Schatzsuche

Wahrscheinlich konnte ich gar nicht anders, als mich irgendwann auf die Suche zu machen, hatten mir meine Eltern doch den zwar poetischen, aber für unsere Breitengrade etwas sonderbaren Namen „Dattelpalme“ gegeben. Da ist man ja fast dazu gezwungen, Datteln zu lieben und das tat ich innig, auch wenn ich mit meinem Namen herzlich wenig anzufangen wusste. Meine Suche begann, als man mich eines Tages nach Israel schickte, wo ich vier Tage lang Fünfsternehotels anschauen und kettenrauchenden Reisebüromitarbeitern beim Vergleichen ihrer Sternzeichen zuhören musste. Die frischen Datteln beim Frühstück waren das einzige, was mich bei Laune halten konnte. Ich brachte zwei Erkenntnisse mit nach Hause: 1. Die Arbeit im Reisebüro ist nichts für mich und 2. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, werde ich frische Datteln essen bis ich platze.

Natürlich habe ich in den Jahren seither viele andere Dinge getan, als frische Datteln zu suchen, aber immer wieder trieb mich die Sehnsucht dazu, die unmöglichsten Orte nach dieser unvergleichlichen Köstlichkeit abzuklappern. Unzählige Male wurde ich enttäuscht, weil sich angeblich „frischen“ Datteln als „frisch getrocknete“ herausstellten. Endlich, vor bald einem Jahr, gab mir jemand den Tip, mal beim Früchtehändler im Nachbarort nachzufragen. Wer mich kennt, weiss, wie sehr ich mich dazu überwinden muss, etwas nachzufragen, aber ich tat es, weil ich für Datteln fast alles tun würde. Ich hätte losheulen können, als man mir sagte, ich hätte die Saison ganz knapp verpasst, ich solle im nächsten September wieder kommen.

Nun, inzwischen ist endlich September und für einmal wurde ich nicht enttäuscht, der Schatz ist gefunden und liegt in meinem Kühlschrank zum Nachreifen. Nur noch ein paar Tage, dann werden wir geniessen können, was ich so lange gesucht habe. Und weil ich ein unersättlicher Mensch bin, habe ich mir gleich noch fürs Paradies eine Dattelpalme bestellt. Damit ich die köstlichste aller Früchte bis in alle Ewigkeit geniessen kann.

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Zurück in die Vergangenheit

Neulich unterhielt ich mich mit einem Elfjährigen. Das Gespräch verlief etwa so:

Er: „Vor ein paar Tagen habe ich mir ‚Zurück in die Zukunft‘ angesehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie die sich damals unser heutiges Leben vorgestellt haben.“
Ich: „Nun ja, ich erinnere mich daran, wie das damals war…“
Er: „Die dachten im Ernst, die Leute würden nur noch mit Hovercrafts unterwegs sein. Vollkommen durchgeknallt…“
Ich: „Ja, damals dachte man, im Jahr 2000 würde alles sein wie in einem Science Fiction Film. Wir mussten haufenweise Aufsätze darüber schreiben, wie wir uns…
Er: „Die Filmemacher hatten ja keine Ahnung. Die wussten nichts von iPhones… „
Ich: „Damals gab es doch tatsächlich noch an jeder Strassenecke eine Telefonzelle. Ach ja, und diese lächerlichen Autotelefone…“
Er: „…die haben nicht mal Internet, keine E-Mails…“
Ich: „Das hätte man sich damals nicht vorstellen können. Man schrieb sich ja auch noch Briefe…“
Er: „…wirklich keine Ahnung hatten die. Und dann die Angst vor dem Jahr 2000…“
Ich: „Oh ja, da gab es die Panik um den Millennium-Bug. Und die Millennium Babies…“
Er: „Millennium? Was soll das wieder sein?“
Ich: „Na, der Jahrtausendwechsel natürlich. Aber da warst du noch gar nicht auf der Welt… Es gab Leute, die wollten unbedingt ein Millennium Baby haben, aber deine Eltern wohl nicht. Wir übrigens auch nicht…“
Er: „Und wenn das Baby dann einige Minuten zu früh zur Welt gekommen wäre? Wäre es dann kein Millennium Baby gewesen?“
Ich: „…die waren alle vollkommen aus dem Häuschen wegen der Sache…“
Er: „Aber eben, die im Film mit all den Hovercrafts und den fliegenden Skateboards waren total irre…“

Mir scheint, der Junge und ich haben da ein wenig aneinander vorbeigeredet. Kein Wunder, ich kann mich ja auch noch ziemlich lebhaft an die Zeiten erinnern, die dem Jungen so fremd erscheinen.

Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Das sehen wir doch alle gleich, nicht wahr?

Du kannst reden, mit wem du willst, jeder findet es eine Sauerei, dass wir Waren kaufen, die irgendwo, weit weg von hier von Kindern hergestellt worden sind. Jeder betont, wie wichtig es sei, dass wir weniger konsumieren, weniger Auto fahren, weniger Strom verbrauchen, weniger Müll produzieren, weniger fernsehen, weniger zum Arzt rennen, weniger Lebensmittel wegschmeissen, weniger fliegen, weniger Süsses konsumieren, weniger Spuren hinterlassen. Jeder findet es abscheulich, dass Kinder geschlagen und vernachlässigt werden, jeder fordert, dass Frauen und Männer in allen Dingen gleichberechtigt sein sollen, jeder ist empört darüber, dass noch immer so viele Kinder verhungern, jeder beklagt sich darüber, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, jeder ist besorgt darüber, dass der Umgangston immer rauher wird, jeder findet es bedenklich, dass der Leistungsdruck immer noch weiter zunimmt, jeder ärgert sich, dass bald jeder Quadratmeter Boden überbaut ist, jeder ist fassungslos, dass Tiere durch halb Europa gekarrt werden, bevor sie als Fleisch auf dem Teller landen, jeder glaubt, dass es so nicht weitergehen kann, jeder ist überzeugt, dass wir einmal grundlegend über die Bücher gehen sollten.

Warum, so frage ich mich, sieht es auf unserem Planeten noch immer so düster aus, wo wir doch offenbar alle der gleichen Meinung sind? Oder meint am Ende jeder nur den anderen, wenn er davon redet, was alles anders werden sollte?

 

Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Garderobe

Für das Prinzchen bitte nur Kleidung, die wie angegossen passt, auf gar keinen Fall Pullis, die zu lang sind. Bitte auch nicht zu weich. Und schon gar nicht zu warm. Als Aufdruck kommen einzig Bob der Baumeister, Elefanten, Mickey Mouse und kleine Monster in Frage. Die Hose nur mit Knopf und Reissverschluss, Bändel sind streng verboten, zu lange Hosenbeine auch. Und um Gottes Willen keine Socken! Auch nicht in die Gummistiefel.

Der Zoowärter setzt auf cool, am besten Ton in Ton mit weissen Turnschuhen dazu. Wenn ein anderer im Kindergarten das Gleiche hat, ist das eine Auszeichnung, kein Grund, den Pullover im hintersten Winkel des Kleiderschranks zu verstecken. Neu ist immer gut, am liebsten jeden Tag, vom grossen Bruder nachtragen lieber nicht. Dann schon eher die vom kleinen Bruder verschmähten Stücke. Vor allem die gestreifte Kapuzenjacke, die Komplimente anzieht wie ein Magnet.

Rot, neu und einzigartig muss es für den FeuerwehrRitterRömerPiraten sein. Wenn das nicht zu haben ist, dann eben das Gegenteil: abgetragen, ausgefranst und zahnpastabefleckt. Dazu ein trauriges Gesicht, denn der ungepflegte Aufzug ist ein Statement. „Nie bekomme ich etwas Neues. Den anderen bringst du immer schöne Sachen nach Hause, nur mir nicht.“ Das Statement lässt sich mit einem kurzen Wühlen im Wäscheberg leicht widerlegen. Sind die zu Tage beförderten Kleidungsstücke sauber, strahlt einen bald schon ein wie aus dem Ei gepellter Zweitklässler an. Müssen die schönen Sachen zuerst in die Waschmaschine, bleibt das traurige Gesicht. Und wer ist Schuld daran, dass der Wäscheberg den Weg in die Waschmaschine nicht von selbst gefunden hat?

