Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

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