Da seid ihr ja wieder

Kaum ist die Elternabendsaison ohne nennenswerte Zwischenfälle wie vertauschte Daten, vergessene Unterschriften und fehlende Babysitter überstanden, geht es los. Die Tage werden kürzer, der Himmel wird grauer, der Wind weht kälter – und der Kalender füllt sich. Ballettproben für Luises ersten grossen Auftritt, Geigenproben für Karlssons fünften, sechsten und siebten grossen Auftritt, die grossen Auftritte, Karlssons Geburtstagsparty, Schwimmkurse, Einladungen bei Freunden, die man unbedingt noch in diesem Jahr einmal sehen will, Freunde, die man zu sich einlädt, weil man sie unbedingt noch in diesem Jahr einmal sehen will, Sitzungen, die unbedingt noch in diesem Jahr stattfinden müssen, Guetzli backen, Arzttermine, Geschenkekaufen und so weiter. Mal abgesehen von den Arztterminen und den Sitzungen lauter schöne Dinge, auf die man sich freut und die man unbedingt noch in diesem Jahr … Ach ich wiederhole mich?

Da seid ihr ja wieder, ihr Post-it-Tage! Eigenartig, ich habe euch gar nicht vermisst. Woran das liegen mag?

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Hier steh‘ ich nun…

… und darf nicht anders. Darf mich nicht setzen und schon gar nicht hinlegen. Denn wenn ich das tue, geht das Gebrüll wieder los. Dann schreit er wieder, windet sich auf meinem Arm, schlägt um sich und weckt am Ende noch die ganze Familie. Und dann bekäme meine afrikanische Zimmernachbarin  doch noch Recht. Die herzensgute Frau, an die ich mich immer gern erinnere, weil sie die erste wirklich interessante Gesprächspartnerin war, mit der ich nach meinen Geburten im Spital das Zimmer teilte,  hatte mir nämlich vor bald einem Jahr prophezeit, das Prinzchen werde ein „Petit Prince“, der die ganze Familie ermüden würde.

Dass „Meiner“ und ich des Prinzchens wegen seit drei Wochen auf dem Zahnfleisch gehen stimmt, aber der Rest der Familie hat davon zum Glück noch nichts mitbekommen. Die schlafen auch so zu wenig, weil sie zu später Stunde noch spielen müssen, oder streiten, oder die Mama etwas gaaaaanz Wichtiges fragen.

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, die vergangene Nacht sei, abgesehen von den Nächten, in denen ich geboren habe, die anstrengendste Nacht meiner Karriere als Mutter gewesen. Das Prinzchen mochte noch so verzweifelt nach Schlaf suchen, er blieb ohne Erfolg. Er schrie und wimmerte und jammerte dass es uns fast das Herz brach. Und um den Verstand brachte. Denn wir konnten einfach keinen Grund für sein Verhalten finden. Wir hatten alles abgecheckt, wie dies frischgebackene Eltern eben tun. Doch einen Grund fanden wir nicht.

Und so stand ich da, mit dem übermüdeten Prinzchen auf dem Arm, vor lauter Müdigkeit nicht einmal mehr im Stande, mich aufzuregen. Was ein Segen war. Denn früher hätte ich bei solcher Gelegenheit Schoppenflaschen an die Wand geschmissen oder Türen geknallt. Jetzt aber empfand ich nur noch Mitleid mit dem kleinen Menschlein auf meinem Arm. Und mit mir selber, die ich nicht einmal sitzen durfte, weil sonst das Prinzchen wieder entrüstet aufschreien würde. Und mit „Meinem“, der irgendwann angefangen hatte, Prüfungen seiner Schüler zu korrigieren, weil er bei dem Gebrüll nicht schlafen konnte und das Prinzchen seine Hilfe noch heftiger ablehnte als meine.

