Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Zahlenphobie

Bis heute hat mir meine Weiterbildung eigentlich keine Probleme bereitet. Ich lebe mein turbulentes Leben wie gewohnt, balanciere zwischen Wocheneinkäufen, Kinder umarmen, Mittagessen kochen, Sitzungen, Krankenkassenbelegen einsenden, seichten Filmen, Geschichten erzählen, Konzepten verfassen, Bloggen, herumbrüllen, schreiben, Lieder singen, Sorgen anhören, Blumen giessen, mit Freundinnen quatschen, Saunabesuch mit „Meinem“, Schwimmkursen, dem Salat beim Wachsen zusehen und was mein Leben sonst noch an Schönem und Mühseligem zu bieten hat. Und zwischendurch, wenn alles mehr oder weniger ruhig ist, vertiefe ich mich in Lektüre mit so spannenden Titeln wie zum Beispiel  „Führung und Moderation“ oder „Grundlagen Prozessmanagement“ oder – mein Lieblingstitel, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme, wenn mir nach herzerwärmender Lektüre ist – „Betriebswirtschaftliche Grundlagen“. Nicht gerade mein Ding, aber für das Projekt, das ich leiten soll, unabdingbar, wenn die Sache nicht scheitern soll. Und bisher habe ich mich eigentlich ganz tapfer geschlagen, habe gute Noten geschrieben und hin und wieder ganz nützliche Dinge gelernt.

Heute aber wagte ich mich an Buch Nummer 10 – ich lerne mithilfe eines Fernkurses – und plötzlich war da wieder diese Wand, Mathematik genannt. Ich öffnete das Buch auf einer beliebigen Seiten und was sprang mir ins Auge? Eine Wortschlange, die sich folgendermassen las: „Berechnung der statischen Amortisationszeit unter der Prämisse von Zinszahlungen in Höhe der kalkulatorischen Zinsen“. Allein das Wort „Berechnungen“ jagte mir kalte Schauer über den Rücken, in Kombination mit den restlichen Schimpfwörtern wurde mir beinahe schwarz vor den Augen. Da lernt man immer, man solle anständig reden und dann liefern die einem ein Lehrmittel voller Schimpfwörter und nennen die Sache Weiterbildung. Nun ja, dachte ich, vielleicht habe ich ja ausgerechnet die schlimmste Seite erwischt und blätterte weiter. Aber was ich da vorfand, stimmte mich nicht optimistisch: „Isoquante für X=5“, las ich da oder „Führen Sie eine Kalkulation der Stückkosten durch“, oder – schlimmer noch –  „Führen Sie ebenso eine Kapitalwertberechnung bei 10% durch“.

Spätestens jetzt war mir zum Heulen zumute. Da schlage ich mich mehr oder erfolgreich durchs Leben, jongliere Familie, Schreiben, Projekte, Haushalt und Freundschaften und habe dabei das Gefühl, das alles sei irgendwie machbar, wenn auch zuweilen ziemlich anstrengend. Und alles geht gut, solange ich nicht mit Zahlen zu tun bekomme. Doch unvermittelt, wenn alles gut läuft und ich es am wenigsten erwarte, steht sie wieder vor mir, diese für mich unbezwingbare Zahlenmauer. Früher habe ich darüber gespottet, dass der Mathelehrer mir einen Besuch beim Psychologen ans Herz legte, anstatt mir die Aufgabe zu erklären, worum ich ihn eigentlich gebeten hatte. Heute weiss ich, dass nicht mal ein Psychologe bei meiner Zahlenphobie helfen kann. Vor dieser Beschränktheit müsste selbst der beste Therapeut kapitulieren. Und so fürchte ich, dass mir das Lehrmittel mit dem grauenvollen Titel „Produktions- und Kostentheorie, Finanzierung“ noch ein paar schlaflose Nächte bereiten wird, bevor ich es erfolgreich abschliessen kann.

