Und wieder einmal endet ein an sich ganz netter Samstag in einem epochalen Familienkrach. Türenknallen, Tränen, böse Worte, ausgelöst – wie fast immer – durch eine Kleinigkeit. Genau so, wie wir uns das nie vorgestellt hatten. Genau so, wie wir es nicht möchten. Und doch gehört es wohl einfach zum Familienleben, zumindest bei solchen Hitzköpfen, wie wir sie sind. Was soll man da bloss tun? Es gibt nur eins: Dazu stehen, dass das mal wieder ein absoluter Taucher war, einander um Verzeihung bitten und wieder vorwärts schauen. Wir sind nicht perfekt, also müssen wir auch nicht so tun als ob.
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Elternvorsätze
Vor zehn Jahren:
„Findest du es nicht auch schrecklich, wie all diese Eltern von grösseren Kindern von einem Anlass zum anderen hetzen? Fussballtraining, Blockflötenstunde, Maltherapie und danach noch kurz zu einer Geburtstagsparty. Also wenn unsere Kinder mal gross sind – zuerst müssen wir natürlich noch ein paar Kinder mehr haben als diesen einen süssen Karlsson – dann kommt so etwas nicht in Frage. Wir lassen uns doch nicht zum Chauffeur unserer Kinder degradieren. Klar, die eine oder andere Freizeitaktivität werden wir wohl erlauben müssen, aber erst, wenn sie alt genug sind, selber zu gehen. Und zeitintensive Dinge wie Fussball sind verboten. Wir wollen doch nicht jeden Sonntag auf dem Fussballplatz herumstehen und uns langweilen.“
Vor fünf Jahren:
„Okay, ganz so einfach wird es wohl nicht, hart zu bleiben. Der FeuerwehrRitterRömerPirat rennt jetzt schon wie ein Verrückter den Fussbällen hinterher und Luise wird wohl eines Tages reiten wollen. Aber wir haben ja noch viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn sie dann zehn oder elf sind, können wir dann ja sehen.“
Vor drei Jahren:
„Einfach toll, dass Karlsson jetzt Geige spielen will. Und er kann sogar selber hingehen, weil es so nahe ist. Was meinst du, sollen wir unsere Grenzen ein wenig ausweiten? Zwei Freizeitaktivitäten pro Kind, das müsste drinliegen.“
Vor zwei Jahren:
„Also gut, zwei Freizeitaktivitäten pro Kind und dann noch die Jungschar dazu. Aber das muss reichen. Und sobald sie können, sollen sie mit dem Bus in die Jungschar fahren.“
Vor einem Jahr:
„Dann lass uns mal sehen: Karlsson spielt Geige, geht in die Jungschar und möchte jetzt noch ins Orchester gehen. Luise hat mit Querflöte angefangen, will weiterhin ins Ballett gehen und natürlich auch in die Jungschar. Tja, und dann ist da noch die Therapie, aber die muss wohl sein. Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss noch ein Jahr warten mit Jungschar und Musikinstrument, aber Fussball sollte jetzt eigentlich drin liegen. Nun ja, komm, wir versuchen, ihn davon abzubringen. Landhockey wäre doch auch ganz toll und wir haben doch gesagt, Fussball kommt nicht in Frage.“
Vor einem halben Jahr:
„Jetzt, wo Luises Ballettstunde über längere Zeit ausfällt, braucht sie wohl einen Ersatz. Sie liegt mir schon die ganze Zeit in den Ohren damit. Und wann rufst du jetzt endlich den Fussballtrainer an? Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag nicht mehr länger warten. Nein, Karlsson soll nicht mit einem zweiten Musikinstrument anfangen, er kommt ja bald in die Fünfte, da hat er keine Zeit für noch mehr. Ja, ich weiss, er will, aber es geht nun mal nicht.“
Heute:
