Ein Kind, zwei Meinungen

„Schauen Sie sich bloss mal an, wie sie dieses O geschrieben hat. Und dann dieses S hier und das T und das K… Das kann man kaum lesen. Und diese Verkrampftheit beim Schreiben, einfach unglaublich. Ja, und mit dem Tempo hapert es auch ganz gewaltig. Das muss jetzt ganz dringend besser werden, sonst kommt das nicht gut. Mit dem Reden hat sie auch Mühe. Man versteht kaum ein Wort, wenn sie etwas sagt. Und melden tut sie sich ohnehin fast nie im Unterricht. Ja, natürlich, sie ist ein liebes, fröhliches Kind, aber das Schreiben, das Reden und die Schüchternheit…“

„Schauen Sie sich mal dieses Blatt an, wie viel besser sie hier schon geschrieben hat. Man sieht, wie sehr sie sich Mühe gibt und wie viel Fortschritte sie in so kurzer Zeit gemacht hat. Und sehen Sie sich diese Prüfung an: Kaum ein Fehler und sie war eine der Schnellsten. Ach, und ich habe mich ja so darüber gefreut, dass sie sich im Unterricht so viel zu Wort meldet. Es ist eine wahre Freude, mitzuerleben, wie sie aufblüht und immer mehr kann. Klar, sie braucht noch Unterstützung, aber sie wird das ganz toll hinkriegen, da bin ich mir sicher…“

Ein Kind und zwei so unterschiedliche Meinungen. Liegt das daran, dass das Kind sich am einen Ort so gehemmt am anderen Ort so frei fühlt? Liegt es am Blickwinkel der Betrachtenden? Oder an beidem? Ich weiss es noch nicht mit Sicherheit. Aber egal, wie es auch sei, in meinen Augen ist sie ein grossartiges Kind, nicht perfekt, ist ja klar, aber für mich dennoch einer der sechs liebsten Menschen auf diesem Planeten.

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