Unschuldig

Ich schwör’s, ich habe ihm nichts getan. Und auch „Meiner“ nicht. Wir sind nicht laut geworden, haben nicht geschimpft und sind erst recht nicht handgreiflich geworden. Im Gegenteil, wir haben ihm frische Milch gebracht, haben ihn gefragt, was ihm fehle und ihm übers Haar gestrichen. Warum müssen wir uns dann bei ihm entschuldigen?

Laut brüllend liegt der Zoowärter im Bett, schreit „Ich well brüele!“ und wenn wir ihm helfen wollen, beruhigt er sich nicht eher, als dass wir uns bei ihm entschuldigt haben. Fast müsste man eingeschnappt sein. Aber nur fast. Denn plötzlich ruft er uns zurück ans Bett, schaut uns treuherzig an und brummt: „Scholdigong, Mami! Scholdigong Papa!“

Wer hat jetzt wem was angetan und wer muss sich bei wem wofür entschuldigen? Keine Ahnung, aber offenbar ist alles wieder gut.  Der Zoowärter will nicht mehr brüllen. Stattdessen singt er sich lauthals in den Schlaf des Gerechten, der weiss, dass er wieder mit allen im Frieden lebt.

Das beste Spielzeug der Welt

Endlich hat Karlsson mal ein Spielzeug gefunden, das er nicht herumliegen lassen kann.  Eines, das nicht im Regal verstaubt, und vor allem Eines, das ihm keines seiner jüngeren Geschwister kaputt machen kann. Entdeckt haben wir es eher zufällig. Lusie kommt völlig in Tränen aufgelöst angerannt. Auf die Frage, was denn los sei, heult sie: „Der Karlsson will nicht mit mir spielen!“ „Warum denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“ „Nein. Er sagt, er will lieber mit seinem Gehirn spielen als mit mir!“

Ein paar Tage später gehe ich zufällig am Fussbalplatz vorbei, als eine Gruppe von Jungen dem Ball hinterher rennt.  Karlsson sitzt einsam am Rande des Spielfelds. Ein Anblick, der jeder Mutter das Herz bricht. Können die denn meinen Sohn nicht mitspielen lassen? Ist es denn so schlimm, dass er nicht der Schnellste ist. Es geht ja hier nicht um einen Weltmeistertitel. Da muss ich doch einschreiten, oder? „Soll ich den anderen sagen, sie sollen dich auch mitspielen lassen?“, frage ich besorgt. „Nein Mama, auf keinen Fall!“ „Warum denn nicht, hast du Angst, sie würden dich auslachen?“. „Aber nein Mama. Ich will doch nur in Ruhe mit meinem Gehirn spielen und hier stört mich mal endlich niemand.“

Schon verstanden, Karlsson. Ich verschwinde ja gleich wieder.

Versagt

Okay, ich geb’s ja zu. Ich habe versagt. Zwar habe ich bis heute dem Süssen fast widerstehen können, aber eben nur fast. Schuld ist nicht der Besuch von vergangenem Samstag, der mit zuckerüssen, mit Blümchen verzierten Küchlein aufgekreuzt war. Ich hatte ja angekündigt, dass ich dann nicht würde widerstehen können. Und daran habe ich mich auch gehalten.

Nein, Schuld ist, einmal mehr, der Osterhase. Da zerbricht man sich den Kopf, wie man der Patentochter eine Freude machen könnte, bestellt im Internet diesen sündhaft teuren, zuckersüssen und handgemachten Hasen mit Hüppensplittern, freut sich darüber, dass er die Reise von Basel nach Schönenwerd heil überstanden hat und schafft es sogar, das Tier vor den Kindern zu verstecken. Glaubt man. Denn als man den Hasen für den Transport zur Patentochter bereit machen will, findet man nur noch einen mit Schleifchen verzierten Sack voller Schokoladensplitter in der Schachtel.

Was soll man da tun? Es gibt nur eine Lösung, nämlich die, den Frust so rasch wie möglich in sich hinein zu fressen. Und dazu eignet sich bekanntlich nichts so gut, wie himmlisch duftende Schokolade mit Hüppensplittern. Innert Minuten ist der ehemalige Hase in meinem Mund verschwunden, das Versprechen gebrochen und das schlechte Gewissen ins Unendliche gewachsen.

