2 x Balsam

Schon wieder Elternabend. Schon wieder die gleichen Ausführungen zum Laufbahnreglement, dem unsere Kinder seit diesem Schuljahr unterworfen sind. Schon wieder die Aussage, dass man sich die Kinder alle in der gelben Spalte wünscht. Schon wieder will bei mir der Frust hochkommen. Wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Schüler wegen Burnout behandelt werden müssen? Düstere Aussichten für unsere Kinder, besonders für Luise, die kein Kopf- sondern ein Herzensmensch ist. Doch dann ein Silberstreifen am Horizont. Einige kritische Fragen aus der Elternschaft, worauf die Klassenlehrerin durchblicken lässt, dass sie ebenso mit den neuen Regeln kämpft, dass sie lieber mit unseren Kindern arbeiten und lernen möchte, anstatt auf einem Formular mit unzähligen Kreuzchen das Verhalten der Schüler zu bewerten. Ein kleiner Hinweis, dass auch sie nicht begeistert ist, dass der Unterricht mittwochs bereits um zwanzig nach sieben beginnt, dass auch sie findet, es sei eine geballte Ladung, welche die Drittklässler zu bewältigen hätten. Natürlich, die Lehrerin wird ebenso mit den Neuerungen leben müssen wie wir, aber immerhin kann ich auf ein gewisses Verständnis hoffen, wenn für Luise alles einfach zu viel wird. Und das ist schon viel in einem Schulsystem, das immer mehr darauf ausgerichtet ist, die Schüler schon möglichst früh fit für die Wirtschaft zu trimmen. 

Und noch einmal Balsam an diesem Elternabend, dem vierten und zweitletzten dieser Saison. Ein kleines Gedicht, ein sogenanntes Elfchen, das die Kinder für uns Eltern verfasst haben. Luises Elfchen – das übrigens nur zehn Worte enthält – über uns:

liebevoll
die Eltern
sie lieben mich
ich liebe sie
schön 

Was mich daran besonders berührt: Luise hätte irgend etwas über uns schreiben dürfen, zum Beispiel, dass wir gerne lesen, oder dass es stets reichlich zu Essen gibt, oder dass wir samstags so gerne alle zusammen im Bett kuscheln. Das alles wäre natürlich auch nett gewesen. Aber sie hat sich nicht ablenken lassen durch die schönen Dinge wie zum Beispiel die Katzen, die wir vor allem ihr zuliebe angeschafft haben, oder durch die kleinen Überraschungen, die wir hin und wieder machen. Sie hat sich den Blick aber auch nicht durch das Negative verstellen lassen, nicht durch die Streitereien, nicht durch die Versprechen, deren Erfüllung manchmal so lange auf sich warten lässt. Nein, sie hat ihren Blick geradeaus auf das gerichtet,  worauf es wirklich ankommt: Wir lieben sie, sie liebt uns. Schön.

Wer macht hier die Sauerei?

Heute waren wir ganz spontan bei Nachbars zum Mittagessen eingeladen. Nachbars sind sehr nette Menschen und wir haben die Zeit bei ihnen sehr genossen. Die Leute haben nur einen einzigen Fehler: Ihre Wohnung ist aufgeräumt. Damit könnte ich ja halbwegs leben, das Dumme ist nur, dass Nachbars nicht nur eine aufgeräumte Wohnung haben, sondern auch vier Kinder. Und damit gerate ich in Erklärungsnot. Es kommt ja öfters vor, dass wir bei Menschen mit aufgeräumtem Zuhause zu Besuch sind, aber wenn „Meiner“ dann über unser Chaos jammert, dann kann ich sein Gejammer schnell abstellen. „Die haben ja erst ein Kind und das krabbelt noch nicht mal“, kann ich zum Beispiel als Argument anführen. Oder: „Kein Wunder, dass es bei denen aufgeräumt ist. Die haben ja auch schon erwachsene Kinder und sie ist nicht berufstätig.“ Oder: „Die sind beide voll berufstätig und die Kinder sind den ganzen Tag in der Krippe. Die sind so selten zu Hause, dass gar niemand Unordnung machen kann.“ Was aber hätte ich heute sagen sollen? Nachbars haben nur ein Kind weniger als, die meisten ihrer Kinder sind so alt wie unsere, die Eltern sind beide ähnlich beschäftigt wie wir und doch stapeln sich bei ihnen keine ungelesenen Zeitungen und halbfertige Wäscheberge. Für einmal hatte ich rein gar nichts anzubringen zur Verteidigung unserer alltäglichen Unordnung, der wir uns übrigens sehr wohl entgegenstemmen, auch wenn man kaum etwas sieht von unseren Anstrengungen.

