Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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Meine liebe Familie Hamchiti

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seitdem Sie uns freundlicherweise Ihre alte Telefonnummer überlassen haben. Ich weiss nicht, weshalb Sie diese Nummer unbedingt loswerden wollten, ist sie doch ziemlich einprägsam. Rückblickend weiss ich aber, dass ich die Swisscom auf Knien angefleht hätte, uns eine andere Nummer zu geben, hätte ich damals schon gewusst, welch telefonisches Erbe wir uns damit einhandeln.

Wissen Sie eigentlich, wie oft ich in diesem Jahr höchster Verletzungsgefahr von der obersten Etage in die unterste zum Telefon gerast bin, nur um einmal mehr zu erklären, dass ich leider auch nicht weiss, wo Mustafa sich derzeit gerade aufhält, dass ich mich aber ganz bestimmt wieder melden werde, wenn ich seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe? Vielleicht hätten Sie ja endlich die Güte, mir mitzuteilen, wo dieser Mustafa steckt, dann breche ich mir mein Bein wenigstens für einen guten Zweck, wenn ich das nächste Mal zum Telefon stürze. 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich inzwischen Ihre vollständige Telefon-Shopping-Odyssee lückenlos aufzeichnen könnte, hätte ich mir je die Mühe genommen, bei jedem Anruf Notizen zu machen? Ich kann Ihnen aber schon mal sagen, dass es im Zusammenhang mit der Waschmaschine, die Sie bei Ackermann bestellt haben, noch Fragen gibt. Habe ich heute Morgen erfahren und nett, wie ich nun mal sein kann, mache ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam. Könnte ja noch eine Weile dauern, bis die Dame von Ackermann Ihre richtige Telefonnummer ausfindig gemacht hat. Ach, und übrigens: Allzu freundlich hat sie nicht geklungen, die Dame von Ackermann.

Haben Sie eigentlich noch nie bemerkt, dass Ihre Kontakte stets zu den ungelegensten Zeiten anrufen? Morgens um zehn vor acht, wenn die Kinder zur Schule müssten, mittags um zwanzig nach zwölf, wenn das Mittagessen auf dem Tisch dampft, nachmittags um halb fünf, wenn ohnehin schon alles drunter und drüber geht, abends um neun, wenn endlich Ruhe einkehren sollte oder Sonntagnachmittags, wenn das Telefon grundsätzlich schweigen sollte. Sind Sie sich sicher, dass Menschen, die eine derart schlechte Kinderstube genossen haben, ein guter Umgang für Sie sind?

Schliesslich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es für mich ziemlich erniedrigend ist, wenn keiner je nach mir fragt. Es ist schon deprimierend genug, dass Luise inzwischen mehr Anrufe bekommt als ihre Mama, da brauche ich nicht auch noch den stetigen Beweis, dass in meinem eigenen Haus Frau Hamchiti gefragter ist als Frau Venditti. 

Für eine Sache aber bin ich Ihnen von Herzen dankbar, liebe Familie Hamchiti: Dank der vielen Anrufe, die wir für Sie entgegennehmen, sind Karlsson und Luise inzwischen derart gewieft im Abwimmeln von unliebsamen Anrufern, dass sie ganz bestimmt nie einen unüberlegten Kauf am Telefon tätigen werden. 

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Natürliche Autorität

Mama Venditti nach dem Abendessen: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und stellen das Spielbrett auf. „Wer fängt an?“, fragt Karlsson.

Mama Venditti, etwas lauter diesmal: „Kinder, das ist die Reihenfolge: Tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und verteilen die Spielfiguren. „Ich will zuerst, es ist mein Spiel“, sagt der Zoowärter.

Mama Venditti, mit leicht hysterischem Unterton: „Kinder, habt ihr denn nicht verstanden, was ich gesagt habe? Erstens: Geschirr nach oben, zweitens Zähne putzen, drittens Pyjama anziehen und viertens, wenn ihr jetzt nicht gleich tut, was ich gesagt habe, dann ist heute nichts mit spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie noch immer nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und starten die erste Runde. „Darf ich zuschauen?“, fragt das Prinzchen, weil er noch zu klein ist zum Mitspielen.

Mama Venditti, kurz vor dem Explodieren: „Kinder! Geschirr, Zähne, Pyjama, kein Spiel! Schluss, aus, Feierabend!“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie nicht bemerkt, dass Mama kurz vor dem Explodieren ist, erledigen aber dennoch widerwillig, was von ihnen erwartet wird, weil sie hoffen, dann vielleicht doch noch weiterspielen zu können.

Szenenwechsel

Ex-Au Pair, das bei Vendittis zu Besuch weilt: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun wie geheissen und zwar ohne Widerrede und ohne nur die geringste Verzögerung.

Das Deprimierende an der Sache: Ich weiss, dass die fünf kleinen bis mittelgrossen Vendittis nicht nur gehorchen, weil das Ex-Au Pair am Mittwoch wieder abreist, sie würden ihr auch aus der Hand fressen, wenn sie für die nächsten zwölf Monate bei uns einziehen würde.

