Kleine Spielverderber

Ausnahmsweise verzichte ich heute auf Namensnennungen. Denn die Kunst, uns einen schönen Moment zu versauen, beherrschen sie alle gleich gut, unsere lieben kleinen Vendittis und deswegen wäre es unfair, einzelne Kinder besonders zu erwähnen. Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen: Seit Tagen schon hatten sich „Meiner“ und ich auf den heutigen Gottesdienst gefreut. Nun kann man sich natürlich darüber wundern, weshalb man sich tagelang auf einen Gottesdienst freut. Immerhin haben Predigten nicht gerade den besten Ruf. Aber zum Glück gibt es Kirchen, deren Gottesdienste Wellness für die Seele sind. Zeit, in sich zu gehen, still zu werden, zu staunen, Antworten zu suchen und neue Fragen zu finden. Einfach wunderbar. Besonders nach einer hektischen Woche, in der man kaum einmal zum Nachdenken gekommen ist.

Dumm nur, dass eines unserer Kinder sich zwar ebenso sehr auf den Kindergottesdienst freute, aber nicht begriffen hat, dass man sich auch anziehen und die Zähne putzen müsste, wenn der Vorfreude ein freudiges Erlebnis folgen soll. Kenner unserer Familie mögen erahnen, wer es hier fertig gebracht hat, mit viel Gebrüll, Herumtoben und Verweigern unsere Vorfreude zu dämpfen. So sehr, dass „Meiner“ am Ende mit dem störrischen Kind zu Hause blieb, während ich in der Kirche dennoch ein kleines bisschen Stille zu finden versuchte.

Um dem Tag doch noch eine gute Wendung zu geben, beschlossen „Meiner“ und ich, dass wir uns nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnen würden. Nach einer Woche, in der wir kaum je vor halb eins ins Bett gekommen waren, konnten wir ein wenig Zusatzschlaf gut gebrauchen. Weshalb wir schweren Herzens einen unserer Erziehungsgrundsätze brachen und die Kinder bei strahlendem Sonnenschein mit einer DVD beglückten. Was auch wieder tüchtig in die Hose ging, weil zwar alle DVD schauen wollten, ein Kind aber die Augsburger Puppenkiste ziemlich doof findet und deshalb lieber „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ sehen wollte, den aber alle schon in- und auswendig kennen. Also wieder lautes Gebrüll, diesmal einfach aus einer anderen Kehle und deswegen etwas schriller. Was dazu führte, dass nicht nur des Prinzchens Mittagsschlaf drastisch gekürzt wurde, sondern auch dazu, dass der elterliche Mittagsschlaf ins Wasser fiel. Nun gut, wir haben dann in Schichten geschlafen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Und einschlafen kann man auch nicht besonders gut, wenn man sich eben noch so sehr geärgert hat.

Ein weiterer Spassverderber brachte es fertig, dass „Meiner“ und ich schliesslich resignierten und zur Wunderwaffe „Eisessen am Küchentisch“ greifen mussten, um dem Gebrüll endlich ein Ende zu setzen. Kurz vor Feierabend mussten wir dann auch noch erkennen, dass hausgemachte Kürbisgnocchi mit dem ersten Butternut-Kürbis aus eigener Ernte nur halb so gut schmecken, wenn einer am Tisch ständig quengelt.

Nach einem solchen Tag bin ich ganz froh, dass mir keiner die Vorfreude auf morgen versauen kann. Wer freut sich denn schon auf den Montag?

