Was nun?

Sie haben vollkommen Recht, die zwei Experten, die in der heutigen Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ kritisieren, dass Kinder zur Therapie geschickt werden, kaum tanzen sie mal ein wenig aus der Reihe. Völlig unrealistisch sei das, was Lehrpersonen, Eltern und Therapeuten heute von den Kindern erwarteten, völlig unnötig ein Grossteil dessen, was angeordnet werde, vollkommen falsch der Fokus auf die Schwächen des Kindes. Natürlich alles viel geschliffener und ausführlicher formuliert, als ich es jetzt wiedergebe, aber das war mehr oder weniger die Kernaussage des Interviews, das mir einmal mehr bestätigte, dass ich mit meinen unguten Gefühle gegenüber der aktuellen Therapiewut nicht alleine dastehe. Endlich mal Fachleute, die klar und deutlich sagen, dass ein Kind seine Schwächen haben darf und dass man als Eltern die Dinge durchaus gelassener sehen darf, ohne sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, man sei nicht bereit, das Beste aus dem Kind zu holen. Alles sehr befreiend für eine Mutter wie mich, die davon ausgeht, dass die Kinder lernen müssen, ihr Leben mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen zu meistern und dass es überhaupt nichts bringt, sie in irgend ein Schema pressen zu wollen. 

In der Theorie ist das alles ganz einfach. Aber was mache ich nun mit dem Brief der Logopädin, die beim Routineuntersuch im Kindergarten festgestellt haben will, dass der Zoowärter beim Sprechen Auffälligkeiten zeigt? Ist ihr sein Lispeln aufgefallen? Was sich damit erklären lässt, dass seine Zunge etwas lang geraten ist, aber da kann man ja wohl kaum etwas ändern. Oder hat unser Zweitjüngster beim Untersuch in Babysprache gesprochen, was er öfters tut, wenn er verlegen ist? Auch das kein Problem, das sich nicht mithilfe der Logopädie lösen liesse. Natürlich, unser Sohn redet noch nicht wie ein Sechsjähriger, aber er ist ja noch nicht mal fünf. Natürlich rollt er das r noch nicht so schön, wie es sich für einen rechten Schweizer gebührt, aber das war bei seinen grossen Geschwistern nicht anders und heute können sie es auch. Nun werde ich natürlich trotzdem zum Gespräch mit der Logopädin gehen, denn ich weiss, dass sie eine besonnene Frau ist, die einen nicht einfach ohne Grund zum Gespräch aufbietet, aber ich glaube, ich weiss schon jetzt, was ich ihr sagen werde. Nämlich, dass ich mir keine Sorgen mache, solange der Zoowärter fähig ist, all die komplizierten Dinosaurier-Namen zwar mit Lispeln, sonst aber fehlerfrei herunterzurattern.

Schwieriger wird es da schon bei Luise, denn bei ihr sehen sowohl „Meiner“ als auch ich, dass irgend etwas sie daran hindert, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Wir können nicht so genau sagen, was es ist, aber wir sehen, dass es ihr zuweilen ganz schön zusetzt. Und so werden wir natürlich hellhörig, wenn eine Fachperson eine gründliche Abklärung vorschlägt. Wir möchten unsere Tochter ja nicht alleine lassen in einer Situation, die ihr sichtlich zu schaffen macht. Ich habe nichts gegen eine Hilfestellung, die dem Kind ermöglicht, mehr sich selbst zu sein, aber ich will keine Korrekturmassnahmen, die nur dazu dienen, das Kind zu normieren, damit es nicht aus der Reihe tanzt. Bloss, wer sagt mir, wann die Grenze vom einen zum anderen überschritten ist? Wer hilft mir dabei, mich  gegenüber sinnvoller Unterstützung nicht zu verschliessen und gleichzeitig laut und deutlich nein zu sagen, wenn man Luise nicht mehr Luise sein lassen will? 

Ja, die zwei Experten aus der „NZZ am Sonntag“ haben vollkommen Recht, wenn sie finden,  man solle nicht so viel an den Kindern herumdoktern und doch habe ich zuweilen keine Ahnung, was das Richtige ist für die Kinder, mit denen ich Tag für Tag unterwegs bin.

6 Gedanken zu “Was nun?

  1. Und das Leben wäre ja auch ganz schrecklich eintönig, ohne all die Macken und Eigenheiten, die jeder mit sich bringt.

  2. Schon verrückt, wegen welcher Kleinigkeiten man damals stigmatisiert wurde. Und wenn ich die heutige Entwicklung in den Schulen sehe, fürchte ich, dass wir auf dem besten Weg sind, wieder in dieses Verhalten zurückzufallen. Was ist denn so schlimm an einem nicht-gerollten r? Hauptsache, man wird verstanden.

  3. Mit dem gerollten r hatte ich auch so meine Schwierigkeiten, also mit dem Bayerischen. Ich war eine von zwei Grundschülern, die das (Bayerische) r nicht rollen konnten. Im Gegensatz zu meinem Leidensgenossen, stamme ich aus Bayern. Mag sein, dass sich zwischenzeitlich einiges geändert hat, aber ich habe mich damals nicht gut gefühlt in dieser Situation. So stigmatisiert zu werden aufgrund einer Schwäche, die in den meisten anderen deutschsprachigen Gegenden nicht einmal als solche wahrgenommen wird, war schlimm.
    Ich kann immer noch kein r rollen. Aber glücklicherweise hat das ausser dem Logopäden nie wieder jemand gestört.

  4. Danke, ich sehe die Sache ganz genau so. Bei unserer Großen stehen wir immer vor der Frage: wieviel und wieviel verschiedene Therapien? Wir wechseln ab, ein Block dies einen das. Ganz entscheidend finde ich auch den richtigen Therapeuten. Ein Therapeutenwechsel bzw. damit einhergehender Methodenwechsel hat Wunder getan. (Da hat mir, wie Constanze schreibt, auch bisher mein Bauchgefühl die richtige Entscheidung geliefert.)
    Lasst uns uns nicht auf die Schwächen der Kinder konzentrieren, sondern ihnen ermöglichen ihre Stärken auszubauen, das hilft mit Sicherheit auch der ganzen kleinen Persönlichkeit. Jedes Original oder Genie hat seine bestimmten Macken und besonderen Stärken, mit denen es aus der Gleichförmigkeit der Masse hervorsticht.

  5. …kannst Du meine Gedanken lesen ???? Vor einigen Jahren hatte ich mit solchen Überlegungen und auch Therapien ganz intensiv zu tun… Wir haben unserer Meinung nach auch das nötige unternommen, aber auch manche „Expertenmeinung“ nicht angenommen……Der Erfolg der Entwicklung des heutigen, fast erwachsenen Menschenkindes hat uns, so glaube ich, Recht gegeben. In diesem „Fall“ war mein Bauchgefühl oft die Einscheidung-Hilfe….. LG

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