Helden

Jetzt gehört der FeuerwehrRitterRömerPirat also auch zum Klub der Helden, die sich mitten in der Nacht einer Notfalloperation unterziehen mussten. Und wie ein Held wurde er auch von seinen Geschwistern empfangen, als er heute mit OP-Haube auf dem Kopf und eingeschientem Arm wieder zu Hause erschien. Das sind sie, die Sternstunden, in denen sichtbar wird, wie sehr die fünf, die sich im Alltag doch ziemlich auf den Geist gehen können, einander lieben. Ob er Angst gehabt hätte, wollten die Geschwister wissen. Ob er auch durch diese langen unterirdischen Gänge gefahren worden sei. Und ob er mit der Zimmernachbarin, mit der er sich abends um zehn noch hitzige Wettkämpfe mit dem Bettenlift geliefert hatte, die Telefonnummer ausgetauscht hätte. Alles wollten sie wissen und bald einmal begannen sie, in ihren eigenen Erinnerungen zu schwelgen. „Ich werde nie diesen fürchterlich trockenen Zwieback vergessen, den sie mir damals in Österreich zu essen gaben“, sagte Karlsson, der seinen Blinddarm in unserem östlichen Nachbarland verloren hat. „Weisst du noch, wie doof meine Zimmernachbarin war“, lästerte Luise und sogar der Zoowärter, der zwar noch nie unter dem Messer, wohl aber schon auf der Notfallstation war, trug die bruchstückhaften Erinnerungen zusammen, die er noch finden konnte.

Da sassen sie also, die vier Veteranen und verglichen ihre Spitalerfahrungen. Und wie ich ihnen so zuhörte, kamen auch in mir die Erinnerungen hoch. Erinnerungen an diese elende Nacht als ich, mit dem Prinzchen schwanger, dabei zusehen mussten, wie sie meinen Ältesten in der Ambulanz mitnahmen in ein Spital, von dem ich nicht einmal wusste, wo es war. An das Bangen, als der Zoowärter in der Ambulanz vom Einkauf in der Ikea zurückgefahren kam. An das endlose Warten, als Luise der Bauch aufgeschnitten wurde. Und jetzt haben wir also auch mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten unser Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet hätten, erlebt.

Gebangt haben wir auch diesmal, denn ich glaube, als Eltern kann man gar nicht ruhig und gelassen bleiben, wenn man weiss, dass das Kind, das man über alles liebt, leiden muss. Und doch fühle auch ich mich so langsam als Veteranin. Denn immerhin weiss ich inzwischen, wie der Hase läuft in diesen Spitälern. Das nimmt einem zwar nicht die Angst, aber zumindest weiss man, worauf man sich einstellen muss, wenn man mal wieder einen kleinen Helden der ärztlichen Pflege anvertrauen muss.

Und weil ich nach der anstrengenden Nacht so müde bin, hier ein pauschales herzliches Dankeschön an alle, die an den FeuerwehrRitterRömerPiraten gedacht haben.

Schon wieder

Und wiedermal sind Vendittis zu Gast auf der Notfallstation. Diesmal ist es der FeuerwehrRitterRömerPirat. Ausnahmsweise mal kein Blinddarm, aber unters Messer wird er trotzdem müssen, sobald das Brötchen, das er am späten Nachmittag gegessen hat, verdaut ist. Als heute Abend der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise ein Haus bauen wollten aus den Kartons, in denen die Bürostühle – Pardon, die Pferde meine ich natürlich – angeliefert worden sind, erwischte Luise mit dem Messer nicht den Karton, sondern die Hand ihres Bruders und zwar so tief, dass die Sehne verletzt wurde. Also ab ins Spital mit ihm, diesmal aber nicht ich, sondern „Meiner“, denn ich bin eine Memme, wenn es um Blut geht. Ich blieb zu Hause und versuchte, Luise zu beruhigen, die vor lauter Schuldgefühlen fast noch mehr weinte als ihr verletzter Bruder.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint die Sache ganz gelassen zu nehmen. Am Telefon plauderte er ganz fröhlich von seinem Ferrari, den ihm die Krankenschwester geschenkt hat und vor der Operation scheint er sich keineswegs zu fürchten. Nun, „Meiner“ und ich nehmen die Sache nicht ganz so gelassen und ich stelle mich ein auf eine weitere Nacht, in der ich mich frage, wie wir bloss so naiv sein konnten, unsere Kinder mit Messern hantieren zu lassen, auf eine weitere Nacht, in der ich es nicht erwarten kann, bis ich die erlösende Nachricht bekomme, dass mein geliebtes Kind aus der Narkose erwacht ist.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?