Ach ja, und was um Himmels Willen ist eine Isoquante? Tönt für mich nach  einem ganz übeln Geschwür.

Launisch

Heute bin ich schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Warum? Ich weiss es nicht, aber es könnte etwas damit zu tun haben, dass das Prinzchen mich entgegen seiner Gewohnheit um sechs Uhr früh geweckt hat. Und das nachdem ich mich eine volle Woche auf einen gemütlichen Samstagmorgen gefreut hatte. Vielleicht liegt es auch an den Unmengen von Koffein, die ich in mich hineingeschüttet habe, weil ich mich wach halten musste. Oder vielleicht bin ich einfach nur genervt, weil ich mich auf einen friedlichen Nachmittag mit dem Prinzchen gefreut hatte, der aber ins Wasser fiel, weil Karlsson sich weigerte, in die Jungschar zu gehen und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf gar keinen Fall den Rest der Familie zum türkischen Kochkurs begleiten wollte.

Ist ja auch nicht so wichtig, warum ich schlecht gelaunt bin, Tatsache ist, dass ich so stinkig bin, dass mir nur noch eines bleibt: Backen. Das mache ich immer, wenn ich sauer bin. Nun ja, manchmal mache ich es auch, wenn ich nicht sauer bin, aber  bei schlechter Laune überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang etwas zu backen und zwar sofort. Je mieser die Laune, umso aufwendiger muss die Sache sein. Heute muss meine miese Laune einen neuen Höhepunkt erreicht haben, denn ich wagte mich tatsächlich nach Jahren des Zögerns an meinen ersten hausgemachten Plunderteig. Tour für Tour bearbeitete ich meinen Ärger mit dem Wallholz, Tour für Tour schimpfte ich auf den armen unschuldigen Teig, bis die ganze Butter aufgebraucht war und meine miese Laune sich noch immer nicht gebessert hatte.

Jetzt liegt meine schlechte Laune, ähm, Pardon, der Plunderteig, im Kühlschrank und wartet darauf, zu Croissants verarbeitet zu werden. Eine Wiedergutmachung für meine Familie, die heute eine nörgelnde, stänkernde, herumbrüllende Mama ertragen musste.

In den See, mit einem Gewicht an den Füssen

„Machen wir uns doch wieder mal einen gemütlichen Fondue-Abend“, sagte ich heute zu meiner Familie. Man weiss ja nie, wie lange der Winter noch dauert und plötzlich ist es zu warm für geschmolzenen Käse. Ausserdem hatte ich heute keine Lust auf eine komplizierte Kocherei. Also schnell Schwarztee gekocht, „Meinen“ zum Brotschneiden abkommandiert, den Käse bereitgestellt – und festgestellt, dass sowohl der Weisswein als auch die Maisstärke fast leer waren. Macht ja nichts, dachte ich mir und machte mich ans Käseschmelzen. Man kann ja so ein Fondue auch mit Apfelsaft zubereiten. Habe ich als Kind beim „Blauen Kreuz“ gelernt.

Bald schon sass die hungrige Horde am Tisch, doch das Fondue wollte nicht binden. Also schnell Karlsson nach unten zur Grossmama geschickt, um Maisstärke-Nachschub zu holen. Der perfekte Moment für den Zoowärter, um seinen Schwarztee über den ganzen Tisch zu giessen. Zugleich auch der perfekte Moment für das Prinzchen, um aus dem Trip Trap zu stürzen. Und natürlich auch der perfekte Moment für Karlsson, um den Maisstärke-Nachschub auf dem Fussboden zu verschütten. Schon mal Maisstärke aufgeputzt? Ist ein wahres Erlebnis. Muss man unbedingt mal ausprobiert haben. Besonders dann, wenn zwei Elternteile verzweifelt versuchen, ein Prinzchen zu trösten, Schwarztee aufzuwischen, eine heulende Luise, einen heulenden FeuerwehrRitterRömerPiraten und einen heulenden Karlsson zu beruhigen und dazu noch zu verhindern, dass das Fondue anbrennt. Wahrlich gemütlich, dieser Fondue-Abend! So gemütlich, dass mir eine ganz böse Beleidigung über die Lippen rutschte, für die ich mich danach etwa zehnmal entschuldigte. Bis Karlsson mich fragte: „Mama, findest du es schlimm, wenn ich dir sage, dass es gar nicht so schlimm war, was du gesagt hast?“ Hä?

