Stammkunden

Okay, jetzt haben wir endgültig den Stammgast-Status erreicht. „Waren Sie nicht auch schon hier?“ „Sie kommen mir so bekannt vor?“ „Ich glaube, Sie habe ich schon mal gesehen, aber war nicht ein anderes Kind dabei?“, fragen sie. Aber klar war letztes Mal ein anderes Kind dabei. Nur die Mutter, die stundenlang daneben sitzt, Sirupbecher reicht, Kissen aufschüttelt und auf die Klingel drückt, wenn die Schmerzen zunehmen, ist seit Jahren schon die gleiche. Wüsste ich im Voraus, wann es jeweils wieder soweit ist, könnte ich ja schon mal das Zimmer reservieren, aber eben, das mit der Planbarkeit müssen wir noch ein wenig üben. Bis jetzt kommen die Aufenthalte im Kinderspital immer genau dann, wenn wir sie am wenigsten brauchen können.

Diesmal ist Luise dran. Schuld ist eine Ampel, die zulässt, dass Autofahrer und Fussgänger gleichzeitig grün haben. Schlimm ist es Gott sei Dank nicht, nur eine Gehirnerschütterung und ein verstauchter Fuss, aber im Spital finden sie halt doch, Luise müsse noch ein wenig beobachtet werden. Seit gestern Abend beobachten sie also fleissig, Luises Schädel brummt weiter und ich vertrödle meine Zeit mit Kleinkram, der zu Hause immer liegen bleibt, weil sich die grossen, wichtigen Dinge stets vordrängen. Wie immer halt, wenn der medizinische Notfall meine Routine durcheinander bringt. So normal kommt mir das inzwischen alles vor, dass ich mich frage, wann die hier endlich ein Treuprogramm mit netten Prämien für Stammkunden wie uns einführen.

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Sonntagsarbeit

Wenn man bedenkt, dass ich nicht nur christlich und links bin, sondern auch noch ganz und gar gegen Kinderarbeit, dann war es wohl ziemlich daneben, sonntags in der Abenddämmerung mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, dem Zoowärter und dem Prinzchen im Garten zu arbeiten. Aber Himmel, war das ein Vergnügen, im Eilzugstempo siebenhundert alte Verbundsteine aus dem Boden zu holen, um mehr Platz für die Natur zu schaffen. Viel lustiger als spielen sei das, fanden meine Söhne, ob wir nicht gleich noch den ganzen Vorplatz abdecken könnten. Das konnten wir leider nicht, denn der muss bis nächstes oder übernächstes Jahr bleiben, auch wenn er nicht minder hässlich ist als der Weg, den wir freigelegt haben. Weil ich im Oktober trotzdem guten Gewissens links wählen will, entlöhnte ich meine Mitarbeiter fürstlich und ich hielt mich dabei gar an das biblische Gleichnis, in dem der jeder Arbeiter gleich viel bekommt, egal wie spät er sich zur Arbeit meldet. 

Okay, ich geb’s ja zu, das mit der Lohngleichheit tat ich vor allem, um zu verhindern, dass der ganz und gar friedliche Arbeitseinsatz in Tränen endet. 

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Autofragen

Dass die Tage unseres kleinen, himmelblauen Autos gezählt sind, vermutete ich schon seit einiger Zeit, aber deswegen fühle ich mich noch längst nicht bereit, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie es weitergehen soll, wenn es eines Tages nicht mehr mitmacht bei unserem nervenaufreibenden Wettlauf gegen den Terminkalender. Autos sind mir ja generell nicht sehr sympathisch, darum verdränge ich den Gedanken, mich irgendwann eingehender mit der Materie auseinandersetzen zu müssen, so weit es nur geht. Und doch war ich diejenige, die heute Nachmittag, als das Zeitfenster zwischen zwei Terminen mal wieder besonders schmal war, irgend einen Mist mit der Bremse anstellte, was zu einer äusserst unangenehmen Begegnung mit einem Bauamtsfahrzeug führte.