Nun, auch wenn ich meiner eigenen Unordnung überdrüssig bin, ich hätte mich wohl damit abfinden können, dass es bei Nachbars ordentlicher aussieht als bei uns. Klar, auch mir gefällt es besser, wenn sich nicht alles stapelt,  aber wir sind nun mal nicht alle gleich. Dass Dumme ist nur, dass „Meiner“ sich von den aufgeräumten Zimmern sogleich hat inspirieren lassen. Kaum waren wir zu Hause, begann er, das Bücherregal auszumisten, Möbel zu verschieben und Vorträge zu halten, wie einfach es doch wäre, ein bisschen mehr Ordnung zu halten, wir hätten das ja jetzt mit eigenen Augen gesehen. Die Kinder, die sonst selten mit „Meinem“ einig gehen, wenn das Thema Ordnung zur Sprache kommt, pflichteten ihm artig bei. Und somit ist klar, wer an all der Unordnung Schuld ist: Ausgerechnet ich, die ich noch immer die Hauptverantwortung für den Haushalt innehabe. Oder innehätte, wenn ich mich denn nach all den Jahren relativ erfolglosen Haushaltens noch dazu aufraffen könnte, einen neuen Anlauf in Sachen Ordentlichkeit zu nehmen. 

Ich habe eine Weile lang darüber nachgedacht, wie ich mit dem neu erwachten Ordnungsfanatismus meiner Familie umgehen soll. Muss ich mich einfach wieder mehr anstrengen? Oder soll ich vollends resignieren, weil der Kampf ohnehin aussichtslos ist? Ich bin dann zu dem folgenden Schluss gelangt: Sie dürfen liebend gern mehr Ordnung haben, wenn sie das so sehr wünschen. Ich stehe ihnen nicht im Weg, ich verlange nur, dass sie sich aktiver daran beteiligen. Denn so sehr sie nach mehr Ordnung schreien, den grössten Teil der Sauerei mache nicht ich, sondern sie. Und der Postbote, der jeden Tag so viel Papier ins Haus bringt.

Nein? Nein!

Das muss ich jetzt einfach mal klarstellen: Ich liebe Kinder. Meine eigenen natürlich am meisten, aber im Grunde genommen sind mir alle Kinder sympathisch, sogar die unsympathischen, wenn auch ein bisschen weniger. Ich mag auch Mütter und grundsätzlich bin ich sehr gerne bereit, einer Mutter in einer Notlage auszuhelfen. Ich weiss doch, wie mühsam es ist, wenn es eine Planänderung gibt und Mama deshalb nicht mehr weiss, wohin mit dem Nachwuchs. Also habe ich auch kein Problem damit, wenn man mich anfragt, ob ich kurzfristig einspringen kann. Solange man mir die Wahl lässt, nein zu sagen, wenn es wirklich nicht geht, helfe ich liebend gerne. Ganz ehrlich. 

Wenn mir aber am Kindergarten-Elternabend jemand so ganz beiläufig eröffnet, dass nächste Woche ein Kind, das ich kaum kenne und das noch nie bei uns zu Besuch war, zweimal bei mir übernachten „muss“ und dass man mich dann noch anrufen wird, um mir genau Bescheid zu geben, wann das Kind vor meiner Haustüre stehen wird, dann sage ich nein. Nun ja, ich würde nein sagen, wenn ich nicht derart baff wäre ob dieser Dreistigkeit, dass mir die Worte fehlen. Ja, ich helfe gern,  ja, es hat bei uns genügend Platz für zusätzliche Kinder und ja, wir alle machen gerne Platz für einen weiteren Esser am Tisch. Aber heisst das denn, dass man einfach so frei über uns verfügen kann? Nach dem Motto „Die haben ja schon so viele Kinder, da kommt’s denen auch nicht darauf an, ob sie auch noch auf meines aufpassen müssen. Und dann sind sie auch noch fromm, da dürfen sie gar nicht nein sagen…“ Und wenn das Kind einen Schock erleidet, weil es bei einer nahezu fremden und sehr lauten Familie übernachten muss, wer ist dann Schuld? 