„Hmm, wie schaffen wir das bloss? Also am Montag, da musst du unbedingt pünktlich von der Arbeit zurückkommen, denn da muss ich um Viertel nach vier mit dem Zoowärter in den Schwimmkurs. Und dann müssen wir noch die Nachbarn fragen, ob sie Karlsson zur Orchesterprobe mitnehmen. Ach ja, hast du den Leichtathletik-Trainer angerufen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sich jetzt endlich entschieden, er will nicht mehr Fussball spielen. Ach so, du hast bereits alles organisiert? Toll. Wann soll es denn losgehen? Am Freitagabend? Ja, dann müssen wir schauen, wer ihn bringt und wer ihn abholt. Du, der Mittwoch wird auch etwas streng. Luise muss gleich nach dem Mittagessen in die Querflötenstunde, dann fahre ich sie zur Therapie und du bringst die beiden Jungs zum Kürbisschnitzen. Dann holst du Luise von der Therapie ab und ich bringe sie zur Theaterprobe. Ja, ich weiss, am Mittwoch hat sie etwas zu viel los, aber das Theaterprojekt dauert ja nur bis Februar, danach wird es wieder ruhiger. Wie? Dann will sie ins Volleyball? Mal sehen, ob das auch noch drin liegt. Nein, am Samstag ist keine Jungschar, aber nächste Woche müssen wir dann gut planen. Ach, heute sass ich neben dieser schrecklichen Mutter im Bus. Den ganzen Weg über hat sie mit ihrer Tochter geklönt, weil sie nicht alle Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringt. Reiten, Pfadfinder, Fussballtraining und Gesangsunterricht. Und dann hat sie sich auch noch beklagt dass keine Zeit für den Kinderchor bleibt. Völlig übertrieben, wenn du mich fragst…“
Wir sind doch keine Teenager!
In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.
Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.
Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.
Zurück an den Herd, aber schnell
Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“
Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…
Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…
Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.
Nicht mehr ganz jung
Heute im Park. Eine junge Mutter, das Baby an der Brust, daneben der kleine grosse Bruder, der das Baby gerne mal halten möchte, der grosse grosse Bruder, der lieber schon weitergehen möchte, die grosse Schwester, die sich an die Mama schmiegt. „Wie schafft die Frau das bloss?“, fragt „Meiner“. Na wie wohl? So ähnlich wie wir noch vor ein paar Jahren, nur mit einem Kind weniger.
Heute am MAG – einer Mischung aus Herbstmarkt und Messe. Wir zum ersten Mal mit allen fünf Kindern, ohne Kinderwagen, die grossen Kinder mit eigenem Taschengeld ausgerüstet, so dass sie uns nicht mehr fragen müssen, ob sie kaufen dürfen, sondern nur noch, ob sie sich das Ding der Träume auch leisten können. Kaum zu glauben, dass wir inzwischen schon soweit sind. „Meiner“ geniesst die neue alte Freiheit. Ich auch und schaue doch voller Wehmut in jeden Kinderwagen, in dem ein Neugeborenes friedlich schlummert. Obschon ich mit den armen Eltern, die den Wagen durch das Gedränge schieben müssen, nicht tauschen möchte. Ich persönlich würde in einem solchen Fall ja zum Tragtuch greifen…
Heute Abend ein Abstecher in verschiedenste Online-Schuhläden. Ich komme jetzt in das Alter, in dem Schuhe nicht nur schön, sondern auch bequem sein müssen. „Meiner“ blickt mir über die Schultern, kommentiert, was ihm gefällt und was nicht: „Nein, die kannst du nicht nehmen. Die sind für Vierzigjährige.“ Sein Standardspruch, wenn er etwas ganz schrecklich altmodisch findet. Nun, mein lieber Mann, du musst dir wohl allmählich einen neuen einfallen lassen. Ein paar Jahre noch und dann sind wir auch soweit…
Liebe unter erschwerten Bedingungen
