Wenn ich noch einmal zurück könnte…

…sagen wir mal fünfzehn Jahre oder so, dann würde ich…

…keinen einzigen Gedanken daran verschwenden, ob ich zu dick bin und ob ich es vielleicht mit einer Diät versuchen sollte. Schaue ich mir Fotos von damals an, dann kann ich heute sagen, dass ich gerade richtig war, nur konnte ich es nicht geniessen, weil ich nur die „Problemzonen“ sah.

…würde ich ein ganz bescheidenes, fröhliches und unkompliziertes Hochzeitsfest veranstalten und das gesparte Geld in eine ausgedehnte Hochzeitsreise – für drei oder vier Monate hätte es locker reichen können – investieren.

…dann würde ich mir zur Hochzeit weder einen Toaster noch eine Filterkaffeemaschine wünschen. Ich würde die Gäste bitten, mir ein Konto anzulegen mit Babysitterstunden, Hausputzeinsätzen und  Kaffeeklatsch,  verfügbar wann immer das Familienleben mit voller Wucht über uns hereinbricht.

…dann würde ich zur Hochzeit nur die Menschen einladen, die uns auch wirklich etwas bedeuten und nicht den Anhang des Anhangs der Verwandten siebenundsiebzigsten Grades.

…dann würde ich ein Jahr pausieren mit sämtlichen Freiwilligeneinsätzen, bevor ich mich auf das Wagnis Familiengründung einliesse.

…dann würde ich die Schreiberei viel konsequenter verfolgen.

…dann würde ich weniger Zeit dafür verschwenden, darüber nachzudenken, was andere von mir denken und dafür gezielter die Dinge verfolgen, die mir wirklich wichtig sind.

..dann würde ich mir nicht mehr von anderen vorschreiben lassen, was ich zu denken und zu glauben habe.

…dann würde ich das Leben viel unverkrampfter angehen.

…dann würde ich sehr viele Dinge anders tun, aber ich würde immer noch den gleichen Mann heiraten und die Kinder wollen, die ich habe – okay, vielleicht auch eines oder zwei dazu, aber sagt das bitte „Meinem“ nicht, sonst schiebt er wieder eine Krise.

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

Gedanken

Etwas mehr als fünf Jahre noch und Karlsson ist gleich jung wie „Meiner“ und ich waren, als wir uns kennen lernten.

Noch ein paar Monate und ich bin gleich alt, wie meine Mutter war, als ich zur Welt kam. Glaubt mir, in meinen Augen war meine Mutter sehr alt, als ich noch klein war.

Es ist durchaus vorstellbar, dass ich Grosstante sein werde, bevor mein erstes Kind volljährig ist.

Luise lacht nicht mehr über die Witze, die „Meiner“ zu ihren Freundinnen macht.

Ich ertrage keine Zugluft mehr. Und hochhackige Schuhe waren auch schon mal bequemer.

An manchen Tagen höre ich meine biologische Uhr ticken, obschon das Thema für mich offiziell abgeschlossen ist.

In der Gegenwart von gewissen überdurchschnittlich selbstbewussten jungen Menschen fühle ich mich sehr alt, ääähm, ich meine natürlich weise.

Manchmal, wenn die Kinder voller Begeisterung von der Zukunft reden, muss ich aufpassen, dass ich keine pessimistischen Bemerkungen mache.

Wäre ich nicht Mutter, ich würde vor sehr vielen Zeiterscheinungen die Augen verschliessen, weil sie mir so etwas wie Angst einflössen.

Hach, wie war das doch schön früher, wenn man im Mai endlich keine Strumpfhosen mehr tragen musste, sondern zu den Kniestrümpfen wechseln durfte. Und waren sie nicht herrlich, diese doppelten Glace-Lutscher mit dem Schokoladenüberzug? Schade, dass es die heute nicht mehr gibt. Stellt euch vor, damals bekam man für fünfzig Rappen ziemlich viele Süssigkeiten. War das ein Spass, als wir jeweils abends zur Käserei gingen, um frische Milch zu holen. Damals gab es noch in jedem Dorf eine Käserei, wisst ihr…