Ach, ist ja interessant

Dass ich auf Erziehungstipps nicht immer gut zu sprechen bin, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aufgrund dieser Abneigung liegen bei mir auch erstaunlich wenige Elternzeitschriften auf den Nachttisch. Hin und wieder findet aber dennoch die eine oder andere Probeausgabe ihren Weg dorthin. Wenn „Meiner“ mal wieder das Lehrerzimmer ausgemistet hat und all die Probeexemplare, welche keiner wollte, nach Hause schleppt. In einer dieser Zeitschriften bin ich auf diese unsinnige Horoskop-Serie gestossen, in welcher die Kinder anhand ihres Sternzeichens schubladisiert ääähm, ich meine natürlich charakterisiert werden. Nun muss man wissen, dass mein Vertrauen in die Astrologie nicht grösser ist als mein Vertrauen in Erziehungsratgeber. Dennoch habe ich mir den Artikel zu Gemüte geführt, in dem das „Krebs-Kind“ beschrieben wurde. Obschon mich allein der Titel schon in Rage getrieben hat. Aber weil ausgerechnet dasjenige meiner Kinder, von dem ich das Sternzeichen weiss, im Juli geboren wurde, machte ich mich daran, herauszufinden, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat denn nach Ansicht der Astrologin sein sollte.

Und jetzt weiss ich, dass mein Dritter vor allem über Themen redet, die „Sensibilität voraussetzen“. Nun, vielleicht kann mir da ja mal jemand weiterhelfen, aber ich weiss nicht, wie viel Sensibilität es braucht, um Tag für Tag vom Gemetzel der Gladiatoren, den Raubzügen der Wikinger und dem Unterschied zwischen gewöhnlicher Luft und Helium zu reden. Weiter erfahre ich, dass im Sternzeichen Krebs geborene Kinder besonders fähig seien, „Wünsche anderer zu erspüren und diese zu erfüllen.“ Nun hat unser FeuerwehrRitterRömerPirat zahlreiche sehr gute Eigenschaften, aber wenn es darum geht, die Wünsche anderer zu erfüllen, dann stellt er die Ohren auf Durchzug. Nicht alleine dies, er weigert sich schlichtweg, etwas zu tun, was ein anderer von ihm wünscht. Er entscheidet, wann er grosszügig ist, wem gegenüber und auf welche Art. Also nichts von schwacher „Antriebskraft und Eigeninitiative“, welche die Astrologin ihm gerne bescheinigen würde. Auch nichts von „lässt sich bei seinen Zielen mehr vom Gefühl als vom Intellekt lenken“ und schon gar nichts von „aus Rücksicht lässt es keine Aggressionen aufkommen.“

Ach, und dann haben „Meiner“ und ich etwas ganz Wichtiges übersehen, als wir unsere Familie planten: „Wegen seiner ausgeprägten emotionalen Seite eignet sich ein Krebs-Kind gut für die Rolle des Nesthäkchens“. Und wir haben unsere Kinder einfach so drauflosgezeugt, ohne zu beachten, dass ein mittleres Kind besser nicht im Juli zur Welt kommen sollte, weil es ja dann keine Möglichkeit hat, die Rolle, für die es angeblich so geeignet wäre, zu spielen.

Natürlich hat die Astrologin vorausgesehen, dass ich und viele andere Eltern ihr Kind in der Beschreibung nicht werden erkennen können, deshalb merkt sie am Ende des Textes an, diese Themen bezögen sich „lediglich auf den astrologischen Grundtenor des Sonnenstandes eines Geburtshoroskops“. Wenn wir mehr wissen wollten, müssten wir schon eine persönliche Analyse und Beratung machen lassen. Ich glaube, darauf verzichten wir. Denn meiner Meinung nach passt die Beschreibung nur deshalb nicht, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht einfach irgend ein „Krebs-Kind“ ist, sondern weil der FeuerwehrRitterRömerPirat eben der FeuerwehrRitterRömerPirat ist und niemand sonst.

Schlaf, Philipp, schlaf!

„Filit au flaffe?“, will das Prinzchen seit einigen Tagen wissen, wenn ich ihn ins Bett lege. Egal, ob Vormittag, Nachmittag, Abend oder späte Nacht, stets muss sich das Prinzchen vergewissern, dass Philipp auch tief und fest schläft, sonst legt er sich nicht hin. Warum ausgerechnet Philipp? Keine Ahnung. Er hat wohl gerade an einen der vielen Philipps aus unserem Bekanntenkreis gedacht, als ich ihm sagte, dass jetzt alle schlafen würden und deshalb ist es ihm nun ein grosses Anliegen, nur dann zu schlafen, wenn auch Philipp schläft.