„Warum hast du denn schon wieder nicht dran gedacht…?“ „Wie, nicht dran gedacht? Du hast doch vergessen…“ „Ich vergessen? Nie! Wenn ich überhaupt etwas vergesse, dann nur, weil du nicht…“ „Ach so, ich soll also mal wieder Schuld sein an allem. Als ob nicht du gestern genauso…“ „Gestern! Gestern! Gestern! Immer kramst du den alten Mist hervor, wenn dir die Argumente ausgehen. Was gestern war, ist doch egal, wir reden jetzt von heute. Aber wenn du schon mit gestern kommen willst, darf ich dich dann an vorgestern erinnern? Da hast du doch auch wieder…“ „Ha! Von wegen! Das von vorgestern war ganz alleine dein Fehler. Ich hätte das ja ganz anders gemacht und dann wäre es auch nicht derart schief gelaufen. Aber du weisst es ja immer besser als ich.“ „Das sagst ausgerechnet du. Wer muss immer darauf bestehen, dass niemand besser weiss als du…“ „Ich sag‘ ja nicht, dass es niemand besser weiss als ich, aber es ist nun mal so, dass meine Methode viel effizienter ist als deine…“ „Effizienter? Ich würde ja sagen unsorgfältiger und chaotischer, aber wenn du das unbedingt Effizienz nennen willst…“ „Chaotisch? Höre ich wirklich das Wort chaotisch? Aus deinem Mund? Wo du es noch nicht mal fertigbringst, die…“ „Das ist mal wieder typisch für dich: Ausgerechnet meinen einen grossen Schwachpunkt musst du herauspicken, um mir eins gegen das Schienbein zu treten. Du weisst genau, dass ich mit diesem Bereich einfach nicht klarkomme, das habe ich dir schon unzählige Male gesagt…“ „Oh ja, das hast du, jedes Mal, wenn du dich vor der Sache drücken wolltest. Weisst du überhaupt, wie ich es hasse, diesen Mist zu erledigen? Aber weil es ja dein „Schwachpunkt“ ist, bleibt die Sache jedes Mal an mir hängen…“ „Na und? Ich übernehme dafür immer den anderen Mist für dich, weil dir angeblich beinahe übel wird, wenn du es mal ausnahmsweise tun müsstest…“ „Jetzt kommst du wieder damit. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du darin einfach viel besser bist als ich und dass ich die Sache deshalb lieber dir überlasse…“ „Dankeschön, wie grosszügig von dir. Du lässt mir die Drecksarbeit und glaubst, ich würde das als Kompliment auffassen, weil ich das ja soooooo viiiiel besser mache als du. Dann verleih mir doch eine Auszeichnung für meine meisterhafte Erledigung der Drecksarbeit…“ „Ach so, jetzt wünscht man auch noch Applaus für seine grossartigen Taten. Ich mache das ja alles ganz selbstverständlich und ohne einen Dank zu erwarten. Aber wenn du das machst, ist es natürlich etwas ganz Besonderes…“ „Jetzt hör schon auf damit. Wir führen uns ja auf wie ein altes Ehepaar…“ „Nun ja, wir sind ja auch ein Ehepaar und alt… na ja, man ist so alt wie man sich fühlt, sagt man und ich für meinen Teil fühle mich im Moment ausgesprochen alt. Weil du nie…“ „Können wir jetzt bitte endlich aufhören damit. Eigentlich hätte ich dich ja nur fragen wollen, ob du daran gedacht hast…Weisst du, wenn du daran gedacht hättest, dann hätten wir jetzt endlich mal wieder ein wenig Zeit nur für uns zwei. Mir scheint, wir haben uns in den vergangenen Wochen ein wenig auseinandergelebt…“ „Zeit nur für uns zwei? Das wäre himmlisch! Könntest du bitte damit aufhören, mir auf die Nerven zu fallen, dann mache ich uns einen schönen Tee…“ „Wer fällt hier wem auf die Nerven? Du hast doch vergessen…“ „Hab‘ ich nicht. Du hast doch…“ „Hab‘ ich nicht…“ „Hast du doch…“ „Ach, lass das doch endlich. Wir sind schon bald so, wie wir nie haben werden wollen…“
Die Nachhilfelehrerin
„Mama, hilfst du mir bitte bei den Mathematik-Hausaufgaben?“
„Besser nicht. Du weisst ja, wie ich es habe mit den Zahlen. Frag lieber den Papa.“
„Aber der Papa ist gerade im Garten und hat keine Zeit und um halb fünf muss ich zur Orchesterprobe. Also hilfst du mir jetzt bitte? Ich schaffe es alleine nicht.“
„Na gut, was musst du denn machen?“