Nein, ich bin nicht alt, aber…

Freuden des Alltags

Rote Rosen? Frühstück im Bett mit Lachs und Champagner? Ein Dîner im Luxusrestaurant? Ach was, alles vollkommen überbewertet. Hier kommt die Liste der wahren Alltagsfreuden:
1. Du erwachst morgens kurz vor neun und siehst als Erstes eine Tasse Tee, die dir „Deiner“ auf den Nachttisch gestellt hat, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Okay, der Tee ist längst kalt, aber was zählt, ist, dass er auch nach fast vierzehn Ehejahren noch akzeptiert, dass du ein elender Morgenmuffel bist.
2. Du entdeckst, dass auf einem deiner Bankkonti mehr Geld ist als erwartet. Gerade genug, damit du die Rechnungen begleichen kannst, die vollkommen unerwartet alle miteinander ins Haus geflattert sind.
3. Du tappst im Dunkeln vom Schlafzimmer aufs WC und wieder zurück, ohne dabei auf einen einzigen Legostein zu treten.
4. Du lädst dir beim Wocheneinkauf den Wagen voll mit Futter für die ganze Meute und an der Kasse stellst du fest, dass du die magische 350-Franken-Grenze unterschritten hast. Und das, ohne auf einen einzigen Artikel auf deiner Einkaufsliste zu verzichten.
5. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kuschelt sich in deine Arme, sieht dich mit verklärtem Blick an und sagt: „Du bist meine Tankstelle.“
6. Ein ganzer Tag ohne einen einzigen Anruf für Familie Hamchiti. (Für alle, die nicht wissen, wer Hamchitis sind: Das ist die Familie, die früher mal unsere Telefonnummer hatte und die offenbar mit sehr grosser Freude Telefonshopping betrieben hat.)
7. Du willst etwas aus dem Vorratsschrank holen, bringst dabei die Kakaodose und die Ölflasche zu Fall und schaffst es, beides aufzufangen, ohne dass etwas verschüttet wird.
8. Die Abfallsäcke stehen an der Strasse, bevor die Kehrichtabfuhr bei deinem Haus vorbeigekommen ist.
9. Deine Katze setzt sich mitten in der Nacht auf deinen Rücken und massiert mit ihren Pfötchen sämtliche Verspannungen, die du dir im Laufe des Tages zugezogen hast.
10. Du kannst dir zehn Minuten lang ungestört auf dem iPad die Musik anhören, die dir gefällt, bevor eines deiner Kinder brüllt: „Ich will jetzt aber mit Talking Tom spielen!“
11. Ein Tag, an dem du den Besen nur dreimal zur Hand nimmst und das Lavabo im Bad nur ein einziges Mal sauber machen musst.
12. Du machst dir einen Kaffee mit Milchschaum und schaffst es, den Milchschaum abzulöffeln, bevor die Kinder es gesehen und dir alles abgebettelt haben.
13. Du schaffst es, Kinder, kochen, schreiben und Haushalt so unter einen Hut zu bringen, dass du nicht permanent das Gefühl hast, auf der Flucht zu sein.

Wie? Ihr findet das alles banal und erkennt darin einen Hauch von Resignation? Aber nicht doch. All diese kleinen Alltagsfreuden tragen dazu bei, dass man abends noch fit genug ist, eine der grossen Alltagsfreuden zu geniessen. Zum Beispiel mit „Meinem“ aufs Sofa kuscheln und eine Schnulze schauen, die wir beide bereits gesehen haben, was aber weder ihn noch mich stört. Hauptsache, der Tag war gut genug, dass wir uns abends nicht mit Alltagskram herumschlagen müssen.

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Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Was soll ich bloss anziehen?

Es gibt Zeiten im Leben,  da läuft nichts, aber auch gar nichts so,  wie man es gerne hätte. Es ist, als hätte jemand ein Schalter umgekippt und plötzlich läuft alles irgendwie krumm. Nicht richtig krumm, Gott sei Dank, aber so krumm, dass du stets das Gefühl hast, gegen eine unsichtbare Wand zu stossen. Über Nacht bekommen all deine Lieblingskleider Löcher, das iPad gibt den Geist auf, der  Computer will auch nicht mehr so richtig, im Kühlschrank vergammeln Lebensmittel, die ihr Verfalldatum noch längst nicht überschritten haben, Arbeiten, die du erledigt hast, kommen wieder zu dir zurück, weil du eine winzige Kleinigkeit übersehen hast, Termine werden um genau so viele Minuten verschoben, dass sie mit dem nächsten Termin kollidieren, die Kinder stellen sich genau dann quer, wenn du es am wenigsten erwartet hättest, die Rechnungen flattern alle gleichzeitig ins Haus, dafür aber lassen Zahlungen, die eintreffen sollten, auf sich warten.

Das Leben ist wie ein schlecht sitzendes Kleid, bei jeder Bewegung spannt es irgendwo, es verrutscht und entblösst dabei Problemzonen und wenn du nicht ganz gut aufpasst, reisst eine Naht. Nun gut, immerhin hat man etwas Anzuziehen, aber so richtig wohl fühlt man sich in dem Fumel nicht. Und so schaut man voller Neid auf jene, bei denen der Anzug wie angegossen passt. Oder zu passen scheint, denn ob dem anderen der Hosenbund spannt oder die Schuhe zu eng sind, lässt sich ja nicht so leicht beurteilen.

