Muttertagsresumée

– Für einmal gibt es Bestnoten für die Lehrer: Kein einziges nutzloses Geschenk, sondern nur allerliebste Kleinigkeiten, die mir den Tag versüssten.

– Endlich eine Begründung, die es auch mir erlaubt, den Muttertag zu geniessen: „Es gibt Menschen, die verzichten freiwillig auf Kinder, weil ihnen der Aufwand zu gross ist. Als Mutter verzichtest du auf so viele Dinge, da wirst du dich ja wohl einmal im Jahr so richtig feiern lassen dürfen.“

– Wink mit dem Zaunpfahl von „Meinem“: Eine Haartönung, zum Abdecken meiner grauen Haare. Schade, dass wir hierzulande keinen Vatertag haben, sonst könnte ich mich mit einem Haarwuchsmittel rächen…

– Die schmerzhafte Erkenntnis, dass Brennesseln nicht zu brennen aufhören, wenn man sie ins heisse Badewasser gibt. Nun ja, ich hatte nie behauptet, dass dies der Fall sei, aber die Kinder waren der festen Überzeugung, dass die Blätter alleine durch das Badewasser vollkommen harmlos werden. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte das mal ausprobiert, also musste es einfach wahr sein. War es nicht, aber ich stieg natürlich trotzdem ins Bad, wo sich die fünf doch so viel Mühe gegeben hatten. Ein paar unangenehme Begegnungen mit Brennesselblättern sind schliesslich ein Klacks gegen die Schmerzen, die ich durchstehen musste, um mir den Ehrentitel „Mama“ zu verdienen.

– Die nicht sehr schmeichelhafte Frage, ob ich demnächst noch einmal Mutter werde. Meine überhaupt nicht beleidigte Antwort: „Nein, ich werde einfach so immer runder.“

– Die Macht des Muttertages: „Du blöder Affe! Hör auf, mit mir zu streiten. Heute ist Muttertag, da dürfen wir die Mama nicht wütend machen.“

– Nichts rührt mich mehr, als ein Fünfjähriger, der noch von ganzem Herzen daran glaubt, dass seine Mama die Beste ist. Ich weiss zwar nicht, wieviel Überzeugungsarbeit sie im Kindergarten leisten mussten, aber heute gehörte das Herz des Zoowärters mir ganz alleine.

20120514-002847.jpg

Alles, was man über mich wissen muss…

Ich nehme mal an, dass mein guter Ruf bei der Kindergärtnerin damit endgültig ruiniert ist:

20120513-183440.jpg

So geht das

Schülervortrag damals: Die Lehrerin erklärt der Klasse, was ein Vortrag ist, welche Themen in Frage kommen, gibt den Kinder Zeit, sich in Zweierteams aufzuteilen und ein Thema zu suchen. An einem schulfreien Nachmittag setzt man sich gemeinsam hin, teilt auf, wer was machen wird, sucht sich ein paar Bücher aus der Bibliothek, vielleicht hat noch jemand ein Poster mit einem zum Thema passenden Bild, dann wird geschrieben – von Hand, versteht sich. Am Vorabend die grosse Nervosität, dann endlich der Auftritt. Zehn Minuten reden, vielleicht eine Folie auf dem Hellraumprojektor, einige Stichworte an der Wandtafel und die gute Note hatte man auf sicher.