Nun kann ich natürlich unmöglich jedes Mal, wenn das Prinzchen müde ist, nachfragen, ob Philipp  jetzt auch schläft. Zumal ich gar nicht weiss, welchen Philipp das Prinzchen meint. Wir kennen nämlich ziemlich viele davon. Aber meinem Kind einen Bären aufbinden möchte ich auch nicht. Sein „Bä!“ ist schon riesig genug. Also bitte ich eben sämtliche Philipps, mit denen das Prinzchen je in seinem Leben zu tun hatte und haben wird, sie möchten etwas häufiger schlafen. Vorzugsweise abends von sieben bis morgens um sieben, von elf bis halb eins und hin und wieder vielleicht auch kurz von drei bis vier Uhr nachmittags. Es würde mein Gewissen sehr entlasten, wenn ich mein Prinzchen nicht so oft anlügen müsste.

Eigentlich schade, dass ich nicht Philipp heisse. Ein bisschen mehr Schlaf könnte nicht schaden.

Nichts anzuziehen

Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich habe ich eine Ähnlichkeit zwischen dem Zoowärter und mir entdeckt. Der Junge ist nämlich seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten und auch in seiner Art scheint er wenig von mir mitbekommen zu haben. Hin und wieder habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich meinem Zweitjüngsten je etwas werde abschlagen können, wenn er erst mal gross ist. Wo ich doch schon dem Charme seines Vaters nicht habe widerstehen können. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es eine Art Mutterschaftstest gibt, damit ich mir auch ganz sicher sein kann, dass er von mir ist. Seit diesem Sommer aber gibt es gar keinen Zweifel mehr: Ich bin des Zoowärters Mutter, genauso sicher wie „Meiner“ des Zoowärters Vater ist.

Der Beweis meiner Mutterschaft liegt im Kleiderschrank. Genauer gesagt würde er im Kleiderschrank liegen, wenn denn nicht der Zoowärter meine blöde Angewohnheit geerbt hätte, stets in den gleichen Klamotten rumzulaufen. Kaum ist das Zeug trocken, hat er sie schon wieder am Leib. Wenn er denn überhaupt warten mag, bis die Dinger trocken sind. Zuweilen zieht er sie auch nass an, Hauptsache, er kann seine Lieblingskleider tragen. Genau wie ich also. Einzig im Stil unterscheiden wir uns geringfügig. Während ich abwechsle zwischen bodenlangem Hippie-Rock, Schlabberjeans mit geblümter Bluse, wild gemustertem Sommerkleid und pinkfarbener Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, sind es beim Zoowärter die Fussballtrikots, die er seit der Fussball-WM abwechselnd trägt. Heute Italien, morgen Schweiz, übermorgen Brasilien, dann wieder zwei Tage Italien, Schweiz, etc. Meist begrüsst er mich morgens noch bevor er richtig wach ist mit der Frage „Ist mein Italien T-Shirt schon trocken?“ Ich glaube, ich habe ihn seit drei Monaten nie mehr ohne Fussball-Shirt gesehen. Und ich glaube, mich hat man seit ebenfalls drei Monaten nie mehr ohne eine der oben genannten Kombinationen gesehen.