Ich bemühe mich ernstlich darum, trotz allem nicht allzu sehr an meinen erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln.

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Warum eigentlich?

Warum wir Kinder haben? Die Frage habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt. Heute aber unterhielt ich mich mit einer jungen Frau darüber, ob Frau Kinder haben muss, oder zumindest haben wollen müsste, wenn sie halbwegs normal wäre, und da machte ich mir mal wieder Gedanken darüber.

Warum haben wir uns überhaupt für das Abenteuer mit fünf Kindern entschieden? Weil man halt einfach Kinder hat, wenn man viele Jahre zusammen ist? Weil wir die Verhütung nicht in Griff bekommen konnten? Aus religiöser Überzeugung? Weil wir nicht zum Mainstream – zwei Kinder, Hund, Einfamilienhaus – gehören wollten? Weil Mutterschaft einen zu einem besseren Menschen macht? Weil wir ohne Kinder mit unserer Zeit nichts anzufangen gewusst hätten?

Für „Meinen“ kann ich nicht sprechen, aber bei mir ist wohl der Grund, dass es mich begeistert, mit Menschen unterwegs zu sein. Rückblickend zu erkennen, dass gewisse Charaktereigenschaften eines Kindes bereits bei der Geburt zum Tragen kamen, zu erleben, wie Fähigkeiten zum Erblühen kommen, gemeinsam Wege zu finden, wenn es mal nicht so perfekt läuft. Die Fülle an Charakteren, die erstaunlichen Ähnlichkeiten, die zutage treten, das Unvorhersehbare, überraschende (Un)fähigkeiten, weitergeben, was man im Laufe des Lebens gelernt hat, aber auch einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, dies sind die Dinge, die mich faszinieren, die ich nie hätte missen wollen in meinem Leben. Diese Dinge sind es auch, die mir immer wieder den Antrieb geben, mich aufzuraffen, wenn das Muttersein alles andere als rosig ist.

Und weil mich dieses gemeinsame Unterwegssein so sehr begeistert, habe ich auch zuweilen das Gefühl, fünf Kinder seien noch längst nicht genug, aber das sieht „Meiner“ ganz eindeutig anders als ich.

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Ich will sie aber behalten!

In letzter Zeit macht er immer wieder diese Andeutungen. „Momentan schaffen wir das noch nicht alleine, aber wenn es dann ein wenig ruhiger ist, sollten wir es auch ohne Hilfe hinkriegen“, sagt er zu meiner Schwester. „Die Kinder sind ja jetzt schon so gross. Da können sie ruhig etwas mehr anpacken“, bemerkt er, wenn alle ausnahmsweise mal getan haben, was sie sollten. „Zweimal pro Woche alle zusammen eine Stunde und hier glänzt wieder alles“, versichert er mir, wenn ich ihm erkläre, dass die Hausarbeit nicht automatisch abnimmt, bloss weil die Kinder grösser sind.

Solches kann ich natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen. „Siehst du denn nicht, dass der Dreck nicht weniger wird, auch wenn ich jetzt wieder mehr zu Hause bin und die ganze Zeit mit Besen und Lappen herumrenne?“, halte ich ihm vor. „Du willst doch, dass ich mich in kinderfreien Stunden voll aufs Schreiben konzentrieren kann und das kann ich nun mal nicht, wenn ich immer nur aufräumen muss“, schmolle ich. „Einmal pro Woche ist wirklich kein Luxus“, rechtfertige ich mich, wenn er findet, andere könnten es doch auch ohne.

Genau in diesem letzten Punkt irrt er ganz gewaltig, mein lieber „Meiner“. Fast bei allen, die ich kenne, putzt inzwischen mindestens einmal pro Woche eine Putzfrau. Auch bei jenen, die damals noch die Nase rümpften, als „Meiner“ und ich zum Schluss kamen, dass wir es ohne nicht schaffen. Es war nämlich so, dass ich an den Tagen, an denen der grosse Wohnungsputz anstand, unausstehlich war, weil die Kinder meine Arbeit laufend zunichte machten. Irgendwann dämmerte mir, dass alles viel einfacher wird, wenn einmal die Woche alles gründlich gemacht wird, damit ich den Rest der Woche Schadensbegrenzung betreiben kann. Glaubt mir, seither bin ich eine viel nettere Mama, sogar an meinen schlechtesten Tagen.

Mag schon sein, dass man das Geld auch für andere Dinge ausgeben könnte. Mag auch sein, dass ich es inzwischen besser hinkriegen würde als auch schon, weil keiner mehr im Krabbelalter ist. Mag sogar sein, dass es mir Spass machen würde, mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu flitzen, weil mir dann immer die besten Texte einfallen. Dennoch denke ich nicht im Traum daran, es in den kommenden Jahren ohne Putzfrau zu versuchen. Nicht nur, weil ich finde, dass wir die Unterstützung noch ganz gut gebrauchen können, sondern auch, weil die Frau uns allen schon längst ans Herz gewachsen ist. Auch „Meinem“ und daran werde ich ihn erinnern, wenn er mal wieder behauptet, wir müssten nur etwas mehr wollen, dann könnten wir es auch ohne schaffen.