Schülervortrag heute: Der Lehrer führt die Klasse in die Kunst der Power Point Präsentation ein, die Schüler wählen ein Thema, danach wird im Internet recherchiert. Bilder, Musik, Filme, Zusammenfassungen – alles wird zusammengetragen und zu einer ersten Präsentation verwurstet, äähm, Pardon, verarbeitet. Diese Präsentation geht per Mail an den Lehrer, der einige Tage später eine Rückmeldung gibt. Im Laufe der Wochen geht die Präsentation noch mehrere Male zwischen Schüler und Lehrer hin und her, bis endlich alles perfekt ist. Da die Unterrichtszeit für die Fülle des Materials nicht reicht, sind Überstunden angesagt und zwar sowohl vor als auch nach dem Unterricht. Ein Vollzeitjob ist ein Klacks im Vergleich, aber Perfektion hat eben ihren Preis. Der Redetext muss niedergeschrieben werden, es braucht ein Quiz, damit die Mitschüler bis zum letzten Satz dranbleiben und dann muss man sich natürlich noch Gedanken machen, ob alle eine kleine Belohnung bekommen, oder ob man nur einen Hauptpreis für den Quiz-Sieger mitbringt. Schliesslich noch die Kontrolle, ob auch wirklich nichts aus dem Internet abgeschrieben ist und ob der Link von der Präsentation zu youtube funktioniert.

Am Vorabend dann die grosse Präsentation vor den Eltern, die völlig erschlagen dasitzen und denken, dass es früher deutlich einfacher war, ein guter Schüler zu sein.

Trau nie einem Kind

Unsere Schule nimmt es genau mit der Disziplin. Sehr genau. Spuren die Kinder nicht, hagelt es Einträge. Zuerst nur auf einem Blatt, welches den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wird, nach einer gewissen Anzahl schafft es der Eintrag gar aufs Zeugnispapier. Damit Omas, Opas, Patentanten und später auch der potentielle Lehrmeister sehen können, mit was für einem Früchtchen sie es zu tun haben. Im Alltag sieht das so aus:
Arbeitsblatt zu Hause vergessen? Eintrag! Turnzeug nicht dabei? Eintrag! Hausaufgaben nicht vollständig? Eintrag! Zwei Minuten zu spät zur Schule? Eintrag! Schwatzen im Unterricht? Eintrag! Respektloses Verhalten gegenüber der Lehrperson? Eintrag! Unterschrift der Eltern nicht eingeholt? Eintrag!
Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter dem Vergehen eine böse Absicht steht, oder ob dem Kind ein einmaliger Schnitzer unterlaufen ist, ob das Kind gleichgültig oder überfordert war, ob notorischer Störefried oder Musterschüler – alles egal, die Einträge werden ohne Ansehen der Person verteilt.

Eine einzige Sache kann die Kinder vor den – je nach psychischer Verfassung des Kindes – mehr oder weniger gefürchteten Einträgen schützen: Ein nettes Brieflein der Eltern, in dem erklärt wird, weshalb das Kind nicht konnte, wie es sollte. „Lieber Herr Lehrer, Shanaya konnte gestern ihre Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihr Lieblingshamster von seinen Käfiggenossen gemobbt wurde und die Situation ohne das mutige Eingreifen unserer Tochter ein böses Ende genommen hätte.“ „Sehr geehrte Frau Hugentobler, Mattia konnte das Arbeitsblatt zur Zahl sechs nicht machen, da er eine panische Angst vor dieser Zahl hat. Gerne besorge ich Ihnen ein Gutachten unserer Geistheilerin.“ Ein kleiner Ablassbrief und das Kind ist geschützt vor dem Eintrag. Die gleiche Ausrede ääähm Entschuldigung mündlich vom Kind vorgebracht zeigt keine Wirkung.

Was dem einen oder anderen Leser als vollkommen ungerecht erscheinen mag, ist durchaus gerechtfertigt. Bedenkt man nämlich, wie viele Kinder Versicherungsbetrug begehen, die Steuererklärung manipulieren, Urkunden fälschen und am Tag nach dem Finale der Champions League krank machen, dann ist es vollkommen verständlich, dass man ihren Aussagen nicht traut. Ein Erwachsener, hingegen, der käme nie auf die Idee, die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtzubiegen.