Zwei Unterschiede gibt es allerdings auch in Sachen Kleidung. Während es wohl kaum ein stilloseres Kleidungsstück gibt als ein Fussball-Trikot, lege ich viel Wert auf Stil. Gut, „Meiner“ findet dennoch, er könne das Zeug langsam nicht mehr sehen, wann ich mir denn endlich neue Kleider zulegen würde. Aber trotzdem: Rosa geblümt ist doch eindeutig schöner als rot mit Schweizerkreuz, nicht wahr? Der andere Unterschied liegt in der Auswahl. Während nämlich der Zoowärter auf eine Unmenge wunderschöner T-Shirts zurückgreifen könnte – mit Walen, mit Tigern, mit bunten Streifen, mit Giraffen und sogar eins oder zwei mit Bob the Builder – trage ich stets die gleichen Fetzen, weil ich eben nicht anderes habe. Denn trotz aller Ähnlichkeit in Sachen Kleidern, in den Chromosomen unterscheiden wir uns eben ganz grundlegend, der Zoowärter und ich. Und da bin ich als Frau nun mal dazu verdammt, nichts zum Anziehen zu haben. Während der Zoowärter eigentlich anders könnte, wenn er denn wollte

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?

Bilderbuchtag

Ja, auch die gibt es hier. Selten zwar, aber dafür sind sie umso schöner.

Die Tage, an denen Luise und das Tageskind so sehr in ihr Puppenspiel vertieft sind, dass das Tageskind gar nicht erst auf den Gedanken kommt, seine Mama zu vermissen.

Die Tage, an denen Karlsson fast ganz ohne Mamas Hilfe Zimtwecken backt – unser Karlsson isst die Dinger zum Glück nicht nur in rauhen Mengen, er macht sie auch in einer Menge, dass die ganze Familie davon satt wird – und einen Hefeteig zustande bekommt, der so schön glatt und weich ist wie ein frisch gewaschener Babypo.

Die Tage, an denen der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat den Altweibersommer auf der Schaukel geniessen und so laut singen, dass ich aus lauter Gewohnheit panisch in den Garten renne, weil ich meine, einer sei am Heulen.

Die Tage, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat sagt: „Mama, ich möchte einen Zvieri essen. Haben wir etwas, was nicht zu süss ist?“ Und als ich ihn frage, ob er nicht einen Pfirsich und ein paar Trauben essen möchte, die Antwort bekomme: „Nein, in den Früchten drin hat’s ja auch Zucker. Ich meine etwas, was die Zähne überhaupt nicht kaputt macht.“

Die Tage, an denen Karlsson und Luise alleine und ohne sich zu streiten ins Dorf ziehen, um Butter und Kardamom – „und Hagelzucker Mama, den Hagelzucker dürfen wir auch nicht vergessen!“ – zu kaufen. Und wenn man ihnen erklären will, wo sie alles finden, bekommt man die folgende freundliche Antwort: „Wir finden uns schon zurecht. Du musst uns nicht alles erklären. Und wenn wir etwas nicht finden, dann fragen wir eben.“

Die Tage, an denen das Au-Pair mit dem frisch ausgeschlafenen und fröhlichen Prinzchen loszieht, um seine Herbstgarderobe einzukaufen.

Die Tage, an denen ganz unerwartet ein ausgedehnter Mittagsschlaf drin liegt.

Die Tage, an denen „Meiner“ sich auf dem Dach der Garage eine Stunde lang in die Zeitung vertiefen kann, ohne nur einmal von einem quengelnden Kind gestört zu werden. Und was daran fast noch erstaunlicher ist: Auch ich, die ich in dieser Zeit eigentlich die Aufsicht hätte, werde nicht von quengelnden Kindern gestört, sondern höchstens von äusserst zufriedenen kleinen Vendittis hin und wieder um ein Sandwich oder um einen Rat gebeten.

Die Tage, an denen man trotz all den Streitereien, Trotzanfällen und „Ich will jetzt aber und zwar sofort!!!!!“, die man in den vergangenen Jahren miterlebt hat, wieder einmal glaubt, dass Bullerbü kein Hirngespinst, sondern eine Zusammenfassung aller Sternstunden einer Kindheit ist. So ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet…“

Von mir aus dürften die Tage öfters so sein.

Kleiner Nachtrag: Wenn dann auch noch Karlsson und Luise vom Einkauf einen himmlisch duftenden Herbststrauss mitbringen, den sie auf dem Heimweg gepflückt haben,  dann muss ich mich in den Arm kneifen. Bin ich wach? Träume ich? Oder bin ich, ohne es zu merken, in die Dreharbeiten für einen Heimatfilm geraten?

