Grosse Tage

Ausgerechnet jetzt, wo es nur noch ein paar Tage bis zu Karlssons Schulabschluss sind, fällt mir dieses Bild von mir an meinem letzten Schultag in die Hände. Eine Aufräumaktion, wie sie in unserem Haus leider des Öfteren stattfinden muss, hat es zu Tage befördert und jetzt muss sich Karlsson natürlich wieder anhören, wie anders und wie viel besser solche Tage zu „unseren Zeiten“ noch waren.

„Wo bleibt bloss das Herzblut?“, fragte ich entrüstet, als er mir erzählte, sie hätten letzte Woche beschlossen, heute elegant, morgen als Nerds und übermorgen als Hippies zur Schule zu gehen, um sich gebührend von der Schule zu verabschieden. „So einen Entscheid fällt man doch nicht erst ein paar Tage vor dem letzten Schultag, so etwas will wochenlang leidenschaftlich ausdiskutiert werden“, erklärte ich meinem Ältesten und begann zu erzählen, wie das bei uns war. Wochenlang wurde darüber debattiert, wie wir uns mit Getöse verabschieden sollten. Streiche wurden ausgeheckt, Verse geschmiedet, Kassetten mit passender Musik aufgenommen. Ganze Nachmittage verbrachte ich, die handwerklich Ungeschickte, damit, meine Hose mit Glitzerfaden und Pailletten zu verzieren, damit ich mir einreden konnte, ich sähe aus wie ein waschechter Hippie. Eine Schulkameradin kam gar auf dem Pferd auf den Pausenhof geritten, weil so ihre Verkleidung am besten zur Geltung kam. 

„Auf den letzten Schultag bereitet man sich mit heiligem Ernst vor und nicht so halbherzig wie ihr. So ein Tag ist doch etwas ganz Besonderes, an den willst du für den Rest deines Lebens denken können“, dozierte ich, während ich in meinem Schrank nach Kleidungsstücken wühlte, die aus unserem gewöhnlich so seriösen Sohn ein Blumenkind machen sollen. Hätte ich nicht sehr bald eine passable Verkleidung für Karlsson gefunden, hätte ich tiefer im Schrank graben müssen und dann wäre mir bestimmt die Hose von damals in die Hände gefallen, denn die liegt dort irgendwo noch. 

Zum Glück blieb das gute Stück verborgen. Karlsson hätte sonst gesehen, wie stümperhaft meine Stickereien aussehen und dann würde er am Ende noch auf die Idee kommen, der grosse Tag sei in Wirklichkeit nicht halb so glanzvoll gewesen, wie ich ihn heute in Erinnerung habe. 

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Aufwind?

In grosser Runde sitzen wir jetzt also regelmässig beisammen. Der Lehrer, die Heilpädagogin, die Fachärztin, die Vertreterin des Kantons, die Eltern. Mit am Tisch, wenn auch nicht persönlich anwesend, die Gemeindepolitik, die sich für ein bestimmtes Schulmodell entschieden hat, die Finanzpolitik, die darauf achtet, dass nur derjenige Geld bekommt, der hieb- und stichfest beweisen kann, dass er wirklich nicht anders kann, das Schulsystem, das Mühe hat, mit Kindern klarzukommen, die zwar intelligent aber halt doch deutlich eingeschränkt sind. Dann natürlich das Kind selber, auch nicht persönlich anwesend, aber doch im Zentrum des Gesprächs. 

Man redet, verfasst Berichte, fragt sich, wie es ihm geht, was sich verbessert hat, wo neue Schwierigkeiten aufgetaucht sind, wägt ab, wie es weitergehen soll. Ein anstrengender Prozess, zuweilen auch schmerzhaft, vor allem, wenn man daran denkt, welche Chancen über die Jahre vergeben worden sind. 

