Gefühlsmensch

Beim Prinzchen weiss man meist, woran man ist. Ist er wütend, knallt er die Tür, bekommt er nicht das Essen, das ihm passt, droht er mit Hungerstreik, ist die Welt ungerecht, schreit er Zetermordio. Seit einiger Zeit kommen aber auch neue, zartere Töne hinzu.

Vor einigen Tagen traten Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter im Kinderzirkus auf, das Prinzchen und ich standen im Publikum. Gegen Ende der Vorstellung wollte das Prinzchen plötzlich auf den Arm genommen werden, etwas, was ich nur noch schaffe, weil er so spindeldürr und federleicht ist. Als er oben war, kuschelte er sich eng an mich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich muss fast weinen.“ „Warum denn? Hast du Angst?“, fragte ich. „Nein, ich muss fast weinen, weil es so unglaublich schön ist“, gab der kleine Romantiker zur Antwort.

Heute ein weiterer Gefühlsausbruch der anderen Art: Morgen feiert das Prinzchen zusammen mit den anderen Oktoberkindern im Kindergarten Geburtstag, weshalb wir heute Nachmittag fleissig am Backen waren. Mit Inbrunst stach das Prinzchen Sterne aus Marzipan aus, währenddem ich den Teig rührte. Als schliesslich ein Küchlein nach dem anderen mit Sternen verziert war, begann unser Jüngster Küchenhocker zusammen zu schieben. Auf meine verwunderte Frage, was er denn da tue, antwortete er: „Ich bin so glücklich, dass ich jetzt einfach einen Handstand machen muss.“ Sprach’s und stellte sich auf seine Hände, die Füsse an die Hocker gelehnt.

Ich war so gerührt, dass ich gleich einen Blogpost darüber verfassen musste, denn das mit dem Handstand will bei mir nicht mehr so recht klappen. Auch dann nicht, wenn ich Küchenhocker zu Hilfe nehme. 

img_9964

Prinzchen-Facetten

Die Zahnärztin kennt das Prinzchen als einen tapferen Jungen, der Untersuchungen, Röntgen und Zähneziehen ohne die geringste Regung über sich ergehen lässt.

Die Kinderärztin kennt das Prinzchen als einen äusserst gesprächigen Jungen, der bereitwillig jede Frage beantwortet, wenn er nicht gerade zu krank ist.

Der beste Freund kennt das Prinzchen als einen Jungen, der stets zum Spielen aufgelegt ist und der vor fast nichts zurückschreckt.

Meine Mutter kennt das Prinzchen als einen Jungen, der ohne Punkt und Komma redet und dabei alles entdecken und ausprobieren will.

Unser Neffe kennt das Prinzchen als einen Jungen, der pausenlos singt.

Unsere grösseren Kinder kennen das Prinzchen als einen Jungen, der mit aller Macht seinen Kopf durchsetzen kann.

Die Kindergärtnerin kennt das Prinzchen als einen Jungen, der zwar zu Beginn jeweils etwas ängstlich ist und manchmal auch weint, dann aber mit Begeisterung mitmacht.

Die anderen Mütter kennen das Prinzchen als einen Jungen, der fast ohne Unterbruch in Bewegung ist.

Die Coiffeuse kennt das Prinzchen als einen Jungen, der sich auf gar keinen Fall die Haare schneiden lassen will.

Die Verkäuferinnen kennen das Prinzchen als einen Jungen, der starrköpfig die Lippen zupresst, wenn er etwas zu ihnen sagen sollte. 

Die Passanten kennen das Prinzchen als einen Jungen mit wuscheliger Mähne und einem riesigen Teddy.

„Meiner“ und ich kennen das Prinzchen auch auf all diese und viele weitere Arten.

Seit einigen Tagen lerne ich das Prinzchen aber auch als einen Jungen kennen, der seine Sache besser als gut machen will, der sehr viel von sich selber erwartet und sich deshalb voll und ganz verausgabt.

Wenn er dann sein Bestes gegeben hat,  lerne ich das Prinzchen als einen Jungen kennen, der sich schluchzend an mich klammert und irgendwann erschöpft in meinen Armen einschläft.

Ich bin froh, auch dieses Prinzchen zu kennen und hoffe, dass er weiss, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal schwach und hilflos zu sein. 

img_9566

Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

DSC01419-small

Wenn…dann

Wenn…

…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…

…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…

…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…

…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…

…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…

…dann

bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.

img_8285-small

Wollt ihr mich nun feiern oder nicht?

