Nichts anzuziehen

Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich habe ich eine Ähnlichkeit zwischen dem Zoowärter und mir entdeckt. Der Junge ist nämlich seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten und auch in seiner Art scheint er wenig von mir mitbekommen zu haben. Hin und wieder habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich meinem Zweitjüngsten je etwas werde abschlagen können, wenn er erst mal gross ist. Wo ich doch schon dem Charme seines Vaters nicht habe widerstehen können. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es eine Art Mutterschaftstest gibt, damit ich mir auch ganz sicher sein kann, dass er von mir ist. Seit diesem Sommer aber gibt es gar keinen Zweifel mehr: Ich bin des Zoowärters Mutter, genauso sicher wie „Meiner“ des Zoowärters Vater ist.

Der Beweis meiner Mutterschaft liegt im Kleiderschrank. Genauer gesagt würde er im Kleiderschrank liegen, wenn denn nicht der Zoowärter meine blöde Angewohnheit geerbt hätte, stets in den gleichen Klamotten rumzulaufen. Kaum ist das Zeug trocken, hat er sie schon wieder am Leib. Wenn er denn überhaupt warten mag, bis die Dinger trocken sind. Zuweilen zieht er sie auch nass an, Hauptsache, er kann seine Lieblingskleider tragen. Genau wie ich also. Einzig im Stil unterscheiden wir uns geringfügig. Während ich abwechsle zwischen bodenlangem Hippie-Rock, Schlabberjeans mit geblümter Bluse, wild gemustertem Sommerkleid und pinkfarbener Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, sind es beim Zoowärter die Fussballtrikots, die er seit der Fussball-WM abwechselnd trägt. Heute Italien, morgen Schweiz, übermorgen Brasilien, dann wieder zwei Tage Italien, Schweiz, etc. Meist begrüsst er mich morgens noch bevor er richtig wach ist mit der Frage „Ist mein Italien T-Shirt schon trocken?“ Ich glaube, ich habe ihn seit drei Monaten nie mehr ohne Fussball-Shirt gesehen. Und ich glaube, mich hat man seit ebenfalls drei Monaten nie mehr ohne eine der oben genannten Kombinationen gesehen.

Zwei Unterschiede gibt es allerdings auch in Sachen Kleidung. Während es wohl kaum ein stilloseres Kleidungsstück gibt als ein Fussball-Trikot, lege ich viel Wert auf Stil. Gut, „Meiner“ findet dennoch, er könne das Zeug langsam nicht mehr sehen, wann ich mir denn endlich neue Kleider zulegen würde. Aber trotzdem: Rosa geblümt ist doch eindeutig schöner als rot mit Schweizerkreuz, nicht wahr? Der andere Unterschied liegt in der Auswahl. Während nämlich der Zoowärter auf eine Unmenge wunderschöner T-Shirts zurückgreifen könnte – mit Walen, mit Tigern, mit bunten Streifen, mit Giraffen und sogar eins oder zwei mit Bob the Builder – trage ich stets die gleichen Fetzen, weil ich eben nicht anderes habe. Denn trotz aller Ähnlichkeit in Sachen Kleidern, in den Chromosomen unterscheiden wir uns eben ganz grundlegend, der Zoowärter und ich. Und da bin ich als Frau nun mal dazu verdammt, nichts zum Anziehen zu haben. Während der Zoowärter eigentlich anders könnte, wenn er denn wollte

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