 

Mütter

Man sollte ja eigentlich davon ausgehen können, dass eine Mutter von fünf Kindern, zwar  widerwillige aber doch immerhin Autobesitzerin, Teil einer weit verzweigten Verwandtschaft, gesegnet mit vielen Freunden und dem besten Au Pair der Welt, irgend einen Weg findet, ihr Kind von der Spielgruppe abzuholen. Aber weil diese Mutter momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt, war sie blöd genug, „Ihrem“ zu sagen, es sei doch kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter das Auto nehme, um zur Arbeit zu fahren, ohne daran zu denken, dass sie ja das Auto selber brauchen würde. Aber diese Mutter weiss, dass sie eine Mutter im Hause hat, die notfalls auch mal ihr Auto zur Verfügung stellt. Aber die Mutter der Mutter braucht heute das Auto selber. Was dann? Die Nachbarin fragen? Nein, geht nicht, denn die hat heute Vormittag bereits angefragt, ob sie das Auto der fünffachen Mutter ausleihen könne, weil die Nachbarin nicht dran gedacht hatte, dass sie heute Morgen ihr Auto braucht und deshalb „Ihrem“ gesagt hat, es sei kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter mit dem Auto zur Arbeit fahre… Dann eben das Au Pair fragen, ob man sich kurz ihr Auto leihen könne? Geht auch nicht, denn das Au Pair hat frei und was wäre man denn für eine Gastmutter, wenn man einen jungen Menschen einfach aus dem Bett schmeissen würde, bloss weil man mal wieder ein organisatorisches Chaos angerichtet hat?

Nun mag vielleicht jemand die Idee bringen, die Mutter könnte ja zu Fuss gehen, denn der Weg sei zwar schon weit, aber nicht so weit, dass man ihn nicht notfalls zu Fuss bewältigen könnte. Und die Mutter würde sofort sagen, dass dies durchaus eine Option wäre, auch wenn man bei diesem Mistwetter nicht gerne zu Fuss unterwegs ist. Aber die Mutter kann dennoch nicht zu Fuss gehen, denn sie hat da noch ein Prinzchen, aber keinen Kinderwagen mehr, in den sie das Kind setzen könnte. Und einen zappeligen kleinen Prinzen bei Mistwetter den Berg hochschleppen, das ist auch einer Frau, die fünfmal die Qualen der Geburt durchgestanden hat, zu viel der Anstrengung.

Da bleibt nur ein Weg, das Problem zu lösen: Darüber bloggen, in der Hoffnung, dass beim Schreiben die Erleuchtung kommt, auf welchem Wege der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mama kommt. Und dann, mitten im Schreiben, der Anruf der Schwester, die mitteilt, die Mutter der Mutter und der Schwester werde dafür sorgen, dass der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mutter komme. Die Mutter des Zoowärters freut sich, dass sich das Problem so problemlos lösen lässt und denkt dann, dass sie sich ja gar keine Sorgen hätte machen müssen. Denn welche Mutter lässt denn schon ihr Kind in der Tinte sitzen? Egal, wie alt das Kind ist. Und egal, wie sehr das erwachsene Kind selber Schuld ist, dass es in der Tinte sitzt, weil es momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt…

 