Fragt mich bitte nicht nach Details, ich weiss bloss, dass das Gefährt mit einer fürchterlich fiesen Geheimwaffe ausgerüstet war. Wie sonst hätte es unser armes Wägelchen derart übel zurichten können, obschon ich im Schritttempo unterwegs war und der Aufprall kaum zu spüren war? Der Mann von der Garage – keine Ahnung, wie man den heutzutage nennt – war der Meinung, unserem Auto sei nur noch mit sehr viel Geld zu helfen, was „Meiner“ und ich aber ablehnen, da eine aufwändige Operation das bittere Ende nur herauszögern, nicht aber verhindern würde. Die Nachbarin sagte, sie kenne einen, der einen kenne, der jeweils für relativ wenig Geld das Auto eines entfernten Bekannten repariere, der würde sich der Sache bestimmt annehmen. Das ist natürlich viel besser, schiebt die Frage um unsere automobile Zukunft aber nur ein wenig weiter hinaus.  

Ich wünschte mir, ich könnte ganz leichthin verkünden, es ginge auch ohne Auto, doch das traue ich uns nicht zu, so sehr ich das auch möchte. Zu schwer wiegen die Einkäufe, die ich Woche für Woche ins Haus schleppe; zu oft schon wären wir ohne unser Fahrzeug noch aufgeschmissener gewesen, als wir es ohnehin schon waren. Car Sharing – eine Sache, die ich auch ganz toll finde – ist mir in unserer heutigen Lebenslage auch nicht ganz geheuer, denn ich tendiere dazu, in Notfallsituationen den Kopf zu verlieren und ich zweifle daran, ob ich dann noch in der Lage wäre, mir zu überlegen, wo sich das geteilte Auto gerade rumtreibt. Und Notfallsituationen beschert uns unser Alltag eindeutig noch zu oft. Ich fürchte also, die Frage lautet nicht, ob unser himmelblaues Auto einen Nachfolger bekommt, sondern nur, wie wir das wieder anstellen sollen.

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Therapiefeuer

Ausgelöst wurde das Ganze durch den Elternabend. Der erste Erstklässler-Elternabend, den ich rundum glücklich verliess. Ein Abend, an dem Sätze fielen, die einer Mama das Gefühl geben, dass hier Menschen unterrichten, die ihren Beruf und die Kinder, mit denen sie arbeiten, von Herzen mögen. Ein Abend auch, der mir schmerzlich bewusst werden liess, wie anders dies bei Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter gewesen war. Ihnen blies in den ersten zwei Schuljahren ein steifer Wind um die Ohren und Standortgespräche waren in erster Line dazu da, den Kindern vor Augen zu führen, in welchen Bereichen sie nicht genügen. Keine optimalen Bedingungen, um die Freude am Lernen zu kultivieren.

Tja, und dann sprachen wir halt am Familientisch darüber, wie minderwertig sich unsere vier grösseren Kinder jeweils gefühlt hatten, wenn mal wieder nichts gut genug war. Wie es der Zufall wollte, brannte gerade ein Feuer im Garten und bald schon brannten da nicht nur Äste, die zu dick waren für den Häcksler, sondern alte Rechenaufgaben, Schönschreibblätter (die natürlich nie schön genug geschrieben waren), Prüfungen, ja, sogar ein ganzes Übungsbuch. Je höher die Flammen loderten, umso ausgelassener tanzten der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ums Feuer herum, befreit von dem Ballast der Jahre, in denen sie nie genügen konnten, so sehr sie sich auch bemüht hatten.

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Weider mal so ein Home-Office-Morgen…

Der erste Satz des Tages hätte mich eigentlich vorwarnen sollen: „Da sind Maden im Abfallsack!“ Mehr bräuchte ein Mensch ja wirklich nicht zu hören, um zu wissen, dass er den Tag gar nicht erst in Angriff zu nehmen braucht, sondern sich am besten gleich die Decke über den Kopf zieht und weiterschläft. Krankhaft naiv, wie ich nun mal bin, kroch ich trotzdem aus dem Bett und half „Meinem“, dem Ungeziefer den Garaus zu machen. Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich den Rest des Tages für einmal nicht barfuss, sondern mit Schuhen an den Füssen im Haus unterwegs war?

Nach den Maden kam der Telefontechniker, der sich der „Fremdspannung“ annahm, die für mehrere Tage unser Telefon lahm gelegt hatte. Na ja, ich behaupte ja, die Telefongesellschaft habe das mit der Fremdspannung mit Absicht gemacht, weil ich die Hotline schon so lange nicht mehr angerufen habe und die mir doch endlich das neue TV-Internet-Festnetz-Handy-Sparpaket andrehen wollten, aber beweisen kann ich natürlich nichts. Der Techniker kam also, behob den Mangel und rauschte wieder ab.

