Töchterchen träumt

Töchterchen hätte gerne einen Wohnwagen. Keinen von Lego-Friends, den hat sie schon. Zum Glück auch kein fahrtüchtiges Modell, mit dem man in den Süden fahren kann. Aber ein ausgedientes, heruntergekommenes Ding, das man in den Garten stellt, um in lauen Sommernächten drin zu übernachten. An sich keine schlechte Idee, aber wie stellt sie sich das denn vor?

Na, ganz einfach natürlich. Wozu gibt es denn Online-Auktionen? Dort bekommt man so ein Ding schon für einen Franken. „Weisst du“, sagt sie, „das ist ganz einfach. Man muss es nur irgendwie beim Verkäufer abholen, wir könnten ja das Auto vom Grossvater ausleihen, der hat ja so eine Kupplung. Und dann stellen wir es auf den Platz vor der Garage. Aber es muss eine Küche haben, damit man am Morgen Frühstück machen kann. Wie macht man das überhaupt mit dem Strom? Und das WC, funktioniert das dann richtig?“

Töchterchen gerät immer mehr in Fahrt, klingt, als sei sie bereits stolze Besitzerin des Gefährts, obschon ich noch nicht mal „Wir können uns das ja mal überlegen“ gesagt habe. Töchterchen überhört natürlich auch die Einwände von Brüderchen, der nicht will, dass der Garten zu einem Campingplatz verkommt. Töchterchen ist einfach nur Feuer und Flamme für ihre neueste Idee und darum bin ich von Herzen froh, dass sie mein Ricardo-Passwort nicht kennt, denn sonst würden wir schon morgen einen ausgedienten Wohnwagen unser Eigen nennen.

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Auf ins neue Leben!

Ja, ich bin dankbar, dass keines der Kinder über die Feiertage krank war. Keine fieberglänzenden Augen beim Auspacken der Geschenke, kein Erbrochenes unter dem Tannenbaum, keine Zwiebelwickel für schmerzende Ohren. Einfach nur fröhliche, überdrehte Kinder, die sich des Lebens und des gemütlichen Wohnzimmers freuten und das vierzehn Tage lang. So soll es sein, auch wenn es mir offen gestanden lieber gewesen wäre, die fünf hätten sich hin und wieder mal im Wald ausgetobt anstatt bei mir auf dem Sofa, wo ich mich mit Grippe, Zeitschriften und iPad dauerhaft niedergelassen hatte. 

„Morgen wird es wieder ruhiger und dann spielt es keine Rolle mehr, ob ich nun krank oder gesund bin, dann wird einfach geschrieben“, sagte ich gestern Abend hoffnungsfroh zu „Meinem“. Heute nämlich hätte mein neues Leben beginnen sollen, das war fest so eingeplant. Alle Kinder den ganzen Montag ausser Haus, sogar über Mittag, „Meiner“ zum ersten Mal seit Monaten wieder bei der Arbeit, ich ganz alleine zu Hause. Nur ich, mein neu ersteigertes Occasions-MacBook, die Schreibprojekte, die in den vergangenen Wochen den Weg zu mir gefunden haben und ein Überrest von Grippe. Besser kann ein neuer Lebensabschnitt nicht beginnen…

Aber eben, der Start in den neuen Lebensabschnitt wurde verschoben. Zoowärter hat sich heute krank gemeldet, liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa und kann sich nicht entscheiden, ob er sich vor dem kleinen Drachen Kokosnuss fürchten soll oder ob er doch lieber das Hörbuch zu Ende hören will, weil es so spannend ist. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob der Zoowärter wirklich krank ist, oder ob er von seinem gestrigen Einsatz als Sternsinger – die Protestantin in mir hat beinahe der Schlag getroffen, als er im Ministrantengewand vor der Haustüre stand – derart ausgelaugt ist, dass nicht mal die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinen Freunden ihn in den Kindergarten locken konnte.

Schreiben werde ich trotzdem. Oder ich werde es zumindest versuchen, sobald sich der Zoowärter entschieden hat, ob er jetzt vielleicht doch lieber „Das kleine Gespenst“ hören will.

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Kreuzritter

Das Prinzchen entdeckt derzeit alles gleichzeitig: Die alten Ägypter, die Kunst, seine kämpferische Seite, die Ritter und den christlichen Glauben. Wobei das mit dem Glauben bedenkliche Ausmasse annimmt – und das sage ich, die ich nun wirklich nicht den Atheisten zuzurechnen bin.