(Prager) Erkenntnisse

Ich nehme ja nicht an, dass sich jemand Sorgen gemacht hat, weshalb hier aussergewöhnlich lange nichts Neues zu lesen war, aber falls doch, kann ich hiermit die beruhigende Ankündigung machen, dass wir nicht in Prag verschollen sind. Zwar hatte ich gestern Abend, als wir bei Dauerregen über die deutschen Autobahnen schlichen, zuweilen das Gefühl, die Fahrt würde nie ein Ende nehmen, aber irgendwann, kurz nach Mitternacht und nachdem unser Au Pair schon ganz besorgt angerufen hatte, wo wir denn so lange bleiben würden, kamen wir dann doch wieder wohlbehalten zu Hause an. Wir brachten nicht nur aussergewöhnlich viele Souvenirs mit nach Hause – Prag scheint ganz zu unserem Budget zu passen – sondern auch einige Erkenntnisse, die ich gerne mit euch teile. Hier also wären sie, wild durcheinander übrigens, weil ich noch keine Zeit hatte, sie zu sortieren, etikettieren und schubladisieren:

1. Prag ist und bleibt die schönste Stadt auf diesem Planeten. Okay, ich weiss, das habe ich am Freitag schon geschrieben, aber es stimmt auch heute noch.
2. Ich liebe unsere Kinder. Ja, ich weiss, auch das ist nicht neu, aber nach drei Tagen ohne sie bin ich wieder so begeistert von ihnen wie damals, als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt.
3. Weil unsere Kinder und Prag beide so grossartig sind, müssen wir unbedingt ein Treffen zwischen den beiden arrangieren. Und zwar so bald als möglich, denn wir glauben, dass sie perfekt zueinander passen. Das bedeutet, dass wir unseren Traum, mal endlich im Norden Ferien zu machen, wohl noch etwas länger aufschieben werden und uns im nächsten Sommer eher Richtung Osten bewegen werden. Unser Budget wird es uns danken.
4. Wir hätten durchaus auch länger wegbleiben dürfen. Karlsson hat sich gestern in den Schlaf geweint, weil er „nur so kurz“ beim Grossvater bleiben durfte und ich glaube, wenn man es dem Zoowärter angeboten hätte, dann hätte er sich vom Fleck weg von seiner Patentante adoptieren lassen.
5. Prag inspiriert uns. „Meiner“ und ich sind einmal mehr mit tausend neuen Ideen nach Hause gekommen. Und diesmal werden wir sie auch ganz bestimmt umsetzen…
6. Auch wenn sich alle anderen Inspirationen verflüchtigen sollten, diese wird bleiben: Kartoffelsuppe in Brot serviert. Spätestens übermorgen kommt das bei uns auf den Tisch, denn etwas Besseres habe ich noch selten gegessen.
7. Kümmel ist ein ekelhaftes Gewürz. Aber Kümmel in Kartoffelsuppe in Brot schmeckt himmlisch.
8. „Meiner“ und ich können noch immer tagelang miteinander quatschen, philosophieren, lachen, geniessen, lästern und klönen. Einfach wunderbar, dass wir uns nach so vielen Jahren noch immer so viel zu sagen haben.
9. Wenn „Meiner“ und ich ein freies Wochenende haben streiten wir uns – im Gegensatz zu den meisten Paaren – nie. Dazu ist uns die freie Zeit einfach zu kostbar.
10. Wenn „Meiner“ und ich von einem wunderbaren freien Wochenende, an dem wir das Leben zu zweit in vollen Zügen genossen haben, zurück in den Alltag kommen, dann dauert es keine zwei Minuten, ehe wir uns in den Haaren liegen. Und dann kommt es doch tatsächlich vor, dass die zwei, die gestern noch Händchen haltend über den Wenzelsplatz geschlendert sind, einander heute so laut anbrüllen, dass das Au Pair schnell das Weite sucht. Ich glaube, sie hat gerade noch mitgekriegt, wie die eine Hälfte von uns beiden – es war nicht die Männliche – voller Wut einen Dessertteller auf den Fussboden schmetterte.
11. Ich werde es wohl nie fassen können, dass wir heute ohne nur einmal einen Pass zeigen zu müssen, in ein Land reisen können, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch völlig unerreichbar gewesen wäre.
12. Ich werde es wohl nie fassen könne, dass es Touristen gibt, die durch die Hauptstadt dieses Landes gehen können, ohne nur einen Moment lang daran zu denken, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit keinen Fuss auf diesen Boden hätten setzen können.
13. Ich werde es wohl noch ganz lange nicht fassen können, dass ich diesmal in Prag keinen einzigen Knödel und schon gar keine panierten Champignons gegessen habe. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil ich sie – zumindest in fleischloser Form – auf keiner Speisekarte mehr finden konnte.
14. Dafür werde ich den Genuss, den ich verspürte, als ich zum ersten Mal einen Trdelnik kostete, nicht so bald wieder vergessen.
15. Wenn man sich im Zeitalter von GPS im Grossraum Stuttgart verfährt und deswegen mal kurz in einer Sackgasse Halt macht, um die Karte auf dem iPad zu konsultieren, dann macht man sich damit so verdächtig, dass keine drei Minuten vergehen, ehe die Deutsche Polizei zur Stelle ist, um einen bis in jedes Detail auszufragen.
16. Es gibt viele Menschen, die diese Stadt ebenso lieben wie wir. Einige dieser Menschen haben Bücher geschrieben über diese Liebe. Und eines dieser Bücher ist mir zufällig in die Hände geraten und ich werde es nicht so schnell wieder hergeben.