Nun, irgendwie schaffte ich es in all dem Chaos das Fondue mit dem Rest Maisstärke zu binden. Und zwar so sehr, dass es bei uns am Tisch schon bald aussah wie bei „Asterix bei den Schweizern“. Endlose Käsefäden überall. Und natürlich verlangte Luise alsbald nach Stockhieben, weil sie ihr Brot in der zähen Käsesuppe steckengeblieben war. Und bald schon wollte sie die Peitsche. Und dann in den See, mit einem Gewicht an den Füssen. Was wir ihr natürlich alles verweigerten. Wir sind doch keine Barbaren, … ähm, pardon, wollte sagen: Wir sind doch keine Römer. Auch wenn man es zuweilen meinen könnte.

Wenn Mama Venditti offline ist, ….

….. dann gerät sie in Panik. Und zwar heftig. Denn wenn Mama Venditti offline ist, dann ist sie abgeschnitten vom Leben. Kann nicht mal kurz zwischendurch bei Ricardo nach günstigen Inline-Skates für Karlsson stöbern, kann nicht in einer freien Minute die Software für die Steuererklärung runterladen und das lokale Steuerbüro damit beeindrucken, dass sie die Steuererklärung in Rekordzeit abliefert, kann keine Geschenke für all die frisch geborenen Babys im Bekanntenkreis besorgen und hat somit auch keine Ausrede, nach zuckersüssen Babysachen zu stöbern und – das Allerschlimmste – sie kann nicht bloggen. Und das, obschon der Post über die neugeborenen Mütter schon pfannenfertig im Kopf ist.

Schrecklich, kann ich da nur sagen. So schrecklich, dass der ganze Abend ruiniert ist und am Morgen noch vor dem Frühstück und dem Kuscheln mit den Kindern ein langes Telefonat mit der Dame bei Sunrise auf dem Programm steht.  Aber wie man sieht hat’s genützt. Ich bin wieder ein ganzer Mensch.

Und seitdem ich heute Morgen, als die Sunrise-Hotline noch nicht offen war, im Jokers-Katalog gestöbert habe –  und ich meine jetzt in einem echten Katalog, auf Papier gedruckt. Dass es so etwas noch gibt -, seit ich also in diesem Katalog gestöbert habe, weiss ich auch, wie man Mamas nennt, die zu viel Zeit vor dem Computer verbringen: Mousewife.

Was, bitte sehr, ist „zu viel Zeit vor dem Computer“?

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Zuckerschaum und Milchschokolade

Das war mal wieder ein Spektakel. Das Prinzchen, der Zoowärter und ich in der Migros. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, aber offenbar für das Publikum dermassen anstrengend, dass am Ende alles erleichtert aufatmete, als wir den Laden endlich verliessen. Ich kann zwar nicht verstehen, warum das Publikum am Ende erschöpft war, den Stress hatten nämlich wir. Ich hatte mich vom Zoowärter weichklopfen lassen, ihn in eines jener unsäglichen Auto-Einkaufswägelchen zu setzen. Ist ja eigentlich nur etwas, worauf Neu-Eltern reinfallen, alle anderen wissen, dass man mit den Dingern unmöglich um die Regale kurven kann. Aber weil ich der Meinung bin, dass meine jüngeren Kinder nicht unter meiner Desillusionierung leiden sollen, habe ich eben für einmal nachgegeben. Und so hat mein Image schon von Anfang an einen Kratzer: Achtung, da kommt sie, die unerfahrene Mama, die nicht weiss, worauf sie sich eingelassen hat. Wann immer wir einer zittrigen alten Dame den Weg abschneiden oder einem gehetzten Rentner versehentlich das Auto in die Wade rammen, ernten wir böse Blicke. Aber was kann ich denn dafür, dass diese Autos eine komplette Fehlkonstruktion sind?

