Danke, meine drei Lieben

Nur ungern gebe ich es zu, aber es ist halt doch so: Das ewige Theater ums Tischdecken, das Genöle, wenn etwas nicht schmeckt, der Zoff, weil nicht mal die grundlegendsten Tischregeln ohne Widerstand eingehalten werden, das tägliche Müssen – all dies hat meiner Kochleidenschaft ganz schön zugesetzt. Klar, gutes und gesundes Essen sind mir noch immer wichtig, ich rühre weiterhin mit ziemlich viel Freude im Kochtopf, natürlich kommt immer wieder mal etwas Neues auf den Tisch und wenn ich Zeit habe, mag ich es auch richtig kompliziert und aufwendig.

Dennoch seufze ich zuweilen tief, wenn die Mittagszeit naht. Immer wieder muss ich die Ausgehungerten davon abhalten, sich über den Vorratsschrank herzumachen, währenddem ich dem Essen den letzten Schliff verpasse. Immer wieder findet mindestens einer, es wäre besser gewesen, ich hätte etwas anderes gekocht. Und wenn ich ausnahmsweise mal den Geschmack aller getroffen habe, entbrennt der erbitterte Kampf um die letzten kostbaren Bissen. Deshalb überkommen mich zuweilen die Zweifel, ob das, was ich für so wichtig halte im Familienleben, auch wirklich geschätzt wird von denen, die ich am meisten liebe. 

Doch dann, wenn die Zweifel am allerschlimmsten sind, geschieht dies:

Das Prinzchen kommt nach Hause, wirft einen Blick in die Pfanne, fragt, was es sei und sagt: „Das esse ich!“ Wenige Augenblicke später steht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit bettelndem Blick neben mir: „Darf ich bitte jetzt schon probieren? Das sieht so unglaublich gut aus und ich bin sooooo hungrig.“ Währenddem ich noch darüber nachsinne, ob sich unsere beiden heikelsten Esser bewusst sind, dass sie soeben meine Mittagszeit gerettet haben, stürmt der Zoowärter in die Küche: „Mama, bei unserem Haus riecht man immer schon auf der Strasse, dass du am Kochen bist. Das ist so schön.“

Es lohnt sich eben doch…

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Familienwetter

Könnte man das Familienwetter voraussagen, dann hätte die Prognose für heute etwa so gelautet: 

„Der Morgen beginnt klar, doch ab halb sieben bis ca. acht Uhr ist mit vereinzelten Turbulenzen und Regenschauern zu rechnen. Diese können zum Teil sehr heftig ausfallen, ziehen jedoch rasch wieder ab. Der Rest des Vormittags verläuft ruhig und windstill, es ist ziemlich sonnig. Am Mittag kommt stürmischer Wind auf, es bleibt jedoch sonnig und angenehm warm. Ab 13 Uhr legt sich der Wind wieder, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die Temperaturen gehen leicht zurück. Gegen Abend ziehen ziemlich plötzlich heftige Gewitter auf. Ob mit Gewitterschäden zu rechnen ist, lässt sich nicht voraussagen, ausschliessen lässt es sich aber auch nicht. Nach 19 Uhr beruhigt sich die Wetterlage wieder, am Abend zeigen sich nur noch vereinzelte Wolken, Regenschauer sind keine mehr zu erwarten. Die Nacht wird voraussichtlich wieder klar und windstill, vereinzelte Störungen sind jedoch nicht auszuschliessen.“

Das hätte der Familien-Wetterfrosch vorausgesagt, wenn es ihn gäbe. Doch es gibt ihn nicht, denn im Familienleben weiss man immer erst im Nachhinein, wie es war. Warum bei schönsten Wetter ohne jegliche Ankündigung zu heftigen Gewittern kommt, andererseits aber der strömende Regen plötzlich strahlendem Sonnenschein weichen muss, darüber zerbrechen sich Experten weiterhin vergeblich die Köpfe.