Es ist nämlich so: Das Prinzchen hat die Kiste entdeckt, die der Pastor ihm zur Einsegnung geschenkt hat. Darin hat’s eine Kinderbibel, einen Gebetswürfel, ein Holzkreuz mit einem Segensspruch und eine Taufkerze, die er anzünden kann, sollte er sich dereinst dazu entschliessen, sich taufen zu lassen. Den Inhalt dieser Kiste schleppt er nun schon seit Tagen mit sich herum. 

Die Kinderbibel zum Beispiel packt er an dem hübschen, goldenen Bändchen, mit der sie sich verschliessen lässt, schwingt sie durch die Lüfte, knallt sie seinen Mitmenschen um die Ohren und wird damit im wahrsten Sinne des Wortes zum Bible-Beater. Dazwischen will er natürlich auch Geschichten hören, aber wehe dem, der ihm zu erklären versucht, dass es nicht möglich ist, die ganze Bibel an einem Abend zu erzählen. Dann entflammt nämlich Prinzchens heiliger Zorn und glaubt mir, das ist nicht lustig. 

Am bedenklichsten aber ist Prinzchens Umgang mit dem Holzkreuz. „Schau mal Mama“, sagte er zu mir und sah mich drohend an, „dieses Kreuz kann man auch als Schwert brauchen. Ich bin jetzt ein Ritter und kämpfe mit diesem Kreuz gegen die Bösen!“

Ich hoffe, diese aggressive Art der Religionsausübung wächst sich bald aus. Wenn mich dereinst mal einer fragt, was aus dem Prinzchen geworden ist, will ich nämlich nicht verschämt antworten müssen: „Ääääähmmm, er ist jetzt ein Kreuzritter, aber keine Angst, er ist nicht hier, er verteidigt gerade das Heilige Land gegen die Heiden.“

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Glucke auf Friedensmission

Okay, ich liebe Königskuchen, aber das ganze Theater darum, wer die Krone bekommt, habe ich tüchtig satt. Noch einmal ein Jahr mit fünf Kuchen à sieben Brötchen mache ich nicht mit; dem Familienfrieden zuliebe alle tagelang mit süssen Weissbrötchen vollstopfen geht einfach nicht. Aber vier enttäuschte Gesichter – vielleicht gar fünf, falls einer von uns Eltern König wird – erträgt mein butterweiches Gluckenherz auch nicht. Weiss ich doch, wie unendlich schmerzhaft es ist, wenn immer ein anderer König wird. Bei mir hatte das gravierende Auswirkungen: Als ich mir im Alter von etwa zwölf Jahren endlich mal die Krone aufsetzen durfte, hielt ich mich für Napoleon – damals mein zu kurz geratenes Vorbild –  und setzte sämtliche Familienmitglieder als Könige meiner eroberten Ländereien ein. Muss mal meine Mutter fragen, ob sie die Liste, die ich damals erstellt habe, aufbewahrt hat.

Eine solche Liste werde ich morgen wieder vorbereiten, denn ich habe entschieden, dass bei uns am Sonntag sieben Könige gekrönt werden. Je nach Farbe der Hochzeitsmandel, die man im Kuchenstück findet, wird man dann eben König des Nordens, Königin des Amazonas oder so. Damit wir den Dreikönigstag für einmal in Frieden und Harmonie feiern können.

Nun ja, vielleicht muss ich mit Lebensmittelfarbe nachhelfen, für den Fall, dass der Zuckerguss der Mandel nicht genügend abfärbt und es plötzlich Streit gibt, wer nun über welches Gebiet herrschen darf. Ach ja, und dann muss ich „Meinen“ noch dazu bringen, sieben Kronen zu basteln, denn wenn ich das machen muss, werde ich diejenige sein, die sonntags mies drauf ist und Streit anfängt.

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Bereicherung

Prinzchen, Luise und „Meiner“ schaffen im Schulzimmer Ordnung, weil „Meiner“ am Montag wieder zur Arbeit geht, Teilzeit vorerst einmal, weil noch nicht klar ist, ob er schon fit genug ist für das volle Pensum. Die Kinder helfen beim Aufräumen und Einrichten. Als „Meiner“ findet, es sei jetzt Zeit, nach Hause zu gehen, meint das Prinzchen begeistert: „Ja, und dann räumen wir das Kinderzimmer auf!“ Was sie dann auch tun, bis „Meiner“ die Nase voll hat vom Aufräumen, worauf das Prinzchen eben ins Badezimmer weiterzieht, wo es nach dem Bad seiner grossen Geschwister so einiges wegzuräumen gibt.