Ich hätte die Zeit seiner Anwesenheit ja dazu genützt, das Mittagessen in den Slow Cooker zu schmeissen, wenn denn nicht eine gewisse Diskrepanz bestanden hätte zwischen dem Menüplan und den real existierenden Lebensmittelvorräten im Kühlschrank. Also kam vor der Arbeit noch die Migros und nach der Migros kam nicht die Arbeit, sondern der Stromausfall. Und weil ich glaubte, die Ursache des Stromausfalls wäre beim Sicherungskasten zu finden, begab ich mich eben treppab in den Keller, anstatt treppauf ins Büro. Im Keller war aber kein Stromausfall zu finden, dafür dichter Rauch, der Gott sei Dank nicht aus dem Heizungskeller drang, wie ich zuerst befürchtet hatte, sondern von draussen in den Heizungskeller geweht wurde. Ich folgte also meiner Nase in den Garten und landete schliesslich bei der Feuerstelle, wo noch immer einer der Wurzelstöcke, die „Meiner“ gestern in Brand gesetzt hatte, vor sich hin rauchte. 

Also keine Feuerwehrübgung, dafür aber eine Rettungsaktion in der Küche, denn der Slow Cooker fand das mit dem Stromausfall ganz und gar nicht lustig und weigerte sich rundheraus, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hatte, als der Strom wieder da war. Und das wiederum hatte zur Folge, dass „Meiner“ mich mit einem vorwurfsvollen „Was hast du am Herd zu suchen, du solltest doch arbeiten?“ begrüsste, als er am Mittag nach Hause kam und mich in der Pfanne rühren sah. 

Hab doch gesagt, es wäre besser gewesen, im Bett zu bleiben…

mademoiselle orsay; prettyvenditti.jetzt

mademoiselle orsay; prettyvenditti.jetzt

Wer verwöhnt denn da?

Vor ein paar Tagen geriet ich mit einem unserer grösseren Kinder in einen ziemlich heftigen Disput. „Das Prinzchen ist dein Lieblingskind. Er ist total verwöhnt und darf alles“, lautete der Vorwurf im Kern und ich versuchte, möglichst angemessen zu reagieren. Mir sei schon klar, dass „Meiner“ und ich mit dem Jüngsten weniger streng seien, gab ich zu. Wir täten das nicht mit Absicht und erst recht nicht, weil wir das Prinzchen lieber hätten als die anderen, aber als Eltern werde man mit zunehmender Erfahrung einfach gelassener. Ja, ich stand sogar dazu, dass ich als jüngstes Kind in meiner Familie mich ohne es zu wollen oft mit dem eigenen jüngsten Kind solidarisiere. Ich erklärte aber auch, die Position des Nesthäkchens bringe nicht nur Vorteile mit sich, übermüdete Eltern und besserwisserische grosse Geschwister könnten einem ziemlich zusetzen. Weil ich mich gerade für einen Artikel mit dem Thema „Geschwisterkonstellationen“ auseinandersetze und mehrere Fachbücher gelesen habe, konnte ich mein Geschwätz gar theoretisch untermauern, doch es half nichts; der Vorwurf, ich würde den Jüngsten krass bevorzugen, blieb im Raum.

Heute Abend trat das Prinzchen mit nackten Füssen in eine Nähnadel, die aus unerfindlichen Gründen auf dem Teppich lag. Die Nadel steckte tief im grossen Zeh und entsprechend laut war das Geschrei. Innert Sekunden kamen sie angerannt, die grossen Geschwister. „Prinzchen, was ist mit dir? Tut es schlimm weh? Kann ich dir helfen? Willst du meine Spielfigur haben?“ Das alles, obschon das Prinzchen längst auf meinem Schoss sass und „Meiner“ sich um die Entfernung der Nadel kümmerte. „Oh ja, er wird tatsächlich gehätschelt und verwöhnt, der Kleine“, brummte ich. 