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Da kommt wahrlich keine Routine auf

Endlich, nach vier Wochen Dauerbetrieb, waren wir heute Morgen wieder einmal alleine zu Hause, meine Gedanken und ich. Und wie es so geht, wenn auf einmal himmlische Ruhe herrscht, meldeten sich meine Gedanken sogleich mit heftigen Vorwürfen zu Worte. Saublöd hätte ich mich aufgeführt in den vergangenen vier Wochen, stets dieses Gejammer über mangelnde Ruhe und Tagesstruktur, dabei sei ich selber Schuld am ganzen Schlamassel, ich hätte mich ja vollkommen gehen lassen. Das sei doch keine Art, meinen Liebsten einfach so mitten ins Gesicht zu sagen, sie würden mich nerven mit ihrem ewigen Gezänke. Und dann auch noch diese unsägliche Aussage, ich sei froh, wenn sie alle wieder eine Beschäftigung hätten. Eine egoistische, undankbare Kuh sei ich, die eine solche Familie nicht verdient hätte. Ich solle mich gefälligst gehörig schämen… 

Das tat ich dann auch schön folgsam und ich beschloss, mich zu bessern. Kein Gejammer mehr über meine geliebten Familienmitglieder, die meine sauber geplanten Tagesstrukturen ins Wanken und schliesslich zum Einstürzen bringen, das schwor ich mir. 

Tja, und dann kamen sie wieder nach Hause und brachten Zettel von der Schule mit: Am Donnerstag schulfrei ab 10 Uhr, weil die Schüler nach dem Fasnachtsauftakt am frühen Morgen nicht mehr bildungsfähig sind. Kein Englisch für Luise am 6. März, schulinterne Weiterbildung am 19. oder so, fünf Schulwochen bis zu den Frühlingsferien und danach die üblichen Feiertage… Bis zum Ende des Schuljahres wird kaum eine Woche so sein, wie es auf dem Stundenplan steht.

„Nicht jammern“, ermahnte ich mich selber, als ich einen Zettel nach dem anderen las. „Lass dir auf gar keinen Fall anmerken, dass du dich nervst, für die Kinder sind schulfreie Tage ja wirklich eine tolle Sache.“ Ich hätte es geschafft, nichts zu sagen, hätte nicht Karlsson auch noch irgendeine Verschiebung angekündigt, die nicht auf den Zetteln stand. Da brach es schliesslich doch noch aus mir heraus: „Himmel, habt ihr überhaupt irgendwann Schule, oder muss ich mich darauf einstellen, wieder rund um die Uhr im Einsatz zu sein?“

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Wollen täte ich ja schon…

Trotz viel zu kurzer Nacht raffe ich mich am letzten Ferientag unserer Kinder früh morgens auf, um eine oder zwei Stunden ungestört arbeiten zu können. Ich nehme mir sogar die Zeit, zum Tagesstart kurz inne zu halten zu einem Morgengebet. Heute werde ich mich nicht von den Ereignissen überrollen lassen, sondern schön diszipliniert meinen verschiedenen Aufgaben nachgehen. Mit dem Frühstück setze ich mich an den Computer, um gleich loszulegen, doch ich schaffe es gerade mal, zwei Mails zu beantworten, als das Telefon klingelt. Weshalb ich rangehe? Weil ich um diese Uhrzeit davon ausgehe, dass es dringend ist.

Fünfundvierzig Minuten lang hänge ich ziemlich hilflos am Draht, versuche zu helfen, wo ich helfen kann und starre mit Entsetzen auf die Uhr, deren Zeiger sich unaufhaltsam vorwärts bewegt. Gegen Ende des Telefongesprächs kommt Karlsson ins Zimmer geschlichen, Minuten später ist auch Luise da. Als ich endlich fertig bin mit Telefonieren muss ich mich zusammenreissen, um meinen Frust nicht an ihnen auszulassen. Sie können ja nichts dafür, dass ich in der einen Stunde, die mir zum ungestörten Arbeiten geblieben wäre, gestört worden bin. 