Natürlich macht es mir zu schaffen, in einem solchen Fall dann doch nein zu sagen. Natürlich zerbreche ich mir den Kopf, was denn jetzt die Mutter mit ihrem Kind tut. Und dennoch bleibe ich beim nein. Im Interesse des Kindes, dem ich nicht so gänzlich ohne Vorbereitung eine geballte Ladung Venditti-Chaos zumuten will. Im Interesse unserer Kinder, die sich durch solche Hauruck-Aktionen trotz grundsätzlicher Aufgeschlossenheit ziemlich gestresst fühlen. In meinem eigenen Interesse, weil ich mir die Freiheit, ohne Groll ja sagen zu können, erhalten will. Aber auch im Interesse der Mutter, denn welchen Dienst erweise ich ihr, wenn ich es ihr ermögliche, ihr Kind nach Belieben bei nahezu Fremden abzugeben?

So geht das nicht

Weisst du, mein Prinzchen, ich kann durchaus verstehen, dass du als beinahe Dreijähriger gewisse Allmachtsfantasien entwickelst. Wer es schafft, den grossen Bruder zum Heulen zu bringen, wer den Papa so lange bestürmt, bis er ja sagt zum Eis, auch wenn noch fast das ganze Mittagessen auf dem Teller liegt, wer den Zoowärter so lange bezirzen kann, bis er seinen Keks freiwillig teilt, der sollte es doch eigentlich auch fertigbringen, die Mama vom Fleck zu bewegen, denkst du. Nun liegst du ja nicht ganz falsch in deiner Annahme, mein Sohn, bloss setzt du den Hebel am falschen Ort an. Mama bewegt sich nicht vom Fleck, wenn man an ihr herumzerrt, dabei laut heulend eine unverständliche Forderung von sich gibt und in einem Akt von Verzweiflung versucht, die Frau, die dich im Bauch getragen hat, gegen das Schienbein zu treten. Okay, wenn du lange genug schreist, kann es schon mal sein, dass ich aus lauter Sehnsucht nach Ruhe nachgebe, aber dein Versuch, mich auch physikalisch von meinem Standpunkt wegzubewegen, ist zum Vornherein zum Scheitern verurteilt. Zumindest, solange ich noch ein Mehrfaches von dir wiege. Und ich hoffe doch sehr, dass du dich dereinst, wenn du schwerer sein wirst als ich, nicht mehr schreiend auf dem Fussboden windest, weil ich mich weigere, die Milch in den Abfluss zu kippen, bloss weil es dir nicht passt, dass ich zuerst die Milch, dann den Kakao eingefüllt habe. Nein, mein Prinzchen, auch wenn du kleiner Kerl dir eine beachtliche Machtposition in unserer Familie erkämpft hast, was die körperliche Kraft anbelangt, bist du den meisten noch unterlegen und darum ist es wirklich eine Energieverschwendung, an mir herumzuzerren.

Und eigentlich wüsstest du sehr genau, welche Waffen du einsetzen musst, wenn du willst, dass dir die Mama aus der Hand frisst. Hast du denn schon wieder vergessen, wie ich dahingeschmolzen bin wie Butter an der Sonne, als du neulich ganz beiläufig bemerktest „De Mami gseht so herzig uus“, was frei ins Hochdeutsche übersetzt bedeuten soll, dass ich zum Anbeissen aussehe? Weisst du nicht mehr, wie sich meine Laune schlagartig gebessert hat, nachdem du letzthin an einem sehr grauen Morgen meine geschmackvolle Garderobe gelobt hast? „Du häs sooo schöni Kleider!“, hast du mir gesagt und schon war ich ein bisschen weniger frustriert über die magere Auswahl, die mir mein Kleiderschrank momentan bietet.

Glaub mir, mein Prinzchen, in jenen Momenten hättest du fast alles von mir haben können. Nun gut, ich hätte die Milch auch dann nicht in den Abfluss gekippt, aber ich hätte zumindest so getan als ob. Mama manipuliert man mit zuckersüssem Augenaufschlag und netten Komplimenten, nicht mit Zerren, Treten und Brüllen. Merk dir das und übe weiterhin fleissig, es könnte dir in Teenagerjahren, wenn du eine zusätzliche Stunde Ausgang herausschlagen willst, ganz hilfreich sein.