Und doch auch ein Prozess, der Mut macht, denn endlich, nach all den Jahren, in denen man das Kind kritisiert und bestraft hat, steht sein Wohlergehen im Zentrum. Endlich sollen nicht mehr die Schwächen ausgemerzt, sondern die Stärken hervorgeholt werden. Endlich ist das Kind nicht mehr der störrische Gegner, sondern der mutige Kämpfer, der nicht vollends aufgegeben hat, sondern immer wieder neuen Anlauf genommen hat, um die vielen Dinge, die es eigentlich können möchte, doch noch zu lernen. Und endlich, nach so langer Zeit, redet man darüber, wie man ihm helfen könnte, damit es nicht mehr alleine kämpfen muss.  

Noch ist vieles unklar, die unterstützenden Massnahmen werden in kleinen Schritten eingeführt, doch schon jetzt ist zu spüren, wie dem Kind eine schwere Last von den Schultern fällt. Und allmählich kommt die Hoffnung auf, dass es vielleicht doch noch den Aufwind bekommt, den es sich stets gewünscht hat, um endlich abheben zu können. 

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Vertrauensselig

Wäre ich die Mutter eines seiner Schüler, hätte ich erst mal ungläubig den Kopf geschüttelt ob der Nachricht, die Schulreise finde heute statt. Dann hätte ich alle verfügbaren Regenkleider im Haus zusammengesucht und einen Reiseproviant zusammengestellt, der ganz bestimmt ohne Feuer auskommt. Vielleicht hätte ich dabei leise gebrummt, der Lehrer habe sie doch nicht mehr alle.

Weil ich nicht die Mutter eines seiner Schüler bin, sondern die Frau, die seit mehr als zwei Jahrzehnten mit ihm durchs Leben geht, habe ich versucht, ihm die Sache auszureden. „Hast du dir die Wetterprognose denn nicht angeschaut?“, fragte ich. „Natürlich habe ich“, versicherte er mir. „Es heisst, in der Gegend, wo wir hingehen, werde es genau anderthalb Stunden lang regnen.“ „Ich verstehe ja nicht viel von Meteorologie“, entgegnete ich mit hochgezogenen Augenbrauen, „aber ich habe gelesen, in diesen Tagen sei es ausgesprochen schwierig, vorherzusagen, wo der Regen niedergehen wird. Blas die Sache ab, es ist viel zu nass.“ Natürlich hörte er nicht auf mich. Warum auch? Das Schuljahresende steht vor der Tür und wenn seine Schüler überhaupt noch in den Genuss einer Schulreise kommen sollen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Erst recht nicht, wenn die Wetterpropheten, die in naher Zukunft keine namhafte Wetterbesserung sehen, recht behalten. „Meine Schüler sind walderprobt. Denen macht ein bisschen Regen nichts aus“, sagte er und ging heute Morgen wie geplant mit ihnen los.

Natürlich regnete es Bindfäden. Bei uns zu Hause fast den ganzen Tag, dort wo er war angeblich nur zwei Stunden. Sie hätten trotzdem viel Spass gehabt, hätten sogar ein Feuer gemacht und die Eltern hätten ihre Kinder in nahezu trockenem Zustand wieder in Empfang nehmen können. „Ich hab‘ dir doch gesagt, meine Schüler sind walderprobt“, meinte er triumphierend.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich unsere Freunde, die in der Gegend wohnen, fragen soll, ob sie heute tatsächlich so viel weniger Regen hatten als wir, liess es dann aber bleiben. Stattdessen ging ich in die Migros, kaufte ihm eine Schachtel Pralinen und überreichte sie ihm als Auszeichnung. Immerhin ist er der einzige Mensch, der hierzulande noch gutgläubig genug ist, um einer Wetterprognose zu trauen, die behauptet, es werde gerade mal anderthalb Stunden am Tag regnen. Und vermutlich auch der einzige Lehrer, der den Mumm hatte, heute auf Schulreise zu gehen. 

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Blütezeit

Vor drei Wochen stand bei uns im Schweizer Mittelland der Löwenzahn in voller Blüte. Jeder unverbaute Winkel leuchtete gelb.

Vor zwei Wochen leuchtete es bereits weniger gelb, dafür machte die Pflanze jetzt ihrem Spitznamen „Pusteblume“ alle Ehre.

Vor einer Woche waren die meisten „Fallschirmchen“ weggeflogen, nur noch vereinzelt leuchtete das Gelb aus dem satten Grün.