Da jetzt an Kopfarbeit nicht mehr zu denken ist, bereite ich eben das Mittagessen vor, damit ich vielleicht nachher, wenn alle gefrühstückt haben, noch einmal einen Arbeitsversuch starten kann. Zwei Anrufe später ist mir klar, dass heute Vormittag wohl nichts mehr daraus wird. Dann putze ich eben die Küche, damit ich das morgen nicht mehr machen muss. So kann ich morgen erledigen, was ich heute hätte tun wollen. Doch ehe ich putzen kann, muss aufgeräumt sein und schon steht ein neues Hindernis vor mir: Der Schlüssel des Vorratsschranks, der eben noch da war, ist unauffindbar, was bedeutet, dass Kakaodose, Vorn Flakes, leere Milchflaschen etc. nicht hinkönnen, wo sie hin müssen. Putzen geht also auch nicht.

Was bleibt mir da noch, als mich an den noch immer eingeschalteten Computer zu setzen, um darüber zu schreiben, dass alles Wollen meinerseits nichts nützt, solange der Tag läuft, wie es ihm beliebt? Mein Wollen, so muss ich leider einmal mehr einsehen, spielt im meinem Leben an gewissen Tagen eine sehr untergeordnete Rolle.

Und wer jetzt einwendet, bloggen sei doch auch Kopfarbeit, warum ich das denn könne, dem kann ich getrost antworten, im Bloggen sei ich inzwischen so geübt, dass ich es auch im Schlaf erledigen könnte. 

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Schlecht verteilt

Ihnen ist soooooo unglaublich langweilig – und ich hätte sooooooo unglaublich viel zu tun.

Sie schieben jede Aufgabe so lange wie möglich vor sich her – und ich werde allmählich kribbelig, weil ich meine Sachen vor mir herschieben muss, solange sie gelangweilt zu Hause herumhängen.

Sie wissen einfach nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen – und ich weiss einfach nicht, wie mir die Zeit für alles reichen soll.

Sie verspüren nicht die geringste Lust, das schöne Wetter zu geniessen – und ich wünschte mir, ich hätte Zeit für einen Waldspaziergang.

Sie möchten andauernd unterhalten werden – und ich möchte wenigstens fünf Minuten ungestört meinen Gedanken nachhängen können.

Sie hätten genügend Energie, um Bäume auszureissen, aber keine Idee, wo sie diese Energie einsetzen sollen – und ich hätte die Ideen, aber nicht genügend Energie zum Bäume ausreissen.

Sie haben Ferien – und ich bräuchte Ferien.

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Komfortabel, nicht?

Versteht mich bitte auf gar keinen Fall falsch, ich will mich wirklich nicht beklagen. Und erst recht will ich nicht behaupten, für mich sei es schwieriger als für andere Mütter. Ich will einzig darauf hinweisen, dass es nicht mal in meiner privilegierten Situation einfach ist, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Komfortabler als ich kann man es ja wirklich nicht haben: Will ich zur Arbeit gehen, muss ich bloss meinen Laptop auf den Tisch stellen, eine Tasse Tee kochen, den guten alten Johann Sebastian auf Endlosschlaufe setzen und schon kann ich mich meinen Aufgaben widmen. Vierzig Minuten bevor die Kinder nach Hause kommen, setze ich das Mittagessen auf, wenn der Herd ohne meine Anwesenheit auskommt, kann ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, danach essen wir gemeinsam. Wenn es der Stundenplan der Kinder erlaubt, arbeite ich am Nachmittag weiter, ansonsten eben erst am nächsten Morgen. Steht ein Abgabetermin bevor, gibt’s auch mal eine Nachtschicht. Wirklich ideal, nicht wahr?

