Ich wollte nur mal fragen…

Glaubt mir, ich gehöre nicht zu der Sorte Menschen, die keinem trauen, der einen weissen Kittel und einen Doktortitel trägt. Im Gegenteil, ich vertrete standhaft die Meinung, dass Ärzte auch nur Menschen sind und darum denke ich nur Gutes von ihnen, solange sie nichts tun, um mein Misstrauen zu wecken. Zu dumm, dass nicht alle Herren Doktoren – meist sind es tatsächlich die männlichen Exemplare – daran interessiert sind, mein Vertrauen zu gewinnen. Ein paar  Beispiele gefällig?

Nun, da wäre mal der Moment, als Mama Venditti zum iPad griff, um ganz sachte per Mail nachzufragen, weshalb man sie denn nie darüber informiert habe, in welches Spital der Herr Gemahl gebracht worden sei und welche Diagnose man ihm gestellt habe. Das alles musste der fiebernde Patient seiner Frau nämlich selber mitteilen, mit der Einschränkung, dass viele Details die Hitze des Fiebers nicht überstanden hatten. Die lapidare Antwort des Arztes auf die Anfrage: „Tut mir Leid, Frau Venditti, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Ihr Mann war ja ansprechbar und es gab keinen Anhaltspunkt dafür, dass er unseren Erklärungen nicht folgen konnte.“ Und ich unterbelichteter Laie hatte doch tatsächlich geglaubt, 40 Grad Fieber und zeitweilige Verwirrtheit könnten „Meinen“ daran hindern, die Erläuterungen der Ärzte zu verstehen. 

Oder nehmen wir das schüchterne Nachfragen, ob „Meiner“ vielleicht nicht allmählich etwas allzu mager werde. Aus reiner Neugierde natürlich, nicht weil ich mir Sorgen gemacht hätte, dass er drei Tage lang keinen Bissen bei sich behalten konnte und die Untergrenze für einen gesunden BMI gerade unterschritten hatte. Ob man ihm ein wenig Schonkost verabreichen könne, wollte ich wissen. Sein Magen habe momentan etwas Mühe mit Paniertem, Gebratenem & Co. „Ach, machen Sie sich darüber mal keine Sorgen, Frau Venditti. Ihr Mann wird dann schon wieder zu Kräften kommen. Das Erbrechen gehört eben dazu und der verminderte Appetit auch“, beruhigte man mich und deutete mir damit an, ich sollte mich aus der Sache raushalten. Eigenartig war bloss, dass man „Meinem“ ein Mittel gegen den Brechreiz verabreichte, kaum hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Und Schonkost war plötzlich auch zu haben.

Und jetzt also die Sache mit der Heimkehr. „Meiner“ sei nun wieder fit, um nach Hause zu kommen, beschied man uns. Was im Grunde genommen ganz nett ist, denn wir vermissen ihn ganz schrecklich. Zu dumm nur, dass nie zur Sprache kam, wie es denn nun weitergehen soll. Ich bin die Letzte, die bestreiten würde, dass es „Meinem“ bedeutend besser geht als vor einer Woche und ich bin wirklich dankbar dafür, dass die Ärzte sich seiner angenommen haben. Leider muss ich aber auch feststellen, dass da noch einiges auskuriert werden muss, bevor er den Herausforderungen des Alltags gewachsen ist. Also wieder nachhaken, wieder eine äusserst unbefriedigende Antwort: „Den Ärzten ist nichts aufgefallen. Vielleicht können Sie morgen vor dem Austritt noch ein paar Fragen stellen, heute hat ganz sicher niemand mehr Zeit.“ Schon wieder abgewimmelt, schon wieder kurz darauf die Meldung von „Meinem“, die Ärzte seien noch einmal bei ihm gewesen, hätten ihm erklärt, wo es noch Probleme gebe, worauf man achten müsse und in welchem Bereich allenfalls ein Spezialist beigezogen werden müsse. 

Allmählich fange ich an, die Sache persönlich zu nehmen, denn mit „Meinem“ scheinen sie offenbar ganz gerne zu reden. Aber der stellt auch keine dummen Fragen. Zum Fragen ist er nämlich viel zu müde. Und leider auch zu müde, um im Kopf zu behalten, was die Ärzte ihm erzählt haben.