Letzen Donnerstag begegnete ich im Garten einer letzten „Pusteblume“. 

Heute in der Abenddämmerung begegnete ich einem kleinen Jungen, der ganz offensichtlich auf der Suche nach etwas Bestimmtem war. Auf meine Frage, was er denn suche, antwortete er mit einem Anflug von Verzweiflung: „Ich brauche eine Löwenzahnblüte. Morgen soll ich eine in die Schule bringen.“ Natürlich fand er nichts.

Morgen wird der Junge mit leeren Händen in der Schule aufkreuzen. Er wird vermutlich nicht der Einzige sein.

Ich möchte ja nicht behaupten, es sei gänzlich unmöglich, in diesen Tagen irgendwo im Schweizer Mittelland einen blühenden Löwenzahn aufzutreiben, aber ihre Hauptblütezeit hat die Pflanze für dieses Jahr eindeutig hinter sich. Höchste Zeit also, die Kinder dazu aufzufordern, ein Exemplar in die Schule mitzubringen.

(In Elternkreisen hält sich ja auch hartnäckig das Gerücht, an manchen Schulen werde das Thema „Laubbäume bestimmen“ mit Vorliebe von Dezember bis Februar behandelt.)

Keine Zeit für Sentimentalitäten

Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre lang hatten wir diese himmlische Ruhe am Ende des Schuljahres. Alle anderen mochten von einem Schultermin zum nächsten hetzen, wir aber konnten uns mehr oder weniger zurücklehnen. Klar, da war das eine oder andere Schülerkonzert und natürlich durften wir es nicht verpassen, unsere Kinder für die Schulreise mit Proviant auszurüsten, aber keiner belästigte uns mit Picknicks zum Schuljahresende und anderem Kram. Nicht mal, als letztes Jahr eine Lehrerin, die vier von unseren fünf Kindern unterrichtet hatte, in Pension ging, mussten die Eltern zu einer Abschlussfeierlichkeit antraben. Etwas Positives hat es also doch, wenn eine Lehrperson am Ende ihrer Laufbahn derart schulmüde ist, dass sie den Kindern ohne grosse Sentimentalität den Rücken kehrt. 

Leider kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Irgendwann dämmert einer überengagierten Lehrperson oder einer Schulleitung, die beweisen will, wie aktiv sie ist, dass die Eltern schon lange nicht mehr in der Schule waren und dann wird der Terminkalender gefüllt. Abende, an denen die Klassen präsentieren, woran sie in den vergangenen Monaten gearbeitet haben, Sporttage, bei denen die Eltern vorgängig angefleht werden, sie möchten doch bitte den Wettkämpfen beiwohnen, zusätzliche Musikschulkonzerte, weil eins pro Jahr plötzlich nicht mehr reicht. Und das alles in dem Jahr, in dem Karlsson die Volksschule abschliesst, was uns einige Anlässe beschert, bei denen unsere ungeteilte Sentimentalität gefragt wäre.

Wie sollen wir denn noch richtig wehmütig darüber werden, dass aus dem kleinen, schüchternen Jungen innerhalb von neun Jahren ein grosser, selbstbewusster Halbwüchsiger geworden ist, wenn wir atemlos zu seiner Projektpräsentation angerannt kommen, nachdem wir beim Zoowärter im Schulzimmer die Bienen bestaunt haben? Wo bleibt die Zeit, uns nach seinem letzten Auftritt an der hiesigen Musikschule die Tränen der Rührung wegzuwischen, wenn wir zu Hause wieder den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Üben antreiben müssen, damit er ein paar Tage später im Nachbardorf „The Final Countdown“ auf der Trompete blasen kann? Wie sollen wir den Kauf des Konfirmandenanzugs zelebrieren, wenn wir zugleich die schier unlösbare Aufgabe haben, für Prinzchen ein schwarzes T-Shirt ganz ohne Aufdruck aufzutreiben, das er am Jugendfestumzug tragen soll? (Nach welchen Unifarben wir für die anderen Kinder suchen müssen, wissen wir noch nicht, aber es wird ganz bestimmt aufwändig werden, denn das ist es immer.)