Na ja, in der Theorie schon. In der Praxis sieht das leider ein wenig komplizierter aus, denn in der Praxis ist auch eine von zu Hause aus arbeitende Mutter zu stetiger Flexibilität gezwungen. Mal machen einem die Schulferien einen Strich durchs sorgfältig geplante Arbeitsprogramm – diesmal dank unterschiedlicher Schulferien im Aargau und in Solothurn ganze vier Wochen lang -, mal ist die Lehrerin krank. Dann wieder liegen meine eigenen Kinder im Bett… Ach, was, ich brauche das nicht weiter auszuführen, die Situationen kennt jede berufstätige Mutter und wahrscheinlich denkt sich manch eine hin und wieder: „Wenn ich bloss von zu Hause aus arbeiten könnte. Dann könnte ich nach meinen Kindern schauen und trotzdem meine Sachen erledigen.“

Und das stimmt ja auch irgendwie. Immerhin fällt das Problem mit dem verärgerten Chef und der Krippe, die keine kranken Kinder nimmt, weg. Aber glaubt mir, das Leben findet immer einen Weg, einer berufstätigen Mutter Steine in den Weg zu legen, auch wenn eine glaubt, sie hätte die ideale Lösung gefunden. Die Steine sehen einfach ein wenig anders aus. Da ist zum Beispiel der grosse Bruder, der den kleinen „zufällig“ in den Gartenteich stösst. Oder das Telefon, das pausenlos klingelt, weil irgendwelche Kinder sich einen kleinen Venditti zum Spielen ausleihen möchten, damit es in den Schulferien nicht so langweilig ist. Oder die „Mama, mir ist soooo langweilig und warum musst du immer arbeiten, wenn wir Ferien haben?“-Diskussion. Oder die fiese Programmänderung, die dazu führt, dass „Meiner“ nicht da ist, wenn er eigentlich für die Kinder zuständig wäre, damit ich wenigstens einmal in diesen Schulferien ungestört arbeiten könnte. Und wenn mal mit Mann und Kindern alles reibungslos läuft, steht bestimmt plötzlich eine entfernte Bekannte vor der Tür, die beim besten Willen nicht begreifen will, dass ich den Computer nicht zum Spielen, sondern zum Arbeiten aufgestartet habe. Warum begreifen gewisse Menschen nicht, dass man nicht automatisch Zeit zum Kaffeetrinken hat, wenn man zu Hause ist und an einem Tisch sitzt?

Wie gesagt, ich will mich nicht beklagen, ich habe wirklich die für mich derzeit ideale Form von Familien- und Berufsleben gefunden. Und doch bin ich zuweilen ziemlich frustriert, wenn ich meine Arbeitsstunden schon wieder in den Feierabend schieben muss, weil ich die einzige in unserem ziemlich lebhaften Familiengefüge bin, die ihren Verpflichtungen zu jeder Tages- und Nachtzeit nachgehen kann. 

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Du und ich

Natürlich bin ich ihnen wichtig. Daran zweifle ich keinen Moment, obschon es oberflächlich betrachtet schon mal danach aussieht, als würden sie ganz gerne auf mich verzichten. Sie lieben mich sogar, des bin ich mir sicher. Aber erkennen sie auch, dass da Grenzen sind? Nein, nicht Grenzen meiner Liebe, nur feine Linien, die sagen „Dort bist du und hier bin ich“.

Zum Beispiel eine geschlossene Bürotür, die unmissverständlich verkündet: „Mama arbeitet, geh zu Papa, wenn du etwas brauchst.“

Oder ein schön eingerichtetes Regal im hintersten Winkel meiner Küche. Ein klares Signal, dass hier ein paar Dinge sind, die ich mit niemandem teile. Dinge, die ich nicht in Scherben vorfinden will, wenn ich sie zur Hand nehmen möchte.

Manchmal stellt auch das Telefon am Ohr eine solche Grenze dar. Nein, nicht dann, wenn ich zur anderen Person sage: „Hör mal, meine Kinder brauchen mich, ich muss jetzt auflegen.“ Sondern dann, wenn ich schwatzend von Zimmer zu Zimmer flüchte, jedes Mal die Tür hinter mir zumache und entnervt die Augen verdrehe, wenn fünf Sekunden später schon wieder jemand gestikulierend an meiner Seite steht.

Einige Familienmitglieder wollen partout nicht verstehen, dass auch die geschlossene Badezimmertür ein klares Zeichen ist, dass ich jetzt nicht mit mir reden lasse. Und schon gar nicht diskutieren, ob man jetzt einen Film schauen dürfe.