Aufklärung, Stufe 2

Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.

Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben. 

Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.

Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

Zweikindfamilie

Übernächste Woche steht uns ein Abenteuer der besonderen Art bevor: Sieben Tage als Zweikindfamilie. Nur der Zoowärter und das Prinzchen, die uns auf Trab halten, währenddem die drei Grossen im Jungscharlager sind. Da eröffnen sich seit Jahren nicht mehr da gewesene Möglichkeiten.

Man könnte sich zum Beispiel morgens ganz spontan dazu entscheiden, in die Westschweiz zu fahren, weil alle problemlos Platz finden werden in unserem Fünfplätzer. Oder man könnte an einem verregneten Sommertag aus einer Laune heraus ins Thermalbad fahren, ohne vorher drei Monate von Wasser und Brot leben zu müssen, damit man sich den Eintritt leisten kann. Vielleicht könnte man sogar in ein richtiges Restaurant gehen und weil die zwei Kleinen so süss und artig wären, würden sie vom Kellner ein kleines Spielzeug geschenkt bekommen. So wie früher, als das Servicepersonal sich noch nicht entsetzt hinter dem Tresen verkroch, wenn Vendittis im Anmarsch waren. Oder man könnte Bergbahn fahren, ganz spontan irgendwo übernachten, im Garten ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag faulenzen, einen zufällig zu Hause gebliebenen Babysitter aufspüren und ruhigen Gewissens in den Ausgang gehen – spätestens um halb neun würden die zwei bestimmt schlafen, so dass wir bei der Heimkehr für einmal nicht fünf überdrehte Rabauken und einen zu Tode erschöpften Babysitter antreffen würden.

Die Woche könnte also durchaus spannend werden. Jetzt bloss nicht krank werden, auf gar keinen Fall zulassen, dass sich jemand ein Bein bricht und schon gar keine Versprechen im Sinne von „aber natürlich werden wir eure drei Kinder hüten und wollt ihr uns nicht gleich noch die Goldfische, den Hund und die Pflege eurer Bonsais anvertrauen, damit ihr endlich mal wieder ausspannen könnt?“ abgeben.

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Du schaffst das – nicht

Früher sagte man zu den Kindern: „Vergiss es, das schaffst du nie. Sowas können nur Genies. Aber du? Dazu bist du schlicht zu dumm, zu unbegabt. Lerne etwas Vernünftiges, mach doch Verkäuferin, damit kannst du nicht falsch liegen.“

Unzählige Träume zerbrachen wegen solcher Worte, Talente wurden nie oder nur sehr spät entdeckt, manch einer mühte sich in einem Beruf ab, der nicht zu ihm passte und landete irgendwann beim Psychiater, wo der ganze Frust aus ihm herausbrach: „Keiner glaubte an mich. Wenn nur einer mich ermutigt hätte…“

Viele in unserer Generation haben gelitten unter den harten Urteilen, die jeglichen Mut raubten, Träume real werden zu lassen. Und weil wir nicht wollen, dass es unseren Kindern gleich ergeht, sagen wir heute zu ihnen: „Glaub an dich, in dir steckt so unglaublich viel drin. Wenn du etwas nur genug willst, dann kannst du es auch erreichen. Die Welt steht dir offen, zeige was du kannst.“

Natürlich gedeihen in diesem Klima die grossen Träume prächtig. Fussballstar, Musikgenie, Nobelpreisträger – nichts scheint unmöglich. Bis eines Tages eine Aufnahmeprüfung kommt, bei der mehr gefragt ist als nur Glauben an sich selbst. Bis einer daherkommt, dem nicht nur der gute Wille, sondern auch das Talent dazu in die Wiege gelegt worden ist. Der Traum zerbricht, der Schmerz darüber, dass eben doch nicht jede Türe offen steht, ist immens.

