ihnen einer vor mehr als 2000 Jahren vorgelebt hat. Und weil Mama das grosse Glück hat, zu einer Kirche solcher Chriristen zu gehören, genügt ein Anruf und schon ist jemand da, um den Kindern Geschichten vorzulesen, Luise einen Zwiebelwickel zu machen und den Tisch zu decken. Mama kann sich freuen, dass da ein Netz ist, das trägt, wenn alle Stricke reissen. Und dass da eine halbwegs genesene Luise ist, die Mama nach Strich und Faden verwöhnt. Und dass es obendrein Laptops gibt, so dass Mama die Welt trotz Gliederschmerzen & Co. an ihren Gedanken teilhaben lassen kann (als ob die Welt darauf gewartet hätte…).

Ja, wenn die Umstände stimmen, ist es kein Problem, wenn  Mama montags krank ist. Was aber, wenn die Umstände nicht stimmen?

Ketzerisch

Als ich neulich meine Leserinnen und Leser an meinen Gedanken zur „Privatsache Kind“ teilhaben liess, warnte mich eine Freundin, dass ich mich auf gefährliches Terrain begeben würde, womit sie wohl Recht hatte. Heute nun begebe ich mich auf noch gefährlicheres Terrain, ja, ich riskiere gar, unter den Eltern als Ketzerin zu gelten. Ich stelle nämlich die Frage, ob es denn wirklich so wichtig sei, dass ein Kind immer esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin neulich hin und wieder auf Ratschläge gestossen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich lese von Müttern, die ihre Kinder hemmungslos anlügen, um sie dazu zu bringen, Gemüse zu essen. Ich sehe Fotos von belegten Brötchen mit Smiley-Gesichtern. Ich bekomme Tipps, wie dafür gesorgt werden kann, dass ein Kind, das Fleisch verabscheut, dennoch Fleisch isst. Jede Familie kämpft mit dem Problem, wie sie ihre Kinder dazu bringt, alles zu essen, was auf den Tisch kommt; viele sind gestresst wegen der Sache. Doch keiner fragt: Ist es das ganze Theater überhaupt Wert?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde ausgewogene Ernährung eine sehr wichtige Sache. Aber ist es denn wirklich ein Problem, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat seine fünf Portionen Grünzeug am Tag in Form von zwei Äpfeln, einer Banane und zwei rohen Karotten zu sich nimmt, anstatt zu gekochtem Fenchel, gefüllten Peperoni und grünem Salat zu greifen? Ist es denn eine Tragödie, wenn Karlsson sich auch nach dem zwanzigsten Mal Probieren noch immer nicht dazu durchringen kann, Champignons zu mögen? Ich muss doch nicht jedes Mal mit dem Kind kämpfen, wenn das Zeug auf den Tisch kommt. Solange er Steinpilze, Pfifferlinge und Morcheln – die Morcheln natürlich am allerliebsten – isst, darf er doch ungeniert dazu stehen, dass er keine Champignons mag.

Als ich noch nicht lange Mutter war, machte ich mir einen grossen Stress aus der Sache mit dem Essen. Nicht, weil ich der Meinung war, dass man das müsse, sondern einfach darum, weil andere Familien einen grossen Stress daraus machten. Wenn bei Freunden die Regel galt, dass die Kinder alles essen mussten, was auf den Tisch kam, fühlte ich mich elend, weil ich nicht den Nerv hatte, das durchzuziehen. Wenn eine Familie darauf bestand, dass jedes Kind nur zwei Nahrungsmittel auswählen durfte, die es nicht essen muss, glaubte ich, dies auch tun zu müssen. Wenn Freunde mir sagten, dass ihre Kinder immer den Teller leer essen müssen, fühlte ich mich als Versagerin, weil ich es nicht schaffte, so konsequent zu sein.