Während meine beiden Jüngsten anfangs recht brav sind, falle nur ich auf, wie ich schimpfend das Ungetüm durch den Laden zu manövrieren versuche. Irgendwann aber fängt sich das Prinzchen an zu langweilen und schnappt sich eine Schachtel, die mit „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“ angeschrieben ist. Das sind die Dinger,  die in der Schweiz politisch völlig inkorrekt noch immer „Mohrenkopf“ genannt werden. Fröhlich beisst das Prinzchen auf der Verpackung herum und mir käme nicht im Traum im Sinn, dass der blondgelockte Engel damit etwas im Schilde führt. Erst als er plötzlich so ein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings in der Hand hält, dämmert mir, dass des Prinzchens unschuldige Spielerei nur Tarnung war und dass der Kleine sehr wohl wusste, warum er sich diese Schachtel geschnappt hat und nicht jene mit den Batterien drin. Und weil ich dem Kerlchen sein grossartiges Erfolgserlebnis nicht versauen will, lasse ich es schweren Herzens zu, dass er das klebrige Zeugs in sich reinstopft. Ich will ja nicht, dass er später mal völlig ohne Ambitionen vor sich hin gammelt, bloss weil ich ihm seinen ersten grossen Erfolg nicht habe gönnen mögen.

Bald schon sitzt das Kerlchen mit zuckerschaum- und milchschokoladeverschmiertem Gesicht im Wagen und der Zoowärter brüllt, weil er auf sein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings warten muss, bis die Mama bezahlt hat. Die Leute drehen sich entsetzt nach uns um. So also sehen diese Unterschichten-Mamas aus, die ihre Kinder schon am frühen Morgen mit Süssigkeiten vollstopfen und unfähig sind, das Gebrüll ihrer Brut auf Knopfdruck abzustellen. Die ersten Zuschauer suchen verstohlen nach ihren Handys, um der Super-Nanny mitzuteilen, dass sie ein wahres Prachtsexemplar von einer schlampigen Mama in freier Wildbahn entdeckt haben.

Bei der Kasse dann kommt es zum Eklat: Das verschmierte Prinzchen ist in seinem Sitzchen aufgestanden und ich bemerke natürlich nichts davon, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Einkäufe einzupacken. Um mich herum rufen Leute, aber ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Bis eine giftige Alte von der Kasse nebenan mich anschnauzt: „Das Kind könnte herunterfallen! Hören Sie denn nicht, dass die Leute schon rufen?“ Da stehe ich also, die gleichgültige Rabenmutter, die sich einen Dreck darum schert, wenn ihre Kinder vor die Hunde gehen. Die Menge geifert. Solche Mütter sieht man sonst nur bei RTL oder wie das heisst. Endlich haben sie mal wieder etwas, worüber sie beim Kaffeeklatsch lästern können.

Das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe, verlange ich Eintritt. Die Leute sollen nicht glauben, sie könnten sich gratis unterhalten, während ich und meine Kinder uns abmühen, ihnen eine perfekte Vorstellung zu liefern…

Die Nacht der Nächte

Wer sich mit dem Gedanken trägt, sich demnächst fortzupflanzen, soll jetzt bitte nicht weiterlesen. Es wird nicht mein romantischster Blogeintrag. Andererseits kann es ja nichts schaden, mit offenen Augen an das Abenteuer Kinder heranzugehen. Also, ihr noch-Kinderlosen: Entscheidet selbst, ob ihr euch diesen Post über die schlimmste Nacht meines Lebens antun wollt. Aber gebt danach nicht mir die Schuld, wenn ihr euch gegen Kinder entscheidet. Ihr habt euch selber fürs Lesen entschieden.