Blöd war einfach, dass ausgerechnet das Kind, das so sehr mit der Sache gehadert hatte, nicht dabei war, um zu sehen, dass Mama und Papa bei Weitem nicht die einzigen in diesem Haus sind, die dem Jüngsten das Gefühl geben, er sei ein kleiner Prinz.

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Alles nur eine Frage der Disziplin?

Montag backen, Dienstag arbeiten, Mittwoch Garten, Donnerstag arbeiten, Freitag putzen – So ist das geplant und so habe ich das in den vergangenen zehn Tagen auch mehr oder weniger durchgezogen. „Ist es am Ende doch nur eine Frage der Disziplin, ob man es schafft, die Dinge zu tun, die man sich vorgenommen hat?“, fragte ich mich selbst heute früh, als ich mal kurz meinem Spiegelbild begegnete. Mein Spiegelbild zog die Augenbrauen hoch. „Hast du die Sache mit Schwiegermama schon wieder vergessen?“, fragte es mich. „Und die Lehrerin, die dich fast jeden Mittwochvormittag angerufen hat, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat über Bauchweh klagte? Und Luise, die so viel krank war? Und deine eigenen Käferchen? Und all die Stundenplanänderungen? Und…“ „Schon gut“, unterbrach ich ungeduldig, denn im Garten warteten ein paar hartnäckige Wurzeln auf mich, „ich habe verstanden: Solange alles mehr oder weniger rund läuft, ist es eine Frage der Disziplin, aber wenn Schwiegermütter, Lehrerinnen und Käfer die Finger im Spiel haben, kann ich wollen, soviel ich will, es wird trotzdem nicht klappen.“ „Schlaues Mädchen“, antwortete mein Spiegelbild. Jetzt war es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen. „Mädchen? Hast du uns zwei in letzter Zeit schon mal etwas genauer angesehen?“ „Wie sollte ich?“, fragte mein Spiegelbild zurück, „du rennst ja andauernd wie ein aufgescheuchtes Huhn durch Haus und Garten, da bekomme ich dich kaum je zu Gesicht.“ „Ach ja, ich soll hier vor dem Spiegel rumhängen, wenn meinen Plänen endlich mal nichts im Wege steht?“, raunzte ich. „Und wenn ich dir das nächste Mal begegne, wirfst du mir vor, ich sei ein undiszipliniertes Miststück, das nichts auf die Reihe kriegt.“ Eine Antwort wartete ich nicht mehr ab, denn die Wurzeln brauchten mich jetzt wirklich. Man weiss schliesslich nie, wann der nächste Käfer kommt… 

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Wie man treue Kunden vergrault (und sie trotzdem dumm genug sind, zu bleiben)

In meinem Leben gibt es seit ich denken kann nur eine einzige Bouillon. Eine, auf die meine Mutter schon seit Jahren schwört und die bei mir seit dem Tag, an dem ich begann, meinen eigenen Haushalt zu führen, im Küchenschrank steht. Die einzige, bei der unsere Kinder nicht die Nase rümpfen und die sie mit Vorliebe zwischen den Mahlzeiten aus der Dose naschen. Diejenige, die ich immer beim gleichen Vertreter bestelle, der zwei- oder dreimal im Jahr die Frauen meiner Familie zum grossen Bestellen um den Esstisch meiner Mutter versammelt. Die Bouillon, die ich zu verwenden gedenke, bis es mir vielleicht eines Tages gelingt, selber etwas herzustellen, das mir besser schmeckt. Oder bis es mir zu bunt wird mit diesen Anrufen.

Es fing vor etwa einem Jahr an. „Frau Venditti, wir hätten da dieses tolle Sonderangebot…“ flötete die Dame am Telefon, aber weiter kam sie nicht, denn ich liess sie wissen, ich würde immer nur direkt beim Vertreter bestellen, denn Telefoneinkäufe seien nicht so mein Ding. „Wenn Sie bei mir bestellen, kommt das auch Ihrem Aussendienstmitarbeiter zugute“, erklärte mir die Dame, doch ich blieb hart. „Kein Interesse, vielen Dank, notieren Sie das bitte in meiner Kundendatei. Keine Telefonverkäufe bei mir“, beharrte ich und sie versprach mir hoch und heilig, meinen Wunsch zu vermerken.