Bis ich merkte, dass das alles gar nicht zu uns passt. Bis ich erkannte, dass das Ganze eigentlich ein Luxusproblem ist. Wie viele Menschen auf unserem Planeten können sich denn überhaupt Gedanken machen darüber, wie sie ihre Kinder dazu bringen sollen, aus der Fülle von Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung stehen,  von allem zu essen?  Und weil es ein Luxusproblem ist, habe ich für mich und meine Familie beschlossen, dass ich mir deswegen nicht weiter das Leben erschweren will. Und deshalb gelten bei uns nur noch diese fünf „Regeln“:

1. Der Überfluss, den wir haben, ist ein unglaubliches Privileg, als sei dankbar für das, was du essen darfst.
2. Es wird nicht gemotzt. Irgend jemand auf der Welt würde das, was ich nicht mag, mit Freuden essen. Und irgend jemand – meistens ich – hat sich viel Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Also wird nicht herumgemäkelt.
3. Es wird von allem probiert, was aber nicht heisst, dass man auch alles ausessen muss. Man darf Dinge nicht mögen. Ich esse ja auch keine Fleisch.
4. Die Ernährung muss ausgewogen sein, doch wie diese Ausgewogenheit zustande kommt, ist mir eigentlich egal.
5. Essen ist eine wunderschöne Sache, also versaut mir nicht den Genuss!

Das Verrückte an der Sache ist: Je weniger Stress ich aus der Sache mache, umso experimentierfreudiger werden unsere Kinder. Und weil er nicht mehr unbedingt muss,  isst der FeuerwehrRitterRömerPirat inzwischen sogar Randensalat…

Ins Auge gegangen

Wieder mal haben wir einen Sonntagnachmittag auf der Notfallstation verbracht. Zum dritten Mal innert drei Monaten hatte Luises Auge gestern eine Begegnung mit einem spitzen Gegenstand und weil die Schmerzen schlimmer statt besser wurden, beschlossen wir irgendwann, nicht bis morgen zu warten, bevor wir das Auge kontrollieren lassen. Erste Station: Kinder-Notaufnahme, wo ein netter Doktor Luises Auge ansieht. „Das machst du wunderbar, Luise!“, lobt er das Kind alle paar Sekunden. „Hast du schlimme Schmerzen, Luise?“, fragt er jedes Mal, wenn sie leicht zusammenzuckt. „Ich glaube, du bist schon mal hier gewesen. Ich habe dich auch schon gesehen, Luise“, sagt er beim Abschied und fragt sie, wie viele Geschwister sie hat und ob sie die Älteste ist und dann wünscht er ihr alles Gute. Und schickt uns zu Doktor Nummer zwei, dem diensthabenden Augenarzt.

Dieser würdigt uns keines Blickes, als er uns ins Zimmer bittet. Luises Namen will er gar nicht erst wissen und um solche Kleinigkeiten wie Schmerzen kümmert er sich gar nicht erst. Das Kind soll auf den Stuhl sitzen und zwar sofort. Und dann soll es ihm so schnell als möglich die Buchstaben nennen, die es sieht. Und wenn es zögert, schnaubt er ungeduldig. Und es soll gefälligst nicht zusammenzucken, wenn man ihm mit einem Stäbchen das Auge berührt. Und eine Erklärung, weshalb man dies getan hat, ist man dem Kind auch nicht schuldig, auch wenn es laut und deutlich, wenn auch leicht eingeschüchtert, danach fragt. Und wenn das Kind vor Schmerzen aufheult, zuckt man mit keiner Wimper. Wozu auch? Ist doch bloss eine Routineuntersuchung. Irgendwann ist diese überstanden, das Kind klettert erschöpft vom Untersuchungsstuhl, die Mama bekommt Augentropfen in die Hand gedrückt, hört, dass alles mehr oder weniger in Ordnung sei, auch wenn das Kind es nicht geschafft hat, Buchstaben zu erkennen, die es sonst immer erkennt. Für den Doktor ist alles im grünen Bereich, also soll die lästige Kundschaft gefälligst abziehen.