 

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Wie werden sie mal über uns reden?

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa und sinnt darüber nach, wie ihre Kinder wohl dereinst, wenn sie erwachsen sind, über sie und „Ihren“ reden werden. Man mag sich fragen, weshalb Mama Venditti über solche Dinge Gedanken macht. Doch wenn man bedenkt, dass sie zu einer Generation gehört, die für alles, was im Leben schief läuft, die Schuld bei den eigenen Eltern sucht, dann ist es nicht mehr als normal, dass Mama Venditti sich diese Frage stellt. Lange ist sie nicht alleine mit ihren Gedanken, denn bald gesellen sich der Optimismus und der Pessimismus zu ihr, die beide ihren Senf zum Thema geben wollen.

„Also ich bin mir sicher, dass eure Kinder ganz zufrieden sein werden mit eurer Leistung“, sagt der Optimismus. „Die werden sich daran erinnern, wie ihr jeweils zusammen Kuchen gebacken und Lieder gesungen habt, welchen Spass ihr auf Ausflügen hattet und wie wunderschön es jeweils an Weihnachten war.“

„Ist doch vollkommener Quatsch“, mischt sich der Pessimismus ein, noch ehe Mama Venditti etwas zur Sache sagen kann. „Wenn die Kinder sich ans gemeinsame Backen erinnern werden, dann werden sie bloss daran denken, wie gereizt du jeweils nachher beim Aufräumen warst. Und von den Ausflügen werden sie nur in Erinnerung behalten, wie oft ihr im Zug geschimpft habt, weil die Kinder sich wie eine Horde wild gewordener Wikinger aufführten. Glaub mir, den Kindern bleibt nur das Schlechte in Erinnerung. Das weisst du doch von deiner eigenen Kindheit…“

„Aber ich erinnere mich doch auch an viel Schönes“, wehrt sich Mama Venditti. „Klar, es war nicht alles perfekt und es gab auch eine Zeit, da habe ich unter den Fehlern meiner Eltern gelitten. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass meine Eltern eben auch nur Menschen sind, die ihre guten und schlechten Seiten, ihre guten und schlechten Tage haben…“

„Siehst du, genau so wird es bei dir und deinen Kindern auch sein: Sie werden dir ein paar Dinge übel nehmen, aber im Grossen und Ganzen werden sie dir dankbar sein für das, was du ihnen mitgegeben hast“, ermutigt der Optimismus.

„Pah! Von wegen! Hast du schon mal erlebt, dass Kinder ihren Eltern dankbar waren?“, spottet der Pessimismus.