Ein bisschen mehr Rücksichtnahme auf unseren von Meilensteinen angefüllten Terminkalender hätte man von den Lehrern schon erwarten dürfen. Immerhin hatten sie an Karlsson – im Gegensatz zu seinen kleinen Brüdern, die sie jetzt unterrichten – nie etwas auszusetzen. (Na ja, sie fanden jeweils, er sei zu schüchtern, aber das hat sich ja inzwischen gelegt.)

 

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Evaluiert

Evaluieren (Definition Duden): sach- und fachgerecht beurteilen, bewerten

Evaluieren (Definition Eltern, die zum Schulevaluationsgespräch eingeladen werden): Endlich mal den Kropf leeren und den ganzen Frust rauslassen, der sich über die Jahre angestaut hat.

Ich hätte ja wissen müssen, dass es in dieser Elternrunde nicht besonders sach- und fachgerecht zugehen würde. Wenn man die Eltern dazu einlädt, ihre Meinung zu äussern, melden sich wohl vorwiegend diejenigen, die ihrem Ärger Luft machen möchten. Ein Stück weit kann ich es auch verstehen. Zuweilen fühlt man sich einfach so machtlos und es gibt ja auch wirklich Pädagogen, die ganz dringend über einen Berufswechsel nachdenken sollten. Und auch dort, wo die Dinge gut laufen, gäbe es die eine oder andere Sache, die man verbessern könnte. 

Aber wenn man manchen Eltern zuhört, könnte man glauben, ihr Nachwuchs werde Tag für Tag in einem finsteren Verlies von sadistischen Folterknechten geschunden und gepeinigt. Und zwischendurch, wenn die armen Geschöpfe ein wenig Freigang haben, fallen sie übereinander her wie die Häftlinge in einem überfüllten Gefängnis. 

Oh ja, auch ich bin nicht immer glücklich mit unserer Schule und die eine oder andere Leidensgeschichte geht mir wirklich nahe, aber wenn man von manchen Müttern fast schon feindselig angeschaut wird, bloss weil man laut und deutlich sagt, dass es da auch ein paar Lehrpersonen gibt, die ihren Job richtig gut machen, dann frage ich mich, ob das Problem wirklich nur bei der Schule liegt.

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Drachenkampf

Morgen früh muss die Abschlussarbeit abgegeben sein und heute Abend, als er – ohnehin nicht ganz fit – den letzten Schliff vornehmen will, ist plötzlich alles, was er in den vergangenen Tagen noch ergänzt hat, verschwunden. Er ist verärgert, fügt alles noch einmal neu ein, speichert brav jeden einzelnen Schritt ab, ist mit allem fertig – und bekommt eine Fehlermeldung. Wieder alles weg, noch einmal alles einfügen, immer wieder zwischenspeichern – und wieder die Fehlermeldung. Er kratzt seinen letzten Rest an Geduld zusammen, lässt sich dank meiner Überredungskunst davon abhalten, den ganzen Kram, an dem er monatelang gearbeitet hat, zu löschen und fügt noch einmal alles ein. Abschnitt für Abschnitt kämpft er sich zum Ziel, jede Seite, die korrekt ist, wird sofort ausgedruckt, damit nichts mehr schiefgehen kann. Die Nerven liegen blank, aber er wird es schaffen.

Was soll eine Mutter bloss dazu sagen? Na, was wohl? „Tief durchatmen, mein Sohn. Du wirst den Computer bezwingen, koste es, was es wolle. Am Ende wirst du als Sieger dastehen, auch wenn es Mitternacht wird, bis du den Kerl niedergerungen hast. Aber lass dir eins gesagt sein: So wird es jetzt jedes Mal laufen, wenn du einen wichtigen Abgabetermin hast. Der Computer kann deine Anspannung riechen. Frag bloss nicht wie, aber er kann es. Er wird mit aller Macht verhindern wollen, dass du deine Deadline einhalten kannst. Und glaub bloss nicht, du würdest mit der Zeit den Dreh raushaben, wie du das verhindern kannst, denn er wird dir jedes Mal einen anderen Felsbrocken in den Weg legen, an dem deine Arbeit fast zerschellt. Nicht verzweifeln, mein Junge, so ist das Leben, aber genau so, wie wir es noch jedes Mal auf den letzten Drücker geschafft haben, wirst auch du es schaffen. Als Zeichen deines Heldenmutes wirst du morgen einen blassen Teint und schwarze Augenringe tragen und jeder wird wissen, dass du einer von denen bist, die den Drachen unserer Zeit zu bezwingen wissen.“

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Kettenreaktion

 

Aggressiver Mitschüler bringt Zoowärter zum Heulen.