Das tun wir dann auch, denn Luise ist völlig geschafft von der Untersuchung. Was bin ich froh, wenn wir übernächste Woche wieder zum Augenarzt unseres Vertrauens gehen können. Der sagt zwar auch nicht viel, aber er behandelt Luise mit soviel Liebe, dass sie jedes Mal traurig ist, wenn ihr Auge wieder für eine Weile gesund ist. Vielleicht übersieht sie die spitzen Gegenstände ja mit Absicht? Damit sie wieder zu diesem netten Doktor gehen darf? Der von heute war nämlich ein Idiot, hat Luise gesagt.

Sollte der Herr Doktor per Zufall diesen Post lesen, dann bitte ich ihn, diese Bemerkung nicht persönlich zu nehmen. Luise ist manchmal etwas direkt, vor allem, wenn sie Schmerzen hat. Aber wir nehmen es ja auch nicht persönlich, lieber Herr Doktor, dass Sie Luise wie ein Stück Holz behandelt haben, sondern entschuldigen Ihr Verhalten mit Ihren miesen Arbeitsbedingungen.

Ach, tatsächlich? Ist ja interessant.

Heute früh um vier hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, dem Prinzchen eine Milch zu servieren. Und währenddem ich darauf wartete, bis die Milch Prinzchentemperatur angenommen hatte – nicht zu warm und nicht zu kalt – hatte ich Zeit, mir die Milchtüte etwas genauer anzuschauen. Wie man weiss, trinkt unser Prinzchen seit ein paar Monaten lactosefrei. Und so durfte ich auf der Tüte lesen, dass diese Milch einen „Genuss ohne Beschwerden“ garantiere. Das mit den Beschwerden kann ich bestätigen: Das Prinzchen hat keinen wunden Po mehr und er brüllt nicht mehr die halbe Nacht hindurch. Aber das mit dem Genuss wage ich zu bezweifeln, wo doch unsere Grossen speien, wenn sie mal zufälligerweise einen Schluck Prinzchen-Milch erwischen.

Aber ist ja egal, lesen wir weiter: „Milch und Milchprodukte sind eine wichtiger Bestandteil unserer täglichen Ernährung. Bei gewissen Konsumenten verursacht der Genuss von Milch und Milchprodukten Verdauungsbeschwerden. Diese treten auf, wenn Milchzucker (=Lactose) nicht richtig verdaut werden kann. Dank einem schonenden und natürlichen Verfahren enthält dieses Milchprodukt keine Lactose mehr….“ Ein Milchprodukt für Allergiker also. Aber kann man denn wirklich sicher sein, dass der Konsument, der an einer Lactoseintoleranz leidet und desahlb keine gewöhnliche Milch gekauft hat, auch tatsächlich verstanden hat, dass es sich bei der weissen Flüssigkeit, die sich in einer Tüte mit der Aufschrift „Milk– lactosefrei, Milchgetränk mit 3,5% Milchfett“ tatsächlich um den Saft handelt, der aus dem Euter der Kuh stammt? Ich meine ja, eindeutig. Der Hersteller aber meint nein, eindeutig nicht und bringt auf der Tüte noch folgenden Hinweis an:

Neueste Erkenntnisse

Wie immer, wenn man reist, kehrt man mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause. Die wichtigsten davon möchte ich meinen überaus geschätzten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten. Hier also sind sie, die Wichtigste zuerst:

Auszeiten sind die grossartigste Erfindung der Menschheit. Und alle Mütter, die behaupten, man solle lieber keine Auszeit nehmen, weil danach die Realität umso schlimmer sei, liegen falsch. Komplett falsch. Und ob man’s glaubt oder nicht: Ein Grossteil der Mütter kämpft sich noch immer nach dem Motto „Augen zu und durch“ durchs Leben, woran sie allerdings längst nicht immer selber Schuld sind.

Computer-Solitaire ist ein doofes Spiel. Aber leider ein doofes Spiel, das süchtig macht, wenn man gerade eine Schreibblockade zu überwinden versucht.

Saunabaden hilft gegen fast jedes kleine Leiden. Einzig gegen Halsschmerzen kommt man damit nicht an. Man verschlimmert sie bloss damit.