Ich vertraute ihr. Ganze drei Wochen lang, dann schellte das Telefon erneut. „Frau Venditti, wir hätten da…“ „Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber ich habe Ihnen gesagt, dass ich keine Anrufe wünsche. Ich bestelle direkt beim Vertreter.“ „Wenn Sie bei mir best….“ „Nein, vielen Dank. Keine Anrufe. Ich kaufe nicht am Telefon.“ „Gut, dann notiere ich das so in Ihrer Kundendatei.“ 

Danach herrschte Ruhe. Einen Monat lang, vielleicht auch zwei? Ich weiss es nicht so genau. Auf alle Fälle flötete mir bald schon wieder eine freundliche Dame ins Ohr: „Frau Venditti, wir hätten da…“ „Nun hören Sie mir mal ganz gut zu: Seit bald zwei Jahrzehnten bin ich Kundin bei Ihnen, ich bin zufrieden mit Ihrem Aussendienstmitarbeiter und wie ich Ihnen nun schon zweimal deutlich gesagt habe, wünsche ich, nicht am Telefon belästigt zu werden.“ „Aber…“ „Ich wünsche nicht am Telefon belästigt zu werden, notieren Sie sich dies bitte.“ Sie versprach, dies umgehend zu tun.

Sie tat es nicht. Oder sie hat vergessen, dass sie es getan hat. Oder eine Kollegin hat den Vermerk gelöscht. Oder der Chef hat gesagt, sie solle auf den Vermerk pfeifen und mich trotzdem anrufen. Oder sonst irgend etwas, auf alle Fälle flötete sie ein paar Wochen später wieder. Ich hingegen flötete nicht, im Gegenteil. Ich liess sie noch einmal in aller Deutlichkeit wissen, wenn diese Anrufe nicht aufhörten, könnte sie eine treue Kundin aus der Kartei streichen. Sie versprach mir untertänigst, zu vermerken, dass ich keine Anrufe wünschte… und rief ein paar Wochen später wieder an, um einmal mehr von mir zu hören….

Ach, ihr wisst schon. Und ihr fragt euch wohl, weshalb ich meine Drohung nicht schon längst wahr gemacht habe und mich aus der Kundendatei habe streichen lassen. Na, warum wohl? Weil schon meine Mutter auf die Bouillon schwört. Weil seit dem Tag, an dem ich meinen eigenen Haushalt hatte, keine andere in meinem Küchenschrank steht. Weil meine Kinder nur bei dieser einen die Nase nicht rümpfen und zwischen den Mahlzeiten aus der Dose naschen. Weil ich dabei sein will, wenn die Frauen in meiner Familie um den Esstisch meiner Mutter sitzen, um Bouillon zu bestellen. Und weil mein bisher einziger Versuch, meine eigene Bouillon herzustellen, so kläglich gescheitert ist, dass es noch sehr lange dauern wird, biss ich einen brauchbaren Ersatz habe. 

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Schulreif

Wenn sie….

…die unreifen Äpfel vom Baum reissen und anbeissen, obschon du ihnen eben erst zum hunderttausendsten Mal erklärt hast, es sei noch nicht Erntezeit,…

…in Nachbars Garten heimlich ein Feuer machen, nachdem du ihnen diesen Sommer nur etwa eine Million Mal von der Sache mit der grossen Hitze und dem fehlenden Regen erzählt hast,…

…beim Spiel mit dem Gartenschlauch die frisch gewaschene Wäsche nass spritzen und die Waschküche unter Wasser setzen,…

…sich wegen irgend eines dämlichen Plastik-Minions aus der Chipspackung die Köpfe einschlagen,…

…sich überhaupt aufführen wie Dreijährige, sobald du ihnen den Rücken zudrehst,…

…dann ist es allerhöchste Zeit, dass endlich wieder die Schule beginnt. Ja, ich weiss, spätestens übernächste Woche werde ich wieder über den Schulalltag jammern, aber für den Moment habe ich die Nase gestrichen voll vom Sommerferienbetrieb.

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Global trading oder so

Neulich reiste eine Freundin in die Ferien und damit mir während ihrer Abwesenheit nicht allzu langweilig würde, überliess sie mir ihren Slow Cooler zum Spielen. Wir zwei verstanden uns ganz prächtig und als der Kleine mir erklärte, wie ich dank seiner Hilfe endlich mal ganze Tage ungestört durcharbeiten könnte, ohne dass meine Lieben deswegen verhungern, beschloss ich, im Küchenschrank einen permanenten Platz für einen seiner Brüder freizuschaufeln. 