Die Patentochter bekommt den Hasen, der eigentlich für „Meinen“ vorgesehen gewesen wäre, „Meiner“ bekommt zu Ostern eine Barbamama-Tasse und mein Versprechen wird auf unbestimmte Zeit verlängert. Mal schauen, wie lange ich es diesmal schaffe…

Ja, was will sie denn?

Vier von fünf Kindern sind im Bett, das Prinzchen trinkt noch seine Abendmahlzeit und reibt sich schon die Äuglein, langsam kehrt Ruhe ein im Hause Venditti. Plötzlich dringt ein Aufschrei aus Luises Bett: „Ich will eine Schwester! Ich will jetzt eine Schwester!“. Es zerreist uns fast das Herz, zu hören wie das Kind seinen Schmerz aus sich herausschreit. Das Weinen dauert an, bald stimmt auch der Zoowärter, der im gleichen Zimmer schläft, ins Gejammer ein:  „Ich wele au e Swöster!“, brüllt er. Dies aber passt Luise überhaupt nicht: „Ich bin deine Schwester“, raunzt sie, dreht sich auf die andere Seite und schläft ein.

Am Morgen dann sieht alles ganz anders aus. Luise hat einen Prospekt entdeckt. Wer Kinderkleider bestellt, bekommt eine Sporttasche und ein Badetuch mit einem Snoopy-Aufdruck, wahlweise in rosarot oder hellblau. Luise studiert den Prospekt eingehend, überlegt, wie man es anstellen könnte, dass man beide Sets bekommt, das Rosarote für sie und das Hellblaue für ihre Brüder. Plötzlich strahlt sie übers ganze Gesicht: „Zum Glück bin ich das einzige Mädchen in der Familie. Dann muss ich das Badetuch mit niemandem teilen.“

Was denn nun, liebe Luise? Willst du jetzt eine Schwester oder lieber doch nicht?

Abstinenz

Hätte ich geahnt, welche Konsequenzen der Vorschlag haben würde, hätte ich geschwiegen. Die Kinder wollten wissen, was es mit der Fasnacht und der anschliessenden Fastenzeit auf sich habe. Und weil ein paar Tage Abstinenz noch niemandem geschadet haben, vereinbarten wir, bis zum nächsten Geburtstagsfest nichts Süsses mehr zu essen. Keine Desserts, keine Schokoladeneier, keine Bonbons. Die Tragweite dieses Entschlusses wird deutlich, wenn man weiss, dass unsere Kinder normalerweise jeden Tag ihre eine Portion Süsses abbekokmmen, genau so, wie es die Lebensmittelpyramide vorsieht. Ausgewogene Ernährung muss eben sein. Und ohne Zucker übersteht die Mama  die anstrengenden Tage mehr schlecht als recht.

Erstaunlicherweise stiegen die beiden Ältesten sofort auf den Vorschlag ein, während der FeuerwehrRitterRömerPirat lautstark protestierte. Insgeheim hatte ich natürlich damit gerechnet, dass das Experiment nach spätestens drei Tagen beendet wäre, doch die Kinder zeigten erstaunliches Durchhaltevermögen. Nicht einmal der FeuerwehrRitterRömerPirat verlangte nach seinem täglichen Dessert und bis auf wenige Ausnahmen hielten wir bis zur Geburtstagsparty durch. Nach dem ersten Bissen der Geburtstagstorte war uns allen schlecht, weil wir uns den vielen Zucker nicht mehr gewöhnt waren und jetzt sitzen wir auf Bergen von Süssigkeiten, die niemand essen will.

Jetzt, wo das Experiment eigentlich beendet wäre, wollte ich von den Kindern wissen, wie es denn nun in Sachen Süssigkeiten weiter gehen solle. Wir könnten ja nicht nur an Geburts- und Feiertagen schlemmen. Warum denn nicht, wollten die Kinder wissen. Das reiche doch vollkommen, fanden sie. Zaghaft fragte ich nach, was sie denn von zwei Desserts pro Woche halten würden. Die drei, die bereits mitbestimmen können, sahen mich befremdet an: „Das ist doch viel zu viel, Mama!“, protestierten sie. Und so bleiben wir bis auf Weiteres bei der Abstinenz.