Heulender Zoowärter findet zu Hause keine Mama vor, der er sein Herz ausschütten könnte.

Nicht mehr heulender, aber innerlich noch immer aufgewühlter und verletzter Zoowärter geht mit Prinzchen spielen.

Prinzchen verhält sich gegenüber dem nicht mehr heulenden, aber weiterhin aufgewühlten und zutiefst verletzten Zoowärter gegenüber unfair.

Nicht mehr heulender, aber weiterhin aufgewühlter und zutiefst verletzter Zoowärter mag sich nicht zur Wehr setzen, was ihn noch tiefer verletzt.

Nicht mehr heulender, aber noch tiefer verletzter und aufgewühlter Zoowärter sitzt beim Abendessen neben dem Prinzchen, dessen unfaires Verhalten weder vergeben noch vergessen ist. 

Prinzchen hebt sein Glas zum Trinken an, was beim nicht mehr heulenden, aber noch immer tief verletzten und aufgewühlten Zoowärter den Eindruck erweckt, der kleine, für sein unfaires Verhalten bekannte Bruder, strecke ihm die Zunge raus.

Nicht mehr heulender, aber zutiefst verletzter und aufgewühlter Zoowärter sieht seine Chance gekommen, um dem kleinen Bruder die Unfairness heimzuzahlen und schlägt mit der Faust gegen das Glas.

Heulendes Prinzchen reibt sich das schmerzende Nasenbein, nicht mehr heulender und vordergründig auch nicht mehr zutiefst verletzter und aufgewühlter Zoowärter grinst für den Bruchteil einer Sekunde triumphierend, was den Zorn seiner Mutter, die von der ganzen Geschichte nur den Schlag gegen das Glas mitbekommen hat, hervorruft. 

Mütterliches Donnerwetter bricht über den natürlich bald schon wieder heulenden, noch tiefer verletzten und aufgewühlten Zoowärter herein. 

Ahnungsloser Nachbar klingelt ausgerechnet in diesem Moment an der Tür und bekommt eine sehr aufgebrachte Mama Venditti zu Gesicht.

Ahnungsloser Nachbar macht, dass er so schnell als möglich wieder aus diesem Irrenhaus verschwinden kann, sehr aufgebrachte Mama zitiert den wieder heulenden, jetzt abgrundtief verletzten und vor lauter Aufgewühltsein zitternden Zoowärter herbei, um ihm so richtig die Leviten zu lesen.

Heulender, jetzt abgrundtief verletzter und vor lauter Aufgewühltsein zitternder Zoowärter erklärt schluchzend, dass an allem nur der aggressive Mitschüler schuld ist, der nicht nur heute, sondern seit Wochen schon für Zoff auf dem Pausenhof sorgt.

Nicht mehr so aufgebrachte Mama Venditti entschuldigt sich beim Zoowärter für ihr Donnerwetter, nicht mehr heulender, jetzt auch nicht mehr ganz so verletzter und nur noch leicht zitternder Zoowärter entschuldigt sich beim Prinzchen für den brutalen Schlag gegen das Glas, auch nicht mehr heulendes aber noch immer vom Schmerz gezeichnetes Prinzchen entschuldigt sich beim Zoowärter für seine Unfairness.

Müsste sich eigentlich nur noch der aggressive Mitschüler, der die ganze Chose ins Rollen gebracht hat, beim Zoowärter entschuldigen, aber diese Entschuldigung zu bekommen, könnte etwas schwieriger werden. 

(Und mit dem Nachbarn müssen wir vielleicht ein Warnsignal vereinbaren, damit er weiss, wann er an unserer Türe klingeln kann, ohne von einem Familienkrach überrollt zu werden.)