Auf die Schliche gekommen

Kinder scheinen sich ja in  den schillerndsten Farben auszumalen, was ihre Eltern so treiben, kaum sind die Knöpfe im Bett. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb die kleinen Menschen sich standhaft dem Schlaf widersetzen. Die wollen doch nur wach bleiben, damit sie alle zehn Minuten ins Wohnzimmer schleichen können, in der Hoffnung, dort würde gerade eine ausgelassene Party gefeiert. Und vor allem in der Hoffnung, sie dürften bei dieser Party mitmachen. Ich kenne ein einziges Kind – und ich verwende hier das Wort „kennen“ in einem sehr weit gefassten Sinn -, das begriffen hat, was die Eltern tun, wenn die Kinder schlafen. Das Kind heisst Calvin und er ist stolzer Besitzer eines beinahe echten Tigers namens Hobbes. Dieser Calvin also erklärt irgendwann im Laufe seiner absurden Abenteuer, unter einer wilden Nacht verstünden seine Eltern, dass sie einen Löffel mit echtem Kaffee in ihr koffeinfreies Gebräu mischen würden. Wie wir erfahrenen Eltern wissen, hat Calvin damit den Nagel auf den Kopf getroffen und eigentlich könnten sich die Kinder jetzt getrost jeden Abend schön brav um acht schlafen legen. Gut, ein bisschen übertrieben hat er ja schon, der gute Calvin. Meistens fehlt uns nämlich der Mut, unseren  geschundenen Nerven nach acht Uhr noch Koffein zuzumuten. Man kann ja nicht jeden Tag mit einer wilden Nacht beenden. Meist bleibt es also bei koffeinfreiem Kaffee, einem kurzen Schwatz, „Zehn vor Zehn“ und ein paar Minuten lesen.

Und genau bei einem solchen Abendritual hat Luise uns neulich erwischt. Sie konnte nicht einschlafen, angeblich, weil sie sich vor der bösen Nixe Mantora fürchtete, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich, weil sie für diesen Abend von ihren Brüdern als Spionin in elterliche Gefilde entsandt worden war. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb das Kind auch gegen Mitternacht noch hellwach beim schlafenden Prinzchen im Gitterbett lag und vorgab, zu lesen. Und zwar genau in einem der Bücher, in denen die böse Nixe Mantora, die ihr eben noch so grosse Angst eingejagt hatte, ihr Unwesen treibt. Ist doch suspekt, nicht wahr? „Meiner“ und ich nutzten die Gunst der Stunde und lasen auch noch ein wenig, doch nach zehn Minuten war Schluss: Uns fielen die Augen zu.

Was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Morgen Luises beissendem Spott ausgesetzt waren: „Ihr seid ja so unglaublich langweilig! Ihr geht ins Bett, lest noch ein wenig“- sie mimt einen gelangweilten Lesenden – „und dann löscht ihr auch schon das Licht und schlaft. Einfach so, tief und fest, bis am Morgen.“

Ja, was hast du denn gedacht, was wir tun würden, meine liebe Luise? Hast du wirklich geglaubt, wir würden eine wilde Party feiern, solange du noch wach bist? Aber nein, das Lichee-Bier, – drei Deziliter nur für uns beide – die romantische Komödie und das Extra-Dessert, von dem ihr Kinder nie etwas erfahren dürft, holen wir erst hervor, wenn ihr alle tief und fest schlaft. Ich kann dir versichern, meine liebe Tochter, dann geht die Post ab. Dann kann es tatsächlich vorkommen dass,… aber halt, das geht dich alles gar nichts an.