„Diese schrecklichen Zahlendreiecke. Schau mal…“
„Hmmm…wie soll man das denn lösen? Solche Dinge gab es zu meinen Zeiten noch nicht…Also, ich würde mal versuchen, die Zahl hier von der anderen zu subtrahieren und dann…“
„Aber Mama, so geht das nicht. Man muss diese Zahl hier so und dann die andere so und am Schluss die dritte so und dann…“
„Hä? Ich hab kein Wort verstanden. Kannst du mir das bitte noch einmal erklären. Aber nicht so schnell, sonst komme ich nicht mit.“
„Also, noch einmal von vorn: Du beginnst hier, machst dann hier oben weiter und dann, mit dem Resultat löst du die Aufgabe hier unten. Klar?“
„Klar? Von wegen! Ich verstehe das alles überhaupt gar nicht. Komm, mach die Hausaufgaben, wenn der Papa wieder Zeit hat.“
„Aber Mama, das geht wirklich nicht. Ich muss die Aufgaben bis morgen fertig haben und heute Abend bin ich zu müde und wenn ich die Rechnungen nicht gelöst habe, bekomme ich einen grünen Strich und wenn ich zu viele grüne Striche habe, dann gibt’s einen Eintrag im Zeugnis. Du musst mir einfach helfen…“
„Wie soll ich dir denn helfen, wenn ich doch überhaupt nicht verstehe, was du hier machen musst? Ich verstehe nicht, weshalb diese Zahl hier mit der hier verrechnet werden soll und warum du addierst, anstatt zu subtrahieren und überhaupt ist das alles ein einziger blöder Mist! Sag doch dem Lehrer, dass nicht mal die Mama diese doofen Hausaufgaben versteht.“
Irgendwann kommt zum Glück der Papa ins Zimmer und erklärt dem Kind die Hausaufgaben, wenn man Glück hat noch bevor Mama und Kind in Tränen aufgelöst sind.
Es geht aber auch anders:
„Mama, diktierst du mir dieses Diktat?“
„Aber klar doch, mein Kind. Reich mir mal den Zettel, wir fangen an. Okay, bist du bereit?“
Kind malt Kringel aufs Blatt, schaut ins Leere und sagt, es sei bereit.
„Gut, dann legen wir los. ‚Die Pausenglocke‘
Kind schreibt ‚di pausengloke‘, Mama reisst sich ganz fest zusammen, um nichts zu sagen, diktiert dann aber weiter: „In dem alten Schulhaus…“
Kind schreibt ‚indem alten Sculhaus‘, Mama reisst sich noch etwas mehr zusammen und fährt fort: „hängt eine wunderschöne, alte Pausenglocke…“
Kind schreibt ‚hangt eine Wunder schöne, alte pausengloke‘, Mama seufzt tief, murmelt etwas Unverständliches vor sich hin und fährt fort mit dem Diktat. Das Kind strengt sich an, alles richtig zu machen, verliert aber mehr und mehr die Konzentration, weil es nicht begreifen kann, weshalb es diesen langweiligen Text über die Pausenglocke fehlerfrei schreiben soll.
„Ich schreib jetzt nicht mehr weiter“, protestiert es schliesslich. „All diese ie und h und Grosschreibungen sind mir viel zu schwer, das lerne ich nie.“
„Natürlich lernst du das“, sagt die Mama und sie weiss selber nicht, ob das nun ermutigend oder drohend daherkam. „Jetzt schauen wir uns noch einmal jeden einzelnen Fehler genau an und dann diktiere ich dir das Ganze noch einmal.“
„Aber ich hab das Diktat doch erst in drei Tagen. Da bleibt noch so viel Zeit zum Üben. Bitte Mama, können wir jetzt aufhören?“
„Nichts da, wir machen weiter. Mindestens noch zweimal ziehen wir das durch. Also, los geht’s: ‚In dem alten Schulhaus….‘
Zum Glück kommt irgendwann der Papa ins Zimmer und rettet das Kind von der Mama, die so versessen ist auf eine fehlerfreie Rechtschreibung, dass das arme Kind wohl bis Mitternacht üben würde, wenn die Wörter nicht perfekt daherkommen.
Man sieht, ich tauge eindeutig nicht als Nachhilfelehrerin.
Schräg
Der Nicht-Vegetarier schneidet voller Abscheu das Wildschweinfleisch in Stücke und behauptet allen Ernstes, so etwas könne er nicht essen, obschon er dies schon mehrmals mit Genuss getan hat.