Beim Psychiater wird es dann wohl in einigen Jahren heissen: „Warum hat mir keiner gesagt, dass ich gar nicht das Talent zum Star habe? Hätte man mir doch gesagt, ich solle mir realistische Ziele setzen…“

Vielleicht redet die kommende Generation deshalb so mit ihren Kindern: „Du hast eindeutig eine grosse Fähigkeit in diesem Bereich, ich glaube, da liesse sich einiges draus machen. Wenn du dein Ziel aber auch wirklich erreichen willst, sollten wir hier noch ein wenig arbeiten, denn das hier liegt dir weniger.“

Eine kleine Chance besteht, dass sie so mit ihren Kindern reden werden, vermutlich werden sie aber eine ganz neue Methode finden, um dafür zu sorgen, dass die Wartezimmer der Psychiater nie leer werden.

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So geht das

Schülervortrag damals: Die Lehrerin erklärt der Klasse, was ein Vortrag ist, welche Themen in Frage kommen, gibt den Kinder Zeit, sich in Zweierteams aufzuteilen und ein Thema zu suchen. An einem schulfreien Nachmittag setzt man sich gemeinsam hin, teilt auf, wer was machen wird, sucht sich ein paar Bücher aus der Bibliothek, vielleicht hat noch jemand ein Poster mit einem zum Thema passenden Bild, dann wird geschrieben – von Hand, versteht sich. Am Vorabend die grosse Nervosität, dann endlich der Auftritt. Zehn Minuten reden, vielleicht eine Folie auf dem Hellraumprojektor, einige Stichworte an der Wandtafel und die gute Note hatte man auf sicher.

Schülervortrag heute: Der Lehrer führt die Klasse in die Kunst der Power Point Präsentation ein, die Schüler wählen ein Thema, danach wird im Internet recherchiert. Bilder, Musik, Filme, Zusammenfassungen – alles wird zusammengetragen und zu einer ersten Präsentation verwurstet, äähm, Pardon, verarbeitet. Diese Präsentation geht per Mail an den Lehrer, der einige Tage später eine Rückmeldung gibt. Im Laufe der Wochen geht die Präsentation noch mehrere Male zwischen Schüler und Lehrer hin und her, bis endlich alles perfekt ist. Da die Unterrichtszeit für die Fülle des Materials nicht reicht, sind Überstunden angesagt und zwar sowohl vor als auch nach dem Unterricht. Ein Vollzeitjob ist ein Klacks im Vergleich, aber Perfektion hat eben ihren Preis. Der Redetext muss niedergeschrieben werden, es braucht ein Quiz, damit die Mitschüler bis zum letzten Satz dranbleiben und dann muss man sich natürlich noch Gedanken machen, ob alle eine kleine Belohnung bekommen, oder ob man nur einen Hauptpreis für den Quiz-Sieger mitbringt. Schliesslich noch die Kontrolle, ob auch wirklich nichts aus dem Internet abgeschrieben ist und ob der Link von der Präsentation zu youtube funktioniert.

Am Vorabend dann die grosse Präsentation vor den Eltern, die völlig erschlagen dasitzen und denken, dass es früher deutlich einfacher war, ein guter Schüler zu sein.