Luises Schrank ist vollgestopft mit Geblümtem, Gerüschtem und Romantischem. Wunderschöne Sachen, die sie unbedingt haben wollte. Sachen, die nicht für den Alltag gedacht sind, auch wenn Luise beim Kauf hoch und heilig versprochen hat, sie zu tragen. Dafür alle drei Tage das gleiche Drama, weil die einzige für den Schulgebrauch zugelassene Kluft in der Wäsche ist. Das Gremium, welches über die Schultauglichkeit der Kleidung befindet, nennt sich „die anderen“ und ist äusserst gnadenlos. Die Höchststrafe nennt sich „Auslachen“ und wird offenbar immer dann angewendet, wenn Luise – oder ein anderes Mädchen – das trägt, was ihr wirklich gefällt.

Für Karlsson ist alles ganz einfach: Bei Temperaturen unter dreissig Grad trägt man Hemd, Krawatte und Jackett, bei Temperaturen über dreissig Grad knielange Hose – vorzugsweise kariert – und unifarbenes T-Shirt. Daran wird nicht gerüttelt. Versucht man es trotzdem, stösst man im besten Fall auf wenig Verständnis, im schlimmsten Fall fliegt die Zimmertür ins Schloss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht dies, dass Karlsson auf unerklärliche Weise immer mal wieder die sauberen Kleider ausgehen. Oft tauchen sie erst wieder auf, nachdem sich „Meiner“ Zugang zu Karlssons Zimmer verschafft hat, um den Wäscheberg aus der Gewalt unseres Ältesten zu befreien.

Sämtliche dieser Kleidervorschriften sind von der Mutter unbedingt zu berücksichtigen und zwar innerhalb der ersten dreissig Minuten des Tages. Wie, hat da jemand gefragt, warum ich selber jeweils kurz vor Mittag noch immer im Pyjama anzutreffen bin?

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Das kann (auf gar keinen Fall) gutgehen

„Das kann auf gar keinen Fall gutgehen“, hätte ich früher gesagt. „Sie und ich unter einem Dach? Du spinnst wohl! Sie würde mich immer nur kritisieren und ich würde mich über jede ihrer Bemerkungen ganz furchtbar aufregen. Immer reden wir aneinander vorbei; will ich ihr etwas Gutes tun, ist sie beleidigt, will sie mir eine Freude machen, fühle ich mich vor den Kopf gestossen. Wir können einfach nicht miteinander auskommen.“

So dachte ich – und so dachte wohl auch sie – und darum fürchtete ich mich vor dem Moment, in dem sie uns brauchen würde. Wie sollte ich für sie tun können, was ich für richtig erachte? Wie für sie da sein, wo ich mich doch stets von ihr zurückgewiesen fühlte? So, wie sie sich von mir zurückgewiesen fühlte.

Ich bin dankbar, dass ich damals, als ich noch so dachte, nicht für sie da sein musste. Dankbar, dass wir beide inzwischen erkannt haben dass wir einander nicht verändern können, auch nicht verändern müssen. Dankbar, dass wir gelernt haben miteinander auszukommen, ja, einander gar zu mögen, auch wenn wir viele Dinge nie gleich sehen werden. Dankbar, dass wir Themen gefunden haben, über die wir ganz entspannt miteinander plaudern können, so dass es kein Krampf mehr ist, Zeit miteinander zu verbringen. Dankbar, dass ich zu meinem eigenen Erstaunen heute ganz ehrlich sagen kann: „Herzlich willkommen, Schwiegermama. Lass es dir wohl sein bei uns und erhole dich von deiner Operation, wir sind gerne für dich da.“

Offen

Jetzt, wo es offiziell ist, dass ich ab Ende November wieder hauptsächlich Hausfrau sein werde, kommen allmählich Zweifel auf, ob das gut kommen wird. Nein, ich bezweifle nicht, dass es der richtige Entscheid war, meinen Teilzeitjob zu künden. Wenn Familie, Job und Ehrenamt insgesamt mehr von dir abverlangen, als deine Gesundheit verkraften mag, dann ist es an der Zeit, zu ändern, was sich ändern lässt. So viel ist mir inzwischen klar geworden.