Aber rächen werden wir uns ohnehin für deine unverschämte Spionage.  Dann, wenn du selber Kinder hast und dir spätestens nach drei Sätzen die Augen zufallen. Dann schicken wir dir eine Postkarte von irgend einer Seniorenkreuzfahrt, wo wir so richtig auf den Putz hauen. Und dann werden wir ja sehen, ob du bis zum Ende der Postkarte wach bleibst, oder ob du schon vorher zu schnarchen anfängst.

Was darf’s denn sein?

Fussball oder Tennis, lieber FeuerwehrRitterRömerPirat? Oder vielleicht gar beides? Und dann ab der ersten Klasse noch Jungschar, ab der dritten Trompete? Ach so, du willst Tennisprofi werden? Dann vielleicht doch besser nur Tennis und dafür kein Fussball. Auf ein Musikinstrument müsstest du dann wohl auch verzichten. Ja, natürlich, wir können eine Probelektion besuchen. Ja, in beiden Sportarten. Nein, mit einem Musikinstrument musst du noch warten. Du hast jetzt ja schon die Musikgrundschule, das muss reichen fürs Erste.

Ja, klar Luise, du darfst bei den Synchronschwimmerinnen ins Probetraining gehen. Aber dann kannst du nicht auch noch Unihockey spielen. Du hast ja auch schon Ballett, Querflöte und Jungschar. Nein, es wäre schade, mit dem Ballett aufzuhören, jetzt, wo du schon einiges gelernt hast. Und vergiss nicht, dass im Herbst wieder der Schwimmkurs anfängt, dann warten wir vielleicht doch lieber noch ein Jahr mit dem Synchronschwimmen. Ja, stimmt, du hast schon Recht. Es gibt ja nicht überall Vereine für Synchronschwimmerinnen. Da müsste man die Gelegenheit schon beim Schopf packen.

Wie, Karlsson? Du möchtest auch noch ein weiteres Hobby? Reicht es dir denn nicht mit der Geige und der Jungschar? Nun gut, du könntest vielleicht mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Tennis schnuppern gehen. Ach so, das interessiert dich nicht? Wie wär’s denn mit Leichtathletik? Auch nicht. Gut, dann lass mich mal überlegen…. hmmmmm, was hältst du von den Pontonieren? Wie, das würde dich interessieren? So ein Mist, ääähm ich meine natürlich so toll. Dann schauen wir doch mal, in welchem Alter man damit anfangen kann. Ich denke aber, dass du da noch ein paar Jahre wirst warten müssen. Vielleicht könntest du ja bis dahin mal mit Reitstunden anfangen, was meinst du? Reiten wäre doch auch toll, nicht wahr?

Was bis vor Kurzem noch so einfach war – einmal Sport, einmal Musik, einmal Jungschar – wird von unseren Kindern plötzlich in Frage gestellt. So viele wunderbare Möglichkeiten und so sture Eltern, die immer wieder mit der gleichen Leier kommen: „Und was ist mit der Schule? Du brauchst ja auch Zeit zum Lernen. Und dann brauchst du auch noch Freizeit. Man kann nicht immer beschäftigt sein, man muss sich hin und wieder auch einfach mal langweilen können. Und Papa und ich wollen ja auch nicht die nächsten zehn Jahre als Chauffeure verbringen. Also wenn schon Hobbys, dann bitte in der Nähe, damit ihr bald schon selber gehen könnt.“

So argumentieren wir und im Grunde bin ich ja auch weiterhin überzeugt von unseren Argumenten. Aber was, wenn ich meinem Kind ausgerechnet seinen Herzenswunsch verwehre? Was, wenn wir ein Talent verhindern? Gut, ich bin der festen Überzeugung, dass sich wahres Talent immer einen Weg bahnt und ausserdem würde ich es keinem unserer Kinder antun wollen, es in eine bestimmte Richtung zu drängen. Aber die Unsicherheiten bleiben dennoch. Wo liegt er denn, der goldene Mittelweg zwischen Fördern und Überfordern? Und sieht er für jedes Kind gleich aus, oder ist das, was für den einen schon zu viel ist, für den anderen zu wenig? Ist weniger tatsächlich mehr oder reden wir uns das nur ein, weil wir sonst bei fünf Kindern allmählich den Überblick verlieren über all die Freizeitaktivitäten?