Wundert sich noch jemand, dass mein Blog neuerdings in Bonbonrosa daherkommt?

Retro-Chic

Luise hat die Vergangenheit entdeckt. Während ihre Brüder die Mama mit Fragen über das Leben der Römer und Ritter gelöchtert haben, hat sie klammheimlich ihre eigenen Nachforschungen betrieben. Da ein Gespräch mit der Grossmutter, dort ein Blick in ein Buch von Astrid Lindgren, dazu noch ein paar Bilder von Sarah Kay und schon muss alles anders sein.

Eines Morgens kommt sie aus dem Bett und findet, ab heute trage sie nur noch Kniestrümpfe unter dem Rock, auch wenn es draussen eiskalt sei. Das habe die Grossmama auch so machen müssen, als sie ein Kind gewesen sei. Aber natürlich, mein Kind, doch inzwischen ist die Nylonstrumpfhose zur billigen Massenware geworden, die auch wir uns leisten können. Nur mit Mühe lässt sie sich überzeugen, eine Strumpfhose unter den Kniesocken zu tragen.

Als nächstes muss eine Schürze her. Grossmama hat als Mädchen auch eine Schürze getragen, damit die Kleider nicht schmutzig werden. Und weiss muss sie sein, die Schürze, denn Klein-Ida aus Lönneberga trägt auch eine weisse Schürze. Also treiben wir eine weisse Schürze auf. Als dann noch die Frisur genau so ist, wie auf dem Sarah-Kay-Bild, ist Luise zufrieden. So kann sie sich zeigen im Kindergarten.

Nur einen Wunsch habe ich ihr abgeschlagen: Mit einem Kopftuch geht sie mir nicht aus dem Haus. Bei allem Respekt vor alten Traditionen, die Verschleierung von Mädchen unterstütze ich nicht, und sei sie noch so freiwillig.

Luise befragt das Orakel

Die Verzweiflung ist gross. Es ist Samstagabend und Luise findet ihre Häschen nicht mehr. Einfach weg sind sie, die beiden halbzerfetzten Schmusetiere, die sie seit dem zarten Alter von drei Monaten nicht mehr aus der Hand gibt. Und dies ausgerechnet an einem Abend, wo ohnehin schon das grosse Elend mal wieder zugeschlagen hat.

Man muss wissen, dass sich Luise nichts sehnlicher wünscht, als eine Schwester. Und zwar eine eigene, eine, die "in Mamas Bauch gewachsen ist". Eine mit der Knospe, Bio-zertifiziert, sozusagen. Weil sie aber keine Schwester hat, braucht Lusie von Zeit zu Zeit einen Frauentag. Dann zieht sie alleine mit Mama und Babybruder durchs Land, quatscht mit der Mama über dies und das, trinkt "Kaffee", tauscht mit Mama ein paar Geheimnisse aus und betreibt ein bisschen Window Shopping und natürlich auch ein ganz kleines bisschen echtes Shopping. Wunderbare Tage. Bis der Abend kommt, die Brüder wieder da sind und Luise wieder von ganz Neuem bewusst wird, dass sie die Henne im Korb ist. Und dann geht das grosse Jammern los. Das einzige, was Luise dann noch trösten kann, sind ihre Häschen. Und die sind ausgerechnet an diesem Samstagabend weg.

Luise muss ungetröstet ins Bett, noch im Schlaf heult sie immer wieder voller Verzweiflung auf. Am frühen Morgen dann jagt sie aus dem Bett. Ihre Häschen sind noch immer nicht da, eine Schwester hat sie über Nacht auch nicht bekommen. Jetzt gibt's nur noch eins: Das Orakel befragen. Doch dieses liegt im Gitterbett und schläft tief und fest. Um diese Zeit befindet sich Linus mit der Schmusedecke noch im Land der Träume. Das Orakel muss geweckt werden und zwar mit der richtigen Frage. "Weisst du, wo meine Häschen sind?!" (Das Ausrufezeichen am Ende ist ganz wichtig. Lässt man es weg, schweigt das Orakel.)

