N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

6 Gedanken zu “N-E-I-N

  1. Danke! Ich glaube, dass jeder im Leben seine Herausforderungen hat, ob mit oder ohne Kinder, ob mit oder ohne Ehrenämter, ob mit oder ohne Projekte. Ich denke, gewisse Persönlichkeiten stehen immer in Gefahr, auszubrennen, egal wie jung oder alt sie sind. Ich bin gerade dabei, zu lernen, diese Grenzen nicht nur zu akzeptieren, sondern auch dankbar zu sein dafür. Denn nach einem Zusammenbruch ist man meiner Meinung nach viel sensibler für die Warnsignale und ich glaube, dass es gar nicht so schlecht ist, mit einer eingebauten Alarmanlage weiter durchs Leben zu gehen.
    Es ist wohl stets der gleiche Kampf: Lernen, wo ich zu mir selber schauen muss, wo andere mich brauchen und wo andere versuchen, mich für ihre Interessen zu missbrauchen.

    In diesem Sinne wünsche ich viel Klarsicht, beim Spüren, was gerade dran ist und wo ein lautes und deutliches Nein vonnöten ist.

  2. Das sit ja das Verrückte an dieser Sache: Es tut gar nicht so weh, wenn man mal nein sagt. Aber bevor ich das lernen konnte, musste ich mir erst mal klar machen, dass ich mich vor anderen nicht rechtfertigen muss.

  3. Darf mich deiner Problematik anschließen, es fällt mir auch immer noch sehr schwer. Aber eine überraschende Erfahrung. Es passiert meist nichts „schlimmes“ wenn man mal Nein sagt. Im Gegenteil, jemand der immer Ja sagt ist langweilig und wird eher ausgenutzt als geschätzt. Daher übe ich auch fleißig hin und wieder mal Nein zu sagen und werde seit dem viel öfter gefragt ob es auch wirklich ok ist oder ob ich wirklich Zeit habe. Vorher wurde vieles selbstverständlich genommen.

  4. Oooooooh jaaaaa, der Tag hat 24std. und wenn die nicht reichen, häng mer die Nacht noch dran…

    Wie ich dieses N-E-I-N kenne (n müsste *gg*. Und auch Ihre Gedanke sind mir nur allzusehr vertraut.

    Ja, dieses Nein, lerne ich auch gerade, bin nämlich trotz junger 23 Lenze und ohne Kids, auch vor 2 Jahren mit einem recht hübschen Knall und Burn Out zusammen geklappt.
    Und jetzt, wo ich eigentlich so ziemlich fast wieder fit bin, merke ich, wie ich teilweise wieder in alte Verhaltensmuster falle, hin und wieder auf dem „falschen“ Weg, in Richtung erneutem Zusammenbruch bin. Bisher hab ich zum Glück immer noch die Kurve gekriegt, aber derzeit SUCHE ich mir direkt alle Möglichen ehrenamtlichen Beschäftigungen, um wie ich mir einrede, nach dem Umzug hierher Kontakte zu bekommen und gelegentlich was zu unternehmen. Tatsächlich aber wohl eher um den einsamen Minuten und Stunden in der Bude möglichst immer zu entfliehen. Mit dem selbstverständlichen Nebeneffekt, dass sämtliche Erholungs- und Entspannungszeigen für mich gnadenlos drauf gehen, denn entweder ganz oder gar nicht *gg*

    Meinen Hut und ergebenste Hochachtung vor Ihrer Leistung. Ich habe durch Freunde eine Ahnung, was es bedeutet Kinder zu haben. Und dann noch so viele Projekte nebenher, Respekt.

    Doch bitte passen Sie auf sich auf! Gönnen Sie sich, vielleicht gerade dann, wenn wirklich alles zuviel werden zu scheint, wenn irgend möglich ein paar Stunden völlige Auszeit, z.B. ein paar Züge Schwimmen und danach in der Sauna entspannen etc. Das versuche ich wenn mir alles zuviel wird, und kann dann gelegentlich zumindest etwas Kraft und Ruhe tanken.

    In diesem Sinne, meine Hochachtung

  5. Du hast ja so recht. Freiräume im Alltag sind überlebenswichtig. Diejenigen im Kühlschrank – zu verschmerzen.

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