Nun versuche ich aber, ein kritisch denkender Mensch zu sein und so machte ich mich vor dem Kauf im Internet kundig, wie es denn um die Energieeffizienz des Topfes stünde. „Ganz in Ordnung“, meinten die Experten mehr oder weniger einstimmig, „noch besser aber wäre ein Thermal Cooker.“ Was das sei, wollte ich wissen und nach langem Suchen rückte das www dann endlich raus. Das sei so ein Ding, bei dem man die Speisen auf den Herd kurz erhitze, dann komme der Topf in einen Thermostopf, wo das Zeug ganz ohne weitere Energiezufuhr gegart werde. „So, wie die das früher in in der Kochkiste gemacht haben und die sind ja auch nicht verhungert“, wurde noch eine Erklärung hinterhergeschoben, um meine Zweifel zu zerstreuen, ob das denn auch wirklich funktioniere. Ich war überzeugt und wollte wissen, wo ich denn so ein Ding bekäme. „Hmmmm, lass mal sehen… Du wohnst in der Schweiz…. Tja, das könnte schwierig werden…“, gab das www zögerlich zur Antwort, meldete dann aber nach einer erneuten Suche freudig, „Saratoga Jacks“ aus Australien würde auch in die Schweiz liefern. Das Ding sei zwar etwas teurer als ein gewöhnlicher Slow Cooker, aber ich würde das Geld ja dann mit den gesparten Stromkosten wieder reinholen.

Auch dieses Argument überzeugte mich, also füllte ich meinen virtuellen Warenkorb mit allem, was ich für meine ersten Gehversuche für nötig erachtete. Die Überraschung kam an der Kasse. Der gute „Jack“ wollte nämlich rund 230 US-Dollar dafür haben, dass er mir den Topf in die Schweiz spediert. Einen Moment lang war ich konsterniert, dann aber fiel mir ein, dass ich ja irgendwo noch so eine Adresse in Kalifornien habe, wo man für mich Dinge in Empfang nimmt, die sie nicht in die Schweiz liefern wollen. Und siehe da, in die USA liefert „Jack“ schon für 14 Dollar. „That’s much better, Jack“, sagte ich und sah mich schon als glückliche Besitzerin eines Thermal Cookers.

Aber jetzt stellte sich die Kreditkartenfirma quer. Eine Tamar Venditti würde sie schon kennen, meldete sie, und sie würde ihr auch erlauben, Geld auszugeben, aber irgend etwas sei da faul. „Die wohnt nicht in Kalifornien, die wohnt in der Schweiz, also verkauft ihr um Gottes Willen diesen Topf nicht, da ist bestimmt Betrug im Spiel“, motzte sie und schickte mich zurück in die Weiten des Internets. „Du könntest es ja mit Amazon versuchen…“, meinte das www schüchtern und weil ich wirklich einen Thermal Cooker haben möchte, liess ich mich darauf ein. Der Internet-Gigant zeigte sich für einmal ganz freundlich, zumindest anfänglich. Natürlich würde er mir den Topf in die Schweiz schicken, sagte er, und er würde das auch für weniger Geld machen als die Herstellerfirma. „Mit 190 Dollar Versandkosten bist du dabei“, meinte der Gigant und glaubte wohl allen Ernstes, mit mir ins Geschäft kommen zu können. „Ist doch immerhin billiger als bei Jack“, rief er mir hinterher, als ich mich fast fluchtartig davon machte, um mir halt doch irgendwo einen konventionellen Slow Cooker zu besorgen, damit ich nächste Woche, wenn die Horde wieder in der Schule ist, ungestört arbeiten kann.  

Tja, und jetzt hätte ich gerne jemanden, der mir aus den Australienferien einen „Deluxe Saratoga Jacks 7 Liter Thermal Cooker“ bringt. Und wenn das nicht geht, dann halt eine handwerklich begabte Person, die mir eine anständige Kochkiste baut. Ich glaube, meine Mutter hat in ihrem uralten Kochbuch noch eine Anleitung, wie man das macht. 

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