Stark?

Nein, als unehrlich würde ich uns Mamas wirklich nicht bezeichnen. Da kann und will ich dem Herrn Novotny nicht Recht geben. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb wir Mamas untereinander nicht offener darüber reden, wie es uns wirklich geht. Dass wir zwar unser Kinder über alles lieben und sie nie wieder hergeben würden, dass wir uns aber das Leben als Mutter in einer Gesellschaft, in der angeblich alles möglich ist, etwas anders vorgestellt hatten. Warum muss ich erst ziemlich viel von meinem inneren Elend preisgeben, bis ich endlich erfahre, dass zig Frauen in meinem Umfeld ebenfalls darunter leiden, dass sie intellektuell verkümmern? Warum erzählt man mir erst dann von Zusammenbrüchen, wenn ich offen dazu stehe, dass mir vor drei Jahren alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich je wieder glücklich sein könnte? Warum erfahre ich erst im Wartezimmer bei der Psychiaterin, dass Frauen aus meinem Bekanntenkreis mit genau den selben Problemen zu kämpfen haben wie ich? Warum haben wir Mütter so unglaublich viel Angst davor, zu gestehen, dass trautes Heim nicht Glück allein ist? Warum können wir lauthals über Kopfschmerzen jammern, verschweigen aber zugleich, dass es uns woanders viel mehr weh tut?

Wo doch die Depression schon fast so selbstverständlich zur Mutterschaft gehört wie die Schwangerschaftsstreifen und die dunklen Augenringe. Wo doch fast alle Mütter im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen. Doch anstatt einander ungeniert das Herz auszuschütten geben wir uns stark, zeigen nicht, wie sehr es uns belastet, dass wir nicht die Bilderbuchmama sind, die wir hätten sein wollen. Reden nicht darüber, wie unfähig wir uns fühlen, zugleich Hausfrau, Berufstätige und Mutter zu sein. Klar, wir klönen gerne über unsere Wäscheberge und durchwachten Nächte. Aber seien wir doch ehrlich: Das ist es nicht, was uns fertig macht; es ist nicht das, was viele von uns in die Depression treibt. Es ist dieses unerreichbare Ideal der stets glücklichen, stets liebevollen, stets organisierten, stets besonnenen Mama, das uns unglücklich macht. Es ist die Illusion, dass alle anderen Mamas ihre Sache im Griff haben, dass ich die Einzige bin, die nichts auf die Reihe kriegt. Es ist das sture Festhalten an dem Irrglauben, dass all die anderen es schaffen, moderne Powerfrauen zu sein, während ich selber vor lauter Überforderung nur noch heulen könnte. Es ist das Bild der perfekten Frau, die es zwar nie gegeben hat, die aber so lange auf dem Sockel stand, dass sie noch immer, tief in uns drinnen, das Mass aller Dinge ist, auch wenn wir dies nicht wahr haben wollen.

Vielleicht ist es eine gewagte Behauptung, aber ich mache sie dennoch: Würden wir Mamas ebenso offen über  unsere tiefen Nöte reden, wie wir über volle Windeln und eitrige Mittelohrentzündungen reden, es würde uns nicht so schwer fallen, das Leben mit den wunderbarsten Geschöpfen auf diesem Planeten zu geniessen. Und es würden wohl auch nicht so viele von uns beim Psychiater landen. Würden wir auch mal hemmungslos losheulen, wenn uns danach ist, anstatt gequält zu lächeln, wir hätten wohl auf lange Sicht mehr zu lachen. Würden wir früher um Hilfe rufen, wir wären die weitaus stärkeren Frauen als wir es sind, wenn wir stets auf die Zähne beissen und bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus die starke Frau markieren.

17 Gedanken zu “Stark?

  1. Im Internet sieht man ja auch die hochgezogenen Augenbrauen und die gerunzelte Stirn nicht :-). Aber ich denke, dass es schon ein riesiger Fortschritt ist, dass Frauen im Internet offen über ihre Sorgen reden. Obschon ich es himmeltraurig finde, dass es im „normalen“ Leben noch immer als eine Schande gilt, nicht immer so tun zu können, als hätte man alles im Griff.

  2. Besonders schwierig finde ich dass jedwede Erzählung über Probleme und Problemchen unserer Kinder immer wieder ähnlich kommentiert werden: Tenor 1: „Meine Kinder waren niee so“
    Tenor 2: „Na du musst ja wissen, was Du Deinen Kindern erlaubst“ (spitzen Unterton bitte dazu denken)
    Tenor 3: „Ich weiss gar nicht wo Du die Zeit für das Internet immer hernimmst – ihich habe da keine Zeit für“

    Natürlich ärgert es mich jedesmal wieder und natürlich sind weder wir Eltern noch unsere Kinder perfekt – wenn mir denn mal jemand sagen könnte was „perfekt“ ist.
    Inzwischen sag und erzähl ich auch nicht mehr viel im Bekanntenkreis. Meine nähere Familie weiss dass mir das alles ab und an komplett über den Kopf wächst. Erstaunlicherweise fällt es mir leichter, so etwas im Internet zu sagen, als in einer Runde mit Bekannten…

  3. Danke, ich meld mich sobald wie möglich. Eigentlich hab ich nämlich grad frei…äh…bin bei der Arbeit. 🙂

    Lg

    Vreni

  4. E-Mail und Telefon findest du auf der Seite „Kurse“. Aber stimmt, ein Kontakt-Button fehlt noch. Muss ich mal einrichten.