Freuden des Alltags

Rote Rosen? Frühstück im Bett mit Lachs und Champagner? Ein Dîner im Luxusrestaurant? Ach was, alles vollkommen überbewertet. Hier kommt die Liste der wahren Alltagsfreuden:
1. Du erwachst morgens kurz vor neun und siehst als Erstes eine Tasse Tee, die dir „Deiner“ auf den Nachttisch gestellt hat, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Okay, der Tee ist längst kalt, aber was zählt, ist, dass er auch nach fast vierzehn Ehejahren noch akzeptiert, dass du ein elender Morgenmuffel bist.
2. Du entdeckst, dass auf einem deiner Bankkonti mehr Geld ist als erwartet. Gerade genug, damit du die Rechnungen begleichen kannst, die vollkommen unerwartet alle miteinander ins Haus geflattert sind.
3. Du tappst im Dunkeln vom Schlafzimmer aufs WC und wieder zurück, ohne dabei auf einen einzigen Legostein zu treten.
4. Du lädst dir beim Wocheneinkauf den Wagen voll mit Futter für die ganze Meute und an der Kasse stellst du fest, dass du die magische 350-Franken-Grenze unterschritten hast. Und das, ohne auf einen einzigen Artikel auf deiner Einkaufsliste zu verzichten.
5. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kuschelt sich in deine Arme, sieht dich mit verklärtem Blick an und sagt: „Du bist meine Tankstelle.“
6. Ein ganzer Tag ohne einen einzigen Anruf für Familie Hamchiti. (Für alle, die nicht wissen, wer Hamchitis sind: Das ist die Familie, die früher mal unsere Telefonnummer hatte und die offenbar mit sehr grosser Freude Telefonshopping betrieben hat.)
7. Du willst etwas aus dem Vorratsschrank holen, bringst dabei die Kakaodose und die Ölflasche zu Fall und schaffst es, beides aufzufangen, ohne dass etwas verschüttet wird.
8. Die Abfallsäcke stehen an der Strasse, bevor die Kehrichtabfuhr bei deinem Haus vorbeigekommen ist.
9. Deine Katze setzt sich mitten in der Nacht auf deinen Rücken und massiert mit ihren Pfötchen sämtliche Verspannungen, die du dir im Laufe des Tages zugezogen hast.
10. Du kannst dir zehn Minuten lang ungestört auf dem iPad die Musik anhören, die dir gefällt, bevor eines deiner Kinder brüllt: „Ich will jetzt aber mit Talking Tom spielen!“
11. Ein Tag, an dem du den Besen nur dreimal zur Hand nimmst und das Lavabo im Bad nur ein einziges Mal sauber machen musst.
12. Du machst dir einen Kaffee mit Milchschaum und schaffst es, den Milchschaum abzulöffeln, bevor die Kinder es gesehen und dir alles abgebettelt haben.
13. Du schaffst es, Kinder, kochen, schreiben und Haushalt so unter einen Hut zu bringen, dass du nicht permanent das Gefühl hast, auf der Flucht zu sein.

Wie? Ihr findet das alles banal und erkennt darin einen Hauch von Resignation? Aber nicht doch. All diese kleinen Alltagsfreuden tragen dazu bei, dass man abends noch fit genug ist, eine der grossen Alltagsfreuden zu geniessen. Zum Beispiel mit „Meinem“ aufs Sofa kuscheln und eine Schnulze schauen, die wir beide bereits gesehen haben, was aber weder ihn noch mich stört. Hauptsache, der Tag war gut genug, dass wir uns abends nicht mit Alltagskram herumschlagen müssen.

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Abgekühlt

Ich muss zugeben, dass unsere Beziehung zur Volksschule auch schon bessere Tage gesehen hat. Anfangs waren wir ja geradezu begeistert voneinander, wir wollten nur das Beste für die Kinder und die Gelegenheiten, bei denen wir uns begegneten, waren die reinste Freude. Viele nette Worte, gegenseitiges Bekräftigen, dass wir am gleichen Strick ziehen und geduldiges Nachsehen von kleinen Ausrutschern.

In letzter Zeit aber zeichnet sich ab, dass wir uns auseinanderleben. Das liegt wohl vor allem daran, dass „Meiner“ und ich inzwischen alte Hasen sind, wenn es um Sachen Einschulung und Prüfungen geht. Und das hat dazu geführt, dass wir gewisse Dinge einfach nicht mehr so eng sehen. Karlsson hat seine Hausaufgaben zwar gewissenhaft erledigt, hat aber dummerweise die letzte Rechnung übersehen? So what? Dann löst er sie eben heute Nachmittag. Luise hat am ersten Tag nach den Ferien das Turnzeug noch nicht dabei? Ist doch nicht so schlimm, sie hat ja erst am Mittwoch Turnen und somit noch zwei Tage Zeit, es zu bringen. Wir sind eindeutig gelassener geworden, was die Schule anbelangt, auch wenn es uns natürlich nach wie vor wichtig ist, dass unsere Kinder sich anständig benehmen und etwas lernen.