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Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

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Wunschlos

Karlsson wünschte sich zu Weihnachten einen Kurzurlaub mit Mama oder Papa, weil sein Zimmer vor lauter Antiquitäten und Nippes aus allen Nähten platzt und somit kein Raum für neue Wünsche mehr da ist. (Wer von uns mitkommen wollte, durften wir wählen. „Ich will nicht selber entscheiden, sonst meint derjenige, der zu Hause bleibt, ich hätte ihn weniger lieb.“ Im Nachhinein gestand er mir allerdings, er sei froh, dass ich zu Hause geblieben sei.“Mit dir kommt man einfach nicht weit“, sagte er. „Du willst immer noch kurz ein Päuschen einlegen, weil dir die Füsse weh tun, oder weil du den Moment geniessen willst oder so.“)

Der Zoowärter weiss auch eine Woche vor seinem sechsten Geburtstag noch nicht, was er sich wünschen soll. Er, der sonst immer einen unerfüllten Wunsch auf Lager hat, scheint zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen „ausgewünscht“ zu sein.

Luise verkündete neulich, auch sie hätte keine Ahnung, was sie sich zum Geburtstag wünschen solle. „Ich habe ja schon alles“, erklärte sie und es klang nicht im Geringsten nach „Ich sage das jetzt nur, damit Mama und Papa von meiner Vernunft beeindruckt sind.“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar grosse Wünsche, freut sich dann aber doch am meisten über die kleinen Dinge. Das Prinzchen ebenso.

Ich bin leicht verwirrt ob der plötzlichen Wunschlosigkeit unserer Kinder. So kannte ich sie bis anhin gar nicht. Ob dies mal wieder eine der berühmten Phasen ist, die sie ausnahmsweise mal alle gleichzeitig durchmachen? Sind sie auf irgend einem sonderbaren Trip, so wie ich damals, als ich mich standhaft weigerte, Hosen anzuziehen und dies zehn Jahre lang?

Besteht am Ende tatsächlich die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation erkennt, wie sehr das Materielle überbewertet wird? Auch wenn ich wünschte, dies wäre der Grund für die plötzliche Bescheidenheit der fünf kleinen Vendittis, so wage ich doch nicht, dies zu glauben. Es ist ja wohl bloss ein Wunschtraum, dass „die heutige Jugend“ klüger und vernünftiger sein könnte als ihre Eltern. Oder vielleicht doch nicht?

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Herzlich wenig Herzlichkeit

Die Mittelohrentzündung, die sich am Freitagabend ankündigt und am Samstagmittag mit eitrigem Ausfluss so richtig bemerkbar macht, bringt nicht mehr ganz so viel Stress mit sich wie ehemals. Jetzt, wo sich die Notfallpraxen wie die Karnickel vermehren, kannst du getrost am Samstagnachmittag um halb vier beim Arzt am Bahnhof aufkreuzen und deinem Kind wird geholfen. Du hättest sogar auf die vorherige Anmeldung verzichten können, aber wer eine halbwegs anständige Kinderstube hat, wird natürlich dennoch zum Telefon greifen, ehe er in die Praxis platzt. Vorbei sind die Zeiten, als du dich mit tausend Entschuldigungen à la „Wir hätten gerne bis Montag gewartet, aber das arme Kind schreit seit Stunden wie am Spiess, die Zwiebelwickel wollen nicht helfen und jetzt fliesst auch noch der Eiter“ ins Spital begeben musstest. Und deinen Hausarzt musst du nicht mit Notfallbesuchen kurz vor Praxisschluss zusätzlich auslaugen. Dein Kind darf jetzt ganz getrost aufs Wochenende hin krank werden.

Ganz praktisch also, aber nichts für Nostalgiker. Nachdem du Personalien und Krankenkassennummer angegeben hast, wollen die als nächstes wissen, ob du das Angebot aus der Zeitung, aus der Werbung oder von Freunden kennst. Sowas müssen sie dich bei der Hausärztin nie fragen, die wird auch ohne Werbung von Patienten überrannt. Der Arzt zeigt dem Computer mehr Zuwendung als dem Patienten, weil er alle wichtigen Daten erfassen muss. Er kennt das Kind ja auch nicht schon, seit es den ersten Schrei getan hat. Die Mama bekommt einige Zurechtweisungen zu hören, weil der Arzt nicht wissen kann, dass Mama sich nicht zum ersten Mal mit einer Mittelohrentzündung konfrontiert sieht. Alles läuft sehr effizient, zielgerichtet und selbstverständlich korrekt, aber von Herzlichkeit keine Spur. Was an sich kein Problem ist, denn in erster Linie geht es darum, dass dem Kind geholfen wird.

Die nächste Mittelohrentzündung bitte trotzdem wieder irgendwann zwischen Montag und Freitagmorgen, denn bei der Hausärztin ist es halt doch viel heimeliger.

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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