Wenn man drei Nächte hintereinander durchgeschlafen hat, ist man ein anderer Mensch. Und zwar ein so anderer, dass man sich selber nicht mehr wieder erkennt, weil man beinahe platzt vor lauter Fröhlichkeit.

Es ist tatsächlich wahr, dass man während einer Zugfahrt im Internet surfen kann. Man sollte es nicht für möglich halten. Und falls das bereits jeder, mit Ausnahme von mir, ausprobiert hat, dann bedenkt bitte, dass ich weit weit hinter dem Mond lebe, wo man von solch neumodischen Dingen nur vom Hörensagen weiss.

Wenn man einen ganzen Tag lang einen Laptop in einer Plastiktüte mit sich herumschleppt, schmerzen am Abend die Handgelenke. Wenn man dazu auch noch zwei Kilos Bitterorangen schleppt, schmerzen die Handgelenke noch mehr.

Tamilen sind Menschen, die ganz eindeutig nicht aus der Schweiz stammen, aber sie können ausgezeichnet kochen. Diese erstaunliche Erkenntnis stammt allerdings nicht von mir, sondern von zwei älteren Damen, die heute mit mir im selben Zug unterwegs waren und die ihr neu erworbenes Wissen unbedingt mit der Welt teilen wollten.

Männer sind durchaus fähig, einen Haushalt zu schmeissen und für fünf Kinder zu sorgen, auch wenn zahlreiche Ländli-Gäste dies zu bezweifeln wagten. Und zwar so gut, dass man nicht gleich wieder rückwärts das Haus verlässt, wenn man über die Schwelle tritt. Man darf sich nur nicht so sehr darüber aufregen, dass der ganze Kühlschrank gefüllt ist mit Migros-Budget-Produkten.

Papa ist der perfekte Hausmann, aber er kann keine Omeletten backen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von Luise.

Töchter können noch so laut heulen, dass man wegfährt, wenn man wieder nach Hause kommt,  freuen sie sich dennoch mehr über ihren ersten losen Zahn als über die Rückkehr von Mama.

Und zum Schluss noch ein Bild von meinem hinreissenden Badeanzug, der aufgrund seiner Mängel nie, aber auch gar nie, erleben wird, wie es sich anfühlt, wenn man nass wird. Es sei denn, es erbarme sich eine Leserin des hässlichen Stücks…

Auf zur zweiten Runde!

Noro ist zurück. Oder war er etwa noch gar nicht weg? Auch egal. Nicht egal ist aber, dass der Zoowärter sein Abendessen wieder von sich gegeben hat, obschon er Erbrechen doch „schteigruusig“ findet. Aber mich geht das ja eigentlich wenig an. Seitdem sich „Meiner“ damit brüstet, die einzig wahre Technik zum Aufwischen von Erbrochenem entwickelt zu haben, kümmere ich mich nur noch ums Trösten der Kinder. Und nein, ihr könnt „Meinen“ nicht ausleihen, damit er das Erbrochene eurer Kinder auch beseitigt. Bei uns zu Hause gibt’s genug aufzuwischen.

Liebe

Gestern war ich ja ziemlich benebelt beim Schreiben über die Nacht mit dem Norovirus. Heute bin ich zwar noch immer benebelt, aber nicht mehr ganz so schlimm wie gestern. Und darum muss ich da noch etwas klarstellen, bevor ich unter den Familien-Bloggerinnen als diejenige gelte, die wegen einer kleinen Magen-Darm-Seuche Zweifel bekommt, ob der Entscheid, eine Familie zu gründen, wohl richtig gewesen sei. Wenn ich meine noch kinderlosen Leser davor gewarnt habe, weiterzulesen, dann deshalb, weil mir auch schon Leute gesagt haben, sie hätten Zweifel bekommen, ob sie denn tatsächlich Kinder haben möchten, nachdem sie bei mir gelesen hätten, wie das Familienleben auch sein kann. Und andere davon abhalten, eine Familie zu gründen, ist nun wirklich nicht meine Absicht. Deshalb verkünde ich hier einmal mehr laut und deutlich: Ich vergöttere meine Familie. Ich möchte auf keinen Tag mit meiner Bande verzichten, auch wenn mein Leben bestimmt beschaulicher, planbarer und ordentlicher wäre. Aber wer will den schon ein beschauliches, planbares und ordentliches Leben? Ich nicht. Zumindest nicht vor der Pensionierung.

