Déformation maternelle

Auf dem Einladungszettel fürs Kasperlitheater lese ich den Satz „Kinder unter 8 Jahren bitte nur in Begleitung eines Erwachsenen, Dankeschön.“ und vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die Organisatorinnen des Anlasses bei Kaffee und trockenen Guezli am Sitzungstisch sitzen und darüber diskutieren, wie man es hinkriegen soll, dass die faulen Mütter nicht einfach ihre Kinder deponieren, um sich einen schönen Nachmittag zu machen:

„Also letztes Jahr ist das gar nicht gut gelaufen“, spricht die Erste das Thema an. „Da gab es doch tatsächlich Mütter, die ihre Kinder bei uns abgegeben haben und dann verschwunden sind. Sowas geht nicht, wir sind doch hier nicht der Kinderhütedienst.“

„Sonjas Kleiner hat ja andauernd geschrien, der hatte so schreckliche Angst vor dem bösen Wolf. Man kann doch so ein kleines Kind nicht einfach alleine im Theater lassen. Ist doch vollkommen verantwortungslos“, pflichtet eine andere bei.

„Na ja, Sonjas ‚Kleiner‘ ist auch schon sechs. Wenn ihr mich fragt, ist mit dem Kind etwas nicht in Ordnung. In dem Alter fürchtet man sich doch nicht mehr vor dem bösen Wolf“, zickt eine Dritte.

„Okay, Sonjas Sohn ist wohl ein wenig speziell. Aber Brigitte hat ihre Goofen auch einfach hier abgeladen und ist shoppen gegangen. Die hat das noch ganz stolz rumerzählt, als sie nach der Vorstellung mit zwanzig Minuten Verspätung endlich kam, um die Kinder abzuholen. Sowas geht doch einfach nicht“, gibt diejenige, die das Thema angeschnitten hat, zurück.

„Und Sara hat es nicht mal für nötig gehalten, auszusteigen. Die hat ihre Brut einfach aus dem Auto gejagt und ist weggefahren. Ich durfte dann dafür schauen, dass die ihre Eintrittskarten bekommen und zu ihren Plätzen finden. Und dann haben die ja auch immer die Aufführung gestört…“, schaltet sich eine Vierte ein.

„Hast du ihr eigentlich mal gesagt, dass du das nicht so okay findest?“, will ihre Sitznachbarin wissen. „Du wolltest doch mal noch mit ihr darüber reden.“

„Ich hab’s versucht, aber dann hat sie wieder davon angefangen, dass mein Ramon mal angeblich ihrer Svenja das Trottinett kaputt gemacht haben soll….“

„Ach so, jetzt war’s also dein Ramon, der das gemacht haben soll. Eben erst war es noch meine Lia. Dabei weiss jeder, dass Svenja wie eine Irre im Quartier rumflitzt und alles kaputt macht“, wirft ein anderes Mitglied der Runde ein.

„Ladies, wir kommen vom Thema ab“, mahnt diejenige, die Erste. „Wie wollen wir das jetzt hinkriegen, dass wir nicht als billiger Kinderhütedienst missbraucht werden?“

„Ich schlage vor, wir lassen Kinder nur in Begleitung Erwachsener rein“, meint eine Anwesende. 

„Also das kannst du jetzt auch nicht verlangen“, protestiert eine Mehrfachmutter. „Glaubst du, ich will meinen Drittklässler zu Kasperli begleiten?“

„Und wie willst du das dann mit dem Eintritt handhaben? Sollen Mütter bezahlen müssen, die eigentlich nur da sind, weil ihr Kind nicht alleine kommen darf?“, pflichtet ihr eine andere bei.

„Dann schreiben wir eben, Kinder unter sechs Jahren dürften nur in Begleitung eines Erwachsenen rein“, schlägt jemand vor.

„Saras Kinder sind alle älter als sechs und wissen trotzdem nicht, wie man sich benimmt…“, meint Ramons Mutter, die eigentlich ganz gerne noch ein wenig länger über die Sache mit dem Trottinett geredet hätte. 

„Dann eben Kinder unter acht Jahren“, sagt die Erste.

„Das finde ich jetzt ziemlich extrem“, kritisiert die Mehrfachmutter. „Achtjährige wollen doch nicht mehr ins Kasperlitheater…“

„Meine ist elf und liebt den Kasperli noch immer heiss und innig“, bemerkt ihre Sitznachbarin spitz.

„Echt jetzt?“, fragt eine andere mit nur schlecht kaschiertem Spott in der Stimme. „Mein Kleiner findet das jetzt schon zum Gähnen und er wird erst vier.“

„Dürfen Kinder denn nicht mehr Kinder sein, solange sie wollen?“, fragt die Mutter der Elfjährigen beleidigt.

„Laaaaaadies, zurück zum Thema“, mahnt die Erste mit ungeduldigem Singsang. Die Mutter der Kasperli-liebenden Elfährigen und die Mutter des Kasperli-verachtenden Vierjährigen tuscheln weiter, die Stimmung zwischen ihnen spürbar angespannt, aber die übrigen Sitzungsteilnehmerinnen sind wieder beim ursprünglichen Thema.

„Also, wir schreiben jetzt einfach, Kinder unter sieben…“ sagt die Erste.

„Kinder unter acht“, unterbricht eine.

„Okay, Kinder unter acht müssten in Begleitung eines Erwachsenen sein“, fährt die Erste fort.

„Das klingt jetzt aber etwas gar fordernd“, kritisiert eine Letzte, die noch immer nicht genug hat und so kommt es, dass der Forderung auf der Einladung noch ein „Dankeschön“ hinterhergeschoben wird. Inzwischen ist es kurz vor elf Uhr abends und endlich können die Frauen zu Traktandum Nummer 6 (Rückblick auf die Fasnacht) übergehen.

Warum ich so genau weiss, wie dieser Satz zustande gekommen ist? Glaubt mir, ich war dabei. Nicht bei dieser Sitzung, aber bei vielen anderen, wo genau solche Dinge in abendfüllender Länge diskutiert wurden. 

un; prettyvenditti.jetzt

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3 Kommentare zu “Déformation maternelle

  1. Ich finde Eltern sollten ohne Kinder an diese Vorführung, weil es dann ruhiger im Saal ist.
    Ich weiss was du meinst, mein Mann erzählt mir jeweils solche Storys von seinen Sitzungen (Sozialbereich, er arbeitet vorwiegend mit Frauen zusammen)
    Ich bin da fein raus, denn ich arbeite ausschliesslich mit Männern zusammen.
    Lg Carmen

  2. Da lache ich doch vor ein paar Tagen herzlich beim Lesen deines Texts. Und was flattert gestern ins Haus? Das „Corpus delicti“. 🙂

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