Mal wieder starte ich das Jahr mit einer Magen-Darm-Seuche und mal wieder findet das Prinzchen, dies sei so was von daneben. (Ich übrigens auch, aber mich fragt ja keiner.) Weil es ihn langweilt, dass ich schon wieder im Bett liege, fängt er an, über mich zu springen, hin und zurück mit viel Anlauf, leider aber auch mit harten Landungen auf meinen ohnehin schon schmerzenden Bauch. Einige Male lasse ich ihn gewähren, irgendwann aber reicht es mir. „Prinzchen, du machst das ganz toll, aber könntest du jetzt bitte aufhören?“, flehe ich, aber offenbar kann unser Jüngster mich mit zittriger Stimme nicht ganz ernst nehmen. Er springt weiter. „Prinzchen, hörst du jetzt bitte sofort auf“, sage ich ein wenig lauter und bestimmter. Beleidigt zieht er sich unter seiner Decke zurück. „Gerade eben haben Luise und ich so toll das Badezimmer aufgeräumt und jetzt fängst du an, mit mir zu streiten!“, grummelt er. Nun ja, wenn er das streiten nennt…

Wenig später wäre eigentlich Schlafenszeit, aber das Prinzchen findet, seine Arbeit sei noch nicht getan. „Ich muss noch diese Abfallsäcke wegräumen und das Altpapier und dann sollte man den Vorratsschrank mal wieder aufräumen…“ Eifrig wetzt er durch die Wohnung, murrt über seine Familie, die einfach nicht ordentlich sein kann und lässt sich kaum bremsen. Erst als „Meiner“ verspricht, morgen würden sie dann den Rest der Unordnung im Kinderzimmer beseitigen, kann Prinzchen das Unerledigte sein lassen und sich zur Ruhe begeben.

Wüsste ich nicht, dass der Kleine gar nicht weiss, dass ein neues Jahr angefangen hat, würde ich denken, er hätte einen guten Vorsatz gefasst, der in zwei oder drei Tagen wieder verflogen ist. Weil er aber von Vorsätzen keinen Schimmer hat, ist stark davon auszugehen, dass hier allmählich ein Charakterzug sicht- und erlebbar wird. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dieser Charakterzug zu den Charakterzügen der übrigen Familienmitglieder passt, aber es ist spannend, mal auf vollkommen neue Weise bereichert zu werden.

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Dann frag‘ mich auch nicht…

Wann immer möglich halte ich mich zurück mit Ratschlägen zur Kindererziehung. Weil deine Kinder andere Macken haben als meine, weil ich anders ticke als du, weil deine Familie andere Herausforderungen zu bewältigen hat als meine, weil deine Überzeugungen anders sind als meine, weil bei dir überhaupt alles ganz anders ist als bei mir. Es gibt aber Mütter, die partout von mir wissen wollen, wie ich denn ihre Situation meistern würde und dann grabe ich eben in meinem Erfahrungsschatz und fördere die eine oder andere Weisheit zu Tage.

„Ich fand den Fliegergriff ganz hilfreich, wenn das Geschrei nachts einfach nicht aufhören wollte“, sage ich dann zum Beispiel. „Nein, komm mir nicht damit, das hilft bei meiner Kleinen überhaupt nichts“, gibt die Ratsuchende zur Antwort. „Nun, dann könntest du es vielleicht mit Bauchwehöl versuchen. Gibt’s in der Apotheke…“ „Du meinst das stinkige Zeug? Wenn ich das bloss rieche…“ „Nun ja, ich habe beste Erfahrungen gemacht damit, aber wenn das nicht dein Ding ist, könntest du es ja mit Singen versuchen. Hat meine Kinder immer ungemein beruhigt“, sage ich, um vielleicht doch noch einen hilfreichen Hinweis zu geben. „Singen? Um Gottes Willen nein! Ich singe so schrecklich falsch und dann sind auch unsere Nachbarn so fürchterlich empfindlich. Die würden sofort auf der Matte stehen, wenn ich nur schon ‚Alle meine Entchen‘ summen würde“, wehrt meine Gesprächspartnerin ab. „Vielleicht ist deinem Kind ja einfach zu warm“, sage ich vorsichtig. „Du müsstest ihm einfach die Socken ausziehen oder einen Moment lang an die frische Luft gehen mit ihm.“ Aber natürlich ist auch dies keine Lösung für dieses ganz spezielle Problem, mit dem ich offenbar in meiner bisherigen Mutter-Karriere noch nie konfrontiert war, denn irgend etwas von dem oben Genannten hat bei meinen Kindern immer funktioniert. 