Das alles ist mir gestern mal wieder so deutlich bewusst worden, als ich mitten im Chaos völlig belämmert auf dem Sofa lag, umschwirrt von meinen Kindern. Mal kam Luise, um mich zu streicheln, mir Tee zu bringen und den lieben Gott zu bitten, dass er doch bitte die Mama ganz schnell wieder gesund machen würde. Dann wieder kam Karlsson, um mir zu sagen, dass ich die liebste Mama der Welt sei und dass er immer wisse, dass ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal streng sei mit ihm. Zwischendurch legte das Prinzchen sein Köpfchen an meine Brust und rief liebevoll „Maaamma!“, der FeuerwehrRitterRömerPirat kam, um Händchen zu halten und der Zoowärter suchte mich immer wieder, um sicher zu sein, dass ich noch da war. Dann wieder wischte ich mit revoltierendem Magen das Erbrochene der Kinder auf und dachte bei mir, dass ich dazu nie fähig wäre, wenn ich die fünf nicht so unendlich lieben würde. Denn wenn es darum geht, Erbrochenes aufzuwischen, bin ich eine absolute Memme.

Ja, ich vergöttere die Bande, auch wenn sie mir mal wieder den Noro ins Haus geschleppt haben. Auch wenn ich ohne sie wohl nicht einmal wüsste, wer Noro überhaupt ist, weil ich von ihm verschont geblieben wäre, bis ich ins Altersheim eingeliefert worden wäre. Doch was würde ich im Altersheim bloss anfangen ohne all die Erinnerungen an die Turbulenzen mit meinen Knöpfen?

Eines muss ich aber trotz allem festhalten: So wie mir diese Seuche vor Augen geführt hat, wie sehr ich meine Bande liebe, so deutlich wurde mir auch bewusst, wie Recht doch der Zoowärter hatte, als er vor zwei Tagen mit in die Luft gereckter Faust und wildem Gesichtsausdruck die folgende Erkenntnis in die Welt hinaus schrie: „Chörble isch so schteigruusig!“, was zu gut Deutsch etwa so viel bedeuten soll wie „Sich erbrechen ist so furchtbar und abscheulich.“ Wo er Recht hat, hat er Recht…

Die Nacht der Nächte

Wer sich mit dem Gedanken trägt, sich demnächst fortzupflanzen, soll jetzt bitte nicht weiterlesen. Es wird nicht mein romantischster Blogeintrag. Andererseits kann es ja nichts schaden, mit offenen Augen an das Abenteuer Kinder heranzugehen. Also, ihr noch-Kinderlosen: Entscheidet selbst, ob ihr euch diesen Post über die schlimmste Nacht meines Lebens antun wollt. Aber gebt danach nicht mir die Schuld, wenn ihr euch gegen Kinder entscheidet. Ihr habt euch selber fürs Lesen entschieden.

Nachdem wir gestern völlig unerwartet vom Norovirus heimgesucht wurden, hing schon bald auch ich über der Kloschüssel. Unwesentlich später war auch „Meiner“ dran, und dazwischen immer mal wieder Luise. War das ein Gedränge! Ich entschied mich, auf dem Sofa zu nächtigen, um einen Vorsprung aufs WC zu haben. Was dazu führte, dass ich zur ersten Anlaufstelle wurde für alle, die etwas loswerden wollten. Um ein Uhr nachts stand Luise da, kreideweiss und völlig elend. Ich schickte sie zu Papa ins Bett, weil ihr Bett…., nun ja, nennen wir es leicht schmutzig, war. Vierzig Minuten später war der FeuerwehrRitterRömerPirat da, von oben bis unten vollgekotzt. Irgendwie schaffte ich es, mich vom Sofa aufzurappeln, sein Bett sauber zu machen und ihm ein neues Pyjama zu bringen. Wiederum zwanzig Minuten später stand der Zoowärter heulend auf der Matte und verlangte, eine CD hören zu dürfen. Durfte er aber nicht. Nachts um halb drei machen wir das gewöhnlich nicht. Dafür aber durfte der Zoowärter sich vollkommen entkleiden und eine Dusche nehmen, weil seine Windel…. Nun ja, sie war mehr als voll, wenn ihr wisst, was ich meine. Während ich den Zoowärter reinigte, hing „Meiner“ mal wieder über der Kloschüssel.