Wohlverstanden, ihr müsst nicht, ihr könnt ruhig sagen: „Wir pfeifen auf das ganze Muttertagstheater und tun so, als wäre es ein Sonntag wie jeder andere.“ Ich könnte damit leben, ehrlich, ich zweifle nicht an euerer Liebe zu mir. Von mir aus können wir die Sache also bleiben lassen. Aber das wollt ihr ja nicht, ihr besteht darauf, mich am Muttertag zu feiern und das ist auch okay für mich, ich sage ganz bestimmt nicht nein dazu, wenn ihr mich unbedingt verwöhnen wollt.

Genau hier aber ist der Haken: Am frühen Morgen mit liebevoll gestalteten Geschenken und Frühstück im Bett anfangen und dann wie jeden Tag mit „Mama, wo ist schon wieder….?“, „Ich will aber nicht den Tisch decken. Wir sind doch nicht deine Sklaven!“ und „Mama, sie hat schon wieder…“ weiterfahren, das geht nicht. Entweder, wir feiern Muttertag und ich habe den ganzen Tag nichts zu tun mit Spülbürste, schmutzigen Hintern und Hausaufgaben, die am Sonntagabend noch kurz erledigt werden müssen, oder aber wir lassen die Sache bleiben und ich tue weiterhin das, was ihr meist zu Recht und manchmal zu Unrecht von mir erwartet. Mit diesem Zwischending von ein bisschen Muttertag und ein bisschen Alltag treibt ihr mich auf die Palme.

Ihr habt jetzt genau ein Jahr Zeit, um euch zu überlegen, ob ihr mich am Muttertag feiern wollt oder nicht. Die Entscheidung liegt bei euch, ich mache keinen Druck. Ihr müsst euch einfach im Klaren sein, dass ich beim nächsten Mal das volle Programm erwarte, solltet ihr euch dazu entscheiden, die Tradition beizubehalten. 

DSC07174-small

 

Wir können auch so

Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.  

Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben. 

img_6525

Umsorgt

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“

Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren,  beim Gang ins Dorf  neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann. 

Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.

DSC05017-small

 

Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

IMG_5205

Ich bin die Tante

Nun ja, eigentlich bin ich sie bereits seit dreiundzwanzig Jahren.

Zuerst war ich die Tante, die ihre Neffen und Nichten so „unglaublich süüüüüüüüüüüüss“ fand, dass sie auf dem Pausenhof Bilder von ihnen herumreichte und Klassenkameraden mit Geschichten über sonntägliche Spiele mit imaginären Füchslein langweilte.

Bald darauf war ich die Tante, die jederzeit bereit war zum Babysitten. Weil sie die Kleinen so abgöttisch liebte, aber auch, weil sie sich so ihr Taschengeld ein wenig aufbessern konnte.

Etwas später war ich die Tante mit dem coolen Freund, der immer so viel Spass hatte mit den Kleinen und der mitmachte bei der Aktion „Wir schenken den Kindern nicht Spielzeug, sondern Zeit“. Der coole Freund also, der in den Zoo mitkam, in den Zirkus, zum Picknick an die Aare und ins Kino.

Danach wurde ich die Tante, die heiratet und bei der die Neffen und Nichten die Ringe überreichen durften. Später dann die Tante mit dem „unglaublich süüüüüüüüüüüüüssen“ Baby.

Schneller als erwartet wurde ich zur Tante mit den vielen Kindern, die alle irgendwie gleich aussehen, die an der Familienweihnachtsfeier immer so viel Radau machen und die alles ausplaudern, wenn man mit vierzehn heimlich ein Bier von den Erwachsenen klaut.

Gleichzeitig wurde ich die Tante, die immer mal froh ist um einen Babysitter, die auch gerne bereit ist dazu, ein paar Franken springen zu lassen dafür.

Ich war wohl auch die Tante, die einem peinlich war, weil sie auf der Strasse einfach nicht so tun konnte, als kenne sie einen nicht, wenn man gerade mit Freunden so richtig einen durchgeben wollte. Das hat mir zwar keiner je bestätigt, aber ich fürchte, dass mir das nicht erspart blieb. Vermutlich war ich auch die Tante, die immer so blöde Fragen stellt, die meint, sie müsse sich cool geben, obschon sie es schon längst nicht mehr ist, die sentimental wird, wenn sie sieht, wie gross man schon geworden ist. Ein paar Mal war ich aber auch die Tante, die ein offenes Ohr hatte, wenn einfach alles schief lief zu Hause.