Wenn doch die fünf Lieben endlich begreifen würden, dass ich diese Linien nicht aus purem Egoismus ziehe, sondern auch aus reiner Liebe zu ihnen. Überschreiten sie nämlich diese Linien trotz aller Ermahnungen immer und immer wieder, werde ich irgendwann sehr kleinlich und ziemlich ungeniessbar. Dann werde ich laut und plötzlich haben sie das Gefühl, ich würde ganz gerne auf sie verzichten.

Was natürlich ganz und gar nicht der Fall ist. Ich will bloss, dass sie nicht andauernd diese feine Linie zwischen „Dort bist du und hier bin ich“ mit den Füssen treten.

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Wenn das Gewissen zubeisst

„Hätte ich vielleicht doch ja sagen sollen?“

„Nein, hättest du nicht. Du hattest sieben Kinder im Haus, ‚Deiner‘ war weg, das Auto hattest du auch nicht und obendrein hatten sich Gäste angekündigt. Wie hättest du ihr da helfen wollen?“

„Na ja, irgendwie hätte ich es schon geschafft…“

„Nein, hättest du nicht. Und überhaupt, warum muss die ausgerechnet dich anfragen? Gibt ja noch andere, die hätten einspringen können.“

„Aber sie hat doch niemanden…“

„Wen wundert’s?“

„Ich weiss, worauf du anspielst. Aber sie hat doch auch ihre guten Seiten. Und ich weiss doch auch, wie es ist, mit einem fiebernden Baby, einem fiebernden Kleinkind, selber hat man eine verstopfte Nase und das Älteste muss zum Eislaufen. Man kann doch nicht mit zwei kranken Kindern in der kalten Halle warten…“

„Mag sein, dass man das nicht kann, aber man kann ja auch mal eine Eislaufstunde ins Wasser fallen lassen…“

„Aber sie hat doch dafür bezahlt und du weisst, dass sie jeden Franken zweimal umdrehen muss. Und das arme Kind muss doch so schon auf so viele Dinge verzichten.“

„Das mag ja alles stimmen, aber warum fragt sie immer dich?“

„Weil sie doch sonst niemanden hat.“

„Aber siehst du denn nicht, dass du auf dem besten Weg bist, dich ausnützen zu lassen? Ich meine, die kann doch nicht wegen jedem Mückenschiss um Hilfe schreien. Bloss weil sie es schwerer hat als andere, heisst das noch lange nicht, dass du ihr in jeder banalen Alltagssituation, mit der sich jede Mama herumschlagen muss, Beistand leisten musst.“

„Du hast ja recht, aber ich fühle mich trotzdem mies, weil ich nein gesagt habe. Sie hat doch wirklich niemanden…“

„Na ja, sie hat ihre Mutter…“

„…die nicht in der Gegend lebt…“

„…ihren Ex…“

„…der sich einen Dreck um die Kinder schert…“

„…ein paar andere Freundinnen…“

„…die gleich tief in der Tinte sitzen wie sie…“

„…und dich, wenn es wirklich hart auf hart geht.“

„Aber heute habe ich sie eben doch im Stich gelassen.“

„Hast du nicht, es ging einfach nicht anders. Oder hättest du etwa deine Kinder und deine Neffen sich selbst überlassen wollen, um ihr Kind zum Eislaufen zu begleiten?“

„Natürlich nicht. Aber es ist doch irgendwie ganz schön egoistisch von mir, mich nur um meinen eigenen Kram zu kümmern, wenn jemand anders Hilfe braucht.“

„Oh ja, klar, wenn man einen halben Tag lang sieben Kinder betreut, kümmert man sich tatsächlich sehr ausgiebig um seinen eigenen Kram…“

„Du weisst schon, wie ich das meine…“

„Und du weisst, wie ich es meine, also hör endlich damit auf, dich mit Vorwürfen zu überhäufen.“

„Ich werd’s versuchen…“

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