Der Vegetarierin rührt mit Leidenschaft im Wildschwein-Gulasch. Allerdings erst, nachdem sie den anfänglichen Ekel überwunden hat.
Die Katze frisst den Käse. Der Kater spielt Klavier.
Das dritte Kind nimmt es schweigend hin, dass Mama und Papa vergessen, ihn zur Geburtstagsparty seinen Freundes zu bringen und als Mama ihn fragt, weshalb er sie denn nicht daran erinnert hätte, meint er „Ich hab‘ ja schon daran gedacht, aber warum hast du mir nicht gesagt, dass du es vergessen hast? Wenn ich gewusst hätte, dass du es vergessen hast, dann hätte ich dich daran erinnert.“
Die Tochter macht sich am Schienbein weh, weshalb sie nicht helfen kann, den Tisch abzuräumen. Dafür aber kann sie mit der Katze durch die Wohnung rasen. Dazu braucht man die Beine ja nicht.
Der Jüngste will wissen, ob ein Töpfchen das Gleiche sei wie ein Katzenklo. Und ist enttäuscht, als die Mama erklärt, dass es da ziemlich viele Unterschiede gibt.
Der Älteste bügelt Mamas Kleid, Papas Hose und seine eigenen Hemden. Vollkommen freiwillig. Weil es „so schön ist, gebügelte Kleider zu tragen“.
Der Zweitjüngste heult aus Leibeskräften „Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich bin ganz zufrieden!“
Mein Idol würde sagen „Die spinnen, die Vendittis.“
Von wegen nicht weit vom Stamm
Seit heute Nachmittag hängt an unserer Küchentüre ein Zettel mit der schönen Überschrift „Ordnung muss sein… Ordnung im Überblick“. Darunter ist fein säuberlich aufgeführt, wie die vier kleinen Vendittis, die dazu bereits fähig sein sollten, dafür sorgen können, dass mehr Ordnung herrscht. Keine Kleider auf den Fussboden schmeissen, die Schuhe ins Regal räumen, die Jacke an den richtigen Haken hängen und den Wäschekorb im Zimmer regelmässig leeren. Und damit keiner seine Pflichten so schnell vergisst, hängt das Blatt auch in jedem Kinderzimmer.
Wer nun hofft, „Meiner“ und ich seien auch endlich auf den Zug derjenigen aufgesprungen, die mehr Disziplin in der Erziehung fordern, den muss ich leider enttäuschen. Das Regelwerk ist nämlich nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern auf demjenigen der Kinder, allen voran Karlsson. Nun ja, die Forderungen sind eigentlich nicht neu, die haben „Meiner“ und ich immer mal wieder gepredigt, aber dass man bei uns zu Hause jetzt an jeder Ecke eine „Zimmerordnung“ – wie Karlsson das nennt – findet, das ist uns schon eher fremd, neigen wir beide doch eher zu spontan, unkompliziert und aus dem Bauch heraus, ich ein bisschen mehr als „Meiner“.
Aber so ist das halt mit der Jugend von heute, die will immer das Gegenteil von dem, was die Eltern für erstrebenswert halten. Das ist für mich eigentlich soweit okay und solange ich nicht die Einzige bin, die dafür sorgen muss, habe ich auch nichts gegen eine gewisse Ordnung einzuwenden. Ich fürchte mich einzig vor den Auswüchsen, welche die Reglementierwut mit sich bringen könnte. Ich ahne bereits, dass ich demnächst auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit dem Titel „Ordnung muss sein… auch im Büro“ finden werde. Darauf wird wohl zu lesen sein: „Keine losen Blätter herumliegen lassen. Stifte und Radiergummis in einem Behälter versorgen. Bearbeitete Unterlagen in einem Ordner ablegen. Ein sinnvolles Ablagesystem für Pendenzen einrichten. Alte Notizzettel gehören ins Altpapier.“ Oder so ähnlich.
Sollte ich diesen Zettel tatsächlich demnächst unter all den sich türmenden Papieren auf meinem Schreibtisch vorfinden, dann verlange ich einen Mutterschaftstest…
Warum sind wir Eltern eigentlich so?