Und noch einmal Alltagsfreuden

Hat man mal mit Suchen angefangen, dann nimmt das Finden kein Ende mehr. Hier wieder ein paar Alltagsfreuden, die ich (wieder)entdeckt habe:

1. An einem verregneten Sonntag eine Gewürzbestellung aufgeben – nicht nur das Alltägliche, natürlich – und dich zwei Tage später in der Küche austoben mit Gewürzblüten, Kaffeegewürz und Tandoori-Mischung.

2. Fliederblüten-Sirup kochen.

3. Den drei jüngsten Vendittis dabei zuhören, wie sie in seltener Eintracht „Gschwind, Bethli, chumm is Gärtli, ha öppis herzigs gseh“ singen. Man muss einfach damit klarkommen, dass sie aussehen wie drei Islamisten beim Freitagsgebet, solange sie noch als Blumenzwiebeln auf dem Fussboden kauern.

4. Die zwei Stunden, die man eigentlich für einen Kaffeeklatsch mit einer Freundin eingeplant hatte, mit dösen, Prinzchen-Geplauder – „Prinzchen, du musst in die Badewanne, du riechst nicht besonders gut.“ „Weisst du Mama, so bin ich eben gemacht“ – und Katzenkraulen verbringen. Den Abwasch hätte man beim Kaffeeklatsch ja auch nicht erledigt, also kann das schmutzige Geschirr getrost noch ein wenig länger warten.

5. Sich bei der Zeitungslektüre darüber freuen, dass man das Gesicht von Nicolas Sarkozy in Zukunft deutlich seltener sehen wird. Ob der Neue besser ist, sei dahingestellt, aber immerhin verdirbt einem das arrogante Grinsen nicht mehr die Laune.

6. Die Entdeckung, dass ich mir die sternenförmige Brotbackform, die sich die Kinder schon so lange wünschen, nicht zu kaufen brauche, weil wir sie von der Grossmama ausleihen können. Wieder ein (Un)Ding weniger, das einen permanenten Wohnsitz in meinem Küchenschrank sucht.

7. Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der mich fragt: „Mama, darf ich heute den Abwasch ganz alleine machen?“

8. Die Nachricht, dass morgen der Monteur kommt, um den Geschirrspüler zu flicken, denn auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache ganz gut macht, verzichte ich gerne auf die tägliche Überflutung der Küche. Wobei ich mir noch nicht ganz sicher bin, wovor ich mich mehr fürchte, vor der Überflutung oder vor dem Monteur, der mir wieder eine Strafpredigt halten wird, weil ich meinen Geschirrspüler nicht artgerecht halte. Also vielleicht doch keine Alltagsfreude…

9. Die Gewissheit, dass sich das Prinzchen nicht vor den Ameisen fürchtet, die zum Sturm auf unsere Küche geblasen haben. Mit dem Zoowärter waren solche Angriffe jeweils der reinste Horror, so aber muss ich nur noch meine eigene Abscheu überwinden.

10. Du stellst fest, dass wenigstens einer von Karlssons schulfreien Tagen, mit denen der Lehrer berufstätige Mütter so unendlich glücklich macht, auf einen Mittwoch und nicht auf einen Freitag fällt. Mittwoch ist Papa-Tag, folglich brauchst du dir zumindest einmal nicht den Kopf zu zerbrechen, wo du das Kind unterbringst, währenddem du bei der Arbeit bist. Oh ja, ich weiss, das Kind ist bald zwölf und könnte auch mal ein paar Stunden alleine zu Hause bleiben, aber wisst ihr denn nicht, auf welch dumme Ideen beinahe-Zwölfjährige kommen, wenn man sie aus den Augen lässt?