Was also tun? Sich etwas passenderes anziehen?  Oder vielleicht doch eher schrumpfen, bis das Kleid wieder richtig sitzt? Oder einfach ausharren und sich damit abfinden, dass man eben zurzeit nichts Passendes anzuziehen hat? Oder sich eingestehen, dass man trotz allem noch weitaus besser dasteht als die meisten Menschen auf diesem Planeten, weil man immerhin nicht nackt dasteht?

 

 

Gesucht: Meine Nische

Irgendwo muss es sie doch geben, diese Nische, in die ich passe. Dieser Ort, an dem ich meine Fähigkeiten einbringen kann, wo aber meine Unfähigkeiten nicht so sehr ins Gewicht fallen, dass alles, was gut läuft gleich wieder aufgehoben wird. Ein Ort, wo ich mitwirken kann, ohne mich vollends zu verausgaben. Es sollte doch nicht so schwer sein, irgendwo unterzukommen, wo ich weder unter- noch überqualifiziert, sondern genau richtig bin.

Und doch bin ich einmal mehr ratlos, ob es diesen Ort für mich gibt. Manchmal denke ich, ich hätte die Nische erspäht, aber dann finden andere, ich würde nicht passen. Dann  wieder denken wohlmeinende Menschen, mich in eine  Richtung drängen zu müssen, von der ich spüre, dass es das nicht sein kann. Ein ander Mal lasse ich mich nieder, nur um zu merken, dass ich dorthin nicht gehöre und wenn ich glaube, ich sei angekommen, verhindern die Umstände, dass  ich es mir bequem machen kann. Und schon wieder muss ich mich aufmachen, erneut auf der Suche nach meiner Nische.

In meinem Inneren weiss ich genau, wie sie aussehen müsste, meine Nische, aber ich bin nicht so sehr versessen darauf, diese eine zu finden, dass ich nicht bereit wäre, mich auch anderswo niederzulassen. Ob genau dies der Fehler ist? Müsste ich vielleicht konsequenter nur diese eine Ziel ansteuern? Oder umgekehrt: Einfach nehmen, was kommt, egal, ob es meinen Wünschen entspricht? Wobei ich genau dies schon so oft getan habe und am Ende zur bitteren Erkenntnis gelangen musste, dass ein einseitig begabter Mensch wie ich eben nicht beliebig eingesetzt werden kann, weil da schnell einmal auch Unfähigkeiten ins Spiel kommen.

Oh ja, ich weiss, das alles ist Gejammer auf hohem Niveau, denn imerhin habe ich eine wunderbare Familie und sonst noch einige unschätzbar wertvolle Dinge in  meinem Leben. Dennoch wäre ich dankbar, wenn ich endlich einmal ankommen dürfte, zumindest in dem einen oder anderen Lebensbereich, denn eigentlich ist es ja Herausforderung genug, dass das Familienleben stets in Bewegung bleibt.

Opfer der Telefongesellschaft

Kurz vor Mitternacht spielt das Geburtstagskind immer noch mit seinen Geschenken. Der Mann, mit dem man heute seit 20 Jahren unterwegs ist, sitzt auswärts im Büro und lässt sich via Handy eine Blogmeldung diktieren. Die drei Texte, die im Kopf herumschwirren, bleiben weiterhin im Kopf, denn die Internetverbindung ist tot. Schönes Wochenende allerseits.  

4077 Tage – oder so

Nach gut 4077 Tagen ohne Unterbruch – bitte behaftet mich nicht auf diese Zahl, ich bin nicht sehr gut im Rechnen – sind wir tagsüber windelfrei. Wie viele gewechselte Windeln das sind, mag ich nicht ausrechnen, zumal nachrechnen ohnehin unmöglich wäre, da ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann, an wie vielen Tagen wir zwei, ja, sogar drei, Wickelkinder hatten. Auch den Abfallberg stelle ich mir lieber nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass er gigantisch wäre, würde man all die vollen Windeln auf einem Haufen sehen. Vom Gestank gar nicht zu reden. Ach ja, dann wären da noch ziemlich viele Franken, die für Windeln draufgegangen sind, aber auch daran will ich lieber nicht denken.