Und hier noch, wie gewünscht, die Bilder unseres Familienzuwachses, etwas verwackelt, aber ich wusste nicht, wie lange sie stillhalten:

   

Leone

Henrietta

Familienzuwachs

Eigentlich haben unsere Kinder ja keinen Mangel an Geschwistern. Vielleicht an Schwestern, ja, aber an Spielkameraden fehlt es niemandem. Dennoch haben die zwei Kätzchen, die gestern bei uns eingezogen sind, sofort den Ehrentitel „kleine Schwester“ und „kleiner Bruder“ verliehen bekommen. Und die beiden zeigen sich erkenntlich für so viel Ehre: Schon am zweiten Tag lassen sie sich bereitwillig streicheln, auf den Arm nehmen und liebevoll drücken. 

Mir war ja ein wenig bang gewesen, als das Prinzchen und ich vorgestern den Katzenkorb und das Futter einkauften. Was, wenn die Tierchen uns nicht mögen? Was, wenn sie vor lauter Aufregung vergessen, dass sie stubenrein sind? Was, wenn das Prinzchen die zwei für Stofftiere hält und sie am Schwanz zieht? Was, wenn „Meiner“, der dem Familienzuwachs mit Skepsis entgegen gesehen hatte, die beiden nicht ins Herz schliessen würde? 

Heute hat sich gezeigt, dass meine Befürchtungen umsonst waren. Die Kätzchen akzeptieren uns so, wie wir sind und wenn sich einer aufs Sofa setzt, dauert es nicht lange, bis eines von beiden daneben sitzt. Ihre Stubenreinheit haben sie schön brav beibehalten, was insbesondere das Prinzchen, der übrigens keinerlei Anstalten macht, die Tierchen am Schwanz zu ziehen, tief beeindruckt hat.  Und „Meiner“ – man lese und staune – ruft mich alle paar Minuten ins Wohnzimmer, weil sie gerade wieder „so unglaublich herzig sind“ und abends geht er nicht ins Bett, ohne Kater und Katze eine gute Nacht zu wünschen. 

Man sieht also, die zwei gehören bereits voll und ganz zur Familie und weil in dieser Familie jemand ein Buch über einen Kater namens Leone verfasst hat, haben die Kinder sich dazu entschieden, unseren Kater ebenso zu rufen. Das Weibchen soll auf den Namen Henrietta hören, auch sie eine Katze aus dem Buch. Diejenige, die das Buch verfasst hat, fühlt sich natürlich zutiefst geehrt, möchte aber betonen, dass sie keinerlei Einfluss auf die Namensgebung hatte. Sie wäre auch ganz glücklich gewesen, wenn das Weibchen Kezia genannt worden wäre, der Kater… nun ja, äähm,… vielleicht….also gut, ich weiss nicht so recht wie er sonst hätte heissen können, denn schwarzweisse Kater heissen doch einfach Leone, nicht wahr?

Dann eben Pizza

Da nimmst du für einmal richtig weit Anlauf, um über deinen Schatten zu springen, brüskierst dabei ziemlich viele Leute und wo landest du am Ende? Mit „Deinem“, einer Pizza und einer Cola light auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten. Und das kam so:

Irgendwann, vermutlich vor etwa einem halben Jahr, legten wir das Datum für die Generalversammlung des einzigen Vereins, in dem ich nicht nur Mitglied, sondern auch Vorstandsmitglied bin, auf den heutigen Abend fest. Wohl etwa zur gleichen Zeit legten nette Menschen aus der Kirche, in der ich Mitglied bin, das Datum für den einzigen Paar-Abend, bei dem ich jeweils unbedingt dabei sein will, ebenfalls auf den heutigen Abend fest. Dieser Abend sieht jeweils so aus: Nette Leute, gutes Essen, ein herausforderndes Referat zu einem sehr alltagsnahen Beziehungsthema und ein Schuss Romantik. Würde man aus dem hohlen Bach heraus entscheiden, wäre eigentlich klar, wo man den Abend verbringen möchte, aber für einen pflichtbewussten Menschen wie ich einer bin, zählt gewöhnlich nicht das Wollen, sondern das Müssen und darum war ich ziemlich sicher, dass wir den Paar-Abend sausen lassen würden.