  5. Autsch! Das tut weh! Als ob wir in unserer freien Zeit nichts Wichtigeres zu tun hätten als Kleider zu kaufen. Wo wir doch sonst schon genug Frust haben im Alltag…

  6. Kafi fänd ich super! 🙂 Wie kann ich dich „privat“ erreichen, ohne dass wir hier gleich alle Daten öffentlich austauschen? Find grad keinen Kontakt-Button…

  7. Ja, ja, die knackig-ewig-jungen Männer: Bauchansätze (oder mehr) und eine zerzauste Frisur werden vom Umfeld als Beweis dafür genommen, dass sich Papi liebevoll um seinen Nachwuchs kümmert. Aber wehe, Mami trägt Kleider, die schon einige Jährchen gesehen haben, und vergisst in der Alltags-Hektik, den fleckigen Pullover auszuziehen. 😉 Das erinnert mich ans fürsorgliche Babysitting-Angebot aus dem Bekanntenkreis, damit ich mir mal wieder was Anständiges zum Anziehen kaufen kann…

  8. Herzlichen Dank! Vielleicht haben wir ja mal Zeit für einen Kaffee? Ich bin jetzt am Morgen jeweils „nur“ noch mit zwei Kindern zu Hause, dann ist es nicht mehr so schwierig, aus dem Haus zu kommen. 🙂

  9. @Tamar: Ich fänds auch schön, wenn sich unsere Wege mal wieder kreuzen würden. Eine Leserin mehr hast du jedenfalls gefunden. 🙂 Und herzliche Gratulation zur „trockenen Tinte“!

  10. Stimmt: Die aus dem Ei gepellte Liebhaberin habe ich noch vergessen zu erwähnen… Ich bin auch von Herzen froh, dass mich „Meiner“ nimmt, wie ich bin. Aber hin und wieder raten mir wohlmeinende Bekannte schon dazu, ich solle bitte etwas mehr auf mein Äusseres achten, damit ich ihm nicht verleide. Ganz so. als würden Männer ewig jung und knackig bleiben.

  11. Ja, dieses ewige einander Vorschreiben, wie man denn nun die Probleme zu lösen habe, ist eine immense Belastung. Und die Gesellschaft weiss dann ja auch noch sehr gut, wie man das zu machen hätte mit den Kindern…

  12. Oh, das freut mich aber, dass du über meinen Blog gestolpert bist! Hoffe, dass wir auf diesem Weg hin und wieder voneinander hören…

  13. Stimmt! Frauen sind unglaublich „gut“ darin, einander das Leben schwer tu machen. Habe ich auch immer wieder erlebt. Und meistens sind es dann später genau diese Frauen, die einem nicht verstanden haben, die am tiefsten ins Loch fallen. Das habe ich nämlich auch schon öfters erlebt: Eine Frau streitet ab, je das selbe Problem gehabt zu haben und wenige Monate später gibt sie zu, dass sie nur deshalb so vehement widersprochen hat, weil sie gespürt hat, dass bei ihr auch nicht alles in Butter war.

  14. Was wohl nicht zu vergessen ist: Das von der Werbung propagierte Bild der Superfrau ist auch nicht wirklich hilfreich. Wir haben nicht nur glücklich zu sein, sondern dabei auch noch 1a auszusehen. Und wenn wir das alles nicht subito auf die Reihe kriegen, läuft uns halt der Mann davon. Selber schuld. Oder?! (Gott sei Dank hab‘ ich meinen Handyman :-))

  15. Wir Mütter machen uns wohl in der Tat oft das Leben schwer.
    Zum oben genannten kommen dann noch die Diskussionen, die oftmals Ähnlichkeit mit einem Glaubenskrieg haben, wer den nun den richigen Weg geht in der Erziehung.
    Ich habe mich schlussendlich von fast allen „Mitmüttern“ in meinem Bekanntenkreis distanziert weil ich mich nicht noch zusätzlich mit solchen Dingen belasten wollte.
    Ich wollte mich nicht damit belasten mich auch noch rechtfertigen zu müssen weil ich vieles anders sehe. Besonders da ich selbst das Bedürfnis andere zu beurteilen nicht nachvollziehen kann. Viele Wege führen nach Rom – und nur einige wenige führen nirgendwo hin…

    Ja, Offenheit, Ehrlichkeit und Unterstützung – von anderen Müttern – das hätte ich mir so richtig dolle gewünscht.

  16. Da stolpert frau zufällig über den Blog ihres ehemaligen Studien- und Zugfahrer-„Gspänlis“ und muss gleich ihren Senf dazu geben: Recht hast du!

    @Sonja: Oh ja, das kenn ich auch (leider)…

    lg

    Vreni

  17. leider wird der Versuch um Hilfe zu rufen und Schwäche zu zugeben oft im Keim erstickt.
    Welche Mutter kennt es denn nicht:
    man gibt vor einer Freundin/einem Familienmitglied zu, dass dies oder jenes nicht gut läuft, dass man sich schlecht fühlt o.ä. – und was bekommt man als Antwort?
    Dinge wie: man muss sich auch mal zusammen reißen, stell dich nicht so in den Vordergrund, erfreue dich am Kind und beschwere dich nicht, also bei mir war das NIE so, mitleidige Blicke, Blicke die fragen „wer weiß was du falsch machst“, ausserdem Ratschläge, die gut gemeint, mehr aber auch nicht sind.

    und beim nächsten Mal lächelt man eben doch wieder gequält, man will ja schließlich auch nicht die einzige sein, die die Hosen runter lässt. 😦

    lg
    sonja

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