Heute

Der letzte erste Kindergartentag.

Der erste Kindergartentag bei einer Lehrerin, die nur eines unserer Kinder unterrichten wird.

Der vierte erste Schultag bei den gleichen Lehrerinnen. 

Der dritte erste Schultag bei der gleichen Lehrerin.

Der zweite erste Schultag beim gleichen Lehrer.

Der erste erste Schultag an der Oberstufe.

Der erste erste Schultag an dem „Meiner“ dabei sein konnte, weil sein erster Schultag mit seinen ersten Erstklässlern erst später anfing. 

Der erste Schultag überhaupt, an dem der FeuerwehrRitterRömerPirat freudenstrahlend nach Hause kam und sogleich seine Hausaufgaben erledigen wollte.

Der erste erste Schultag an dem der Älteste als Erster wieder zu Hause war.

Der erste erste Schultag, an dem ich eine der wenigen Mütter ohne quengelndes Kleinkind im Schlepptau war.

Der erste erste Kindergartentag, an dem unser Kind ab der ersten Minute schon voll dabei war und ab der fünften Minute der Lehrerin von seinen Sommerferien zu erzählen anfing. 

Der erste erste Kindergarten- und Schultag, an dem ich einfach nicht richtig sentimental werden wollte, weil ich das alles schon so oft mitgemacht habe.

Der erste erste Schultag, an dem ich alleine nach Hause ging, nachdem alle abgeliefert waren.

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Dringend zu erledigen

  • Mandarin lernen, von mir aus auch Finnisch oder Hebräisch. Einfach etwas, was unsere Kinder nicht verstehen können. „Meiner“ und ich riskieren bereits jetzt viel, wenn wir auf Englisch an unseren Kindern vorbei kommunizieren wollen, doch wenn Karlsson und Luise nun Englischunterricht bekommen, ist es endgültig vorbei mit der angelsächsischen Redefreiheit.
  • Mich endlich entscheiden, ob ich heulen oder jubeln soll, weil morgen nach fast dreizehn  Jahren mit stets mindestens einem Kleinkind im Haus ein neuer Lebensabschnitt anfängt.
  • Herausfinden, wann dieser Zahnarzttermin ist und zwar bevor ich ihn verpasst habe.
  • Diese elenden Katzenflöhe, die unser Schlafzimmer annektiert haben und „Meinen“ und mich dazu zwingen, im Wohnzimmer zu übernachten, ein für allemal in die Flucht schlagen. 
  • Reitstunden für Luise organisieren. Wenn dieses Kind nicht endlich ein Pferd unter seinen Hintern bekommt, treibt es mich noch in den Wahnsinn.
  • Den Monat August irgendwie abkürzen, damit das Loch, das die Ferienreise in die Kasse gerissen hat, wieder aufgefüllt wird.
  • Nachschlagen, wie hoch der Eifelturm ist. Ich hab’s dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schon tausendmal versprochen und auch schon zwei oder dreimal getan, aber diese blöde Zahl will einfach nicht in meinem Kopf bleiben.
  • Dem Zoowärter und dem Prinzchen „Michel aus Lönneberga“, „Karlsson vom Dach“ und „Pippi Langstrumpf“ fertig erzählen. Wenn ich bloss noch wüsste, bei welchem Buch wir bei welchem Kapitel stehengeblieben sind…
  • Eine gewisse Routine beim Bewältigen des Alltags finden. Oder aber mich entscheiden, ob ich diese Routine überhaupt wieder will, oder ob wir alles anders machen sollen als vor den Ferien. 
  • Diese Mail beantworten und das Formular mit den Kakaoflecken ausfüllen und die Reklamation anbringen und das kaputte Ding entsorgen und die Unterlagen zusammensuchen und die anderen Unterlagen wegräumen, ehe sie auch noch Kakaoflecken bekommen…
  • Die Welt verändern. Keine Ahnung wie, aber irgendwie müsste das doch zu schaffen sein. 
  • Katzenfutter kaufen.

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Bildungsfragen

Als ich noch in streng konservativen christlichen Kreisen verkehrte, wurde ich manchmal gefragt, wozu ich überhaupt eine Matura machen wolle, als Frau würde ich mich früher oder später ohnehin um die Kinder kümmern. Später, als ich an der Uni war, bekam ich die gleichen Fragen wieder zu hören, diesmal einfach mit leicht aggressivem Unterton. Ja, ich weiss, ihr glaubt mir nicht. Ihr denkt wohl, ich könne unmöglich so alt sein, dass ich mich noch mit solchen Vorwürfen hätte herumquälen müssen. Doch die Kreise, in denen ich mich in den Neunzigern bewegte, waren ziemlich konservativ und sie blieben es auch, als ich schon längst begriffen hatte, dass ich mit solchen Ansichten nicht leben konnte.