Mama Venditti schaut etwas verwirrt vom einen zum anderen und weiss nicht so recht, was sie sagen soll. Also redet der Pessimismus weiter: „Und überhaupt. Wofür sollen dir deine Kinder je dankbar sein? Etwa dafür, dass du sie angebrüllt hast? Oder dafür, dass du dich so viele Stunden hinter dem Computer verschanzt hast, um dich deinem Geschreibsel zu widmen?“

„Halt, das geht jetzt aber zu weit!“, schaltet sich der Optimismus sich ein. „Es könnte ja auch sein, dass sich die Kinder voller Stolz daran erinnern, dass ihre Mutter ihnen ein Buch gewidmet hat. Ich glaube, die Kinder werden alles Negative vergessen und sich nur an all das Schöne erinnern, was sie mit dir und ‚Deinem‘ erlebt haben.“

Der Pessimismus schüttelt mitleidig den Kopf und meint: „Ach, was bist du doch naiv. Denk doch mal daran, was die Leute ihren Eltern alles vorhalten. Die einen beklagen sich, sie hätten nie Taschengeld gekriegt, die andern jammern, sie hätten immer zuviel davon gehabt. Die einen finden, ihre Eltern hätten keine Zeit für sie gehabt, die anderen beklagen sich über Überbehütung. Es ist doch einfach so: Was immer man als Eltern auch macht, in den Augen der Kinder ist es falsch und der Tag wird kommen, an dem sie dir die wüstesten Vorwürfe machen werden. So sie denn überhaupt noch mit dir reden werden…“

Der Optimismus unterbricht und schimpft: „Jetzt hör doch mal auf, solchen Mist zu erzählen. Von wegen, die werden nicht mehr reden mit dir! Schau doch nur, wie offen ihr heute miteinander reden könnt. Glaubst du wirklich, dass so etwas verloren gehen kann? Wo ihr doch sogar ganz offen über euer Versagen redet und euch bei euren Kindern entschuldigt, wenn ihr etwas falsch gemacht habt. Wie sollen die Kinder euch da nur etwas nachtragen können?“

„Und ob die euch etwas nachtragen können: Die werden keinen Respekt haben vor euch, weil ihr jedes Mal zu Kreuze kriecht, wenn ihr versagt habt. Und glaub mir, eure Entschuldigungen nützen einen alten Hut, denn es reicht nicht, wenn man versucht, sein Bestes zu geben. Man muss der Beste sein, um vor dem strengen Urteil der Kinder bestehen zu können“, sagt der Pessimismus.

In diesem Stil tobt die Diskussion weiter. So lange, bis Mama Venditti nicht mehr hinhören mag, sich die Finger in die Ohren stopft und vor sich hin murmelt: „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu sehen, was die Zukunft bringt. Und immer schön gesprächsbereit bleiben, damit wir später, wenn die Vorwürfe kommen, noch miteinander reden können, um die Missverständnisse wieder aus dem Weg zu räumen. Denn was immer wir auch falsch machen, eigentlich meinen wir es ja nur gut, ‚Meiner‘ und ich…“

Suspekt

Nach langem Hin und Her haben „Meiner“ und ich uns nun doch dazu entschieden, nach einem neuen Au Pair zu suchen. Das bedeutet, dass ich seit einigen Tagen wieder dabei bin, die Profile all der jungen Frauen – Männer kommen bei uns nicht in Frage, weil Luise sich weigert, ein weiteres männliches Wesen in unserer Familie aufzunehmen – genau zu studieren. Neben vielen sehr sympathischen jungen Menschen gibt es da auch einige, die mir äusserst suspekt sind. Ich meine jetzt nicht diejenigen mit dem angewiderten Gesichtsausdruck, den unzähligen Piercings und der Erklärung, sie würden gerne als Au Pair arbeiten, weil sie mal endlich ihren strengen Eltern entrinnen, möglichst viel Spass und am liebsten nichts mit Kindern zu tun haben möchten. Gut, die kommen nicht in Frage für uns, da ich zwar sehr viel Verständnis für diese Wünsche habe, diese aber in unserer Familie leider nicht erfüllt werden können.