Irgendwann, gegen sechs Uhr, schlief das Menschlein endlich ein auf meinem Arm. Da lag er, unschuldig wie ein kleiner Barockengel. Als wäre nie etwas gewesen. Endlich durfte ich mich hinsetzen, was er zwar auch im Tiefschlaf mit einem heftigen Zappeln quittierte. Doch das war mir jetzt egal. Irgendwann war er dann so weggetreten, dass ich ihn in sein Bettchen legen konnte. Aber da war auch schon der Tag angebrochen, vier weitere übermüdete Kinder warteten auf uns.

Schönen Sonntag allerseits!

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Da bin ich aber erleichtert

Nachdem  ich  gestern noch befürchtet hatte, ich müsste  mich jetzt, wo ich 35 geworden bin, zum alten Eisen zählen, habe ich mich heute wieder etwas beruhigt. Ich weiss jetzt, dass ich jung bin. Und auch meine Familie ist nicht überdurchschnittlich gross.  Sie ist „une jolie petite famille“ und „la maman est tellement jeune“. Für nicht Französischsprechende frei übersetzt: Ich bin jung und knackig und habe eine wunderschöne Kleinfamilie. Habe ich alles heute früh beim Einkauf erfahren.

Sollte also wiedermal einer sagen, „Meiner“ und ich hätten zu viele Kinder, dann können wir ihm jetzt entgegenhalten, mit fünf Kindern gelte man in Frankreich als Kleinfamilie. Dass es in Frankreich offenbar so wenige Kleinfamilien gibt, dass die Dame, die uns entdeckt hat auch noch andere Kundinnen auf unsere „jolie petite famille“ aufmerksam machen musste, brauche ich dann ja nicht zu erwähnen. Auch nicht, dass sie mich, wie so viele andere vor ihr, gefragt hat, wie ich das alles schaffen würde. In Zukunft werde ich uns ganz selbstbewusst als Kleinfamilie verkaufen. Und alt fühlen werde ich mich erst an meinem vierzigsten Geburtstag wieder. Versprochen.

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Uffffff!

So, die Koffer sind schon fast gepackt, die letzen Post-its abgeräumt (natürlich erst nachdem alles erledigt ist), die Akkus aufgeladen, die Kleider gewaschen, der Abfall entsorgt und und und. Jetzt muss nur noch der Laptop abgeräumt werden, denn der kommt natürlich mit. Ob ich in Österreich dann aber auch wirklich bloggen kann, hängt davon ab, ob der im Reiseprospekt versprochene gratis-Internetzugang auch tatsächlich existiert.

Meist wird ja viel versprochen. Doch wenn man ankommt, entpuppt sich der versprochene Internetzugang als klapprige alte Kiste in der Lobby, die sich im Dauerstreik befindet. Sollte sie zufälligrweise mal für ein paar Stunden funktionieren, wird sie sofort von irgendwelchen Workaholics in Beschlag genommen, die ihre Arbeit verrichten, vor der sie eigentlich hatten flüchten wollen. Am Tag vor der Abreise findet man dann per Zufall heraus, dass da noch so ein klitzekleiner Anschluss im Zimmer versteckt gewesen wäre. Aber dann ist es ja schon zu spät.

Also dann, mal sehen. Wenn der Reiseprospekt sein Versprechen hält, wird weiter gebloggt. Ansonsten haben meine Leser zehn Tage Ruhe vor mir und meiner Bande.