Nachdem wir gestern völlig unerwartet vom Norovirus heimgesucht wurden, hing schon bald auch ich über der Kloschüssel. Unwesentlich später war auch „Meiner“ dran, und dazwischen immer mal wieder Luise. War das ein Gedränge! Ich entschied mich, auf dem Sofa zu nächtigen, um einen Vorsprung aufs WC zu haben. Was dazu führte, dass ich zur ersten Anlaufstelle wurde für alle, die etwas loswerden wollten. Um ein Uhr nachts stand Luise da, kreideweiss und völlig elend. Ich schickte sie zu Papa ins Bett, weil ihr Bett…., nun ja, nennen wir es leicht schmutzig, war. Vierzig Minuten später war der FeuerwehrRitterRömerPirat da, von oben bis unten vollgekotzt. Irgendwie schaffte ich es, mich vom Sofa aufzurappeln, sein Bett sauber zu machen und ihm ein neues Pyjama zu bringen. Wiederum zwanzig Minuten später stand der Zoowärter heulend auf der Matte und verlangte, eine CD hören zu dürfen. Durfte er aber nicht. Nachts um halb drei machen wir das gewöhnlich nicht. Dafür aber durfte der Zoowärter sich vollkommen entkleiden und eine Dusche nehmen, weil seine Windel…. Nun ja, sie war mehr als voll, wenn ihr wisst, was ich meine. Während ich den Zoowärter reinigte, hing „Meiner“ mal wieder über der Kloschüssel.

Danach herrschte Ruhe. Bis gegen sechs Uhr früh Karlsson erschien. Er, der seit langer Zeit nichts mehr dergleichen tut, hatte sein Bett nass gemacht. Ab in die Badewanne mit dem Jungen und weiter dösen. Bis ein leichenblasser FeuerwehrRitterRömerPirat wünschte, neben Mama weiterzuschlafen. Etwas später dann ein Prinzchen mit ebenfalls viel zu voller Windel, dann wieder ein Zoowärter, ebenfalls nicht im saubersten Zustand. Dazu eine jammernde Luise und ein ziemlich lädierter „Meiner“, der es aber immerhin schaffte auf die Füsse zu kommen, was mir wegen der elenden Gliederschmerzen nicht mehr gelingen wollte. Na ja, irgendwie hatte ich mir das Wochenende etwas anders vorgestellt. Zumindest hat uns „Meiner“ inzwischen mit Cola und Zwieback eindecken können.

Wundert sich noch jemand, dass ich jeglicher Art von Fäkal-„Kunst“ nichts abgewinnen kann? Die „Künstler“, die meinen, sie müssten mit dem Verschmieren von Körpersäften und Fäkalien provozieren sollen sich bitte ein paar Kinder anschaffen. Dann werden sie bald erkennen, dass man damit niemanden provoziert. Zumindest nicht so provoziert, wie sie zu provozieren meinen.

Ach und übrigens: Herzlichen Dank für alle guten Wünsche. Im Moment sind wir noch nicht auf dem Damm, aber wir arbeiten dran…

Protokoll

7:00 Uhr: zum ersten Mal des Zoowärters Gekotztes aufgeputzt und nebenbei den anderen das Frühstück serviert

8:15 Uhr: Krach mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich, anstatt in den Kindergarten zu gehen, hinter dem Kleiderständer versteckt hat

8:30 Uhr: Zoowärter in seine neue Winnie the Pooh-Latzhose gesteckt. Zoowärter sieht zum Anbeissen aus!

8:45 Uhr: Zoowärter wegen akuten Durchfalls wieder aus der Latzhose geschält. Zoowärter sieht jetzt nicht mehr zum Anbeissen aus.

