Wie wir’s auch machen, ist es falsch

Da zog ich heute Morgen frohen Mutes und ganz zufrieden mit mir und meiner – heute äusserst kooperativen – Familie die Tageszeitung aus dem Briefkasten, überflog die ersten Zeilen und fing ohne die geringste Vorwarnung eine saftige Ohrfeige ein. „Privatsphäre vieler Heranwachsender wird verletzt“, „Das Manko heutiger Eltern“, „In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten.“, „…überprüft fast die Hälfte der Eltern, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat“ und später, als ich den Artikel in Ruhe durchlese noch dies hier: „39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites.“ Böse, böse Eltern!

Eben noch hat man uns pauschal vorgeworfen, wir würden unsere Kinder im virtuellen Raum alleine lassen, wir hätten keine Ahnung, was dort alles abgeht und wir interessierten uns auch nicht dafür. Zwar kenne ich persönlich keine Eltern, die diese Laisser-faire Haltung an den Tag legen, aber wenn die Medien der Meinung sind, wir würden unsere Brut den Bösewichten im Internet zum Frass vorwerfen, dann stimmt dies. Punkt. 

Jetzt aber hat der Wind gedreht, wir Eltern kümmern uns. Aber falsch. Wir verletzen die Privatsphäre unserer Neun bis Zehnjährigen, wenn wir ihre Nachrichten lesen. Nun, ich war ja bis anhin der Meinung, dass ich meine Erziehungspflichten verletze, wenn ich meinen Neun- bis Zehnjährigen erlaube, sich bei Facebook & Co. zu tummeln, aber das stimmt offenbar nicht mehr. Wir filtern gewisse Inhalte raus, weil wir einem Sechsjährigen, der nichts Böses ahnend nach einem harmlosen Spiel sucht, gewisse Anblicke noch ersparen wollen. Also nichts anderes, als wenn ich abends mit einem Kind durch eine Stadt spazierte und das Rotlichtviertel  grossräumig umginge, um ihm Anblicke zu ersparen, die es auch mit sorgfältigsten Erklärungen meinerseits noch nicht einordnen könnte. Die Filtersoftware erspart mir nicht das Nebendransitzen wenn das Kind im Netz ist, auch nicht das Reden über Inhalte, sie verhindert auch nicht, dass mein Kind irgendwann doch die Bilder sehen wird, aber sie verhindert immerhin bis zu einem gewissen Grad, dass es immer und überall Gefahr läuft, bei einer barbusigen Blonden anstatt bei Bob dem Baumeister zu landen. Aber eben, auch diese Überlegungen sind offenbar falsch.

Ja, und dann verbiete ich natürlich auch meiner noch nicht Elfjährigen den Zugang zu sozialen Netzwerken, mit der Begründung, dass a) die noch nicht für ihr Alter freigegeben sind und b)  sie noch zu wenig vertraut ist mit dem Internet, als dass sie bereits abschätzen könnte, welche Konsequenzen ein unbedachter Post nach sich ziehen könnte. Doch auch in diesem Bereich liege ich vermutlich falsch, denn „Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts.“ Okay, im Grunde genommen bin ich einverstanden mit dieser Aussage, zumindest, wenn die Kontrollen durch Misstrauen begründet und die Verbote voll und ganz unbegründet sind. Also zum Beispiel, wenn ich einem Fünfzehnjährigen verbieten würde, ein Facebook-Profil zu haben, oder wenn ich ihm nachspionieren würde, obschon er mir glaubhaft versichert hat, dass er sich mit einem Freund zum Musizieren verabredet hat und nicht mit einem Dealer zum Austausch von Geld gegen Drogen. Aber kann eine Kontrolle nicht auch so aussehen: „Kind, du hast gestern dieses Bild auf deinem öffentlichen Profil geteilt und ich denke, du solltest dir das nochmals überlegen. Einem Freund kannst du das schon schicken, von mir aus auch mir, aber ein zukünftiger Arbeitgeber bekommt einen ziemlich schlechten Eindruck von dir, wenn er das sieht.“? 

Natürlich käme es mir nicht im Traum in den Sinn, Karlssons Mails heimlich zu checken und spätestens wenn ich den Drang verspürte, ihm nachzuspionieren, müsste ich erkennen, dass etwas gewaltig schief gelaufen ist in unserer Beziehung. Aber von ihm verlangen, dass er mir ab und zu Einblick gewährt in sein virtuelles Leben, genau so, wie ich ihm Einblicke gewähre in mein virtuelles Leben – indem ich ihn zum Beispiel frage, ob ich über etwas, was ihn betrifft, bloggen darf – sollte meiner Meinung nach in einer Familie selbstverständlich sein. Nur weil sich das Leben der Teenager nicht mehr am Dorfbrunnen abspielt, sondern in irgendwelchen Netzwerken, heisst das noch lange nicht, dass wir wegschauen dürfen –  oder gar müssen, weil wir sonst „die Privatsphäre unserer Kinder verletzen“. Wenn früher einer am Dorfbrunnen geraucht hat, musste er ja auch bei Mama und Papa antraben…

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