Einen Schritt weiter

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seitdem sich eine winzige befruchtete Eizelle auf den Weg gemacht hat, um sich in meiner Gebärmutterwand einzunisten. Diese Eizelle wuchs in der Folge ganz kräftig, entwickelte sich in Riesenschritten, schlüpfte irgendwann aus meinem Bauch, um mehr Raum zum Wachsen zu haben. Heute misst die ehemalige Eizelle rund 140 cm und ist somit nur noch einen halben Kopf kürzer als die Mama, die ihn einst im Bauch getragen hatte. Meinen Lesern ist diese ehemalige Eizelle unter dem Namen Karlsson bekannt und dieser Karlsson hat heute, ziemlich genau ein Jahrzehnt nachdem er zu sein begann, einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit getan. Und das kam so:

Karlsson war heute Morgen ziemlich übel gelaunt, als er aus dem Bett gekrochen kam. Die ganze Welt war ungerecht: Luise durfte noch in Ruhe fertig frühstücken, während er bereits in seine Kleider hätte schlüpfen sollen. Dem Zoowärter wurden die Kleider aus dem Schrank geholt, während man ihn einfach so alleine liess bei der Auswahl seiner Kleider. Und dann erinnerte sich Karlsson auch noch daran, dass gestern Abend der Babysitter ganz unglaublich gemein gewesen war. Sie hatte nämlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eine Gutenacht-Geschichte auswählen lassen und so musste der arme Karlsson vor dem Einschlafen die Legende von König Artus hören, wo er doch viel lieber ein „Lustiges Taschenbuch“ erzählt bekomme hätte. Als ob man „Lustige Taschenbücher“ erzählen könnte!  Als dann auch noch das Gejammer losging, weil die Kleinen ihren Toast bebuttert bekamen, während Karlsson das Messer selber in die Hand nehmen musste, hatte „Meiner“ genug. „Dann bleib doch zu Hause und komm in zwei Stunden mit dem Bus in die Stadt!“, sagte er.

Karlssons Augen strahlten, in mir aber meldete sich sofort  die Glucke zu Wort: „Darf man denn das, einen fast Zehnjährigen am Sonntagmorgen alleine zu Hause lassen, während der Rest der Familie zur Kirche geht?“, fragte sie.  „Ich denke schon“, sagte ich. „Karlsson ist ja ein ganz vernünftiger Junge.“ „Ja, aber stell dir bloss vor, was passiert, wenn der ‚ganz vernünftige Junge‘ auf die Idee kommt, mit Zündhölzern zu spielen. Oder wenn er sich während eurer Abwesenheit am Computer zu schaffen macht? Weisst du überhaupt, was ihm alles zustossen kann so alleine zu Hause?“, fragte die Glucke mit vorwurfsvollem Unterton. „Karlsson weiss genau, dass er nicht mit Zündhölzern spielen darf. Und vom Computer wird er auch die Finger lassen. Er hat ja gesagt, dass er lesen will.“ „Ja, aber du kannst doch den armen Jungen nicht alleine Bus fahren lassen. Was, wenn er an der falsche Station aussteigt?“, keifte die Glucke. „Karlsson ist den Weg schon hundertmal gefahren“, beruhigte ich sie. „Na und? Was, wenn er ausgerechnet beim hundertersten Mal nicht mehr weiss, wo er aussteigen muss?“

Irgendwie gelang es mir, die Glucke zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte zwar noch, mich dazu zu bringen, Karlsson zu fragen, ob er sich wirklich ganz sicher sei, dass er die zwei Stunden ohne uns zurechtkommen würde und ob er nicht lieber doch mit uns kommen wolle, aber ich konnte der Glucke gerade noch rechtzeitig den Mund zuhalten. Und so liessen wir unseren Ältesten zum ersten Mal unbeaufsichtigt zu Hause, versehen mit unserer Handynummer und vielen gut gemeinten Ermahnungen. Und nachdem ich die Glucke endlich zu Boden gerungen hatte, konnte ich mir eingestehen: Es ist gar kein schlechtes Gefühl, nach zehn Jahren der rund um die Uhr-Betreuung zu wissen, dass das älteste Kind für eine kurze Zeit ganz gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ja jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem er eine Einzelle war.

2 Gedanken zu “Einen Schritt weiter

  1. Und so ein kleines Bisschen gackern darf sie ja schon noch. Sonst glauben mir die Kinder am Ende nicht mehr, dass ich sie liebe… 😉

  2. Bravo! Sei stolz auf Dich dass Du die Glucke in Dir niedergerungen hast! Und übe schon einmal ein bisschen innerlich folgenden Satz “ Er ist gross – er schafft das locker!“

    Sei Dir gewiss – ganz zum Schweigen bringen wirst Du die Glucke niee – aber irgendwann gackert sie nur noch ab und an ganz leise im Hintergrund 🙂

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