Diebstahl

Der FeuerwehrRitterRömerPirat sitzt manchmal zwei Stunden am Stück an seinen Hausaufgaben. 

Luise und ihre Schulkameradinnen treffen sich an zwei schulfreien Nachmittagen und am Samstag, um an einem gemeinsamen Vortrag zu arbeiten. Wie man überhaupt einen Vortrag macht, weiss niemand aus der Gruppe so genau. Die Matheblätter, die Luise auch noch zu lösen hat, müssen dann halt bis Sonntagabend warten. Zwischendurch musste sie noch für einen guten Zweck Schoggitaler verkaufen, wodurch zugleich die Klassenkasse aufgebessert wurde. Ach ja, sie hätte noch einen Aufsatz, den sie fertig schreiben müsste. Das wird sie wohl morgen erledigen, wenn wegen einer Lehrerkonferenz der ganze Tag schulfrei ist. 

Am Elternabend erfährt „Meiner“, dass Luise und ihre Mitschüler noch viel mehr Eigeninitiative an den Tag legen müssten.

Karlsson sucht oft vergeblich nach einem Freund, der nicht den ganzen schulfreien Nachmittag hinter den Büchern verbringen muss. Dann setzt er sich eben auch noch einmal hinter die Bücher, weil einem die Arbeit ja nie ausgeht.

Für vier Fehler im Diktat bekommt Luise eine knapp genügende Note. 

Offenbar haben die Schüler im ganzen Kanton bei einer Vergleichsprüfung katastrophal abgeschnitten. Darum muss man jetzt dringend die Schüler drillen. Und nicht etwa die Prüfung verändern. 

Ich habe das ungute Gefühl, dass von Jahr zu Jahr noch mehr Leistung aus den Kindern herausgepresst werden soll.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich Luise zum freiwilligen Kurs in Tastaturschreiben anmeldet. Damit sie es bereits kann, wenn das Fach in zwei Jahren an der Oberstufe unterrichtet wird. 

Karlsson weiss inzwischen sehr genau, welche Noten er sich noch erlauben darf, wenn er sein Berufsziel erreichen will. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss demnächst wieder bei der Therapeutin antraben, weil er unter Bildung etwas anderes versteht als die Bildungsdirektoren. Immerhin hat er jetzt eine Lehrerin, die ihn versteht…

Luise lechzt geradezu nach Sprachunterricht und Naturkunde, verbringt aber den grössten Teil ihrer Schul- und Freizeit damit, Matheblätter zu lösen. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Kinder trotz sehr viel Aufwand und grossem Fleiss sehr wenig lernen. 

In armen Ländern klaut man den Kindern die Kindheit, indem man sie daran hindert, zur Schule zu gehen und zu spielen. Stattdessen beutet man sie als billige Arbeitskräfte aus. So etwas käme uns nie in den Sinn. Wir versuchen, unseren Kindern jedes nur erdenkliche Rüstzeug mitzugeben, damit sie eines Tages einen guten Job bekommen. Um dies zu erreichen, wird das Schulsystem laufend angepasst und angeblich verbessert. Warum werde ich den Eindruck nicht mehr los, dass wir unseren Kindern mit jeder neuen Anforderung ein weiteres Stück Kindheit klauen?

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6 Gedanken zu “Diebstahl

  1. So würde ich das theoretisch auch sehen. Inzwischen muss ich aber leider feststellen, dass man in der Schweiz mit „gut genug“ nicht mehr durchgelassen wird.

  2. Ja, das mit dem Herumhacken auf Defiziten kenne ich auch. Und wenn ein Kind mal richtig negativ auffällt, schaut man dann doch lieber wieder weg, damit man sich nicht die Finger verbrennt.

  3. Da ist was dran. Ich sag‘ immer wieder: Lasst den Kindern ihre Kindheit. Der Ernst des Lebens kommt früh genug. Und was die Schule betrifft: Wir sind bei unseren Kindern immer ganz gut mit der Devise gefahren, wenn’s denen reicht ( also die Note „ausreichend“ gegeben wurde), dann reicht’s uns erst recht. Und aus unseren beiden Töchter ist auch was geworden. Die eine ist Rechtsanwältin, die andere Diplom-Kauffrau. Also bitte: Schön die Kirche im Dorf lassen.

  4. Die gestohlene Kindheit wäre das eine. Mein Jüngster hätte, am 30. Juni gerade 4 geworden, in diesem August mit dem Kindergarten anfangen müssen, Harmos lässt grüssen. Wir haben uns dazu entschieden, ihm ein zusätzliches Jahr unbeschwerte Kindheit, fern der Maschinerie, zu schenken.
    Viel schlimmer aber finde ich noch, die stetige Demoralisierung, die hier von vielen Lehrern praktiziert wird. Immer fleissig auf den „Defiziten“ rumhacken. Was Kind gut kann, wir bestenfalls stillschweigend zur Kenntnis genommen. Meist aber wird es nicht einmal bemerkt.

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