8:50 Uhr: Zoowärter und Prinzchen nehmen ein „Dreckspatz-Bad“ mit Rose und Vanille. Hach, wie die zwei duften!

9:10 Uhr: Zoowärter kotzt. Duftet nicht mehr.

9:15 Uhr: Lese folgendes Zitat auf der Frontseite der Tageszeitung: „Unsere geschätzten Patientenzahlen waren zwar zu hoch, aber nicht völlig daneben.“ Patrick Mathys, Bundesamt für Gesundheit, über die eigenen Voraussagen zur Schweinegrippe vom vergangenen Sommer

9:20 Uhr: Während ich das frisch gebadete Prinzchen aus seiner eben noch sauberen Kleidung schäle und ihn danach dusche, um die Spuren seines akuten Durchfalls zu beseitigen, zerbreche ich mir den Kopf darüber, warum man ein solches Geschrei gemacht hat um H1N1, wo doch Noro viel mühsamer ist.

10:00 Uhr: Prinzchen schläft, Zoowäter schläft fast, ich lese  im „Beobachter“ folgende Sätze zum Thema Managerlöhne: „Genauso lehnt Hostettler fixe Obergrenzen ab. ‚Sie hinterlassen ein dumpfes Gefühl der Eingeschränktheit und durchbrechen das positive Prinzip des Mehrs.‘ Mehr zu wollen und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben sei schliesslich das Erfolgsmodell, auf dem unserer Wirtschaftsordnung fusse. Dieses Prinzip dürfe wergen der jüngsten Lohnexzesse nicht leichtfertig geopfert werden.“ Ich verdrücke ein paar Tränchen für die armen Manager, die darum fürchten müssen, an einem „dumpfen Gefühl der Eingeschränktheit“ leiden zu müssen.

11:00 Uhr: Der Zoowärter ist wieder fit und will singen. Das heisst, der Zoowärter wählt das Bild aus und ich singe dazu. 10 mal „Backe backe Kuchen“, fünf Mal „Heut‘ ist ein Fest bei den Fröschen am See“, drei Mal „Auf unsrer Wiese gehet was“, ein halbes Mal „Lobe den Herren“, acht Mal „Chämifäger schwarze Maa“ und dazwischen wird gekocht, aufgeräumt und gewickelt. Der Zoowärter ist traurig, dass der Winnie the Pooh auf der Windel nichts mehr sieht, wenn er in der Hose eingesperrt wird.

12:00 Uhr: Das Essen steht auf dem Tisch, Karlsson, Luise, das Prinzchen, der Zoowärter und ich starren hungrig auf die Schüsseln, doch der FeuerwehrRitterRömerPirat ist nicht da.

12:15 Uhr: Noch immer keine Spur von FeuerwehrRitterRömerPiraten. Karlsson und Luise gehen ihn suchen.

12:20 Uhr: Draussen heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil Luise ihm eine übergebraten hat, weil er sich mit seinem Freund eine Schneeballschlacht geliefert hat, anstatt nach Hause zu kommen.

13:10 Uhr: Luise muss jetzt augenblicklich ein Tütü haben. Weil das alte tatsächlich zu klein ist, bestelle ich ihr jetzt augenblicklich eines und bezahle am Ende mehr fürs Porto als fürs Tütü

14:30 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat landet für längere Zeit mit einem Buch auf dem Sofa, wo er bleiben muss, bis er sich beruhigt hat. Was er getan hat? Nun, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass das Prinzchen, Luise, Luises Freundin und der Zoowärter wegen ihm geheult haben. Und dann hat er noch eine Bastelarbeit von Luise zerstört und die Salontische umgechmissen. Das reicht.

16:00 Uhr: Karlsson will mit „Google Earth“ auf Reisen gehen. Ich bin „die beste Mama der Welt“, weil ich mitmache und mit ihm die Freiheitsstatue und Ayers Rock ansehe.

16:50 Uhr: Luise kotzt zum ersten Mal.