Im Grunde genommen ist es mir vollkommen egal, ob jemand meine Ratschläge annimmt oder nicht, weil deine Kinder andere Macken haben als meine, weil… nun ja, das habe ich ja alles schon gesagt. Wenn die Ratsuchende aber nicht wirklich wissen will, wie ich ihre Situation meistern würde, dann soll sie mich bitte auch nicht danach fragen, denn ich habe noch zwei oder drei andere Dinge zu tun, als gegen eine Wand zu reden. 

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Der Mama-Vergleich

„Mama, Julia hat gesagt, sie wünschte sich, ihre Mama hätte sie davor gewarnt, ihrer Puppe die Augen auszustechen, als sie noch klein war. Du hast mir ja immer gesagt, ich würde das später bereuen und darum habe ich es nicht getan.“

„Mama, bei Mia zu Hause ist immer alles so schön aufgeräumt, nicht so ein Chaos wie bei uns.“

„Timo findet, du seist eine total coole Mama.“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Voll cool! Warum trägst du immer nur Tussi-Schuhe?“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Sowas von hässlich! Zum Glück hast du mehr Geschmack.“

„Danke Mama! Marcos Mama würde so etwas nie erlauben.“

„Die anderen dürfen alle, nur du bist mal wieder stur und verbietest mir meinen Spass.“

„Die Mama von Milena macht ein Riesentheater um den Sport. Das arme Kind muss immer trainieren und wenn sie ein Spiel verliert, ist die Mama tagelang sauer auf sie. Wenn ich Milena wäre, würde ich mich vollfressen und den ganzen Tag vor der Glotze sitzen. Sowas macht doch keinen Spass…“

„Andere Eltern schauen sogar beim Training zu und ihr kommt nur, wenn wir einen Match haben.“

„Wow, das Mittagessen bei Hugentoblers war der Hammer! Spaghetti Carbonara mit Rüeblisalat. Warum machst du das nie?“

„Zum Glück muss ich fast nie bei Hugentoblers essen. Dort gibt es immer das Gleiche und meistens ist es auch noch verkocht. Zum Glück kochst du besser, sonst würde ich ausziehen.“

Je grösser die Kinder werden, umso öfter werden meine Leistungen an den Leistungen anderer Mamas gemessen. Dabei ziehe mal ich den Kürzeren, mal die Vergleichsmama. Hart fällt das Urteil allemal aus, denn der Glaube an die elterliche Unfehlbarkeit wird mehr und mehr erschüttert. Gar nicht so leicht, das zu schlucken, aber wohl unumgänglich.

Ich hoffe einfach, dass die Kinder dereinst, wenn die Wirren des Erwachsenwerdens überstanden sind und alle meine Fehler in Vergessenheit geraten sind – also dann, wenn sie im Altersheim sitzen -, mit feuchten Augen sagen werden: „Unsere Mama war doch einfach die Beste.“ Von dieser Erkenntnis würde ich dannzumal zwar nicht mehr profitieren, aber immerhin wäre ich in den Augen der Nachwelt rehabilitiert.

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Ein Tag ganz nach euren Wünschen

Meine lieben Kinderlein

Heute Morgen waren wir zusammen im Naturama. Wir hatten sogar zwei eurer Lieblingscousins und eine eurer Lieblingstanten dabei. Wir sahen Dinoskelette, lebensechte Mammuts und bunte Fische, am Ausgang durftet ihr euer Taschengeld für pädagogisch wertvollen Krimskrams verschleudern. Danach gingen wir zwar nicht wie versprochen ins Hallenbad, dafür aber in einen jener verwerflichen Fast Food-Tempel, wo ihr euch mit Müll vollstopfen durftet. Schliesslich gab es Spiel und Spass bei den Cousins, Abendessen ohne Tischabräumen, warmen Kakao und für einige von euch sogar noch dreissig Minuten Lieblingsserie.

Ihr seht also, ich habe euch einen Tag geboten, wie ich ihn euch nie hatte bieten wollen. Nun ja, mal abgesehen von Museum, lieben Verwandten und warmem Kakao. Ich bin also sehr weit über meinen eigenen Schatten gesprungen, damit ihr nach Herzenslust auf meinen Erziehungsgrundsätzen herumtrampeln konntet. Nun bitte ich euch, für mich dasselbe zu tun und endlich Ruhe zu geben – auch wenn dies voll und ganz gegen eure Prinzipien ist -, damit ich endlich tun kann, was mir Spass macht: In den Keller gehen kann, um die Lichtschranke der Heizung zu reinigen. Die ist zu meiner Freude ausgerechnet jetzt hat ausgestiegen, wo sich euer Papa mit Karlsson eine Auszeit in Bern gönnt. Endlich darf ich auch mal ran!