Wenn ich diese Liste durchsehe und daran denke, dass wir vermutlich bald Nachwuchs bekommen – Katzennachwuchs, wohlverstanden – dann müsste ich eigentlich der glücklichste Mensch auf diesem Planeten sein. Müsste, denn ich finde wohl trotz aller Freuden immer etwas, worüber ich mich aufregen kann…

 

Aus alt mach neu

Ich war ja davon ausgegangen, dass das Kapitel der uralten Kirchenlieder für mich abgeschlossen sei. Früher, da sangen wir sie Sonntag für Sonntag, die Alten inbrünstig, die Jungen mit grossem Befremden, weil die antiquierte Sprache nicht so ganz zum modernen Leben passen wollte. Einige von uns weigerten sich, mitzusingen, andere bemühten sich krampfhaft darum, die alten Choräle gegen neueres Liedgut einzutauschen. „Es heisst doch, dass man dem Herrn ein neues Lied singen solle. Das alte Zeug hängt ihm bestimmt zum Hals heraus“, argumentierten wir und einige Jahre später wurde das Kirchengesangbuch tatsächlich immer seltener gebraucht, wir atmeten auf und die  älteren Semester trauerten den guten alten Zeiten nach.

Seither habe ich nur noch sehr selten geistliche Lieder gesungen, die älter sind als fünfzehn Jahre. Bis vor einigen Wochen der FeuerwehrRitterRömerPirat das alte Liedgut entdeckt hat. Und plötzlich singe ich wieder „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Schönster Herr Jesus“ und „Welch ein Freund ist unser Jesus“, diesmal nicht aus dem Kirchengesangbuch, sondern aus den Hymnensammlungen im Internet. Ich habe kein Problem damit, meinem Sohn diesen Gefallen zu tun, denn inzwischen befinde ich mich ja nicht mehr im Kampf für eine musikalische Erneuerung des Kirchengesangs. Ich kann sogar gestehen, dass nicht alles, was wir damals singen mussten, hässlich ist. Nun ja, „Auf Brüder, glauben heisst siegen“ wird wohl nie mein Lieblingslied und ich werde es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten auch nie vorsingen, aus Angst, dass es sein neues Lieblingsslied werden könnte. Aber ich habe mich arrangiert damit, dass unsere Kinder ein unverkrampfteres Verhältnis zu den Dingen haben, die für uns damals so schlimm waren. Was für uns Zwang war, ist für sie eine Stilrichtung von vielen, was für uns zu verstaubt daherkam,  erleben sie als spannende Ergänzung zu dem Einheitsbrei, mit dem meine Generation sich oft zufrieden gibt.

Eine leise Angst kommt dennoch auf, wenn die Kleinen so auf die alten Lieder fliegen: Was, wenn sie dabei bleiben, wenn sie in ihren wilden Jahren einen Aufstand machen, so wie wir damals, nur mit dem umgekehrten Ziel, nämlich das Kirchengesangbuch wieder einzuführen? Muss ich dann im Alter wieder die gleichen Lieder singen wie in meiner Jugend? Oder werden sie gnädig sein mit uns und sagen: „Ach kommt, lassen wir heute die Orgel wiedermal weg und nehmen wir das Schlagzeug hervor. Wir können den armen Alten doch nicht alles wegnehmen, was ihnen lieb ist…“

Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

So geht das nicht, Mama Venditti

Ein paar Tage lang mag es völlig okay sein, dass die Arbeit an erster Stelle steht. In Krisensituationen, oder wenn ein wichtiger Anlass bevorsteht, oder wenn man eine Sache auf einen bestimmten Termin hin abschliessen muss. Irgendwann aber muss wieder Schluss sein damit und die Familie muss wieder oberste Priorität haben. Bei mir dauert es jeweils ziemlich lange, bis mir dämmert, dass es jetzt wieder Zeit zum Umdenken ist. Meist braucht es ein einschneidendes Erlebnis, das mich aufrüttelt. 

