Verehrter Herr Doktor

Der Götterhimmel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ist um eine Figur reicher geworden. Neben Julius Cäsar, König David und irgend einer Figur aus Star Wars, die weder ich noch er kennen, wird seit einigen Wochen auch der Herr Doktor verehrt, der die Sehne, die Luise ihrem jüngeren Bruder angeschnitten hatte, wieder zusammengeflickt hat. Ich persönlich habe diesen Herrn Doktor ja nie zu Gesicht bekommen, denn bei den Arztbesuchen war jeweils „Meiner“ zugegen. Dem Vernehmen nach muss er ein wahrer Held sein, kompetent und braungebrannt zugleich. Also der ideale Held für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sowohl auf Intelligenz, als auch auf gutes Aussehen viel Wert legt. Wohl darum hat er neulich beschlossen, dass er das gleiche werden will wie der Herr Doktor, der ihn geflickt hat. Das lässt er sich auch von Luise nicht ausreden, die ihn schon mehrmals gewarnt hat: „Wenn du das werden willst, musst du zwölf Jahre lang studieren. Stell dir das mal vor! Zwölf Jahre. Da solltest du doch lieber mit mir auf der Wochenbettstation arbeiten kommen.“ 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich durch Luises Warnung sein grosses Ziel nicht ausreden. Obschon er vorerst noch ein wichtigeres vor Augen hat, nämlich, den Herrn Doktor zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Bis dahin dauert es zwar noch eine ganze Weile – wenn auch nicht ganz so lange wie ein Medizinstudium mit Assistenzzeit – dennoch hat unser Dritter gestern dem Herrn Doktor eine „Geburceinladung“ mitgebracht, als er zum letzten Mal bei ihm vorbeischauen durfte. Ich hoffe doch sehr, dass der Herr Doktor die Einladung annimmt, denn sonst, so fürchte ich, wird sich der FeuerwehrRitterRömerPirat eigenhändig eine Sehne zerschneiden. Nur, damit er einen Grund hat, den verehrten Herrn Doktor weiterhin zu besuchen.

Ob ich schon mal vorsorglich alle Messer aus dem Haushalt entfernen soll?

Ferienweisheiten

Man braucht kein asiatischer Tourist zu sein, um in Sandalen auf einem abschüssigen Wanderweg zu landen. Es reicht, wenn man Venditti heisst und sich ohne vertiefte Vorbereitung in den Greyerzer Hügeln wiederfindet.

Die Schonzeit für „Meinen“ und mich neigt sich dem Ende zu. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fangen an, hinter unserem Rücken zu tuscheln. Nicht mehr lange, und wir werden ihnen peinlich sein. Was mich nicht weiter verwundert. Denn Menschen, die nach zehn Minuten Zugluft bereits über Nackenstarre jammern sind einfach peinlich.

Wenn Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Wanderung motzen, sie würden keinen weiteren Schritt mehr gehen und wenn wir ihnen 1000 Franken bieten würden, dann heisst das nicht, dass sie nicht eine Stunde später den steilsten Hügel im Dorf erklimmen werden.

Es gibt Momente, da verzichtet man liebend gerne auf Sauce Hollandaise zu den frischen Artischocken. Zum Beispiel dann, wenn Mama Venditti in den Ferien zu faul ist, zwanzig Minuten Sauce-rührend am Herd zu stehen und deshalb für einmal auf den Beutel zurückgreift. Und dann lieber Mayonnaise nimmt, weil sie die Pampe aus dem Beutel nicht runterkriegt.

Der Sonnenbrand ist eine Realität, die wir so erfolgreich verdrängt haben, dass wir uns jetzt, wo wir alle krebsrot sind im Gesicht, erstaunt die Augen reiben und uns fragen, wie wir bloss so dumm sein konnten, uns auf das Risiko einzulassen, ohne Sonnenschutz einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Nun ja, wir sind eben Kinder unserer Zeit und somit bestens damit vertraut, „Restrisiken“ auszublenden.