Wir wissen ja, dass es bei unseren Kindern diesen roten Knopf, mit dem man sie abstellen könnte, nicht gibt. Und doch tun wir jedes Mal, wenn sie negativ auffallen so, als hätten sie nur eine kleine Funktionsstörung, die wir gleich behoben haben werden. Der Klassiker: Das Kind kriegt im Supermarkt einen Trotzanfall, die anderen Kunden schauen schon langsam missmutig drein, weil das nun schon geschlagene dreissig Sekunden so geht und wir versuchen mit allen Mitteln, das Kind abzulenken und zu beruhigen, dabei wissen wir ganz genau, dass das Geschrei erst aufhören wird, wenn wir den Laden verlassen haben und das Kind seine Niederlage eingestehen muss. Nun ja, es würde sich natürlich auch beruhigen, wenn wir es siegen liessen, aber das ist natürlich unter unserer elterlichen Würde.
Und warum lernen wir Eltern eigentlich nie, dass Kinder die Aufforderung „Nun beeil dich doch!“ nicht verstehen? Wo ist das Kind, das sich schneller bewegt, bloss weil die Mama oder der Papa es dazu aufgefordert hat? Mein Erfahrung sollte mich eigentlich gelehrt haben, dass ein Kind umso langsamer geht, je öfters es zur Eile aufgefordert wird. Folglich sollte man ein Kind nur zur Eile antreiben, wenn man möchte, dass es sein Tempo ein wenig drosselt, also nie, denn wo ist das Kind, das schneller geht, als es sollte?
Ebenfalls ins Kapitel „Absurde Aufforderungen, die nur aus dem Mund von Eltern stammen können“ gehört der Seufzer: „Nun schlaf doch endlich!“. Kennt jemand einen Menschen, der auf Kommando einschlafen kann? Ich nicht. Ich kenne zwar inzwischen (meist sehr kleine) Menschen, die im Sitzen einschlafen können, Menschen, die schon schnarchen, bevor der Kopf auf dem Kissen liegt (zum Beispiel „Meiner“) und Menschen, die in der Badewanne aufpassen müssen, dass sie nicht vom Schlaf übermannt werden (ich). Aber den Menschen, den man mit „Achtung, fertig, schlafen!“ zur Ruhe bringt, muss man wohl erst noch erfinden. Warum also ertappe ich mich trotzdem immer wieder dabei, wie ich genau dies von meinen Kindern erwarte, wenn abends die Stille nicht einkehren will.
Noch so eine Absurdität, auf die nur Eltern kommen können: Zwei Kinder streiten sich, einer wird handgreiflich, der andere heult. Als verantwortungsbewusste Mutter fordert man natürlich das Kind, das geschlagen hat, dazu auf, sich zu entschuldigen. Was dieses auch tut und zwar laut brüllend: „Tschuldigung! Du blöder Affe du!“ Was sagt die verantwortungsvolle Mutter zu einer solchen Entschuldigung? „Noch einmal, aber diesmal anständig.“ Worauf das Kind, noch immer rasend vor Wut, dem anderen ins Ohr brüllt „Anständig!“. Und sich dann wundert, weshalb die Mama noch immer nicht zufrieden ist, wo es doch genau das getan hat, was man von ihm verlangt hat.
Ja, wir Eltern sind wirklich eigenartige Menschen. Wir geben unseren Kindern Taschengeld, damit sie lernen, mit ihrem eigenen Geld umzugehen und wenn sie ihre ganzen Ersparnisse in eine Kaumgummimaschine investieren wollen, dann schimpfen wir, sie sollten unser sauer verdientes Geld nicht für einen solchen Mist aus dem Fenster schmeissen. Wir brüllen „Ruhe jetzt! Ich kann ja mein eigenes Gebrüll nicht mehr verstehen!“; wir möchten, dass unsere Kinder kreativ sind und wenn sie aus eigenen Antrieb zu Pinsel und Farbe greifen, motzen wir, weil der Fussboden etwas von der Farbe abgekriegt hat; wir sagen „Schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede“ und wenn das Kind uns zehn Minuten später etwas erzählen will, blättern wir geistesabwesend in der Zeitung und hören nur mit einem Ohr zu.
Schon erstaunlich, dass es unsere Kinder mit uns aushalten.








