Erste Eindrücke

Viel lässt sich so kurz nach der Ankunft natürlich noch nicht sagen, aber ein paar erste Eindrücke kann ich schon mal weitergeben:

  • Gestern hat „Meiner“ schon mal zwei Kohlköpfe geschenkt bekommen, weil die nach Ladenschluss im Abfall gelandet wären. Und im Supermarché hat man uns heute Morgen nach dem ersten Großeinkauf an der Kasse herzlich willkommen geheissen. Irgendwie hatte ich die Franzosen unfreundlicher in Erinnerung. Aber halt, das hier sind nicht „français“, die sind „provençal“, wie man uns gegenüber in den vergangenen 24 Stunden bereits mehrmals betont hat. 
  • Das mit den öffentlichen WCs haben sie noch immer nicht im Griff, unsere gallischen Nachbarn, aber immerhin haben sie jetz bequemere Kopfkissen als früher. 
  • Wirklich entspannend, wenn man beim Einkauf sagen kann: „Ihr wollt Erdbeeren und Tomaten? Okay, greift zu, das Zeug kommt aus der Gegend.“ Zu Hause hätte ich bei den Erdbeeren noch mindestens einen Monat lang hart bleiben müssen, bei den Tomaten noch länger. 
  • Manchmal sind Ferienhäuser schöner, als auf den Fotos, aufgrund derer man sich zur Buchung entschieden hat. 
  • „Meiner“ und ich wären ja eigentlich lieber nach Stockholm gefahren, aber hier ist es tatsächlich auch ganz nett. Musste sogar Luise zugeben und die wollte anfänglich weder nach Stockholm noch in die Provence, sonder einfach zu Hause bleiben und mit ihren Freundinnen WhatsApp-Nachrichten austauschen. 
  • Wenn’s einen Pool hat, ist für unsere Kinder kein Wasser und kein Wind zu kalt. Unsere Vermieter sind ziemlich beeindruckt ob dieser Unverfrorenheit, aber die wissen eben nicht, wie kalt es jetzt bei uns zu Hause ist. 

 

(Prager) Erkenntnisse

Ich nehme ja nicht an, dass sich jemand Sorgen gemacht hat, weshalb hier aussergewöhnlich lange nichts Neues zu lesen war, aber falls doch, kann ich hiermit die beruhigende Ankündigung machen, dass wir nicht in Prag verschollen sind. Zwar hatte ich gestern Abend, als wir bei Dauerregen über die deutschen Autobahnen schlichen, zuweilen das Gefühl, die Fahrt würde nie ein Ende nehmen, aber irgendwann, kurz nach Mitternacht und nachdem unser Au Pair schon ganz besorgt angerufen hatte, wo wir denn so lange bleiben würden, kamen wir dann doch wieder wohlbehalten zu Hause an. Wir brachten nicht nur aussergewöhnlich viele Souvenirs mit nach Hause – Prag scheint ganz zu unserem Budget zu passen – sondern auch einige Erkenntnisse, die ich gerne mit euch teile. Hier also wären sie, wild durcheinander übrigens, weil ich noch keine Zeit hatte, sie zu sortieren, etikettieren und schubladisieren:

1. Prag ist und bleibt die schönste Stadt auf diesem Planeten. Okay, ich weiss, das habe ich am Freitag schon geschrieben, aber es stimmt auch heute noch.
2. Ich liebe unsere Kinder. Ja, ich weiss, auch das ist nicht neu, aber nach drei Tagen ohne sie bin ich wieder so begeistert von ihnen wie damals, als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt.
3. Weil unsere Kinder und Prag beide so grossartig sind, müssen wir unbedingt ein Treffen zwischen den beiden arrangieren. Und zwar so bald als möglich, denn wir glauben, dass sie perfekt zueinander passen. Das bedeutet, dass wir unseren Traum, mal endlich im Norden Ferien zu machen, wohl noch etwas länger aufschieben werden und uns im nächsten Sommer eher Richtung Osten bewegen werden. Unser Budget wird es uns danken.
4. Wir hätten durchaus auch länger wegbleiben dürfen. Karlsson hat sich gestern in den Schlaf geweint, weil er „nur so kurz“ beim Grossvater bleiben durfte und ich glaube, wenn man es dem Zoowärter angeboten hätte, dann hätte er sich vom Fleck weg von seiner Patentante adoptieren lassen.
5. Prag inspiriert uns. „Meiner“ und ich sind einmal mehr mit tausend neuen Ideen nach Hause gekommen. Und diesmal werden wir sie auch ganz bestimmt umsetzen…
6. Auch wenn sich alle anderen Inspirationen verflüchtigen sollten, diese wird bleiben: Kartoffelsuppe in Brot serviert. Spätestens übermorgen kommt das bei uns auf den Tisch, denn etwas Besseres habe ich noch selten gegessen.
7. Kümmel ist ein ekelhaftes Gewürz. Aber Kümmel in Kartoffelsuppe in Brot schmeckt himmlisch.
8. „Meiner“ und ich können noch immer tagelang miteinander quatschen, philosophieren, lachen, geniessen, lästern und klönen. Einfach wunderbar, dass wir uns nach so vielen Jahren noch immer so viel zu sagen haben.
9. Wenn „Meiner“ und ich ein freies Wochenende haben streiten wir uns – im Gegensatz zu den meisten Paaren – nie. Dazu ist uns die freie Zeit einfach zu kostbar.
10. Wenn „Meiner“ und ich von einem wunderbaren freien Wochenende, an dem wir das Leben zu zweit in vollen Zügen genossen haben, zurück in den Alltag kommen, dann dauert es keine zwei Minuten, ehe wir uns in den Haaren liegen. Und dann kommt es doch tatsächlich vor, dass die zwei, die gestern noch Händchen haltend über den Wenzelsplatz geschlendert sind, einander heute so laut anbrüllen, dass das Au Pair schnell das Weite sucht. Ich glaube, sie hat gerade noch mitgekriegt, wie die eine Hälfte von uns beiden – es war nicht die Männliche – voller Wut einen Dessertteller auf den Fussboden schmetterte.
11. Ich werde es wohl nie fassen können, dass wir heute ohne nur einmal einen Pass zeigen zu müssen, in ein Land reisen können, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch völlig unerreichbar gewesen wäre.
12. Ich werde es wohl nie fassen könne, dass es Touristen gibt, die durch die Hauptstadt dieses Landes gehen können, ohne nur einen Moment lang daran zu denken, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit keinen Fuss auf diesen Boden hätten setzen können.
13. Ich werde es wohl noch ganz lange nicht fassen können, dass ich diesmal in Prag keinen einzigen Knödel und schon gar keine panierten Champignons gegessen habe. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil ich sie – zumindest in fleischloser Form – auf keiner Speisekarte mehr finden konnte.
14. Dafür werde ich den Genuss, den ich verspürte, als ich zum ersten Mal einen Trdelnik kostete, nicht so bald wieder vergessen.
15. Wenn man sich im Zeitalter von GPS im Grossraum Stuttgart verfährt und deswegen mal kurz in einer Sackgasse Halt macht, um die Karte auf dem iPad zu konsultieren, dann macht man sich damit so verdächtig, dass keine drei Minuten vergehen, ehe die Deutsche Polizei zur Stelle ist, um einen bis in jedes Detail auszufragen.
16. Es gibt viele Menschen, die diese Stadt ebenso lieben wie wir. Einige dieser Menschen haben Bücher geschrieben über diese Liebe. Und eines dieser Bücher ist mir zufällig in die Hände geraten und ich werde es nicht so schnell wieder hergeben.