Es ist zwar  nicht ganz einfach, aber man kann durchaus auch ohne Internetverbindung überleben. Zumindest solange, bis „Meiner“ die Zeit gefunden hat, auf dem Tourismusbüro nachzufragen, was mit dem im Prospekt versprochenen Drahtlosnetzwerk los sei. Seine Frau werde allmählich ungeniessbar, wenn sie nicht endlich wieder online sein könne…

Es kommt zwar selten vor, aber hin und wieder ist das Leben netter als man denkt und so kommt es, dass sich meine Halsschmerzen nun doch zurückgezogen haben, ohne weiteren Schaden anzurichten. Wenn das so weitergeht, haben wir am Ende nicht mal einen Grund zum Jammern, wenn wir nach Hause kommen.

Alles dabei?

Wenn man für eine Woche mit Kind und Au Pair verreist, dann erfordert dies minutiöse Planung. Mir scheint, diesmal haben wir auch wirklich gar nichts vergessen, so dass wir heute Nachmittag ganz unbeschwert verreisen können. Hier ein kurzer Überblick über alles, was wir in die Wege geleitet haben, damit einem entspannten Familienurlaub nichts mehr im Wege steht:

– Karlsson mit einer tüchtigen Portion Noroviren ausgestattet, die den Jungen zwar noch nicht ins Bett gezwungen haben, die aber schon mal einen Anflug von Übelkeit als Vorbote geschickt haben. Nachdem in der vergangenen Woche das Au Pair, Luise, der FeuerwehrRitterRöerPirat und „Meiner“ ihre Virenportion in vollen Zügen genossen haben, habe ich eine gewisse Ahnung, wie  das bei Karlsson morgen aussehen könnte.

– Dem Prinzchen haben wir in den  vergangenen Tagen ein äusserst chaotisches Schlafverhalten angewöhnt – Mittagsschlaf um halb neun Uhr morgens und um halb sechs abends, Nachtruhe irgendwann zwischen elf und zwölf, aufstehen gegen fünf Uhr morgens – weil wir nichts spannender finden, als unausgeschlafen mit einem genervten Kleinkind zu verreisen.

– „Meinen“ für gestern Abend und heute den ganzen Tag in einen Emaillier-Kurs angemeldet, weil es einfach viel mehr Spass macht, alleine die Koffer zu packen, die Wohnung aufzuräumen und danach alleine mit fünf aufgedrehten Kindern im Zug durch die Schweiz zu fahren. Glaubt mir, es war gar nicht so einfach, einen Kurs zu finden, der exakt an diesem Wochenende stattfindet, aber ich habe wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm genau diesen Kurs zu schenken und nicht etwa einen an einem Wochenende, wo wir alle gar nichts davon gehabt hätten. So aber kann ich den ganzen Spass für mich alleine haben und „Meiner“, der arme Kerl, muss ganz alleine im vollbepackten Auto nachreisen. Das Au Pair ist noch ärmer dran. Sie darf erst  am Dienstag nachreisen. Ja, ich weiss, ich bin eine Egoistin, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

– Wo ich schon auf dem Ego-Trip bin, habe ich gleich noch einen draufgesetzt: Seit einer Woche hege und pflege ich meine Halsschmerzen, die nun endlich doch den Anschein machen, als wollten sie sich zu einer Angina oder zumindest zu einer heftigen Erkältung mit  Gliederschmerzen auswachsen. Ja, ich weiss, es ist gemein, dass ich die anderen mit billigen Noroviren abspeise, während ich mir selber das beste Stück gönne, aber wenn man auf dem Ego-Trip ist, kann man nicht auf alle Rücksicht nehmen.

– Ein bereits  zweimal verschobener Arzttermin mit Luise, der sich nicht mehr weiter verschieben liess und der deshalb dafür sorgen wird, dass entweder „Meiner“ oder ich mit unserer Tochter einen Tag früher abreisen dürfen.

Ihr seht also, dem perfekten Urlaub steht nichts mehr im Wege. Nur eines stört mich: Die Wohnung sieht im Prospekt zu sauber, zu gross und zu  luxuriös aus und auch die Gegend scheint mir mit Museen, Schlössern, Seen und satten Frühlingswiesen etwas gar zu idyllisch zu sein. Aber man kann nicht alles haben.

Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.

 

 

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Kommt er, geht er oder bleibt er?

Dieser elende Käfer soll sich doch endlich mal entscheiden, ob er kommen, gehen oder bleiben will. Mal liegen unsere Knöpfe bleich und abgekämpft da und sehen aus, als würden sie in den nächsten fünf Tagen nicht mehr aus dem Bett kommen und zwei Stunden später hüpfen sie wieder alle putzmunter durch die Gegend und schlagen sich die Bäuche voll. Also schickst du sie zur Schule, weil sie ja gesund sind und tatsächlich sieht es auch eine Weile lang danach aus, als hättest du den richtigen Entscheid gefällt. Aber nach der grossen Pause bekommst du plötzlich einen Anruf der Lehrerin, weil sie dein Kind nach Hause schicken will, da ihm so elend ist. Du schämst dich in Grund und Boden, dass du dein armes, krankes Kind am Morgen aus dem Haus geschickt hast, nimmst es mit einer warmen Decke und einer Tasse Tee in Empfang. Und dann, zwei Stunden später fragst du dich, weshalb du dich von der Lehrerin hast weichklopfen lassen, denn dein Kind tanzt dir frisch und fröhlich auf den Nerven rum, weil es sich ganz plötzlich doch wieder fit und sehr gelangweilt fühlt.

So langsam aber sicher treibt mich dieser Käfer, der momentan sein Unwesen treibt, in den Wahnsinn und ich bin versucht, ihm zu sagen, was unser Vater jeweils zu sagen pflegte, wenn wir zwischen Tür und Angel stehen blieben: „Komm rein, oder geh raus, aber mach dabei die Tür zu!“

Helden

Jetzt gehört der FeuerwehrRitterRömerPirat also auch zum Klub der Helden, die sich mitten in der Nacht einer Notfalloperation unterziehen mussten. Und wie ein Held wurde er auch von seinen Geschwistern empfangen, als er heute mit OP-Haube auf dem Kopf und eingeschientem Arm wieder zu Hause erschien. Das sind sie, die Sternstunden, in denen sichtbar wird, wie sehr die fünf, die sich im Alltag doch ziemlich auf den Geist gehen können, einander lieben. Ob er Angst gehabt hätte, wollten die Geschwister wissen. Ob er auch durch diese langen unterirdischen Gänge gefahren worden sei. Und ob er mit der Zimmernachbarin, mit der er sich abends um zehn noch hitzige Wettkämpfe mit dem Bettenlift geliefert hatte, die Telefonnummer ausgetauscht hätte. Alles wollten sie wissen und bald einmal begannen sie, in ihren eigenen Erinnerungen zu schwelgen. „Ich werde nie diesen fürchterlich trockenen Zwieback vergessen, den sie mir damals in Österreich zu essen gaben“, sagte Karlsson, der seinen Blinddarm in unserem östlichen Nachbarland verloren hat. „Weisst du noch, wie doof meine Zimmernachbarin war“, lästerte Luise und sogar der Zoowärter, der zwar noch nie unter dem Messer, wohl aber schon auf der Notfallstation war, trug die bruchstückhaften Erinnerungen zusammen, die er noch finden konnte.

Da sassen sie also, die vier Veteranen und verglichen ihre Spitalerfahrungen. Und wie ich ihnen so zuhörte, kamen auch in mir die Erinnerungen hoch. Erinnerungen an diese elende Nacht als ich, mit dem Prinzchen schwanger, dabei zusehen mussten, wie sie meinen Ältesten in der Ambulanz mitnahmen in ein Spital, von dem ich nicht einmal wusste, wo es war. An das Bangen, als der Zoowärter in der Ambulanz vom Einkauf in der Ikea zurückgefahren kam. An das endlose Warten, als Luise der Bauch aufgeschnitten wurde. Und jetzt haben wir also auch mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten unser Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet hätten, erlebt.