Die Schule aber hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Drückte man vor einigen Jahren bei einem braven Schüler noch eher mal ein Auge zu, so muss heute für jedes zu Hause vergessene Blatt eine Unterschrift der Eltern her. Fehlt auf dem Blatt der Name des Kindes, zerreist die Lehrerin das Blatt vor den Augen des Kindes. Auch dann, wenn das Kind ein Erstklässler ist, der seine Aufgaben fehlerfrei gelöst hat. Wenn der Name fehlt, ist alles nichts Wert.

Kein Wunder, dass ich heute nicht mehr allzu fröhlich gestimmt war, als mal wieder Schulbesuchstag auf dem Programm stand. Meine Erwartungen wurden leider nicht enttäuscht: Ziemlich farbloser Unterricht, viel Zurechtweisung, kein Lob – mal abgesehen von der Kindergärtnerin, die vom Zoowärter schwärmte – und kaum einmal ein Lächeln.

Oh ja, ich weiss, die Lehrer haben es heute nicht einfach. Ich erlebe das ja hautnah bei „Meinem“ und ich muss gestehen, dass ich selber nicht die Nerven dazu hätte, eine Klasse zu führen. Genau darum bin ich ja auch nicht Lehrerin geworden. Aber ist es denn zu viel erwartet, wenn man sich von einer Person, die diesen Beruf ergriffen hat, einen sanften Hauch von Begeisterung für die Arbeit mit den kleinen Menschen wünscht? Muss man gleich im Kasernenhofton losdonnern, bloss weil ein Kind die Aufgabe nicht beim ersten Mal begriffen hat? Versteht mich nicht falsch, auch ich beherrsche den Kasernenhofton bestens und machnmal mag er sogar angebracht sein, auch im Klassenzimmer. Nur kommen bei mir dazwischen auch mal Sätze wie „Das hast du toll gemacht“ oder „Wisst ihr was, Kinder? Ihr seid einfach grossartig“. Das dürfte doch auch mal gesagt sein, nicht wahr?

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Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Revanche

Er kümmert sich so viel um die Kinder wie ich, im Haushalt übernimmt er weit mehr als nur das Nötigste, jahrelang ist er nachts aufgestanden, er gibt sich grosse Mühe, bei jedem Elterngespräch in der Schule dabei zu sein und obendrein hält er mir den Rücken frei, damit ich neben Kindern und Beruf auch noch schreiben kann. Elf Jahre voller Einsatz ohne nennenswerte Unterbrüche. Klar, auch er hat hin und wieder seine kleinen Inseln im Alltag, gemeinsam haben wir uns schon öfters eine Auszeit gegönnt und die eine oder andere seiner vielen Weiterbildungen lässt sich bestimmt auch in der Rubrik „Freizeit & Erholung“ abbuchen. Aber zwei oder drei Tage ganz für sich alleine, so wie er sie mir seit einigen Jahren regelmässig ermöglicht, das hatte er noch nie. 

„Höchste Zeit also, ihn für ein paar Tage ins Ländli zu schicken“, dachte ich mir kurz vor Weihnachten und meldete ihn zu einem Männerwochenende an. „Das Wochenende findet ja erst im März statt und bis dahin werde ich bestimmt viel ausgeruhter und belastbarer sein als jetzt“, sprach ich mir Mut zu, ehe ich die Anmeldung abschickte. Ja, und jetzt ist er also dort und ich bin hier, genau gleich unausgeruht und dünnhäutig wie eh und je. Dennoch zweifle ich keinen Moment daran, dass es richtig war, „Meinem“ diese Auszeit zu schenken, auch wenn er natürlich findet, ich hätte das viel dringender nötig als er und er könne mir das doch nicht antun und es hätte doch auch gereicht, wenn ich ihm drei Minuten lang den Rücken massiert hätte und dann koste das Ganze ja auch noch Geld und das würde man doch besser für Nützliches ausgeben und nicht für ihn.

Mich dünkt, ich kenne diese Argumente von irgendwo und wenn ich mich recht erinnere, wurzeln sie in einem Gefühl von Hausfrauenfrust, oder in diesem Fall wohl eher Hausmännerfrust. Dagegen gibt’s nur eins: Ab ins Ländli und zwar schnell. Wehe, er geniesst seine freie Zeit dort nicht…