Erwartungen

Wenn man eine grosse Familie hat, wollen plötzlich alle etwas von einem. Jeder scheint irgend ein Bedürfnis befriedigen zu wollen. Da sind zum Beispiel gelangweilte Senioren. Sind wir zu siebt unterwegs, starren sie uns ungeniert an und beginnen zu tuscheln. „Meiner“ streckt ihnen dann provokativ fünf Finger entgegen und sagt: „Ja, es sind fünf. Sie haben richtig gezählt.“

Eltern, die die Familienplanung abgeschlossen haben, glauben, bei uns ihre nicht mehr gebrauchten Babysachen gratis entsorgen zu dürfen. Ständig bietet man uns alte Reisebetten, Kinderwagen und Winterjacken an. Wahrscheinlich glauben diese Menschen, ihre Angebote seien willkommene Spenden. Immerhin liest man ja alle zwei Tage, Kinder seien das grösste Armutsrisiko. Was die Wohltäter aber nicht bedenken: Wenn ihr Keller schon nach zwei Kindern überquillt mit Babysachen, wie muss dann erst unserer aussehen? Also nichts gewesen mit Gratis-Entsorgung bei Vendittis.
Neuerdings scheint man von uns auch zu erwarten, dass wir Arbeitsplätze schaffen. Nun ja, Arbeit hätten wir für mindestens drei Angestellte, doch leider reicht unser Einkommen nicht ganz, um der Wirtschaftskrise Herr zu werden. So musste ich leider die Frau abweisen, die mich händeringend darum bat, ihre Schwiegertochter doch bitte, bitte bei mir arbeiten zu lassen. Sie brauche ja wirklich nur „e chline bizteli Lohn“.
Jetzt, wo die Kinderzulagen angehoben werden, sind wir auch zu beliebten Hassobjekten geworden. Kinderlose empören sich in Leserbriefen über die kaltblütige Abzockerei, die wir Eltern betreiben. Ist ja auch wahr. Tausend Franken pro Monat für das bisschen Windeln wechseln und Wäsche waschen. Von solchen Summen konnten  Ospel und Konsorten auch zu den besten Zeiten nur träumen. Schämen sollten wir uns, wir Sozialschmarotzer! Während uns aber die einen als Abzocker verachten, sehen andere in uns die heldenhaften Retter der AHV. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich bei uns bedanken, weil unsere Kinder ihre Rente sichern. Das rührt uns, stürzt uns aber auch in eine tiefe Identitätskrise. Was sind wir denn nun? Helden oder Abzocker?
Zum Schluss sind noch die Menschen zu erwähnen, die keine Familie haben. Auch sie suchen gerne die Nähe von grossen Familien und wir freuen uns darüber. Sie genissen das turbulente Leben bei uns, spielen mit den Kindern und finden es die tollste Sache der Welt, ein Baby zu wickeln; wir können mal wieder ein Gespräch führen, bei dem sich nicht alles um durchwachte Nächte und Streitereien zwischen Kindern dreht. Und beide Seiten finden es unglaublich interessant, zu erfahren, womit sich die anderen den ganzen Tag herumschlagen müssen.
Ach ja, und dann bat mich doch neulich eine Frau, ich solle für sie auch noch ein Kind gebären. Doch da musste ich leider abwinken. Meine Kinder mit anderen teilen, das geht ja noch. Aber verschenken kann ich sie leider nicht. Dazu sind sie mir zu sehr ans Herz gewachsen.

Grrrrrrrrrrrrrrr

"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?

Die Krankenkassen unterstützen diese Ungerechtigkeit noch. Da nützt kein Arztzeugnis, kein ausführlicher Bericht. Erst wenn die Mutter zusammengebrochen ist, wird bezahlt. Man sei nicht zuständig für sozial belastende Situationen, heisst es so schön. Und die Mutter darf sich weiter den Rücken ruinieren, bis er dereinst so kaputt sein wird, dass er die Krankenkasse einiges mehr kosten wird, als die paar Wochen Haushalthilfe. 

Nun, für Gerechtigkeit in diesen Belangen ist es wohl etwas zu früh. Da müssen erst noch ein paar Brangelina-Babies her, bevor sich die Gesellschaft wieder daran gewöhnt, dass Mutterschaft ein Knochenjob sein kann. Bis dahin soll sich bloss niemand wundern, dass die realen Mütter wenig gemeinsam haben mit den strahlenden Frauen in der Werbung.