Doch darüber möchte ich ja eigentlich gar nicht schreiben, sondern viel eher über die Frage, wie ich ohne diese vielen Ausbildungsjahre und den Mann mit der pädagogischen Ausbildung unsere Kinder je unterstützen könnte. Wie kann es sein, dass ein sprachlich absolut nicht unbegabtes Kind nach zwei Jahren Kindergarten und vier Jahren Primarschule noch nicht einmal eine Postkarte fehlerfrei schreiben kann? Was ist falsch gelaufen, wenn ich einem durchaus intelligenten Kind nach zwei Jahren Kindergarten und zwei Jahren Schule erklären muss, welche Wortarten man gross schreibt und welche klein? Wie kommt es, dass „Meiner“ und ich peinlich genau überprüfen müssen, was Töchterchen im Französisch lernt, weil sie schon zu viele falsche Satzstrukturen gelehrt bekommen hat? Wo würden unsere Kinder in der Mathematik stehen, wenn nicht „Meiner“ den ganzen Stoff zu Hause noch einmal mit ihnen durchackern würde? Wenn er nicht die Fragen beantworten würde, die nach den spärlichen Erklärungen des Lehrers noch geblieben sind? Werde ich das Gleiche tun müssen, wenn Karlsson und Luise nach den Sommerferien Englisch lernen?

Und warum in aller Welt schlagen die Lehrer immer nur dann Alarm, wenn ein Blatt ein paar Tage zu spät abgegeben wird, jedoch nie, wenn das mit der Rechtschreibung einfach nicht im Kopf bleiben will? Warum müssen wir das Material selber zusammensuchen, wenn Vertiefung nötig ist? Was hätten unsere Kinder ohne unsere Unterstützung gelernt, ohne die bestimmt nicht immer akkuraten Antworten, die wir ihnen geben, ohne die Geschichten, den Garten, die Haustiere, die Ferienaufenthalte, die Ausflüge, ohne die Bücher und Zeitschriften, die bei uns überall herumliegen und für noch mehr Unordnung sorgen? Klar müssen Schule und Elternhaus einander ergänzen, aber ich frage mich allmählich, was bliebe, wenn das, was wir beitragen, wegfiele. Und warum müssen all diese Fragen ausgerechnet in den Sommerferien über mich hereinbrechen?

Natürlich sind Matura und Uni keine Voraussetzungen, um Kinder grossziehen zu können, wie das mit unseren Kindern an unserer Schule gutgehen sollte, kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.

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Dialog am frühen Morgen

Mama: „Zoowärter, weisst du denn schon, was es heute zum Abschiedsessen im Kindergarten gibt?“

Zoowärter (noch ziemlich verschlafen): „Süssigkeiten…“

Mama: „Süssigkeiten? Soooo fein. Und was gibt es sonst noch?“

Zoowärter (überlegt lange): „Ketchup.“

Mama: „Und was noch?“

Zoowärter (überlegt wieder lange): „Pommes Chips.“

Mama: „Toll! Und was noch?“

Zoowärter: „Mayonnaise.“

Mama: „So ein tolles Menü für eine Abschiedsparty. Gibt es denn sonst noch etwas?“

Zoowärter (wie aus der Pistole geschossen, zumindest, wenn man bedenkt, dass er noch nicht ganz wach ist): „Wenn wir alles Ungesunde aufgegessen haben, dann essen wir Früchte.“

In den vergangenen Monaten habe ich viel gewettert über die Volksschule, aber solange es noch Kindergärtnerinnen gibt, die sich mutig über den „Wir machen immer alles auf den Punkt genau nach Vorschrift“-Wahn hinwegsetzen, ist noch nicht alles verloren. Ich bitte um einen grossen Applaus für die zwei tapferen Heldinnen.

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Programmänderung

Weil es in unserer Wohngemeinde seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist, dass es am Wochenende, an dem das Schulhausfest stattfindet, geregnet hat, hat man irgendwann damit aufgehört, ein Schlechtwetterprogramm vorzubereiten. Wenn die Wetterfrösche zu Beginn der Woche auf Samstag eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Regen voraussagen, nimmt dieser Prognose keiner so richtig ernst, denn die Erfahrung zeigt, dass es an diesem bestimmten Wochenende gar nicht regnen kann. Es wird heiss sein, wie immer. Der Wetterdienst aber hält stur an seiner Prognose fest und irgendwann, am Freitagmorgen überlegen sich die Verantwortlichen, ob sie vielleicht doch allmählich eine Schlechtwettervariante präsentieren müssen. 

