Gratwanderung

Die folgenden Sätze aus einem Kommentar von gestern wollen mir nicht aus dem Kopf gehen: „Ich liebe Eure Probleme. Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt! …“ Die Aussage stammt von einer Person, die nicht alleine sein möchte. Nehme ich ihr die Aussage übel? Nicht im Geringsten. Denn diese Aussage treibt mich dazu, mir einmal mehr darüber klar zu werden, wie viel mir meine Familie bedeutet. Und wie sehr sie mich dennoch tatgäglich fast in den Wahnsinn treibt…

Nehmen wir heute Nacht, zum Beispiel. Da kommt, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens, Luise in unser Bett geschlichen. Wie sie sich so an mich kuschelt, wird mir zum hunderttausendsten Mal bewusst, wie schön es ist, ihre Mutter zu sein. Wie sie so daliegt und in heiligem Ernst  „c – d- e – f – g – a – h – c“ vor sich hin flüstert, um jede Sekunde des Wachseins zum Lernen zu nutzen. Wie sie etwas später mit verzücktem Gesicht von „Erdbeerli“, „Zwergli“ und „Blüemli“ zu schwärmen beginnt. Einfach hinreissend! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie mir jedesmal, wenn ich fast wieder eingeschlafen bin, mit einer unbedachten Bewegung die Decke von der Schulter reisst, worauf ich wieder hellwach bin. Es ändert auch nichts daran, dass sie mir zwei wertvolle Stunden Schlaf raubt. Zwei Stunden, die mir im aufreibenden Alltag fehlen werden. Zwei Stunden, die ich nicht einfach werde nachholen können, wenn mir gerade danach ist. Zwei Stunden, die zusammen mit unzähligen anderen auf dem wachsenden Berg meines Schlafmankos landen werden.

Oder nehmen wir „Meinen“. Es vergeht wohl kein Tag, an dem ich nicht dankbar wäre dafür, dass ich mit ihm das Leben teile. Aber ändert es etwas daran, dass er mich in den Wahnsinn treibt, wenn er meinen bis in die letzte Sekunde geplanten Alltag durcheinander bringt? Kleines Beispiel gefällig? Gestern hatten der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson ihre letzte Schwimmstunde in diesem Jahr. Und zwar im Nachbarort. Zur gleichen Zeit hatte Luise ihre erste ausserordentliche Ballettprobe. Bei uns im Dorf. Eine echte Herausforderung, das alles irgendwie zu schaffen. Aber natürlich findet die Mama einen Weg. Sie heckt einen wasserdichten Plan aus, – die Details erspare ich meinen Lesern. Ich will ja niemanden verwirren, – sorgt dafür, dass jeder zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Oder genauer gesagt: Am rechten Ort wäre, wenn da nicht „Meiner“, mit der ehrbaren Absicht zu helfen, alles durcheinander bringen würde, indem er ein kleines, aber entscheidendes Detail ändert.

Ich glaube, ich weiss, wie gut ich es habe mit meiner grossen Familie. Ich weiss, dass ich ein Geschenk von unfassbarem Wert bekommen habe und ich wünsche mir nie, aber wirklich gar nie, dass ich dieses Geschenk nicht bekommen hätte. Aber ich weiss auch, dass kein Job der Welt so kräftezehrend, so aufreibend ist wie der, für eine Familie zu sorgen. Wer eine Familie hat, weiss genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich meine Familie über alles liebe, dass ich sie aber gleichzeitig mehrmals täglich auf den Mond wünsche. Nicht für immer. Nur für diese kleinen Momente, in denen sie mich zum Wahnsinn treiben. Nur, um mal kurz zwischendurch die leeren Batterien wieder aufladen zu können, die verpassten Schlafstunden nachholen zu dürfen.

Nebenbei gesagt: Singles, die sich eine Familie wünschen, könnten hier unglaublich viel helfen. Ihr dürftet bei uns das Familienleben geniessen, während wir dank eurer Hilfe für ein paar kurze Momente Singles sein dürften. Dann müssten wir uns unsere Familie nicht immer mal wieder auf den Mond wünschen. Können wir ins Geschäft kommen?

In der Höhle des Drachens

Tage, an denen man sich schon am frühen Morgen zum ersten Mal in einen Drachen verwandelt, sind nicht die besten. Aber hat man denn eine Wahl, wenn die kinderlose Arbeitskollegin des Mannes um zehn nach sieben anruft um zu fragen, ob er über Mittag auch ins Schwimmbad komme? Bleibt einem da als Ehefrau und Mutter etwas anderes, als die liebe Frau zu bitten, nicht mehr so früh anzurufen, weil die Kleinen noch schlafen? Nachdem man aufgehängt hat, fühlt man sich natürlich ganz mies, denn die gute Frau weiss ja gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Sie hat doch nur eine harmlose Frage gestellt. Meint sie. In Wirklichkeit hat sie bereits morgens um sieben drei gravierende Fehler begangen, die den Tag der Mutter in gefährliche Bahnen lenken können. Um das bessere Verständnis zwischen Kinderlosen und Kinderreichen zu fördern, sei hier kurz darauf hingewiesen, was an diesem Anruf in den Augen der Mutter so schlimm war.

Erstens: Es gibt tatsächlich Kleinkinder, die morgens um sieben noch schlafen. Auch wenn die Mehrzahl der Eltern immer wieder jammert, die Kleinen seien bereits um fünf Uhr wach, so gibt es doch auch Kinder, die gerne bis acht oder neun Uhr schlafen. Manche sogar bis zehn. Und, man lese und staune, die Mütter sind gar nicht so unglücklich darüber, besonders dann, wenn sie noch grössere Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen.
Dies führt uns zum zweiten Punkt. Morgens um sieben ist bei den meisten Familien mit schulpflichtigen Kindern die Hölle los. Der Morgenmuffel (bei uns in weiblicher Form vertreten, doch was ist die weibliche Form von Morgenmuffel?) will nicht wach werden und lässt sich nicht aus dem Bett bewegen. In der Küche schreit einer nach Kakao und selber möchte man eigentlich auch noch gerne etwas zwischen die Zähne bekommen. Wenn endlich alle satt sind, kommt das nächste Problem: Das Anziehen. Der eine möchte lieber Bilderbücher anschauen, während die andere allen Ernstes lange Hosen und Pullover aus dem Schrank zieht, weil sie fürchtet, bei 32 Grad Hitze zu erfrieren. So geht das eine Stunde lang weiter. Dass man in diesem Chaos keine Kleinkider brauchen kann, die gewickelt werden müssen, dürfte jedem einleuchten.
Kommen wir zum dritten und wichtigsten Punkt. Liebe Kinderlose, erinnert nie, aber auch gar nie, eine schwangere Mutter von vier Kindern am Morgen eines Hitzetages daran, dass ihr Mann in der Mittagspause ins Schwimmbad gehen könnte. Dass er in diesem Schwimmbad nicht bloss am Rand des Planschbeckens sitzen müsste, sondern dass er echte Chancen hätte, ins Wasser zu springen und sich abzukühlen. Dass er im Schatten liegen könnte und ein Buch lesen könnte. Mit solchen Bildern vor Augen muss die Mutter einfach zum Drachen werden, ob sie es will oder nicht.
Gott sei Dank hasst der liebe Mann nichts so sehr wie Schwimmbäder. Ansonsten hätte der harmlose Anruf zu einer ernsthaften Ehekrise geführt. Und dies war garantiert nicht die Absicht der Arbeitskollegin.