Danach herrschte Ruhe. Bis gegen sechs Uhr früh Karlsson erschien. Er, der seit langer Zeit nichts mehr dergleichen tut, hatte sein Bett nass gemacht. Ab in die Badewanne mit dem Jungen und weiter dösen. Bis ein leichenblasser FeuerwehrRitterRömerPirat wünschte, neben Mama weiterzuschlafen. Etwas später dann ein Prinzchen mit ebenfalls viel zu voller Windel, dann wieder ein Zoowärter, ebenfalls nicht im saubersten Zustand. Dazu eine jammernde Luise und ein ziemlich lädierter „Meiner“, der es aber immerhin schaffte auf die Füsse zu kommen, was mir wegen der elenden Gliederschmerzen nicht mehr gelingen wollte. Na ja, irgendwie hatte ich mir das Wochenende etwas anders vorgestellt. Zumindest hat uns „Meiner“ inzwischen mit Cola und Zwieback eindecken können.

Wundert sich noch jemand, dass ich jeglicher Art von Fäkal-„Kunst“ nichts abgewinnen kann? Die „Künstler“, die meinen, sie müssten mit dem Verschmieren von Körpersäften und Fäkalien provozieren sollen sich bitte ein paar Kinder anschaffen. Dann werden sie bald erkennen, dass man damit niemanden provoziert. Zumindest nicht so provoziert, wie sie zu provozieren meinen.

Ach und übrigens: Herzlichen Dank für alle guten Wünsche. Im Moment sind wir noch nicht auf dem Damm, aber wir arbeiten dran…

Protokoll

7:00 Uhr: zum ersten Mal des Zoowärters Gekotztes aufgeputzt und nebenbei den anderen das Frühstück serviert

8:15 Uhr: Krach mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich, anstatt in den Kindergarten zu gehen, hinter dem Kleiderständer versteckt hat

8:30 Uhr: Zoowärter in seine neue Winnie the Pooh-Latzhose gesteckt. Zoowärter sieht zum Anbeissen aus!

8:45 Uhr: Zoowärter wegen akuten Durchfalls wieder aus der Latzhose geschält. Zoowärter sieht jetzt nicht mehr zum Anbeissen aus.

8:50 Uhr: Zoowärter und Prinzchen nehmen ein „Dreckspatz-Bad“ mit Rose und Vanille. Hach, wie die zwei duften!

9:10 Uhr: Zoowärter kotzt. Duftet nicht mehr.

9:15 Uhr: Lese folgendes Zitat auf der Frontseite der Tageszeitung: „Unsere geschätzten Patientenzahlen waren zwar zu hoch, aber nicht völlig daneben.“ Patrick Mathys, Bundesamt für Gesundheit, über die eigenen Voraussagen zur Schweinegrippe vom vergangenen Sommer

9:20 Uhr: Während ich das frisch gebadete Prinzchen aus seiner eben noch sauberen Kleidung schäle und ihn danach dusche, um die Spuren seines akuten Durchfalls zu beseitigen, zerbreche ich mir den Kopf darüber, warum man ein solches Geschrei gemacht hat um H1N1, wo doch Noro viel mühsamer ist.