 

Das schaffe ich doch mit links…

Meine Naivität scheint einfach keine Grenzen zu kennen. Da reise ich mit drei Kindern, einem Kinderwagen und drei Taschen im Zug nach Chamonix – „Meiner“ fährt mit dem Prinzchen und Karlsson im Auto –  und glaube allen Ernstes daran, ich könne unterwegs noch Zeitung lesen. Okay, gewöhnlich bin  ich mit fünf Kindern unterwegs, und drei Kinder sind zwei weniger als sonst, aber es sind dennoch drei Kinder und nicht drei Bücher, oder drei Einkaufstaschen, oder drei Velos. Entsprechend ist der Stress auch nicht gerade klein. Und dass wir fünfmal umsteigen müssen, erleichtert die Sache nicht unbedingt.

Es fängt schon beim Einkaufen des Proviants an. Das heisst, der Proviant ist schnell erledigt. Die Auswahl der Reiselektüre ist da schon schwieriger. Doch weil wir bis vorgestern noch nicht sicher waren, ob der Zoowärter überhaupt reisen darf, verliefen die Vorbereitungen etwas überstürzter als sonst. Und so stehe ich vor dem Regal, schaue entnervt auf die Uhr und warte, bis sich Luise und der FeuerwerRitterRömerPirat entschliessen können. Weil die Zeit drängt, verlasse ich den Laden mit einem Papa Moll-Buch und einem Disney-Schinken. Himmel, wie tief kann man denn noch sinken? Aber ich habe keine Zeit, mir weiter über mein gesunkenes Niveau den Kopf zu zerbrechen, denn jetzt müssen wir zum Bahnhof rennen.

Die Reise ist dann das Übliche: Kinderwagen in den Zug hieven, schimpfen wie ein Wald voller Affen, weil sich das Vorderrad verkeilt hat und einem keiner hilft, Sandwiches auspacken und von den Sitzen kratzen, wenn sie runtergefallen sind, aufs WC rennen mit dem Zoowärter, während Luise auf den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufpasst, Kakao aufwischen,  der in der Tasche mit den Stofftieren ausgelaufen ist, den Zoowärter zurechtweisen, weil er im überfüllten Familienwagen ein Mädchen gebissen hat, die Mutter des Mädchens ankeifen, ich würde mich selber um die Erziehung des Zoowärters kümmern, sie müsse ihm keine Sanktionen androhen, Saft aufwischen, den  FeuwerwehrRitterRömerPiraten daran hindern, auf dem Polster herumzuhüpfen, die Sitznachbarin anlächeln, weil sie die Kinder so süss findet, Luise trösten, weil ihr geliebter Stoffhase im Auto reist und zwischendurch mal immer wieder tiiiiieeeef seufzen.

Erstaunlicherweise bringen wir die Reise dennoch ohne grössere Zwischenfälle hinter uns, wenn man mal davon absieht, dass wir beinahe in Vallorcine gestrandet wären, weil für die SBB das Überqueren der Schweizergrenze gleichbedeutend ist mit Umsteigen in einen anderen Zug.  Aber eben, wir sind nur beinahe gestrandet und deshalb habe ich jetzt endlich Zeit und Musse, die gestrige Zeitung zu lesen, die im Zug aus mir völlig unverständlichen Gründen ungelesen geblieben ist.

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