Jetzt bin ich also die Tante, die man der Freundin oder dem Freund vorstellt, ja, sogar die Tante, welche die Verliebten am Sonntagnachmittag mit einem Besuch beglücken. Und zum ersten Mal im Leben wird mir so richtig mulmig, wenn ich daran denke, dass ich die Tante bin. Was, wenn ich die Tante bin?

Ihr wisst schon, die Tante, die immer zum falschen Zeitpunkt anruft. Die Tante, die peinliche Geschichten auftischt, wenn der Partner zum ersten Mal am Familienweihnachtsfest aufkreuzt. Die Tante, die erwartet, dass man sie nicht vergisst, dass man sie einlädt, wenn man etwas zu feiern hat. Die Tante, die Scheusslichkeiten verschenkt, zur Hochzeit zum Beispiel, oder zur Geburt des ersten Kindes. Die Tante, die kein Ende mehr findet, wenn sie anfängt, von früher zu erzählen. Die Tante, über die man herzieht, wenn sie endlich, endlich nach Hause gegangen ist. Die Tante, die sich einmischt, wenn sie das Gefühl hat, Neffe mit Partnerin oder Nichte mit Partner würden die Eltern nicht respektieren. Die Tante, die man halt ab und zu besuchen muss, weil sie sonst eingeschnappt ist. Die Tante, die einen am Ende gar aus dem Testament streicht, weil sie sich übergangen fühlt. (Nicht, dass die Tante, von der hier die Rede ist, etwas zu vererben hätte.) Die Tante, die allzu freigiebig ist mit Ratschlägen aller Art. Die Tante eben, die einfach nur nervt.

Nun, ich gebe mir alle Mühe der Welt, nicht zu dieser Tante zu werden, ich tue mein Bestes, um die Tante zu sein, mit der man auch als Erwachsener noch gerne Zeit verbringt. Ich fürchte nur, dass aus diesem Bemühen ein „Trying too hard“ werden könnte und dann wäre ich am Ende eben doch die Tante.

DSC01312-small

 

Fleischgelüste

Hätte ich nein sagen sollen? Ich meine, die Chance, dass ich als Vegetarierin die perfekte Pastete mit Sülze und allem drum und dran hinkriege, ist gering. Alleine schon vor der Auswahl des Fleisches graut mir, geschweige denn vor dem Moment, wenn das Zeug aus dem Fleischwolf quillt. Ach ja, und dann muss ich für die Kamine auch noch Alufolie anschaffen, etwas, was in meiner Küche gewöhnlich absolut nichts zu suchen hat. Und wenn das Ding in sich zusammenfällt? Dann stehe ich einmal mehr da wie der letzte Idiot.

Aber wie hätte ich nein sagen sollen, wo es doch ein Geburtstagswunsch ist? Karlsson wird nur einmal zwölf und wer garantiert mir, dass er nicht plötzlich über Nacht zu einem Fast Food – verschlingenden Monstrum mutiert? Wer fordert mich dann noch heraus, zu kochen, was ich nie im Leben essen würde? Vielleicht ist dies die Gelegenheit, um aller Welt zu beweisen, dass auch ich am Bravourstück Fleischpastete scheitere.

Und was die Ekelgefühle angeht: Schlimmer als bei der Leberpastete – ohne Teig und Sülze -, die sich Karlsson in den vergangenen Jahren gewünscht hatte, kann es ja wohl nicht sein. Immerhin ist Geflügelfleisch nicht ganz so eklig anzusehen wie die Leber, die ich an den letzten drei Karlsson-Geburtstagen durch den Fleischwolf drehen musste.

Ich denke, ich nehme die Herausforderung an. Vielleicht aber sollte ich mich allmählich anschicken, Karlssons schlechtes Gewissen zu trainieren. Damit ich ihm dereinst, wenn er mich ins Altersheim abschieben will, sagen kann: „Wie kannst du mir so etwas antun? Wo ich dir doch Jahr für Jahr mit grosser Liebe und viel Ekel die widerlichsten Schweinereien zum Geburtstag serviert habe.“

20121115-141716.jpg