Die Glucke und der Zoowärter

Ich: „So allmählich wäre es an der Zeit, dass der Zoowärter wieder zur Schule geht. Mir scheint, ihm gehe es wieder prächtig.“

Glucke: „Hast du den Verstand verloren? Der Junge hat eine Hirnhautentzündung hinter sich…“

Ich: „…die sich als viel weniger schlimm herausgestellt hat als erwartet…“

Glucke (vollkommen unbeirrt): „…und braucht jetzt ganz viel Ruhe…“

Ich: „Ach ja, der Junge braucht Ruhe? Warum gönnt er sie sich dann nicht und spielt den ganzen Tag?“

Glucke: „Spielen nennst du das? Der arme Kleine sitzt den ganzen Tag still auf dem Sofa und liest Comics. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, kein Funken Energie, nicht mal richtig Appetit hat er…“ (Ein lautes Schluchzen hindert die Glucke daran, weiterzureden)

Ich: „Oh ja, ein Schatten seiner selbst, so sehe ich das auch. Darum ist er neulich, als wir bei Freunden waren, den ganzen Abend im Garten herumgetobt.“

Glucke (immer noch schluchzend): „Und danach war er völlig fertig, der Arme…“

Ich: „Natürlich war er völlig fertig. Hat sich ja auch total verausgabt und dies ein paar Tage nachdem er aus dem Spital entlassen worden war…“

Glucke: „Und so willst du ihn in die Schule gehen lassen, du herzloses Miststück?“

Ich: „Nun aber mal langsam, meine Liebe. Ich will ihn ja nicht den ganzen Tag schicken, nur ein paar Stunden, zum Angewöh…“

Das Klingeln des Telefons unterbricht mich. Es ist die Lehrerin. Sie möchte, dass der Zoowärter am nächsten Tag in die Schule kommt, weil ein Besuch beim Schulzahnarzt bevorsteht, der nicht nachgeholt werden kann. Ich willige ein, füge aber, als ich den bösen Blick der Glucke bemerke, noch hinzu: „Aber nach dem Zahnarztbesuch soll er gleich wieder nach Hause kommen. Turnen hat der Arzt nämlich noch nicht erlaubt.“

Glucke (schäumend vor Wut): „Du lässt ihn also gehen…“

Ich: „Ja, ich lasse ihn gehen. Dann wissen wir auch gleich, ob er schon fit genug ist.“

Schweren Herzens liess die Glucke ihren „armen, schwachen Zoowärter“ heute früh ziehen. Ein Wunder, dass sie nicht geheult hat. „Komm sofort wieder nach Hause, wenn du beim Zahnarzt warst. Und lass dich von deinen Freunden nicht überreden, den ganzen Morgen zu bleiben…“ Der Zoowärter ging, ohne die Glucke nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Drei Stunden später war er noch immer nicht zurück…

Ich: „Wo wohl der Zoowärter bleibt? Der Zahnarztbesuch sollte längst vorbei sein…“

Glucke: „Es ist ihm bestimmt etwas zugestossen…“

Ich: „Ach was, der wollte doch bloss mal wieder seine Freunde sehen.“

Glucke: „Und wenn ihm doch etwas zugestossen ist?“

Ich: „Nun mach kein Drama.“

Glucke: „Ich mach‘ kein Drama. Mir liegt bloss sein Wohlergehen am Herzen. Nicht wie dir. Du willst ihn doch nur loswerden, damit du morgens wieder ungestört arbeiten kannst.“

Ich: „Na hör mal, mir ist der Zoowärter ebenso wichtig wie dir…“

Glucke: „Ist er nicht!“

Ich: „Ist er doch!“

Glucke: „Ist er…“

Der Zoowärter kommt zur Tür herein. Die Schule ist aus. Er hat den ganzen langen Vormittag überstanden.

Glucke und ich: „Bist du müde? Hast du Kopfschmerzen?“

Zoowärter: „Nein, Kopfschmerzen nicht. Aber müde bin ich schon. Sehr müde.“

Glucke: „Siehst du, er muss unbedingt noch länger zu Hause bleiben.“

Ich: „Siehst du, wir können ihn Schritt für Schritt daran gewöhnen, wieder zur Schule zu gehen.“

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