Ich weiss von Eltern, die ein Fest gefeiert haben, als ihr letztes Kind aus den Windeln war, ich kenne zahlreiche Mütter und Väter, die mit Schaudern an die Windelzeit zurückdenken, aber bei mir ist inzwischen noch keine Freude aufgekommen über diesen Meilenstein des Familienlebens. Gut, ein Familienleben ohne Windeln habe ich noch gar nie erlebt, darum kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass es eines Tages ganz – Tag und Nacht – ohne gehen wird. Dazu kommt aber noch, dass ich die Sache mit den Windeln nie als besonders grosse Last empfunden habe. Klar, ich habe unzählige Male geseufzt, wenn mitten in der Nacht ein Wechsel nötig war und auch Wehklagen über die teuren Windeln sind schon über meine Lippen gekommen. Aber im Grossen und Ganzen habe ich ganz gut damit leben können, dass zum Leben mit kleinen Kindern eben auch Windeln gehören.

Und jetzt soll das, was mehr als elf Jahre lang Alltag war, auf einen Schlag vorbei sein? Unvorstellbar. Und so absurd es scheinen mag, auch ein wenig schmerzhaft. Ich bin noch nicht soweit, kein Wickelkind mehr zu haben, nicht, weil ich so gerne Windeln wechsle, sondern weil ich die Zeit trotz all ihrer Mühsal genossen habe. Ja, es waren die härtesten Jahre meines bisherigen Lebens, aber zugleich auch die Schönsten. Und obschon ich weiss, dass das Leben mit grossen Kindern auch schön ist, so hätte ich doch nichts dagegen, wenn mir jemand ein kleines, süßes Baby vor die Haustüre legte. Auch wenn das bedeuten würde, dass der Windelberg noch etwas weiter wächst.

War das ein Jahr?

Wie es sich gehört, halte auch ich in diesen etwas ruhigeren Tagen Rückschau auf das Jahr, das schon bald nichts mehr ist ausser ein paar Erinnerungen. Und genau bei diesen Erinnerungen hapert es diesmal ganz gewaltig. Nun gut, da gibt es schon den einen oder anderen denkwürdigen Moment – Spaziergänge durch Prag mit der ganzen Horde, Rigoletto im Avenches mit Karlsson, der Einzug von Leone und Henrietta, entspannende Tage im Piemont, die Aufführung von „Leone & Belladonna“ – aber sonst ist mir nichts geblieben als das Gefühl, dass mir das Leben stets mindestens drei Schritte voraus war und ich verzweifelt versuchte, doch noch alles in Griff zu bekommen.

Dieses Gefühl zog sich wie ein roter Faden durch alles, was ich in diesem Jahr erlebte, angefangen jeweils am Morgen, wenn ich eigentlich etwas früher zur Arbeit hätte gehen wollen, es aber wieder nur gerade rechtzeitig schaffte, weil das Prinzchen die Windel voll hatte. Oder am Mittag, wenn ich mir so fest vornahm, nicht erst zu Hause anzukommen, wenn alle anderen bereits am Tisch sassen und es dann doch wieder nicht fertig brachte, weil ich noch dieses und jenes „nur schnell“ erledigen wollte.

Dieses Gefühl hatte ich aber nicht nur in den kleinen Banalitäten des Alltags, ich litt überhaupt darunter. Da wollte ich nichts lieber, als endlich einmal die blühenden Bäume geniessen und musste feststellen, dass aus den Blüten bereits Früchte geworden waren. Ich freute mich auf gemütliche, laue Sommerabende mit „Meinem“ und merkte erst als ich endlich draussen saß, dass der Sommer vorbei war. Ich schwor mir, dass „ab nächster Woche“ alles anders, alles ruhiger, alles geordneter würde und wurde dann doch wieder mitgerissen von einer Welle von Aufgaben und Verpflichtungen, die ich in diesem Ausmass nicht vorhergesehen hatte.

Jetzt, wo dieses Jahr fast zu Ende ist, erkenne ich erst, wie ausgelaugt und müde ich bin, wie weit ich mich entfernt habe von dem, was ich mir eigentlich unter Leben vorstelle. Nein, ich träume nicht vom süßen Nichtstun, das wäre mir zu öde. Aber etwas mehr Ausgewogenheit, ein gesünderer Wechsel von Aktivität und Ruhe und vor allem das Gefühl, dass ich mehr oder weniger überschauen kann, was in mir drin und um mich herum geschieht, das alles wünsche ich mir.

Oh nein, ich erwarte nicht, dass in drei Tagen, wenn das neue Jahr beginnt, alles anders sein wird, so naiv bin ich dann doch wieder nicht. Aber ich werde alles daran setzen, das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern. Und weil ich weiss, dass mir nach diesem aussergewöhnlich anstrengenden Jahr die Kraft dazu fehlt, bete ich schon mal fleißig für günstigen Wind.