Alles andere aber ist momentan ein einziges, grosses Fragezeichen. Wird mir die Decke auf den Kopf fallen, wenn ich wieder mehr zu Hause bin, oder werde ich die neu gewonnenen Freiheiten geniessen können? Finde ich den Weg zurück ins Schreiben? Wird mir das endgültige Loslassen gelingen, oder falle ich zuerst einmal in ein Loch? Suche ich mir einen neuen Job, oder wird mich eine neue Aufgabe finden, wie es in meinem Leben schon so oft der Fall war? Werde ich mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer stürzen, oder bleibe ich meinem Vorsatz treu, zuerst einmal zur Ruhe zu kommen und zu sehen, was daraus entsteht? Ist das Hausfrauendasein noch immer so unerträglich für mich, oder komme ich jetzt, wo die Kinder grösser sind, besser damit klar? Soll ich am Ende gar etwas ganz Neues wagen? Eine Weiterbildung, zum Beispiel?

Oh ja, ich wünschte, zumindest auf eine dieser Fragen bereits eine Antwort zu haben. Gleichzeitig aber bin ich auch froh, dass noch so vieles offen ist – offen für Neues, was auch immer es sein wird.

Helena

Natürlich war mir Helenas Name nicht aufgefallen, als ich die neue Klassenliste durchsah, die der Zoowärter mit nach Hause brachte. Ich habe es mir schon längst angewöhnt, mir die Namen der Klassenkameradinnen meiner Söhne zu merken. Von den Mädchen höre ich nur, wenn es zu Zoff kommt. Also dann, wenn eine erboste Mutter mir weismachen will, ihre engelsgleiche Tochter sei nichts Böses ahnend die Strasse entlang gegangen, als mein barbarischer Sohn sich vollkommen grundlos aus dem Gebüsch auf sie gestürzt und ihr den Arm umgedreht habe. Solche Geschichten kommen zum Glück nur äusserst selten vor und darum begegne ich den Klassenkameradinnen höchstens noch hin und wieder beim Aufräumen der Kinderzimmer, wenn ich in einem verborgenen Winkel den Namen einer Angebeteten an die Wand gekritzelt vorfinde. Mehr gibt’s leider nicht, obschon ich zur Abwechslung ganz gerne mal Mädchenbesuch im Haus hätte.

Bei Helena nun ist alles anders. Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal am Elternabend. „Ach weisst du, unserer spielt so gerne mit Helena“, sagte eine Mutter zur anderen. „Ja, die Helena. Unserer ist auch ganz begeistert von ihr. Ich höre den ganzen Tag nur noch von ihr“, sagte die andere Mutter seufzend. „Ich glaube, alle Jungs stehen auf Helena“, meinte die Erste.

Alle Jungs stehen auf Helena? Warum bloss hat mir der Zoowärter noch nie von ihr erzählt? Ob etwas nicht stimmt mit ihm? Mag sie ihn am Ende nicht, meinen süssen kleinen Sohn? Gesagt habe ich natürlich nichts, denn welche Jungen-Mutter will sich schon als Helena-Ignorantin outen, wo offensichtlich alle Jungen keine andere mehr im Kopf haben? Nach dem Elternabend vergass ich Helena für einige Tage wieder. Der Zoowärter ist offensichtlich nicht wie alle Jungs.

Jetzt aber ist das Helena-Fieber auch bei ihm ausgebrochen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend erzählt der Zoowärter vom Mädchen seiner Träume. Helena kann so toll mit Jungs spielen, sie weiss sogar, wie man Ritter spielt. Zoowärters schönster Dino heisst jetzt Helena, das Lieblingsstofftier wohl auch. Helena war schon bei Roberto zu Besuch und bei Cyrill und gestern hätte sie mit dem Zoowärter bei Armando gespielt, wenn sie nicht irgend einen unsinnigen anderen Termin – Kinderarzt oder so – gehabt hätte. Das wäre soooooo cool gewesen, denn wenn Helena mitspielt, wird auch das langweiligste Spiel zum Abenteuer.