Nun, die Antworten auf all die Fragen kenne ich noch nicht und wir werden wohl nicht umhin kommen, das eine oder andere Mal tüchtig daneben zu greifen. Aber während ich auf Antworten warte – was nicht als Aufforderung zu verstehen ist, mir Erziehungstipps zukommen zu lassen, die mag ich nämlich nicht – bleibe ich natürlich nicht untätig und melde unsere Kinder schon mal fröhlich zu der einen oder anderen Schnupperstunde an.

Machen wir uns doch nichts vor

Wir können dem Vollmond die Schuld geben, oder der Lehrerin, die zu viele Hausaufgaben aufgegeben hat, der Schulkameradin, die eine gemeine Bemerkung fallen gelassen hat oder wir können behaupten, das schlechte Wetter sei Schuld. Und wenn am nächsten Tag das Wetter besser, die Laune aber noch immer gleich mies ist, dann schieben wir die Schuld eben der Hitze in die Schuhe. Oder der grossen Müdigkeit. Oder dem Virus, das gerade die Runde macht. Egal, ob die Ferien erst gerade angefangen haben, oder ob sie schon wieder vorbei sind, egal, ob eine ungestörte Nacht hinter uns liegt, oder ob sämtliche Kinder von Albträumen geplagt wurden, egal, ob die Kinder zu viel Zucker in sich reingeschaufelt haben oder ob sie seit fünf Tagen nichts Süsses mehr angerührt haben, wir Eltern finden immer einen Schuldigen, den wir für die miese Laune unserer Kinder verantwortlich machen. Knallt einer die Tür, dann schütteln wir den Kopf und seufzen: „Immer dieser Schulstress…“, tritt einer den anderen aus lauter Wut gegen das Schienbein, murmeln wir etwas von: „Er hat wohl noch immer nicht überwunden, dass sein Geburtstag schon wieder vorbei ist“ und wälzt sich einer wegen der kleinsten Kritik heulend auf dem Fussboden, dann wissen wir ganz genau, dass dieses Verhalten nur durch einen Wachstumsschub oder  vielleicht auch durch einen akuten Eisenmangel hervorgerufen werden kann.

Klar, meistens haben die Kinder tatsächlich Gründe dafür, dass sie sich vollkommen daneben benehmen und es lohnt sich bestimmt, immer wieder nachzuhaken, sich dem Kind zuzuwenden und zu fragen, was ihm denn über die Leber gekrochen sei. Und häufig hat man tatsächlich ein paar Tage später, wenn die Ärztin eine Allergie diagnostiziert hat, oder das Kind wieder mal einen ausgedehnten Mittagsschlaf gemacht hat, ein Aha-Erlebnis und man weiss, was der Grund für das Gezeter und Geschrei war. Aber machen wir uns doch nichts vor: Es gibt Tage, an denen unsere Kinder einfach nur mies gelaunte kleine Monster sind, die noch nicht gelernt haben, dass man die Wut nicht an Mama, Papa, Au-Pair und Geschwistern auslässt, sondern an einem zu langsamen Computer, an einem Billett-Automaten, oder, wenn’s gar nicht anders möglich ist, an einem Autofahrer, der einem zu nahe gekommen ist.

Du bist soooooooo unfair, Mama!

Wenn ein Mensch innerhalb von fünfundvierzig Minuten drei so gravierende Fehler begeht, dann kann es sich nur um eine Mutter handeln. Angefangen hat es damit, dass ich morgens um zwanzig nach sieben zuerst Luise das Wort erteilt habe, obschon Karlsson gleichzeitig mit ihr einen Satz angefangen hatte. Ein klares Zeichen, dass ich Luise viiiiiiieeeeeeel lieber habe als Karlsson, nicht wahr? Ich meine, wie kann eine Mama bloss so unfair sein und ein Kind zuerst reden lassen, wo sie doch ebenso gut auf dem linken Ohr Karlsson, auf dem rechten Luise zuhören könnte? Und dann mit dem linken Mundwinkel Karlsson, mit dem rechten Luise eine Antwort geben könnte. Ist doch wirklich keine Sache für eine erfahrene Mama.