10:00 Uhr: Prinzchen schläft, Zoowäter schläft fast, ich lese  im „Beobachter“ folgende Sätze zum Thema Managerlöhne: „Genauso lehnt Hostettler fixe Obergrenzen ab. ‚Sie hinterlassen ein dumpfes Gefühl der Eingeschränktheit und durchbrechen das positive Prinzip des Mehrs.‘ Mehr zu wollen und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben sei schliesslich das Erfolgsmodell, auf dem unserer Wirtschaftsordnung fusse. Dieses Prinzip dürfe wergen der jüngsten Lohnexzesse nicht leichtfertig geopfert werden.“ Ich verdrücke ein paar Tränchen für die armen Manager, die darum fürchten müssen, an einem „dumpfen Gefühl der Eingeschränktheit“ leiden zu müssen.

11:00 Uhr: Der Zoowärter ist wieder fit und will singen. Das heisst, der Zoowärter wählt das Bild aus und ich singe dazu. 10 mal „Backe backe Kuchen“, fünf Mal „Heut‘ ist ein Fest bei den Fröschen am See“, drei Mal „Auf unsrer Wiese gehet was“, ein halbes Mal „Lobe den Herren“, acht Mal „Chämifäger schwarze Maa“ und dazwischen wird gekocht, aufgeräumt und gewickelt. Der Zoowärter ist traurig, dass der Winnie the Pooh auf der Windel nichts mehr sieht, wenn er in der Hose eingesperrt wird.

12:00 Uhr: Das Essen steht auf dem Tisch, Karlsson, Luise, das Prinzchen, der Zoowärter und ich starren hungrig auf die Schüsseln, doch der FeuerwehrRitterRömerPirat ist nicht da.

12:15 Uhr: Noch immer keine Spur von FeuerwehrRitterRömerPiraten. Karlsson und Luise gehen ihn suchen.

12:20 Uhr: Draussen heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil Luise ihm eine übergebraten hat, weil er sich mit seinem Freund eine Schneeballschlacht geliefert hat, anstatt nach Hause zu kommen.

13:10 Uhr: Luise muss jetzt augenblicklich ein Tütü haben. Weil das alte tatsächlich zu klein ist, bestelle ich ihr jetzt augenblicklich eines und bezahle am Ende mehr fürs Porto als fürs Tütü

14:30 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat landet für längere Zeit mit einem Buch auf dem Sofa, wo er bleiben muss, bis er sich beruhigt hat. Was er getan hat? Nun, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass das Prinzchen, Luise, Luises Freundin und der Zoowärter wegen ihm geheult haben. Und dann hat er noch eine Bastelarbeit von Luise zerstört und die Salontische umgechmissen. Das reicht.

16:00 Uhr: Karlsson will mit „Google Earth“ auf Reisen gehen. Ich bin „die beste Mama der Welt“, weil ich mitmache und mit ihm die Freiheitsstatue und Ayers Rock ansehe.

16:50 Uhr: Luise kotzt zum ersten Mal.

17:10 Uhr: „Meiner“ kommt nach Hause und überrascht mich mit einem Gutschein zum Kaffeetrinken. Damit ich morgen mal ausspannen kann.

18:00 Uhr: Abendessen. Luise will unbedingt Broccoli essen. Wir sagen ihr, sie solle es für einmal besser bleiben lassen.

18:05 Uhr: Wir haben kein Pepsi mehr und die Magen-Darm-Seuche ist gerade erst ausgebrochen

18:15 Uhr: Luise kotzt.

18:30 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

18:45 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

19:00 Uhr: Drei Kapitel „Kinder aus Bullerbü“. Der Zoowärter ist schon auf dem Sofa eingeschlafen.

19:30 Uhr: Ich erwache völlig benebelt auf dem Sofa. Wo sind all die Kinder? Und warum hat „Meiner“ die Küche ohne mich aufgeräumt? Und was für ein Tag ist heute überhaupt?

20:00 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat klagt über Bauchschmerzen.

20:15 Uhr: „Komm lieber Mai und mache“ für Karlsson, „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ für den FeuerwehrRitterRömerPiraten

20:35 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:55 Uhr: Mir ist kalt. Und übel. Und ich habe Bauchschmerzen. Was das wohl sein könnte?