Nein, so richtig heiss und kalt läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich Sätze wie diese lese: „Meine Eltern haben mir sehr gute Manieren beigebracht und ich würde mich selber als einen sehr moralischen Menschen beschreiben. Ich lege viel Wert darauf, den Kindern, die ich betreue, hohe Wertvorstellungen mitzugeben.“ Oder junge Frauen, die sinngemäss schreiben: „Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mit Ihren Kindern tolle Spiele spielen, mit ihnen jeden Tag fünf Stunden an der frischen Luft verbringen, dafür sorgen, dass sie stets bestens verpflegt sind  und zudem dafür sorgen, dass ihr Haushalt stets in bester Ordnung ist.“ Gut, ich weiss, die jungen Frauen möchten damit wohl einfach sagen, dass sie nicht zur Kategorie „Schlampe, die den ganzen Tag Reality-TV glotzt, währenddem die Kinder sich von Chips und Cola ernähren“ gehören. Sie möchten mir zeigen, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen werden und dass sie mehr als nur eine Ahnung davon haben, was für Kinder gut ist und was nicht. Dennoch kommen für mich solche Frauen ebenso wenig in Frage, wie die oben erwähnten.

Warum eigentlich, wo ich doch selber ziemlich konkrete Wertvorstellungen habe und auch versuche, diese im Alltag zu leben? Wo „Meiner“ und ich doch auch viel Wert auf gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung, bewussten Medienkonsum, anständige Manieren und liebevollen Umgang legen? Nun, es gibt zwei Gründe, die mich daran hindern, ein Au Pair anzufragen, das sich als die perfekte Erzieherin und Hausfrau präsentiert: Erstens misstraue ich grundsätzlich jedem Menschen, der es sich so einfach vorstellt, das, was man für richtig und wichtig erkannt hat, auch eins zu eins im Leben umzusetzen. Zu oft habe ich erlebt, dass ich trotz meiner hehren Überzeugungen genau das Gegenteil getan habe von dem, was ich hätte tun wollen: Ich habe herumgebrüllt, obschon ich tief im Innersten wusste, dass eine liebevolle Umarmung dran gewesen wäre. Ich habe die Kinder einen Film schauen lassen, obschon mir klar war, dass zwei Stunden an der frischen Luft besser gewesen wären. Ich habe ja gesagt zum Nutellabrot, auch wenn eigentlich ein Apfel sinnvoller gewesen wäre. Und das alles nur, weil es sehr anstrengend sein kann, konsequent zu sein, wenn man zum Beispiel krank auf dem Sofa liegt oder gerade mit einem Neugeborenen so beschäftigt ist, dass der stetige Kampf um die Prinzipien zu aufreibend ist. Man mag mich schwach und ohne Rückgrat nennen, aber ich für meinen Teil habe erkennen müssen, dass mir der Preis, den ich für die absolute Konsequenz bezahlen müsste, zu hoch ist.

Und dies führt mich zum zweiten Grund, weshalb mir Au Pairs, die auf absolute Konsequenz schwören, suspekt sind. Wer, wie ich, einmal zu der Sorte junger Menschen gehört hat, die allen Ernstes der Überzeugung waren, man müsste sich nur ein wenig am Riemen reissen, dann würde das schon klappen mit den perfekten Kindern und dem perfekten Haushalt, dem graut davor, einen solchen jungen Menschen zu sich einzuladen. Zu gut erinnere ich mich an meine eigene verurteilende Art, als dass ich mir heute, wo ich nicht mehr so leicht verurteilen kann, das schlechte Gewissen in Person ins Haus holen würde. Vorwürfe für mein Versagen mache ich mir schon genug, da brauche ich nicht noch jemanden im Haus, der glaubt, mir zeigen zu müssen, wie man es richtig machen würde. Nein, dann lieber jemand, der weniger perfekt, dafür aber auch etwas nachsichtiger mit meinen Fehlern ist. Und deshalb muss ich bei den „perfekten“ Au Pairs ebenso nein sagen wie bei den „gleichgültigen“.

Ach, bevor ich es vergesse: Zumindest eine der gestern gestellten Fragen hat sich geklärt. Inzwischen weiss ich, dass Monteure für Haushaltgeräte nicht nur mittwochs arbeiten, sondern auch „erst am Freitag“, wenn sie im gleichen Haushalt zwei Geräte anstatt nur eines zu reparieren haben.