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Nur der Feinschliff fehlt noch

Eigentlich wäre er dazu ausersehen gewesen, ein richtiger süditalienischer Macho zu werden, doch zum Bedauern seiner Verwandtschaft liessen ihn Fussball und schnelle Autos kalt, lautes Prahlen war auch nicht sein Ding und nachdem er im frühen Kindesalter Farbstifte und Papier für sich entdeckte, ging es nur noch bergab mit ihm.

Mit sechzehn färbte er sich die Haare in verschiedenen Rottönen.

Mit siebzehn schleppte er eine Schweizerin an.

Mit knapp zwanzig entschied er sich, Primarlehrer zu werden, anstatt einen Beruf zu wählen, bei dem man den ganzen Tag wichtigtuerisch in Anzug und Krawatte herumstolzieren konnte.

Mit einundzwanzig trat er aus der katholischen Kirche aus.

Mit vierundzwanzig reiste er im Sommer lieber nach England als nach Italien.

Mit vierunddreissig war er Vater von fünf Kindern, obschon seine Mama ihm geraten hatte, nach zwei damit aufzuhören.

Und was für ein Vater er war. Einer, der sich nicht genierte, nachts aufzustehen, seinem Nachwuchs die Windeln zu wechseln und bei den Hausaufgaben zu helfen. Einer der seine Männlichkeit nicht in Frage gestellt sah, wenn er im Kochtopf rührte oder mit dem Staubsauger durch die Wohnung wetzte.

Für seine Verwandtschaft blieb er ein Rätsel, auch wenn sich mit der Zeit eine gewisse Bewunderung bemerkbar machte, denn auch in Süditalien sind Machos inzwischen nicht mehr so gefragt. 

Für seine Frau ist er ein Glücksfall, denn sie kann sich darauf verlassen, dass er, wenn sie ausser Hause ist, den Karren zieht. Anders als sie zwar, aber ganz bestimmt nicht schlechter. (In den meisten Fällen sogar besser, wenn man mal von den ewigen Streitereien mit seiner einzigen Tochter absieht.) Inzwischen spielt es eigentlich keine Rolle mehr, ob sie oder er zu Hause ist.

Na ja, es spielt fast keine Rolle mehr. Er muss nur noch lernen, wie die richtige Antwort lautet, wenn sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt und fragt, ob die Kinder am nächsten Tag Sporttag haben.

Seine Antwort: „Sporttag? Keine Ahnung. Die Kinder haben nichts davon gesagt.“ Und das natürlich um eine Zeit, als nachfragen bei den Knöpfen nicht mehr möglich ist, weil alle schon tief und fest schlafen. (Proviant kaufen ginge übrigens auch nicht mehr, da nicht mal mehr Tankstellenshops offen sind.)

Die richtige Antwort hätte gelautet: „Nein, der Sporttag findet morgen nicht statt. Ich hatte es ja schon geahnt, denn die Wetterprognose ist wirklich mies. Und meine Vermutung hat sich mit dem Elternbrief, den die Kinder nach Hause gebracht haben, bestätigt. Was eigentlich schade ist, denn selbstverständlich habe ich bereits den ganzen Proviant für den morgigen Tag eingekauft.“

So müsste das eigentlich laufen, aber wenn man bedenkt, dass er eigentlich dazu ausersehen gewesen wäre, ein südländischer Macho zu werden, wollen wir mal grosszügig über diesen Schnitzer hinwegsehen.

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Kürzer geht nicht mehr

Stundenlang Trompete geübt.

Wochenlang dem Auftritt entgegengefiebert.

Einen Nachmittag lang an Lampenfieber gelitten.

In letzter Minute zum Auftritt gehetzt.

In einer Aula vor deutlich mehr leeren als besetzten Stühlen das Beste gegeben. 

Dreissig Minuten nach Konzertbeginn schon der Schlussapplaus. 

Unser bisher kürzestes Schülerkonzert. Und auch das deprimierendste. Für ihren Eifer hätten die Kinder wahrlich ein grösseres Publikum verdient. 

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