Ich bin doch kein Hypochonder, oder?

Doch genau als ein Solcher fühle ich mich nach dem gestrigen Debakel. Da habe ich mich aufgerafft, wegen der Bauchschmerzen, die mich seit letzten Freitag plagen, den Arzt aufzusuchen. Nun, Bauchschmerzen sind für uns Frauen ja nichts Aussergewöhnliches, aber Bauchschmerzen im rechten Unterbauch, die bis ins Bein ausstrahlen gehören für mich irgendwie nicht in den Bereich des Normalen. Vor allem dann nicht, wenn dazu nach ein paar Tagen noch Übelkeit kommt, Schüttelfröste und schliesslich – höchstes Alarmzeichen bei mir – Appetitlosigkeit. Leider konnte der Arzt nichts Schlimmes feststellen. Ich sage „leider“, weil dies bedeutete, dass er mich zur Notaufnahme ins Krankenhaus schickte, und nicht, weil ich etwas Schlimmes haben möchte. Aber unser Gesundheitssystem funktioniert ja so: Der Arzt findet nichts Auffälliges, also gehört man auf die Notfallstation, aber dalli!

So habe ich mich also gestern Abend um sechs selber als Notfall eingeliefert, weil „Meiner“ mit fünf Kindern in der Stadt war, um Winterschuhe zu kaufen. Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich diesen Prachtskerl geheiratet habe? Weil ich gedacht hatte, so ein kleiner Ultraschall brauche  nicht viel Zeit, habe ich „Meinem“ nur ausrichten lassen, dass es heute wohl etwas später werde und habe das Handy zu Hause gelassen. War ja ohnehin entladen.

Ha! Von wegen nicht viel Zeit! Zuerst bekomme ich eine Infusion verpasst. Wie, bin ich nicht für einen Ultraschall hier? Schon, aber man könne ja nie wissen, ob ich nicht dableiben müsse, sagt man mir. Eine Stunde später bekomme ich die erste Assistenzärztin zu Gesicht. Sie drückt auf meinem Bauch herum, stellt die gleichen Fragen, die der Hausarzt schon gestellt hat, findet nichts Auffälliges und verschwindet wieder. Die Bauchschmerzen werden schlimmer. Inzwischen haben die zu Hause mein Verschwinden bemerkt und so bekomme ich den ersten besorgten Anruf von „Meinem“ und den heulenden Kindern. Dann wieder warten. Irgendwann, gegen zehn Uhr, bringt mir „Meiner“ ein Buch vorbei, weil ich die „Glückspost“ und die „Neue Post“ von Juli 2008, die im Zimmer liegen,  nicht wirklich spannend finde. Dann kommt wieder ein Assistenzarzt, drückt wieder ein wenig auf dem Bauch herum, stellt noch einmal die gleichen Fragen wie der Hausarzt und die Assistenzärztin, findet nichts Auffälliges und geht wieder. Die Bauchschmerzen werden schlimmer.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht werde ich ins Ultraschallzimmer gefahren, wo nach endlosem Warten ein Arzt erscheint, der mir noch einmal die gleichen Fragen stellt, mit dem Schallkopf auf meinem Bauch herumfährt, drückt und, Sie ahnen es, nichts Auffälliges feststellen kann. Die Bauchschmerzen scheren sich einen Dreck darum und werden noch einmal schlimmer. Man bringt mich zurück ins Zimmer, holt mich kurz darauf zum Röntgen ab, findet auch da nichts Auffälliges und entlässt mich nachts um Viertel vor eins mit einem starken Abführmittel und ein paar Schmerztabletten für die Nacht.

Nach viel zu kurzem Schlaf stehe ich heute früh wieder im Dienst, mache Frühstück, räume die Küche auf und baue das Mammutskelett zusammen, das der FeuerwehrRitterRömerPirat heute im Adventspäcklein hatte. Die Bauchschmerzen sind noch immer da, die Appetitlosigkeit auch. Aber ich habe ja nichts Auffälliges…