Weihnachts-Nachlese

Trotz Noro-Besuch lasse ich es mir nicht nehmen, auf die Dinge hinzuweisen, die Weihnachten 2010 zu einem wunderbaren Fest gemacht haben. Da wären zum Beispiel

– fünf rundum zufriedene kleine Vendittis, die alles bekommen haben, was sie sich gewünscht haben. Zitat Karlsson: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich je ein Trichtergrammophon bekommen würde und jetzt ist mein Traum wahr geworden.“

– der schönste Tea-for-One-Teekrug aller Zeiten, den ich seit vorgestern mein Eigen nennen darf.

– die Erkenntnis, dass meine Herkunftsfamilie wirklich cool ist. Nachdem ich, ein bekennendes Herdentier, mich in den vergangenen Jahren innerlich ganz bewusst von meiner Herkunftsgrossfamilie distanziert habe, um mich meiner eigenen Grossfamilie zuzuwenden, durfte ich gestern erkennen: Meine Schwestern, meine Brüder, meine Eltern und all die verschiedenen „Anhänge“ sind cool, auch wenn sie nicht perfekt sind. Dass meine Neffen und Nichten cool und obendrein nahezu perfekt sind, habe ich übrigens gar nie bezweifelt. Wie könnte ich auch, wo ich doch durch sie gelernt habe, wie großartig Kinder sind?

– ein paar noch nie gewagte kulinarische Experimente – darunter Trifle mit Birnen, weißer Schokolade und Gewürzen, ein Auflauf aus Mais und Kastanien sowie eine himmlische Fenchel-Kartoffelsuppe mit Anis – die mir heute noch trotz Übelkeit und Bauchschmerzen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

– Karlssons Kompliment, dass ich aufgrund meines Weihnachtsmenüs endlich einen Preis bekommen sollte. Aber was will ich mit Preisen, wo doch die Tatsache, dass selbst der FeuerwehrRitterRömerPirat beherzt zugegriffen hat, die höchste aller Auszeichnungen ist?

– das Weihnachtsgeschenk, das „Meiner“ und ich uns gönnen: Drei Tage Prag ohne Kinder und es haben sich so viele Leute freiwillig zur Kinderbetreuung gemeldet, dass wir uns ganz dringend noch zwei oder drei Knöpfe zulegen sollten, um die Nachfrage nach zu betreuenden kleinen Vendittis zu befriedigen.

Das also wären die Highlights. Dass ich obendrauf noch völlig unbeabsichtigt zu einem Haussklaven – auch Roboter-Staubsauger genannt -gekommen bin, erzähle ich dann vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher. Denn zuerst muss sich erweisen, ob das Ding tatsächlich solch ein Segen ist, wie es momentan noch den Anschein macht.

Männlein und Weiblein

Zurzeit gibt es bei uns am Tisch nur noch ein Gesprächsthema: Die Liebe und zwar diejenige zwischen Männlein und Weiblein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass alle unsere Kinder im Zuge ihrer Entwicklung zur gleichen Zeit das gleiche Thema entdecken. Gewöhnlich befasst sich die eine mit Lesen- und Schreibenlernen, der andere mit seinem Bauchnabel und der Dritte mit der Frage, wie man es fertigbringt, den Kindergartenfreund zu besiegen, ohne dass man dafür selber Haue bekommt. Diesmal aber scheint es, als hätten sich unsere Kinder miteinander abgesprochen, um alle zur gleichen Zeit möglichst viel zu lernen.

Der Zoowärter, zum Beispiel, hat vor ein paar Tagen seinen ersten Filmkuss gesehen. Nein, keine Angst, es war nichts Unanständiges. Er sass nur zufällig dabei, als Luise und ich uns „Emma“ anschauten. Diesen Kuss, den er da gesehen hat, beschäftigt ihn nun schon seit Tagen und auch heute Nachmittag wollte er wieder über das Gesehene reden. Weil ihm aber nicht mehr einfiel, wie der Herr und die Dame, die da so Unsägliches taten, heissen, fragte er mich: „Mama, wie heisst schon wieder der Mann, der die Frau aufgesogen hat?“ Gewöhnlich versuche ich ja, bei solchen Fragen ernst zu bleiben, weil ich nicht will, dass die Kinder aufhören, Fragen zu stellen. Aber versucht mal, keine Tränen zu lachen, wenn ihr euch vorstellt, wie Mr. Knightley einem Staubsauger gleich seine Emma in sich hinein saugt.