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Versprochen ist versprochen

„Wenn ihr heute Abend brav ins Bett geht“, versprach ich unseren drei Jüngsten, „dann gehen wir morgen zusammen schwimmen und vielleicht auch noch ins Museum. Wir sind ja nur zu viert, dann können wir uns mal einen richtig schönen Tag machen. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr früh Feierabend macht.“ Ob mir die drei überhaupt zuhörten? So wild, wie sie durch die Wohnung tanzten, einander piesackten und meine Aufforderungen, jetzt endlich ihre Butterbrote aufzuessen überhörten, machte ich mich auf einen anstrengenden Abend gefasst – und auf einen gemütlichen Tag morgen, ohne Hallenbad und Museum. Ich hätte ihnen getrost das Blaue vom Himmel herab versprechen können, so aufgedreht wie sie waren, würden sie mich bestimmt bis abends um elf auf Trab halten.

Da sieht man mal wieder, wie schlecht ich mich nach all den Jahren mit Kindern auskenne. Kaum war nämlich das Licht im Kinderzimmer gelöscht, wurden sie ruhig und nachdem das letzte Schlaflied verklungen war, lagen sie lammfromm in ihren Betten. „Na ja, das wird genau zehn Minuten lang gutgehen“, brummte ich, als ich mich in die Küche zurückzog. Tatsächlich kam nach zehn Minuten der Zoowärter raus. Er habe sich wehgetan, klagte er, aber anstatt wie üblich lauthals zu heulen und damit das Prinzchen aus dem Halbschlaf zu wecken, liess er sich mit wenigen Worten beruhigen. Einige Augenblicke später machte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat bemerkbar. Er könne nicht schlafen, wenn die Zimmertüre offen stehe, ich sei einfach zu laut da draussen. Also schloss ich eben die Tür, damit er sich nicht mit anhören müsste, wie ich Rechnungsbeträge in den Computer eintippte. Das war es dann mit Tohuwabohu für heute Abend.

Okay, die drei haben also wirklich vor, morgen zu bekommen, was sie sich verdienen mussten. Zum Glück habe ich ihnen keinen Flug ins Weltall versprochen…

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Bitte nicht ausquetschen!

Es hat eine Weile gedauert, aber allmählich macht sich nun doch das Heimweh nach den Kindern bemerkbar. Aufgefallen ist mir dies, als ich heute im Bus inmitten einer Gruppe von Schülern sass. Dem Alter nach bereits Teenager, aber noch immer pausbäckig und leicht unsicher. Die Jacken bereits trendy und teuer, die Mütze dazu in den passenden Farben aber noch von Mama gestrickt. Jungs wie Karlsson eben.

Gewöhnlich schenke ich solchen Schülergruppen kaum Beachtung, weiss ich doch, wie wenig sie an einem Gespräch mit mir interessiert wären. Heute aber konnte ich mich nur mit Mühe davon abhalten, sie anzusprechen. „Geht ihr auch in die sechste Klasse?“, hätte ich gefragt, oder „War der Prüfungsstress vor Weihnachten schlimm?“. Ich hätte ihnen erzählt, dass mein Ältester auch in ihrem Alter ist und dass er es vor Weihnachten sehr streng hatte in der Schule. Sie hätten vielleicht höflich genickt und ich hätte erzählt, dass meine Tochter es auch streng hatte, obschon sie noch nicht in der Sechsten ist. Vielleicht hätte ich noch gefragt, ob sie auch Geschwister haben und sie hätten mit einem gleichgültigen Schulterzucken „Ja“ gesagt, oder vielleicht auch „Nein“. Irgendwann wären sie ausgestiegen und ich hätte gesagt: „Schöne Weihnachten noch!“ und draussen hätten sie ihre Köpfe geschüttelt, über mich gelacht und zu Hause erzählt, dass sie im Bus von so einer komischen alten Tante angequatscht worden seien.

Ich habe die Schüler natürlich nicht angesprochen, dafür habe ich abends noch mit Karlsson telefoniert. Das Gespräch verlief folgendermassen:

Karlsson: „Hallo Mama, wie geht’s?“
Ich: „Gut, ein wenig müde. Und dir?“
Karlsson: „Gut. Was hast du heute gegessen?“
Ich: „Suppe, Salat, Roulade… Und du?“
Karlsson: „Ich geb‘ dir dann mal das Prinzchen ans Telefon. Tschüss!“

Okay, verstanden. Ich soll nicht nur fremde Zwölfjährige in Ruhe lassen, ich soll auch meinen eigenen nicht mehr als das absolut Notwendigste fragen.

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