Gebangt haben wir auch diesmal, denn ich glaube, als Eltern kann man gar nicht ruhig und gelassen bleiben, wenn man weiss, dass das Kind, das man über alles liebt, leiden muss. Und doch fühle auch ich mich so langsam als Veteranin. Denn immerhin weiss ich inzwischen, wie der Hase läuft in diesen Spitälern. Das nimmt einem zwar nicht die Angst, aber zumindest weiss man, worauf man sich einstellen muss, wenn man mal wieder einen kleinen Helden der ärztlichen Pflege anvertrauen muss.

Und weil ich nach der anstrengenden Nacht so müde bin, hier ein pauschales herzliches Dankeschön an alle, die an den FeuerwehrRitterRömerPiraten gedacht haben.

Schon wieder

Und wiedermal sind Vendittis zu Gast auf der Notfallstation. Diesmal ist es der FeuerwehrRitterRömerPirat. Ausnahmsweise mal kein Blinddarm, aber unters Messer wird er trotzdem müssen, sobald das Brötchen, das er am späten Nachmittag gegessen hat, verdaut ist. Als heute Abend der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise ein Haus bauen wollten aus den Kartons, in denen die Bürostühle – Pardon, die Pferde meine ich natürlich – angeliefert worden sind, erwischte Luise mit dem Messer nicht den Karton, sondern die Hand ihres Bruders und zwar so tief, dass die Sehne verletzt wurde. Also ab ins Spital mit ihm, diesmal aber nicht ich, sondern „Meiner“, denn ich bin eine Memme, wenn es um Blut geht. Ich blieb zu Hause und versuchte, Luise zu beruhigen, die vor lauter Schuldgefühlen fast noch mehr weinte als ihr verletzter Bruder.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint die Sache ganz gelassen zu nehmen. Am Telefon plauderte er ganz fröhlich von seinem Ferrari, den ihm die Krankenschwester geschenkt hat und vor der Operation scheint er sich keineswegs zu fürchten. Nun, „Meiner“ und ich nehmen die Sache nicht ganz so gelassen und ich stelle mich ein auf eine weitere Nacht, in der ich mich frage, wie wir bloss so naiv sein konnten, unsere Kinder mit Messern hantieren zu lassen, auf eine weitere Nacht, in der ich es nicht erwarten kann, bis ich die erlösende Nachricht bekomme, dass mein geliebtes Kind aus der Narkose erwacht ist.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Warum?

Warum muss Geschirrspüler Nummer zwei, der bis anhin nun wirklich nicht allzu arg gefordert war, ausgerechnet dann den Geist aufgeben, wenn Geschirrspüler Nummer eins eine schwere Krise durchmacht?

Warum können Monteure für Haushaltgeräte immer „erst am Mittwoch“ kommen? Arbeiten die an anderen Wochentagen nicht?

Warum muss „Meiner“, der bis heute früh den Haushalt halbwegs hat managen können, ausgerechnet dann krank werden, wenn ich feststellen muss, dass ich auch nach dem zweiten Tag im Bett noch nicht gesund genug bin, um morgen den Laden wieder zu schmeissen?

Warum müssen die Käfer, die uns im Herbst gemieden haben, ausgerechnet dann angreifen, wenn wir mal ein paar gemütliche Familientage geniessen könnten?

Warum quäle ich mich ausgerechnet dann, wenn das reale Leben ohnehin schon nervtötend ist, durch die fiktiven aber deswegen nicht minder deprimierenden Tagebücher des Adrian Mole?

Warum kommt der ganze Mist nicht schön dosiert, sondern immer als ganze Ladung auf einmal?

Warum bekommt man das Leben nicht mit einem hübschen roten Knopf – er darf von mir aus auch rosa oder gelb sein – geliefert, den man drücken kann, wenn man die irre Achterbahnfahrt mal für einen Moment lang anhalten möchte, um sich ein wenig Erholung zu gönnen?

Warum sind wir Erwachsenen so blöd, dass wir uns Erholung nur noch in Form von Kranksein gönnen?

Warum muss ich mich jetzt auch noch fragen, ob ich am Ende die einzige bin, die so blöd ist, oder ob auch andere sich immer bis zum Umfallen abmühen?

Warum kann ich an einem Tag wie heute nicht ausnahmsweise mal meine Klappe halten und still und leise vor mich hin jammern?