Weniger zum Lachen gibt es, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die neuesten Wörter aus dem Kindergarten nach Hause bringt. Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass mich beim dritten Kind nichts mehr so leicht aus den Socken haut, aber die Ausdrücke, die unser Sechsjähriger da lernt, kenne ich sonst nur von vorpubertären Rotznasen. Nun weiss ich nicht, wie das bei euch zu Hause war, als ihr mit wüsten Wörtern nach Hause kamt. Bei uns wurden solche Dinge einfach überhört, da es zu peinlich gewesen wäre, über Unaussprechliches zu reden. „Meiner“ und ich haben uns aber zum Ziel gesetzt, dass unsere Kinder auch über die Vorgänge unter der Gürtellinie möglichst unbefangen aber auch mit dem nötigen Respekt reden können und so kommt es durchaus vor, dass wir während des Mittagessens darüber diskutieren, weshalb man das eine sagen soll, das andere aber nicht. Dass man dabei nicht umhin kommt, auch die derben Ausdrücke in den Mund zu nehmen, versteht sich von selbst. Da hoffe ich doch bloss, dass das Tageskind, das bei uns am Tisch Deutsch lernt, nicht die falschen Ausdrücke mit nach Hause nimmt. Aber vielleicht haben die Kinder, die dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die wüsten Wörter beigebracht haben, ja auch nur erklären wollen, was man nicht sagen darf…

Auch wenn Luise Fragen stellt, muss man die Kinder zuweilen sehr tief unter die Bettdecke blicken lassen. Bei unserer Tochter dreht sich momentan alles darum, wie Männlein und Weiblein es schaffen, sich bis an ihr Lebensende zu lieben und warum es Viele eben nicht schaffen. Und weil Kinder direkt sind, sieht man sich dann schon mal zwischen Zimmer aufräumen und Guetzli backen mit Fragen konfrontiert wird, ob es eigentlich Spass mache, mit jemandem ins Bett zu gehen, oder ob man das nur mache, um Kinder zu kriegen. Ich liebe solche Fragen, auch wenn sie mich dazu zwingen, sehr viel über mich selber preiszugeben. Aber wer, wenn nicht „Meiner“ und ich, sollen unseren Kindern Red und Antwort stehen? Und wo wir schon dabei sind, Antworten zu geben, sitzt auch Karlsson gerne dabei und hört zu. Fragen mag er nicht mehr besonders viel, denn dazu ist er wohl langsam zu gross. Aber hören, was gesagt wird, wenn andere fragen, das scheint ihm nichts auszumachen und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir befriedigen Luises Neugier und füttern zugleich Karlsson, der nicht mehr so offensichtlich neugierig ist, mit Informationen, die ihm nur zu bald schon nützlich sein könnten.

Während die Grossen also schon ziemlich intime Details wissen wollen, dreht sich beim Prinzchen alles noch um die Basics, dies aber momentan fast rund um die Uhr: Ich bin ein grosser Bub, Mama ist eine Frau, Papa ist ein Mann, Luise ist ein Mädchen und alle anderen in der Familie sind Jungs. Papa hat einen Bart, Mama nicht, die Geschwister auch nicht, aber Papa sagt, dass Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen später auch einen haben werden. Männlein und Weiblien auch hier. Und weil es auf der Welt ja nicht nur die sieben Vendittis gibt, hat das Prinzchen momentan sehr viel zu tun, wenn wir einkaufen gehen, denn bei jedem Menschen, den er sieht, gilt es festzustellen, ob er / sie nun Bub, Mädchen, Mann oder Frau sei. Ich weiss nicht, wie oft ich heute, als das Prinzchen und ich den letzten Weihnachtseinkauf tätigten, gesagt habe „Ja, Prinzchen, das ist ein Mann, ja, das dort drüben ist ein Mädchen und das daneben ist eine Frau“, aber glaubt mir, er war sehr sehr oft und die Leute waren nicht alle begeistert darüber. Besonders die nicht, bei denen ich sagen musste „Nein, das ist kein Mann, das ist eine Frau.“