17:10 Uhr: „Meiner“ kommt nach Hause und überrascht mich mit einem Gutschein zum Kaffeetrinken. Damit ich morgen mal ausspannen kann.

18:00 Uhr: Abendessen. Luise will unbedingt Broccoli essen. Wir sagen ihr, sie solle es für einmal besser bleiben lassen.

18:05 Uhr: Wir haben kein Pepsi mehr und die Magen-Darm-Seuche ist gerade erst ausgebrochen

18:15 Uhr: Luise kotzt.

18:30 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

18:45 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

19:00 Uhr: Drei Kapitel „Kinder aus Bullerbü“. Der Zoowärter ist schon auf dem Sofa eingeschlafen.

19:30 Uhr: Ich erwache völlig benebelt auf dem Sofa. Wo sind all die Kinder? Und warum hat „Meiner“ die Küche ohne mich aufgeräumt? Und was für ein Tag ist heute überhaupt?

20:00 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat klagt über Bauchschmerzen.

20:15 Uhr: „Komm lieber Mai und mache“ für Karlsson, „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ für den FeuerwehrRitterRömerPiraten

20:35 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:55 Uhr: Mir ist kalt. Und übel. Und ich habe Bauchschmerzen. Was das wohl sein könnte?

Und ich hatte geglaubt…

… ich hätte heute nichts zum Bloggen. Bis ich heute am späten Nachmittag in mein „wunderschönes neues Büro“ ging, das leider nicht mehr so ganz „wunderschön“ war, sondern so aussah:

Nein, das ist kein Blut. Wir leben noch alle. Es handelt sich um  magentafarbene Tinte, die ich in einem Anflug von Idealismus gekauft hatte. Ich hatte nämlich geglaubt, dass auch Leute mit Kindern die Tintenpatronen nachfüllen könnten, um so Geld zu sparen. Leider hat sich dies aber als grosser Irrtum erwiesen, wie man sieht. Magenta auf dem neuen Computer, Magenta auf dem neuen Schreibtisch, Magenta auf der neuen Mausmatte, – gut, die hatte nur 95 Rappen gekostet,- und Magenta auf dem alten, unversiegelten Riemenboden. Der Schuldige war schnell gefunden: Wir mussten nur kontrollieren, wer magentafarbene Finger hatte. Und da der FeuerwehrRitterRömerPirat sich gestern bereits wegen schwarzer Finger hatte ertappen lassen, war er auch der Erste, der heute seine Händchen zeigen musste. Und sonderbarerweise nicht wollte…

Wie kann ein Kind, das sich mit fünf das Lesen und Schreiben beibringt, ein Kind, das dir Fakten über Römer, Pharaonen und Ritter herunterbeten kann, ein Kind, das die Namen der sieben Bundesräte kennt, so dumm gedankenlos sein, an zwei Tagen hintereinander Mamas Büro mit Tinte zu verwüsten? Wie kann dieses Kind dann nicht einmal wissen, weshalb es dies getan hat? Wie kann dieses Kind unbeschwert zu den Nachbarn gehen um zu spielen, anstatt den Eltern die Missetat sogleich zu beichten? Wie kann dieses Kind dann auch noch heulen, weil es nach dem Abendessen nur noch kurz das Zimmer aufräumen „darf“ und dann ohne Geschichte ins Bett marschiert? Und ist das wirklich das gleiche Kind wie jenes, das mir gestern Morgen Tee und Joghurt ans Bett brachte?

Ja, manchmal ist er für mich ein einziges Fragezeichen, der FeuerwehrRitterRömerPirat. Aber morgen wird alles anders sein; er hat’s versprochen: „Morgen“, sagte er mir mit ernster Mine, nachdem ich ihn fertig ausgeschimpft hatte, „morgen werde ich es nicht mehr tun.“ Nein, wird er wirklich nicht, denn ich habe die Tinte weggeschmissen…