Heute, zum Beispiel, als ich am Vormittag mit dem Prinzchen Griesspudding für die Kinder, die jeweils am öffentlichen Mittagstisch essen, zubereitete. In meiner eigenen Küche, mit Milch, Butter und Eiern aus unserem Kühlschrank, mit Griess, Salz und Zucker aus unserem Vorratsschrank, mit Zitronenschale aus unserer Obstschale – und mit zwei Zimtstangen, die der Arbeitgeber bezahlt hat. Was ja nicht weiter schlimm ist, denn es macht viel mehr Spass, mit dem Prinzchen gemütlich am Herd zu stehen und zu kochen, als an einem freien Tag zur Arbeit zu hetzen und dort in der Küche alle nervös zu machen mit meinem Chaos. Dass die Zutaten aus dem eigenen Vorrat stammen, stört mich auch nicht, denn bei den Mengen, die wir verbrauchen, fällt das nicht ins Gewicht. Was mich aber ernsthaft beunruhigt, sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ist es okay, wenn ich einen Teil des Puddings unseren eigenen Kindern serviere? Wäre es nicht anständiger, das Überschüssige meinen Arbeitskolleginnen zu überlassen? Und warum erkläre ich schliesslich dem Prinzchen laut und deutlich, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn wir auch von dem Pudding essen, da die Zutaten ja aus unserer Küche stammen? Gerade so, als müsste ich mich gegenüber einem unsichtbaren Beobachter rechtfertigen. 

Nein, so kann das nicht weitergehen, Frau Venditti. Zuallererst bist du Mutter und alles andere kommt nachher. Und wenn du das vergessen hast, dann ist es jetzt höchste Zeit, dich wieder daran zu erinnern. Denn wenn du deinen Kindern den Griesspudding nicht gibst, dann holen sie ihn sich anderswo…

Das haben wir uns also dabei gedacht

Nachdem ich mich neulich eingehend mit unserem aus dem Lot geratenen Budget befasste und mir überlegte, wo denn das ganze Geld hingekommen war, stellte ich schnell einmal fest, was wir falsch gemacht hatten: Zu viele Ferien. „Das kann’s doch einfach nicht mehr sein“, schalt ich mich. „Man kann sich  auch zu Hause erholen. Dieses Jahr gehen wir nirgendwo hin. Was haben wir uns bloss dabei gedacht, so oft zu verreisen?“

Heute, nach zwei Wochen Schulferien zu Hause bei ziemlich ungemütlichem Wetter, ist mir wieder klar, was wir uns dabei gedacht hatten, als wir letztes Jahr jede Gelegenheit zur Flucht genützt hatten. Ferientage zu Hause sind schlicht unerträglich. Nein, das liegt nicht an den streitenden Kindern. Damit muss man einfach klarkommen, wenn man sich für Kinder entschieden hat. Auch das Wetter ist nicht das eigentliche Problem, denn beim Wetter muss man nehmen, was man bekommt, weil man sonst unzufrieden und griesgrämig wird. Auch über Langeweile möchte ich mich nicht beklagen, denn mit vielen netten Gästen und diversen Kindern, die zum Übernachten hier waren, war für ausreichend Abwechslung gesorgt.

Nein, das Problem war das Büro. Dass nur die Familie, ich aber keine Ferien hatte, hätte keine Rolle spielen müssen, da ich ja nicht Vollzeit arbeite. Aber aus Teilzeit wird schnell einmal Beinahe-Vollzeit, wenn a) der Papa zu Hause ist und man es mit der Pünktlichkeit beim Heimkommen nicht so genau nehmen muss und b) das Büro so nahe ist, dass man abends „nur noch ganz schnell etwas erledigen“ kann. Ach, und wenn man schon so schön am Arbeiten ist, kann man doch gleich noch von zu Hause aus das eine oder andere fertig machen… Tja, und dann war ich irgendwann ganz schön gestresst und alles andere als erholt.

Der Fall ist klar: Entweder lerne ich jetzt ganz schnell, mich gegen die Arbeit abzugrenzen, wenn wir während der Schulferien zu Hause bleiben. Oder aber ich lerne endlich, wie man richtig viel Geld verdient, damit wir verreisen können, wann immer wir dem Alltag ausweichen möchten.