Das Ausrufezeichen hat gewirkt, das Orakel spricht. "Send bem Mamami. Ond de David es verosse. David chomm!!" Dann ist es wieder still im Gitterbett. Um diese Zeit kann das Orakel auch nicht mehr preisgeben, als es gestern Abend im Trubel vor dem Einschlafen noch mitbekommen hat.

Februar

Ich hab’s ja schon immer geahnt, dass einige in unserer Familie ein wenig verrückt sind. Doch so deutlich wie im Februar tritt es selten zu Tage.

Nehmen wir beispielsweise unseren Ältesten. Wer hat denn schon ein Kind, das täglich freiwillig eine Knoblauchmilch zu sich nimmt? Knoblauchmilch! Mich schaudert schon, wenn ich das Zeug zubereiten muss und er verlangt diese Scheusslichkeit Tag für Tag. Zum Frühstück. Keine Ovomaltine, kein Caotina, keine Honigmilch. Knoblauchmilch muss es sein. In meinen Augen grenzt es an Kindsmisshandlung, einem Kind Knoblauchmilch zu geben, aber er schwört darauf. 
Oder nehmen wir die zwei Nudisten in unserer Familie. Draussen frieren einem fast die Finger ab und auch drinnen ist es nicht gerade warm, doch die beiden rennen splitterfasernackt durch die Wohnung. Was hast du denn dagegen, Mama? Es ist doch Februar und im Februar beginnt bei Vendittis die FKK-Saison, da mag es draussen noch so kalt sein. Das war schon immer so und das ändern wir auch nicht, wenn die beiden Grossen langsam Vernunft angenommen haben und sich nur noch bei jeder Mahlzeit die Hosen vom Leib reissen.
Ja, und dann gibt es noch einen, der im Februar plötzlich nicht mehr sich selber ist. Die Rede ist von „Meinem“. Das ganze Jahr über ist er ein ziemlich zivilisierter Mensch, der inzwischen sogar schon ganz anständig den Abfall trennt und der täglichen Portion Pasta Bolognese vor Jahren abgeschworen hat. Und dann, im Februar mutiert er von einem Tag auf den anderen zum italiensichen Couchpotato. Festival di San Remo. Mehr brauche ich dazu wohl nicht zu sagen ausser: Wann ist endlich März?!

Ferngespräch

Bahnhof Aarau. Der Baustellenlärm ist unerträglich, immer wieder rasen Züge vorbei und die Kinder wollen tausend Fragen beantwortet haben. Auf dem gegenüberliegenden Perron sitzt der Französischlehrer aus längst vergangenen Zeiten.  Wäre eigentlich schön, sich ein wenig zu unterhalten. Aber wie denn? Schliesslich ist es "défendu d' attraverser les voies", wie es so schön heisst. 

Aber wozu hat man denn Hände, wenn nicht zum Reden? Ein paar wenige Handzeichen und schon wissen wir, dass er und seine Frau für drei Tage in die Ostschweiz reisen. Wenn wir richtig verstanden haben, gehen sie dort wandern. Er hingegen weiss, dass wir müde sind, weil wir fünf Kinder haben. Dass er uns für ziemlich verrückt hält, sagt er nicht mit den Händen. Für solche Botschaften benützt man die Augen.

Familienzuwachs

Keine Angst, wir sind nicht schon wieder schwanger. Wir haben auch kein Kind adoptiert.Wir sind noch immer die gleichen sieben Leute, die einander auf etwas zu engem Raum immer wieder auf die Zehen treten. Dennoch haben wir Familienzuwachs bekommen.

Bei uns wohnen nicht mehr nur das Prinzchen, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise aus dem "Doppelten Lottchen" sowie das Sams und Karlsson vom Dach in Personalunion. Vor ein paar Tagen hat sich unser Zweitjüngster ganz ohne Vorwarnung in Linus verwandelt.  Linus, der kleine Freund von Charlie Brown, der mit der Schmusedecke.

Plötzlich muss die Decke  immer und überall dabei sein. Zwar stolpert der Kleine ständig, aber er gibt sie nicht mehr her. Momentan beschränkt sich das Ganze zum Glück noch auf die Wohnung, doch es ist eine Frage der Zeit, bis die Decke auch mitkommen muss, wenn wir nach draussen gehen. Mal sehen, wie wir das dann meistern werden.

Bis dahin sagen wir nur: Herzlich willkommen, Linus!