Diese Schlechtwettervariante sieht dann so aus: Das Rennen um den Titel des schnellsten Läufers des Jahrgangs wird abgesagt, oder vielleicht auch auf nach den Sommerferien verschoben, das weiss man jetzt noch nicht so genau, wir werden dann sehen. Die vorbereiteten Spiele finden nicht statt, die Vorführungen, für welche die Schüler geübt haben, jedoch schon und zwar im Casinosaal, ääääh, nein, vielleicht ist das Kirchgemeindehaus doch besser geeignet, dann machen wir es doch dort. Die Verpflegung, die man für hunderte von Schülern eingekauft hat, wird im Klassenverband gestaffelt eingenommen, damit kein Gedränge entsteht. Die Kindergärtner versammeln sich um 11 Uhr bei der Kirche und werden dort um 11:45 wieder entlassen. Die Viertklässler treffen sich 45 Minuten später beim Schulhaus, die Sechstklässler um 12 Uhr beim Hauswirtschaftsschulhaus. Bei den Zweitklässlern steht dort, wo stehen sollten, wann sie wo ihr Essen bekommen sollen „Siehe 2. Brief!“ und im zweiten Brief erfährt man, dass die Kinder um 11 Uhr im Schulzimmer erwartet und irgendwann – die Zeit wird nicht angegeben – beim Hauswirtschaftsschulhaus wieder entlassen werden. Gott sei Dank habe ich erst vier schulpflichtige Kinder, sonst könnte die Sache ein wenig unüberschaubar werden.

Schülerdisco und Werkausstellung finden statt und die Zweitklässler sind gebeten, ihre ausgestellten Gegenstände am Sonntagnachmittag wieder abzuholen. Die Sechstklässler sollen dies bitte erst am Montagmorgen vor Unterrichtsbeginn tun, bei den Viertklässlern weiss keiner so recht, wann der richtige Zeitpunkt zum Abholen gekommen ist. Und wir bedauernswerten Eltern sind darum gebeten, gemeinsam mit den bedauernswerten Lehrern den Überblick nicht zu verlieren, damit die bedauernswerten Kinder doch noch so etwas wie ein Fest erleben dürfen. Glaubt mir, ich bin von Herzen froh, dass die Wetterfrösche das heutige Wetter richtig vorausgesagt haben. Man stelle sich das Chaos vor, das entstanden wäre, hätte man eine Programmänderung an der Programmänderung vornehmen müssen.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder übertreiben? Dann müsst ihr es eben mit euren eigenen Augen sehen:

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Wir haben noch zu tun…

Wenn ich euch jetzt sage, dass ich ein  wenig gestresst bin weil…

…das Schuljahr zu Ende geht, alle Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben und darum in die letzten Tage noch Prüfungen, Schulreisen und Sonderprojekte gequetscht sein wollen,
…“Meiner“ nach den Sommerferien eine neue Klasse übernimmt und deshalb mehr in der Schule als zu Hause ist,
…die Kätzchen sich weigern, stubenrein zu werden,
…die Buchprojekte noch einen allerletzten Schliff nötig hatten,
…die Ferien vorbereitet sein wollen, damit wir auch wirklich einen Monat lang voll und ganz weg sein können,
…vorher unbedingt noch ein paar Schreibaufträge erledigt sein wollen,
…der Garten auf meine Abwesenheit vorbereitet werden muss,
…das Prinzchen beim Zahnarzt noch einmal seine Zähne zeigen muss,
…zwei Freundinnen angekündigt haben, dass sie mir vor den Ferien unbedingt noch das Herz ausschütten möchten,
…die Kinder einerseits übermüdet, andererseits aber auch völlig aufgedreht sind,
…am Samstag Schulhausfest ist, wo unsere Kinder entweder sein wollen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt und bitte keine Sekunde zu spät sein müssen,

…dann nickt ihr jetzt alle verständnisvoll, denn ihr wisst genau, wie es an solchen Tagen in einem mütterlichen Gehirn aussieht. Nämlich so:

„Luise sollte noch abgefragt werden, aber zuerst muss ich noch die Katzensch…, Mist, jetzt hat schon wieder eines auf den Fussboden gepinkelt… oh je, kein Kakaopulver mehr, muss ich noch einkaufen, Milch, Joghurt und Käse auch, aber auf keine Fall zu viel, sonst muss ich das Zeug vor den Ferien wieder verschenken und es ist doch keiner zu Hause…Wie soll ich bloss Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter beibringen, dass wir nicht bereit sind, das ganze Set mit Portrait- und Klassenfotos zu kaufen? 57 Franken pro Kind ist ganz schön viel und die wollen einem ja noch Mausmatten mit dem Kinderfoto andrehen. Was sollten wir auch mit vier Mausmatten anfangen? Heutzutage hat doch keiner mehr Mausmatten…Wer ruft denn um diese Zeit schon an? Wird wohl für Familie Hamchiti sein, lassen wir es läuten…Warum bringen es unsere Kinder noch immer nicht fertig, sich ihre Unterwäsche selber zu holen? Als ich in Prinzchens Alter war…ach, was soll’s, ich muss mir ja auch noch Kleider holen gehen…Himmel, dieser Wäscheberg, der muss auch noch abgetragen werden, ehe wir verreisen, hmmm, die Badezimmer müssen auch noch geputzt werden, könnte ich heute Nachmittag machen, wenn „Meiner“…nein, das geht gar nicht, „Meiner“ bleibt ja heute länger in der Schule, weil er die Eltern seiner Schüler…Aber was mache ich dann mit Luise? Die muss doch um halb zwei…aber um halb zwei hätte ich diesen Termin. Was mache ich da bloss? Natürlich mal wieder verschieben, meine Arbeit muss ja immer hinten anstehen…mal sehen, wann ginge es denn sonst noch? Am Freitag? Da hat „Meiner“ noch Elterngespräche…dann eben am Montag? Geht auch nicht, dann machen wir noch das Geschenk für die Lehrerin – stimmt, ich muss ja noch Kaffeesirup einkochen – also, Montag geht auch nicht, Dienstag auch nicht, dann habe ich diesen Termin in Zürich…dann wird es eben Mittwoch, aber ich muss Prinzchens Zahnarzttermin verschieben…Ach ja, ein Dauerrezept für meine Asthma-Medikamente muss ich noch bestellen und die Bücher für „Meinen“ und dann brauchen wir noch Katzen-, Vogel- und Wachtelfutter für vier Wochen…was machen wir eigentlich mit all den Eiern, die die Wachteln legen, wenn wir in Schweden sind?…So ein blöder Mist! Luise braucht noch ein Picknick für die Schulreise…Wann geht denn eigentlich Karlsson auf die Schulreise? In zehn Tagen sind Sommerferien und der Lehrer hat noch immer kein Datum bekannt gegeben…So, jetzt müssen die aber wirklich los, sonst kommen sie zu spät. Und Zoowärter muss noch die Schnecken mitnehmen, die er vorgestern für den Kindergarten gesammelt hat, sonst gehen die armen Viecher noch ein in der engen Box…oder sie finden einen Ausweg und plötzlich habe ich die Küche voller Weinbergschnecken…Hmmm, was koche ich eigentlich heute? Nichts, das viel Zeit braucht, ich muss ja noch diese Kolumne…ich hoffe bloss, die anderen wecken das Prinzchen nicht auf, sonst schaffe ich den Text wieder nicht bis zum Abgabeter…Bravo! Prinzchen ist wach! Warum um Himmels Willen müssen die immer so laut sein am Morgen? Das wird mir wieder ein Spass mit dieser Kolumne…Mails sollte ich auch noch beantworten, die Leute glauben bestimmt schon, ich hätte sie vergessen…stimmt, die Rechnungen noch…und die Juniorkarte für die Kinder…und Reiseproviant…Geld wechseln, wenn nach den Rechnungen noch etwas da ist…nachfragen, warum mein E-Banking nicht funktioniert…Betten frisch beziehen…Katzenstreu kaufen…und jetzt klingelt es auch noch an der Türe und ich freue mich ja eigentlich so, dass jemand mit mir Kaffee trinken möchte, aber ich muss doch unbedingt noch einkaufen bevor…“

Und das alles, bevor der Tag überhaupt richtig angefangen hat…

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Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Lieber Herr Pöstler

Glauben Sie mir, Fronleichnam geht an meinem Allerwertesten vorbei. Wäre ich katholisch, würde ich vielleicht frühmorgens aus dem Bett hüpfen, um mich für die Prozession bereit zu machen, aber ich bin protestantisch-freikirchlich veranlagt und bleibe deswegen ganz gerne liegen, wenn die Kinder schon mal nicht aus dem Haus müssen. Das Liegenbleiben ist eigentlich das einzige, was mir an diesem Tag Spass macht, denn mit einem Mann, der im protestantischen Teil des Kantons Aargau unterrichtet und fünf Kindern, die im ziemlich katholischen Kanton Solothurn nicht nur einen freien Tag bekommen, sondern gleich wieder eine viertägige Brücke, bringt mir dieser Tag nur Zusatzarbeit.