Nun ist es aber so, dass „Meiner“ und ich in den vergangenen drei oder vier Wochen eine sehr anstrengende und aufreibende Phase durchgestanden haben, während der wir uns fast täglich in die Haare geraten sind.  Nicht gerade unsere Vorstellung von einer glücklichen Ehe und da sich der Streit meist am Alltagsstress entzündete, schien uns das Thema „Bis dass das Leben euch scheidet“ geradezu perfekt zu passen. Und so dämmerte sogar mir, dass für einmal nicht das Müssen, sondern das Wollen Pflicht war. Also sprang ich schliesslich mit sehr grossem schlechten Gewissen über meinen Schatten und gab den anderen Vorstandsmitgliedern bekannt, dass ich für einmal dem Privatleben den Vorrang geben würde, auch wenn ich den Termin für die GV zuerst in die Agenda eingetragen hatte. 

Wie es der Zufall wollte, schlafen Karlsson und Luise heute auswärts, so dass nur noch drei Kinder während unserer Abwesenheit überwacht werden mussten. Kein Problem, dachten wir, die sind freitags ja immer so müde, dass wir die einfach ins Bett stecken können und meine Mutter, die eine Etage tiefer wohnt, muss nur hin und wieder die Ohren spitzen, um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Ha, von wegen kein Problem! Der Paar-Abend hatte schon längst angefangen und wir sangen noch immer Schlafliedchen, wechselten Windeln und mahnten zur Ruhe.  „Na gut, dann kommen wir eben eine halbe Stunde zu spät“, meinte „Meiner“ und so lag ich eben noch ein wenig länger neben dem Prinzchen und redete ihm gut zu. Irgendwann wurde uns klar, dass aus dem Paar-Abend nichts werden würde. „Dann gehe ich halt zur GV“, sagte ich trotzig, aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mein Erscheinen auch dort nur noch peinlich gewesen wäre, weil der Vorstand wohl bereits beim letzten Traktandum angelangt war.

Da sassen wir also, „Meiner“ und ich; er ziemlich frustriert, weil aus dem Paar-Abend nichts geworden war, ich ebenso enttäuscht und dazu noch mit sehr schlechtem Gewissen, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen war und beide sehr hungrig. Und so kam es eben, dass wir den kleinen Rest des Abends, der uns noch blieb, nachdem unsere drei Jüngsten endlich ruhig geworden waren, Pizza essend auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten verbrachten.

Immerhin war die Pizza köstlich…

 

Spinnen die denn?

Nicht, dass ich je in Betracht gezogen hätte, diesen Herbst liberal zu wählen, aber nachdem mir heute unterwegs das Plakat mit dem Slogan „Mehr Leistung in der Schule“ begegnet ist, bin ich noch sicherer als zuvor, dass die Liberalen und ich das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Ich möchte ja nur zu gerne wissen, woher die Knöpfe die Energie für noch mehr Leistung nehmen sollen, wo sie doch bereits heute in der Oberstufe auf nahezu so viele Schulstunden kommen wie ein Angestellter auf Arbeitsstunden, Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen nicht eingerechnet. 

Geschmackssache

Sie sind ja schon ein wenig wunderlich, unsere Kinder. Essen zum Frühstück ohne mit der Wimper zu zucken grüne Oliven – nach Möglichkeit gefüllt mit Knoblauchzehen -, und Appenzeller Käse, vorzugsweise rezent. Tomaten stopfen sie wie Obst in sich hinein und wenn ich Wermut-Sirup für meinen nervösen Magen koche, dann kippen sie das bittere Zeug gleich literweise in sich hinein, anstatt es auszuspucken, wie es sich für anständige Kinder gehört. Selbst die Bitterorangen-Konfitüre und den Grapefruitsaft muss ich inzwischen mit einem Teil unseres Nachwuchses teilen. Karlsson hat sich gar einmal freiwillig Schnecken servieren lassen. Gott sei Dank schmeckten ihm diese nicht, denn ich weiss nicht, ob ich auf Dauer mit einem Schneckenesser unter einem Dach leben könnte.

Nein, wenn es um Bitteres, Salziges und Ekliges geht, entsprechen unsere Kinder nicht unbedingt dem Klischee. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht ebenso heikel wären wie die meisten Kinder unserer übersättigten Welt. Serviert man ihnen nämlich Fischstäbchen mit Kartoffelbrei aus der Packung, gibt’s mit ziemlicher Sicherheit ein Gemotze und am Ende bleiben wir auf vielen Resten sitzen. Und das mit den Dosenravioli, die wir als Kinder so sehr geliebt hatten, habe ich ein einziges Mal ausprobiert, danach baten sie mich inständig, „so etwas“ nie, nie, nie wieder aufzutischen.

Mir soll’s recht sein…

Versagermama

Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“

Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher  nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde? 

Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“

 

Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.