Luises Triumph war nicht von Dauer. Keine zehn Minuten später war nämlich sie diejenige, die sich krass benachteiligt sah und deshalb daran zweifelte, dass Mama sie ebenso liebt wie ihre Brüder. Was war geschehen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der sich gestern noch ohne irgendwelche Verzögerungen für den Kindergarten bereit gemacht hatte, zeigte heute erste Anzeichen eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster. Anstatt sich die Zähne zu putzen und in die Kleider zu schlüpfen, räkelte er sich auf dem Sofa, als hätte er alle Zeit der Welt. Was Mama dazu veranlasste, ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Ein Gespräch, bei dem sie keine anderen Kinder dabei haben wollte, weil nicht immer alle alles wissen müssen. Was Luise ganz entsetzlich fand, denn „mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten redest du immer viel mehr alleine als mit mir.“ Was durchaus daran liegen könnte, dass bei Luise weniger Bedarf an kurzen, ernsten Gesprächen zu zweit besteht,- ihre Ausbrüche sind jeweils so laut, dass sie sich ohnehin nicht vor dem Rest der Familie verbergen lassen – was für Luise aber ein untrügliches Zeichen ist, dass ich „die Buben viiiiiiiiieeeeeel viiiiiiiiiieeeeeeeel lieber“ habe als sie.

Man könnte jetzt meinen, ich hätte aus diesen zwei Fehlern gelernt und wäre an diesem Morgen in kein weiteres Fettnäpfchen getreten. Aber eben, ich bin eine Mama und so kam es, dass ich es kurz vor acht, auf dem letzten Drücker sozusagen, noch fertig brachte, dass Karlsson ein weiteres Mal von tiefen Zweifeln an meiner Liebe zu ihm ergriffen wurde. In meiner Unbedachtheit hatte ich nämlich Luise gegenüber bemerkt, dass sie demnächst einmal zum ersten Mal zum Coiffeur gehen dürfe. Luise strahlte, Karlsson brüllte: „Du bist sooooooooo gemein Mama. Ich durfte erst mit acht zum Coiffeur gehen und Luise wird erst im März acht. Du liebst mich überhaupt nicht!“ Nun versuche man mal, kurz vor acht, wenn drei grosse Kinder aus dem Haus gehen sollten und zwei kleine Kinder sich in den Haaren liegen, einem angeblich ungeliebten Kind zu erklären, dass a) ein Besuch beim Coiffeur nicht unbedingt ein Zeichen von tiefer Liebe und Zuneigung ist, dass b) Karlsson auch ein Zweitklässler war, als er zum ersten Mal zum Coiffeur gehen „durfte“, dass c) Luise nun wirklich nichts dafür kann, dass sie erst gegen Ende der zweiten Klasse acht wird und dass d) „Meiner“ und ich keine bösen Absichten hegten, als wir unser erstes Kind im November, unser zweites im März bekamen.

Ich weiss nicht, ob Karlsson mich verstanden hat, aber am Ende brachte ich es doch fertig, meine drei Grossen mit einer Umarmung und einem „Ich hab‘ dich lieb“ in den Tag zu entlassen. Ob sie mir das glaubten, oder ob sie sich auf dem Schulweg die Köpfe einschlugen, weil jeder glaubte, der andere werde mehr geliebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür aber weiss ich einmal mehr, dass der Ausdruck „sich den Mund fusselig reden“ ganz bestimmt von einer Mutter geprägt wurde. Vermutlich von einer Mehrfachmutter, deren Kinder daran zweifelten, dass sie jedes Einzelne von ihnen aus tiefstem Herzen liebt.