Ja, ich weiss, man kann nicht immer all die komplizierten Familienverhältnisse der Leute berücksichtigen, wenn man die Aufgabe hat, Post und Pakete auszutragen und es ist auch voll und ganz unfair, dass Sie heute arbeiten müssen, wo doch fast alle anderen frei haben. Und das Paket, das Sie mir heute früh in den Eingang gestellt haben, habe ich tatsächlich sehnsüchtig erwartet und auch wenn ich weiss, dass es noch Jahre dauern wird, bis die bestellte Vanille-Orchidee blüht, freue ich mich doch jetzt schon darüber wie ein kleines Kind. 

Dennoch muss ich Sie fragen, ob es wirklich unvermeidbar war, noch ausdauernd auf die Klingel zu drücken, ehe Sie wieder weitergefahren sind. Ist das Dienstvorschrift, oder haben Sie das einfach nur getan, um irgend jemandem eins auszuwischen, weil Ihr Arbeitgeber Sie dazu zwingt, an einem Feiertag der verhätschelten Kundschaft Vanille-Orchideen und andere Luxusgüter auszutragen? Also ich hätte gerne einen Tag länger auf das Paket gewartet, wenn Sie mich dafür hätten schlafen lassen. Wenn Sie wollen, dürfen Sie das Ihrem Chef gerne ausrichten.

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Flüster-Panik

Natürlich ist mal wieder die Schule Schuld, genauer gesagt eine Lehrerin, die den Kindern vor einiger Zeit völlig zu Recht erklärt hat, flüstern sei für die Stimmbänder äusserst ungesund. Kann ich voll und ganz verstehen, das ewige Geflüster würde mir auch auf die Nerven fallen, stünde ich Tag für Tag vor einer Klasse. Nun nimmt aber Luise ihre Lehrerin immer dann besonders ernst, wenn sie nicht gerade Hausaufgaben aufgibt oder sie zu mehr Fleiss in der Mathematik ermahnt und darum hat sie sich die Sache mit dem Flüstern sehr zu Herzen genommen.

Als wir nun gestern Abend allen Kindern mit Ausnahme von Karlsson, der lieber seine Ruhe haben wollte, erlaubten, gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen, stellten wir irgendwann die Bedingung, dass nur noch geflüstert wird, weil sonst einfach nie Ruhe einkehren würde. Eine Weile lang hielten sie sich daran, dann kam Luise ins Wohnzimmer geschlichen: „Aber Mama, die Lehrerin hat gesagt, flüstern sei nicht gut für die Stimme. Wenn wir jetzt den ganzen Abend flüstern müssen, machen wir unsere Stimme kaputt.“ „Ja, meine liebe Luise, da hatte deine Lehrerin natürlich vollkommen Recht, aber wenn ihr eine halbe Stunde flüstert, werdet ihr nicht gleich vollends verstummen. Und ihr könnt ja auch einfach leise reden, wichtig ist einfach, dass es endlich ruhiger wird.“

Mit dieser frohen Nachricht ging Luise ins Zimmer zurück, aber dort hatte sich die Flüster-Panik bereits breit gemacht. Was die grosse Schwester einmal gesagt hat, hat einfach mehr Gewicht als das, was die Mama entgegnet. „Ich will aber meine Stimme nicht verlieren“, klagte das Prinzchen. „Wir dürfen nie flüstern, Luises Lehrerin hat es gesagt“, mahnte der Zoowärter den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Immer aufgeregter und lauter wurde die Diskussion um die Gefahr des stimmlosen Redens und wir mussten mehrmals mit ziemlich viel Stimmeinsatz zur Ruhe mahnen. Als endlich alle schliefen, dachten wir, das Problem habe sich von selbst erledigt, doch heute Morgen wurden wir durch lautes Heulen geweckt. „Was ist denn mit dem Zoowärter los?“, fragten wir Luise, weil unser Zweitjüngster trotz mehrmaligen Nachfragens nichts als laute Schluchzer herausbrachte. „Er hat geflüstert“, erklärte Luise, „und jetzt fürchtet er, er habe seine Stimme verloren.“