Weil sie gestern nicht dabei sein konnte, muss Helena am Montag zu uns kommen. Sie weiss zwar noch nichts von ihrem Glück, aber immerhin ist des Prinzchens Skepsis bezüglich Damenbesuch bereits überwunden. Seitdem er weiss, dass Helena Spielzeugtraktor fährt, fiebert er dem hohen Besuch fast ebenso sehr entgegen wie der Zoowärter. Falls Helena in ihrem randvollen Terminkalender ein freies Zeitfenster für den Zoowärter hat, darf auch ich mich endlich mal wieder über Mädchenbesuch freuen. Ob sie sich erweichen lässt, eine halbe Stunde mit Luise und mir über Mädchenkram zu quatschen?

Ach ja, natürlich heisst Helena nicht wirklich Helena, Roberto nicht Roberto, Cyrill nicht Cyrill und Armando nicht Armando. Und der Zoowärter nicht Zoowärter, aber das habt ihr ja wohl bereits geahnt.

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Zeitungslektüre

Es war ein ziemlich langer Arbeitstag. Bevor wir die Kinder ins Bett bringen, gönne ich mir deshalb fünfzehn Minuten Zeitungslektüre:

„Dr. Blocher und die…“
„Mama, ich will ein Skateboard!“ „Ja, FeuerwehrRitterRömerPitat, coole Idee.“
„Dr. Blocher und die Gips…“
„Mama, erzählst du mir mein Bibliotheksbuch?“ „Gleich, Zoowärter, gleich. Lass mich kurz die Zeitung fertig lesen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blo…“
„Mama, sag Karlsson, er soll meine Schablonen wieder hergeben!“ „Karlsson, gib Luises Schablonen zurück. Jetzt sofort!“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich…“
„Ich habe eine Zehnernote, zwei Zweifränkler, einen Fünfliber und heute habe ich noch fünfzig Rappen gefunden. Wie viel habe ich dann, Mama? Reicht das für ein Skateboard?“ „Moment, FeuerwehrRitterRömerPirat, ich möchte nur schnell diese Kolumne fertig lesen, dann helfe ich dir beim Ausrechnen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich mache die NZZ auf und sehe ein wunderschönes Bild…“
„Das sind dann siebzehn Franken fünfzig, stimmt’s, Mama?“ „Kann sein, Karlsson. Ich hab‘ dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ja gesagt, dass ich es nachher ausrechne…“
„und sehe ein wunderschönes Bild von Philipp Müller, dem Präsidenten der FDP, das eigentlich…“
„Mama!“
„…das eigentlich…“
„Mama!!!!!“
„… das eigentlich gar nicht zu ihm…“
„Mama, ich will einen Kakao!“ „Ja, Prinzchen, lass mich doch bitte noch schnell den Satz zu Ende lesen, dann komme ich.“
„… gar nicht zu ihm passt: Er ist sehr geschmackvoll angez…“
„Mama, Karlsson hat mir die Schablonen noch immer nicht zurückgegeben! Sag‘ ihm, dass er sie zurückgeben soll, sonst macht er sie noch kaputt, dieser…“ „Luise! So redet man nicht! Karlsson, gib endlich diese Schablonen zurück!“
„…ogen – hellbraunes Jackett, dunkelbraune Krawatte und ein Hemd. Geschniegelt wie aus einem…“
„Ich will jetzt einen Kakao haben!“ „Ja, Prinzchen, nur noch dieser eine Satz…“
„…Geschniegelt wie aus einem Werbeprospekt – dieser Präsident der Freis…“
„Mama, könnten wir vielleicht heute noch das Skateboard kaufen gehen?“ „Nein, Mama, zuerst musst du mir die Geschichte erzählen!“ „Zuerst mein Kakao!“ „Nein, meine Schablonen!“ „Die gebe ich aber erst her, wenn du anständig fragst…“

Tut mir Leid, die Herren Blocher und Müller. Sie müssen warten, bis es ruhiger wird. Hier tobt gerade das reale Leben.

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