Nach einigem Zureden brachten wir den Zoowärter endlich dazu, uns zu glauben; das Schluchzen hörte auf und er redete wieder, ein wenig heiser zwar, was nach dem langen Geschrei wenig verwunderlich war. Erstaunlich, dass der Zoowärter Luise und ihrer Lehrerin mehr Glauben schenkt als seiner eigenen Stimme, die schon am frühen Morgen durch Mark und Bein dringen kann, wenn ihr Besitzer fürchtet, sie verloren zu haben.

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Schulimpressionen

Natürlich gebe ich vor, nur wegen meiner eigenen Kinder zum Besuchstag zu gehen, in Wirklichkeit will ich bloss das Sozialverhalten der heutigen Jugend beobachten. Hier ein paar Beispiele, selbstverständlich mit geänderten Namen:

Die Pause ist vorbei, die Schüler begeben sich auf ihre Plätze, Julian kommt etwas zu spät, humpelnd. Meredith, seine linke Banknachbarin, geht zum Lavabo, um ihm aus Papierhandtüchern einen kühlenden Umschlag zu machen, den er auf sein schmerzendes Knie legen kann. Die Schüler holen ihre Laptops, Julian humpelt durchs Klassenzimmer, bittet den Lehrer um Salbe. Carmela, Julians rechte Banknachbarin startet ihm derweilen den Computer auf, loggt sich für ihn ein, sucht einige Bilder, die ihm für seinen Vortrag nützlich sein könnten, fügt sie in sein Arbeitsblatt ein und erklärt ihm, als er endlich wieder auf seinen Platz sitzt, was sie gemacht hat. Zum Dank tritt Julian Carmela wenig später gegen das Schienbein, zwickt sie in den Arm und lässt eine abwertende Bemerkung fallen. Carmela kichert und hilft ihm Augenblicke später schon wieder aus der Patsche, weil er nicht mehr weiter weiss. 

Zwei Kindergärtner sitzen am Tisch, malen konzentriert, drei weitere balancieren auf Holzbrettern, die auf eine Röhre gelegt sind. Nach einer Weile möchten sich auch die malenden Kinder ein wenig bewegen, es hat aber nur drei Balancier-Bretter. Was jetzt folgt, lässt mich zweifeln, ob ich wirklich wach bin, oder ob ich mich am Ende in einen Erziehungsratgeber verirrt habe: „Komm, wir wechseln uns ab. Du darfst zuerst“, sagt Eugène zu  Penelope. Eine Weile lang wechseln sich alle gegenseitig ab, die Stimmung ist äusserst friedlich. „Hör mal, Stefan“, wendet sich Eugène freundlich an seinen Spielkameraden, „du solltest jetzt weiter malen, sonst wirst du wieder nicht fertig.“ „Eugène hat Recht“, pflichtet Marcel seinem Freund bei und Stefan geht folgsam zu seinem Platz, wo er – etwas widerwillig zwar, aber doch ganz brav – seine Osterhasenbilder fertig ausmalt.

Die Hälfte der Klasse arbeitet am Laptop, die andere Hälfte hat Arbeitsblätter zu erledigen. Fabrice und Hakan – nicht die begeistertsten Schüler – haben sich mit ihren Geräten gleich neben mich gesetzt, im hintersten Winkel des Raums. Dass Prinzchen und ich ihnen unweigerlich über die Schultern schauen müssen, lässt sie vollkommen kalt, unbeirrt suchen sie das Internet nach „ugly fat people“ ab, sie lachen sich krank über die Gestalten, die sie aus dem Bildschirm angrinsen, scheren sich einen Dreck darum, dass der Lehrer sie zur Eile antreibt. Ich bin tief beeindruckt von den Zweien, denn obschon sie kaum einen fehlerfreien Satz auf Deutsch zu Papier bringen und die Klasse noch nicht eine einzige Lektion Englisch gehabt hat, wissen sie nicht nur, wie man „ugly fat people“ schreibt, sie sprechen es auch akzentfrei aus. Fabrice und Haken haben bereits begriffen, was ihre Schulkameraden erst nach Abschluss ihrer Schulzeit erkennen werden: Ein Grossteil des Schulwissens geht ohnehin verloren, bleiben wird nur das, was man im Leben weiterhin braucht. 

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